Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchOeraleZeMng Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich ZU. 2.50 Ltazelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Aür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitglledsbeitrage enthalten. Berantwortl. Redakteur: Bruno woyda. Die „Jüdisch-Liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 46. Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto. Berlin NW 7, 137 069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. An, einen preise: ine »2gewattene ^ionparatllezeile 0.45^ Goldmart, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Iüdisch-Uberaie Zeitung^ Inseratenabteilung: Berlin SW 48, Wilhelmstratze 147 Hx. 49 Berlin, 7. Dezember 1928 8. Jahrgang Chanukah Ein Märchen von Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg Tic letzten Beter hatten die Synagoge verlassen. Aus dem Altar brennt mit fröhlichem Schein das crste Ehanulah- Licht. Unter ihm, am Pult des Vorbeters, leuchten friedlich die beiden Sabbat-Lichter. Weihevoller Glanz ergießt sich von der ewigen Lampe, die hoch oben vor der heiligen Lade brennt. Tuntel liegt der übrige Raum. In der Ferne, in einer Nische an der anderen Seite, glüht trübselig ein Jahrzeitlicht. Still ist es in dem Raum. — Ta beginnen die Lichter zu sprechen. Zuerst ein Sabbat-Licht. Friedlich klingt seine Stimme, aber doch auch von leiser Wehmut erfüllt, wie die Stimme eines alten Mannes, der sich mit Leben und Sterben abgesunden hat. „Wie einsam ist es um uns Sabbat-Lichter geworden, wie wenige Menschen schauen noch in unseren Schein! Eicht standen unsere Brüder in allen jüdischen Häusern und wir brannten so friedlich und fröhlich, weil wir wußten, was wir allen Juden bedeuteten. Jetzt sind wir verlassen wie alte Menschen, die im Hintcrstübchen sitzen. Vorne, im Schassen und Lärmen der Kinder und Enkel, ist für uns kein Platz. Markt und Straßen sind uns fremd geworden. Hin und wieder nur kommen die erwachsenen Kinder, die Heranwachsenden Enkel zu uns. Tee Erwachsenen sprechen hastend und seufzend zu uns: „Ja, ja, Ihr t,abt es hier gut und friedlich, aber entschuldigt, wenn wer schon wieder gehen. Wir haben keine Zeit! Tie Enkelkinder bleiben schon länger, ihre Augen leuchten träumerisch. Sie sprechen: „Es ist so poetisch bei Euch." Aber sind sie erst draußen, dann vergessen sie auch, gleich wieder die Großmutter im Hinterstübchen. Das ist jetzt unser Schicksal: Wir müssen uns trösten mit dem, was wir wenigen sind, wir müssen uns trösten mit dem, was wir vielen waren, wir müssen uns trösten mit dem, was wir der Menschheit geworden sind. Tenn von uns stammen die Ruhetage der Weltreligionen, die Ruhetage der Kulturvölker ab." Das Sabbat-Licht leuchtete friedlich und müde. Ta spricht das ewige Licht, und seine Stimme klingt weihevoll, aber wie aus weiter Ferne: „Ich bin nicht das Licht eines einzelnen religiösen Tages, ich bin das Licht der Religion selbst. Ich bin ein Funken vom heiligen Lichte Gottes, ich bin den Menschen fern, wie Ewigkeit und Unendlichkeit ihnen fern sind. Ich bin den Menschen nahe, wie ihr eigenes Herz ihnen nahe ist. Ich füllte einst mit meinem Schein chr ganzes Leben. Das Licht der Religion begleitete sie von der Geburt bis zum Tode. In den Herzen der Menschen leuchtete der schlichte unerschütterliche Glaube. Jetzt bin ich ein Licht, das nur noch außen brennt. Tie neue Zeit mit ihren geistigen Strömungen hat aus den Herzen der Menschen beti Glauben vertrieben, hat die Welt gottlos gemacht. Viel Gottlose sind selbst unter denen, die sich strenggläubig nennen. Sie achten wohl unter vielen Opfern darauf, daß das Licht des Glaubens in seder Stunde entzündet wird, die ihm nach dem Brauch der Väter zukommt; aber ihr Glaube wird davon nicht berührt. Brennt das Licht der Religion noch in ihren Herzen, dann flackert es unruhig hin und her von dem Winde des Zweifels, des Unglaubens der gottlosen Welt getroffen. Weilen die Menschen jetzt im Gotteshaus, dann fällt nur noch in manchen Augenblicken ein schwacher Schein von mir in die Herzen. Aber im Innersten ihres Wesens bin ich ihnen allen fremd geworden. Ihre Welt ist nicht meine Welt. Ich möchte, wenn ich dürste, zurückschweben zu meineir Höhen, zum ewigen Gotteslicht. Ich möchte die Menschen ihrem Schicksal überlassen, die Menschen, die an Ueberkultur zugrunde gehen, denen ihr Dasein sinnlos erscheint, die nichts anderes mehr erstreben, als das Stückchen Weg zwischen Geburt und Tod möglichst schmerzlos, möglichst fröhlich zu gehen. Tas ewige Licht schwieg. Es sah aus, als ob es noch weiter nach oben schwebte, als ob es über das Tuch! hinaus wollte, zum Himmel hin. Ta tönt aus der Ferne eine weinerliche Stimme. Au der Kerze des Jchrzeitlichtes rollen die Wachsperlen wie Tränen lang. Das Jahrzeitlicht spricht und seine Stimme klingt wie ein Totenlied. „Ich bin nicht ein Jahrzeitlicht für einen einzelnen Menschen. Ich fühle mich als Jahrzeitlicht für ganz Israel. Ihr klagt über den sterbenden Sabbat, den sterbenden Glauben, ich klage über das sterbende Israel. Wißt Ihr nicht, wie ihre Zahl in den westlichen Ländern immer geringer wird? Wie Ehelosigkeit, geringe Kinderzahl, Mischehe ihnen das Todesurteil sprechen? Sie haben sich mit den Ländern des Ostens getröstet. Wißt Ihr nicht wie auch dort Eure Lichter zu verlöschen beginnen? Wie dort ein Sturm bläst, stark genug, uni auch Millionen Lichter in kurzer Zeit zum Verlöschen zu bringen? Während hier viel langsamer Licht um Licht vergüt! Amerika-, den großen Schmelztiegel nennen es die w«knschen —, schmüzt sie alle zusammen, wes Stammes und wes Glaubens sie sind; schmilzt auch Euch zusammen, nur daß aus geschmolzenen Lichtern keine neuen mehr werden." Tas Jahrzeitlicht stockte. Es schien, als ob es Kaddisch sagen wollte, dann neigte es nur den Kopf, dichter sielen die Wachstränen — es schwieg. Während dieser Reden brannte das Ehanukah-Licht voller Unruhe. Seine Flammen sprühten empor wie ein Mensch,, der voller Widerspruch sich emporrichtet. Einmal glühte das Licht wie im Zorne, dann wieder brannte es mit verhaltener Glut, wie jemand, der mühselig an sich hält, um den anderen in seiner Rede nicht zu unterbrechen. Jetzt spricht es: Hämmrer! Von Rabbiner Tr. $ o 11} d) a l f, Frankfurt a. U. Und jäh — Raqt in die Welt Riesengestcin -- Trotzig und zäh, Hoch, hoch über qualmender Erde. Und brüllend und tobend Tchrcin sie zu ihm seit Elvigteit. Er aber steht ruhig, Ruhig und lacht: .,Tobt zu, tobt zu, Ohne Ruh, ohne Ruh! Muß doch geschehn, Was i ch will. Ich — euer Gott!" Und jäh — Ragt in die Welt Rikscngestcin, Trotzig und zäh. — Und einst, Prophetenhand Reckt sich ins Land, Krümmt sich im Fieber Ueber starrendes Volk — Declenschreic erzittern die Lust: „Aus Riesengestein, aus Riesengestein Gebrochen, gehauen — Hämmrer ihr, .Hämmrer, Dem ewigen Gott! Und jeder Geiser Und jeder Spott Und jede Marter Und jede Qual Und jedes Grinsen Und jeder Hohn Und jeder Tote noch, Ten sie schänden — .Hämmrer alle, auch sie, auch sie. Ihm — Ihm — eurem Gott. Einfältige Kinder, Blinde, sie alle Tasten und tappen, Greisen und schnappen Nach seiner Weit, nach seiner — Tic Narren! die Toren!! — Ihr aber, Geliebte, Wissende Hämmrer sollt ihr mir sein: Tag um Tag, Schlag aus Schlag: Seht ihr je Haß die Menschen zerqnälen. Hämmert, Hämmer:, hämmert die Seelen! Hämmert die Liebe — hämmert das Recht — Hämmert den Starken — hämmert den Knecht — Hämmert die Jugend zu trotzigem Sieg. Hämmert den Frieden — zcrhämmert den Krieg — .Hämmert die Reichen — melzt ihre Seelen — Hämmert die Armen — zcrhämmert ihr Quälen — .Hämmert euch selber, herrlich im Wagen, Hämmert euch Helden — zcrhämmert das Klagen, Hämmert euch Juden — Juda gleich, M a k k a b i, dem .Hämmrer am Gottesreich!"- Sprachs der Prophet. Kennt keiner den Namen. Fühlte nur jeder: Aus Gottes Samen Ward er gesät. Trug er die Frucht, Reckt er die Hände, Schleudert den Spruch Jauchzend dem ewigen Dunkel zu. — Hör ihn, hör ihn, hör ihn auch du: Hämmre, hämmre den Gottes bau, Hämmre, hämmre urewige Schau, Hämmre die Ehre — hämmre den R u h m — Hämmre das Menschheits-Judentum! : „Ich bin nur ein kleines Ehanutah-Licht, kann mich nicht j mit Euch vergleichen. Nicht mit dem Sabbat-Licht oder gar i mit dem ewigen Licht, auch nicht mit dem Jahrzeitlicht.! Ich komme nur einmal im Jahr für 8 Tage zu den Menscben | und weiß wohl mit ihnen nicht so gut Bescheid wie Ihr. l Aber manchmal urteilt der Fremde richtiger über einen Kranlen, den er nur selten sicht, als die Angehörigen, die immer um ihn sind. Warum seid Ihr so verzagt? Das Wittschaftsleben ist stärker als der Sabbat, die geistigen Strömungen der Umwelt sind stärler als der Glaube, den Juden droht die Auslösung? Laßt Euch erzählen, was ich erlebt habe. In einem staubigen Winkel des Tempels zu Jerusalem lag vergessen die Flasche mit dem letzten Rest des heiligen Oels. Ten Tempel aber, die Stadt, ja das ganze Land füllten mit ihrem Schein nicht mehr Eure Lichter, sondern die Lichter, die zu Ehren der Götter entzündet waren. Die Götter waren siegreich im Tempel, in Stadt und Land. Ihr meint, der Götzendienst wäre doch nur ein niedrig stehender Glaube, dessen Unwert die Juden schnell wieder erkennen mußten? Ach nein, die Götter waren den Griechen nur noch ein Abbild ihrer Ideen. Hinter ihnen marschierten siegreich die Ideen des'Plato und Aristoteles, Hinter diesen die Stoiker und Skeptiker. Stolze Geister, vor denen die gebildeten Juden sich beugten, denen gegenüber ihre Propheten ihnen wie brave ungebildete Kleinstädter erschienen. Tie Bilder und Statuen der Götter waren nicht abscheulich wie einst bei den Kanaanitern, sie waren Ausdruck erhabenster Kunst. Geist und Schönheit waren die Gewalten, mit denen die neue Strömung den alten Glauben zu verdrängen suchte. Strömungen, die bedeutender waren als die, die jetzt Euer Licht gefährden. Tamals so wenig als Heute erkannten die Menschen, daß eine zerfallende Welt gegen die sittliche Macht des Glaubens kämpfte. Der Sabbat? Sie hielten ihn auch damals nicht, weil sie Nicht wollten und weil sie nicht dursten. Auflösung des Judentums?! — Tie Zahl der Juden ist jetzt vielmals größer als sie damals war. Tie griechische Welt war ein Schmelztiegel, ebenso statt, wohl noch stärker als jetzt Amettka, denn die lvrsjenschoftliche Überlegenheit war damals völlig aus Seiten der Griechen. Auch damals waren jüdische Jünglinge viel stolzer aus den Kranz, den sie im olympischen Spiel gewannen, als aus ihre Kenntnisse in den religiösen Büchern ihrer Väter. Wre gering war damals die Zahl der Juden, die noch Juden sein wollten! Tamals, in der staubigen Ecke liegend, vergessen, verspottet, verraten, da hätte ich verzweifeln können. Ta konnte ich wirklich glauben, daß alles verkoren sei. Wie sollte aus einem staubigen vergessenen Winkel die jüdische Religion zu tausendjährigem Dasein wieder erstehen? Aber ich habe die Stunde gesehen, in der der Tempel wieder eingeweiht wurde, ich habe den Tag gesehen, an dem mein kleines Volk sich lieber gegen die Weltmacht der Römer auflchnte, ehe es seine Heiligtümer entweihen ließ;. Ich habe die Welt des Griechentums zusammcnfallen sehen vor einer Religion, die der schönen Welt des Scheins die Welt des sittlich-religiösen Seins entgegensetzte, eine Religion, die ihr Licht von Eurem Licht genommen hatte. Ich habe die römische Macht zusammenbrechen sehen. Wieviel Juden hat es wohl vorher gegeben, die lieber römischer Ritter als Rabbi heißen wollten! Warum brennt Ihr so müde? Warum singt Ihr so trübe Luder? Tu, Jahrzeitlicht höre auf zu greinen. Brenne still zum Andenken für Deinen Toten, brenne für Deinen lleincn Schmerz, aber brüste Dich nicht mit großem Schmerz, als ob Tu das Totenlicht für Israel wärst. Weißt Du nicht, daß man mit einem Licht tausend Lichter entzünden kann? Nicht die Menge entscheidet über das Dasein der Juden. Solange noch einer da ist, ist das Judentum nicht gestorben. Und was klagst Tu, o Sabbat-Licht? Lebt denn in den Menschen nicht mehr das Verlangen nach Sabbat-Frieden, sagen sie denn, die Sabbat-Idee ist verfehlt? Tie Menschen, deren Leben nach Jahrzehnten zählt, mag es stören, daß die Umwelt jetzt stärker als der Sabbat ist. Wir Lichter aber, die wir nach Jahrtausenden zählen, können richig aus andere Zeiten warten. Brennt ruhig wieder. Leuchtet jedem, der sich an Euch erfreut. Sucht Euch neue Häuser, in denen Ihr brennen könnt. Laßt Euch nicht abweisen, wenn man spricht. Wir haben wenig Zeit für Euch. - Tu erhabenes ewiges Licht, Du kennst doch die Menschen in ihrem Wankelmut. Tu weißt, wie oft sie sich vou seder Religion abgewanöt haben. Waren doch einst auch die gebildeten Griechen und Römer ebenso gleichgültig der Religion gegenüver, ebenso materiell eingestellt wie jetzt viele Menschen. Aber ein Funte lebt doch von Tir in dem Menschen, läßt ihn nie ruhen. Er will doch mehr sein als ein vergängliches Wesen mit sinnlosem Dasein. Zu Dir finden die Menschen, zu Tir werden auch die Juden zurückfinden. Ich bin das Ehanuläh-Licht, ein Siegerlicht. Ich leuchte zur frohen Feier. Ich leuchte, wachse von Tag zu Tag. Morgen sind wir zwei, dann werden wir acht, künden den Juden Glaube und Hoffnung! — Das Ehanulählicht schwieg. Tie anderen Lichter aber hatten während seiner Worte ihr Aussehen verändett. Tas ewige Licht schien näher gekommen zu sein, leuchtete wie ein strahlendes Auge Gottes. Die Sabbat-Lichter brannten friedliche und fröhlicher Schein schimmerte in iyrem Glanz. Das Lichllein an der anderen iseite war aber nur noch ein Heines Jahrzeitlicht.