Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber „David“ hängt ein Balkon mit gußeiserner Verschalung, aus dessen Brüstung eine Fahnenstange mit glänzendem Messingknauf in die Luft sticht. Hier entfaltet Herr Silberstein bei festlichen Gelegenheiten, an Kaisers Geburtstag, am 25. Jubiläum der Feuerwehr, bei Sängertagen, Kriegerfesten, am Tag von Sedan, eine große, schwarz-weiß-rote Fahne, die sich schön und voll in dem Wind bauscht und manchmal die wollüstigen Bewegungen einer satten Schlange hat. Die Feinde des Herrn Silberstein behaupten, er täte das nur, um die Qualität seines Tuches zu preisen, sozusagen aus Geschäftsinteresse. Nun war diese Fahne die schönste und größte unserer Stadt, aber Herr Silberstein ließ sie auch hängen, wenn sie der Regen schlapp machte und der Wind sie wie einen herrenlosen Fetzen zwischen die Telephondrähte klatschte. „Aha,“ sagten die Feinde, „damit macht er nur Reklame für die Haltbarkeit seiner Farben.“ Herr Silberstein war in einer schwierigen Lage. Hing er die Fahne heraus, hieß es, „der geschäftsschlaue Jude“ — hing er sie nicht heraus, konnte er nachts vor Gejohl, Katzenmusik und Zurufen wie „Soz“ und „vaterlandsloser Geselle“ nicht schlafen. Schließlich entschied er sich für das Heraushängen. Er wollte lieber als gerissener Geschäftsmann, denn als Sozialdemokrat gelten. Acht Schaufenster hat das Geschäft David Silbersteins und in jedem Erker liegt anderes Tuch. Gewürfelter, gestreifter, geblümter Kattun für die Schürzen und Arbeitskleider der Bauernweiber, Leinenballen, Bettücher, fein gestickte Kopfkissen, Tischdecken, grüne Schürzen für Sattler, blaue für Schlosser, Montageanzüge, fertig genäht — denn Herr Silberstein hat vor einem Jahr seinem florierenden Geschäft eine neue Abteilung angegliedert: Konfektion. Das stolzeste Schaufenster ist No. 8. Es trägt auf der Erkerscheibe den Namen „English“ und stellt eine Versammlung herrschaftlicher Puppen dar, die, teils stehend, teils auf kleinen Korbstühlen sitzend, tadellos geschnittene Anzüge propagieren. Diese Puppen, deren Backen ä la Lebensfreude und Zufriedenheit geschminkt waren, — so wollte ich aussehen, wenn ich einmal ein Herr wäre — hatten bei ihrer Einführung in unserem Städtchen großes Aufsehen erregt. Man feierte sie, obwohl man Herrn Silberstein nicht gewogen war, als großstädtische Errungenschaft, und als Herr Silberstein darüber hinaus noch einen Entlüftungsventilator in Form eines großen Propellers in seinen Verkaufsräumen anbringen ließ, brach überall ehrliche Bewunderung durch. „Novitäten!“ sagte sich damals Herr Silberstein, „nur mit Novitäten schaff ichs.“ Er annoncierte: „Ein Kunde muß bei seinen Einkäufen auch darauf sehen, daß er nur in hygienischen, allen medizinischen Erfordernissen der Neuzeit entsprechenden Räumen kauft, besonders bei Textilwaren wegen des Staubs, in dem die Bazillen sitzen. Kommen Sie zu uns! David Silberstein & Co. Modernstes Haus. Acht Schaufenster. Ein Luftventilator. Ein Ozonzerstäuber.“ Den Ozonzerstäuber bediente Herr Silberstein selbst. Wenn er durch die Räume ging und gute Luft spritzte, war jeder Käufer, der an der damals sehr verbreiteten Bazillenangst litt, überzeugt, daß Herr Silberstein ohne Unterschied der Parteien und Konfession für das Allgemeinwohl die Atmosphäre verbesserte, zumal gedruckte, von der Zerstäuberfirma gelieferte Gutachten medizinischer Sachverständigen, die Herr Silberstein im Schaufenster aushing, jeden Argwohn einer geschäftlichen Mache kategorisch ausschlossen. Mit fünf Wachsfiguren, einem Luftventilator und drei zu dem Zerstäuber geschriebenen Gutachten durchbrach Herr Silberstein die feindliche Stimmung der Stadt, die gegen ihn gezüchtet wurde, wenigstens soweit sie ihm geschäftlich schaden konnte. Bald war man auch von der Qualität seiner Waren überzeugt, besonders seiner englischen Stoffe, die er von irgendeinem Vetter aus London in Kommission bezog und wegen geringer Spesen für Miete und Personal bedeutend billiger liefern konnte als die altrenommierten Firmen der benachbarten Großstadt. Zwar war es den Beamtenfrauen von ihren Männern untersagt, bei Herrn Silberstein mehr als das Nötige zu kaufen, aber die Beamtenfrauen waren klug und vorurteilslos genug, die Stoffe für ihre Gatten bei Herrn Silberstein zu erstehen und, indem sie die Differenz zur Stärkung ihres ohnehin knappen Haushaltungsgelds verwendeten, diesen Gatten das Tuch als das Produkt einer altrenommierten und seriösen Firma vorzulegen, was diese auch nach kurzer Prüfung sofort schmunzelnd zu erkennen glaubten. Silbersteins ärgste Feinde gingen schließlich in seinem Tuch. Er war ein heimlicher Helfer der Frauen. Sein Geschäft florierte von Tag zu Tag mehr. Leo war sein jüngster Sohn. Seine beiden älteren Brüder, der eine war rothaarig und nicht angenehm zu sehen, lebten im Ausland. Der Rothaarige war in Paris Vertreter einer deutschen Gummifabrik, der andere studierte in Genf Jura und Philosophie. Manchmal schrieb er in unserem Lokalblatt kleine Artikel über den Genfer See, zarte Bilder, etwas sentimental, wenn er auf die freie Luft der Berge zu sprechen kam, die er wegen eines Fußleidens nicht besteigen konnte, sonst aber dezent und klär in ihren Beobachtungen. Mein Vater hatte ihn während seiner Ferien kennengelernt, auch ein paar Spaziergänge mit ihm unternommen, und lobte ihn als seriösen Juristen, dem jede Kasuistik fremd sei und ein seltener Sinn für die moralphylosophische Unterbauung des Rechts eigen. Er stand mit ihm in gelegentlichem Briefwechsel und freute sich, wenn der junge Silberstein ihm eine Serie der neusten Schweizer Jubiläumsmarken schickte. Meiner Mutter war es deshalb erlaubt, bei Herrn Silberstein alle Stoffe zu kaufen, die sie wünschte. * Vor dem Haus des Herrn Silberstein bleibe ich stehen unter einem der wuchtigsten Kastanienbäume, die vom Markt her ihre schweren Schatten bis in die ersten Stockwerke der umliegenden Häuser werfen. Ich überlege mir, was ich Leo sagen Du stehst von heute ab unter unserem Schutz*,, e i>r - he wohl der Wahrheit, aber es klingt mir nicht . :! genug. „Ferd v. K., ich und die rote Garde entbu-;r Gruß und Handschlag. Wir haben beschloss r, h in unsere Reihen aufzunehmen. Getreu den hohen Idealen unseres Bundes fordern wir dich auf, die Hand zu heben und auf unsere Statuten zu schwören.“ Das klänge schon besser, aber wir hatten keine Statuten, was ich in diesem feierlichen Moment als großen Mangel empfinde. So bleibt mir nichts übrig, als einfach die Wahrheit zu sagen und auf das gehobene Gefühl eines außerordentlichen Vorgangs zu verzichten. Ich gehe durch den Hof, der gepflastert ist und von zwei großen Fliederbäumen überschattet. Rechts steht eine große, baufällige Flügelpumpe, unter einer offenen Halle ein kleiner Landauer, mit dem Herr Silberstein oft über Land fährt, seine Kundschaft besuchen, daneben der Schuppen für das einzige Pferd Johanna, das die Gründung des Hauses Silberstein noch miterlebt hatte, als Abschluß das Magazin; ein flacher Bau aus grauem Kunststein, wo die roßen Tuchballen lagern und der mit offenem Feuer zu etreten verboten ist. Auf dem Hausgang riecht es nach Wachs. Der grüne Linoleumbelag der Treppe glänzt, die Messingbeschläge der Stufen leuchten unter einem späten Sonnenstrahl, der scharf durch eine unbemalte Ecke der bemalten Fenster bricht. Mit Hilfe des Geländers gelingt es mir, mit einem Schritt drei Stufen zu nehmen. Ein Sport, der mein Selbstgefühl gewaltig steigert. Und ich brauche diese Steigerung, weil ich etwas Angst habe vor meiner Mission. Vor der tüllbespannten Tür nehme ich meine Mütze ab, dann schelle ich. Rund, als gingen sie auf Kugeln, nähern sich Schritte. Ich höre eine hastige Stimme: „Lina, legen Sie im Salon eine Decke auf“, dann Öffnet sich die Tür und Herr Silberstein steht vor mir. Er späht über seinen Zwicker lächelnd-mißtrauisch auf mich herab, als sei er überrascht, daß ich nicht größer gewachsen bin. „Guten Abend, Herr Silberstein**, sage ich mit keckem Anlauf in der Stimme, „ich will zu Leo.** „Ach, du bist's, ach, Sie sinds“ — Herr Silberstein wackelt mit dem Kopf und führt mit seinen kurzen, schweren Beinen Tanzbewegungen aus, „aber ich hätte Sie ja beinahe nicht erkannt, aber so komm doch näher.** Und schon hatte er mich gepackt und schiebt mich auf den Gajig, in dem das trübe Licht einer müdgebrannten Birne hängt und es nach gebratenem Fleisch und verregneten Mänteln riecht. Er hält mich an der Hand und zieht mich unter begeistertem Schnaufen vorwärts. „Lina,** ruft er, „lassen Sie das in dem Salon. Ein Freund von Leo ist gekommen.“ Dabei lacht er sonderbar hell und wie beglückt. Ich denke, was hat Herr Silberstein, daß er wie ein begeistertes Pferd durch die Nase schnaubt. Hat er seit tausend Stunden aut mich gewartet? Ist er froh, daß ich heute zum erstenmal von selbst in seine Wohnung komme und nicht nur wie sonst mit meiner Mutter in seinen Laden? Er reißt mich vor durch den langen Gang direkt auf das Wohnzimmer zu. Er schwingt meine Hand als sei ich eine Puppe, aus der Märchenwasser flösse. Einen halben Meter über mir ist ein Kopf begeistert und rot vor Freude, von dem ich seither glaubte, er könne nur freundlich sein, wenn man gut bei ihm gekauft hat. An dervKasse. Wenn er „Besten Dank“ sagte und das Geld einstrich. „Ein Freund,** ruft Herr Silberstein, „ein Freund für Leo!** Vor der Tür zum Wohnzimmer bleibt er stehen. Sein Kopf, auf dessen Backen das Licht der bunten Türfüllung in rosa, grünen und lila Flecken liegt, neigt sich ängstlich zu mir herunter. Er flüstert: „Seien Sie gut zu Leo, er ist sehr krank.** „Hat er noch einen Anfall gehabt?** „Nein, aber Blut gespuckt. Heute zum erstenmal. Sehr wenig, aber mir genügtes.** Die kleinen Säckchen unter seinen Augen zittern. „Herr Silberstein, ich bin gekommen, um Leo eine freudige Mitteilung zu machen.** „Treten Sie ein,** ruft Herr Silberstein, „treten Sie ein!** Er reißt die Tür auf und schiebt mich mit einer tiefen Verbeugung ins Zimmer. Dort sitzt im matten Licht des späten Apriltages Leo am Fenster, die Füße in eine schwere, braune Decke geschlagen, einen Schal um den Hals, im roten Lehnstuhl, den Rücken von weißen Kissen gestützt. Vor ihm steht ein kleiner Tisch, darauf ein Brett mit weißen und schwarzen Figuren. Seine Mutter sitzt ihm gegenüber. Sie spielen Schach. Leo hat gerade mit schmaler Hand eine Figur hoch gehoben, er wendet sich, vom Lärm unseres Eintritts geweckt, langsam um, die Figur schwebt in seiner Hand, in zärtlichem Bogen wölbt sich sein dünner Arm durch die Luft, die schwer ist von Dämmerung, ich sehe ihn lächeln, genau wie er heute morgen gelächelt hat, als ich ihm die Schuhe anzog — da klatscht Herr Silberstein in die Hände und ruft: „Leo, ein Freund!** „Ach, du bist's," sagt Leo, „wie schön. Bringst du mir die Aufgaben für morgen?** Leise und sehr sorgfältig setzt er die Schachfigur aut ihr Feld. Seine Mutter ist aufgestanden und sagt zu mir: „Leo freut sich sehr, daß Sie kommen.“ Herr Silberstein hebt die Arme und ruft: „Eine freudige Mitteilung hat der junge Herr für dich!** Die Mutter hat sich ans Büfett gestellt, in dessen Aufsatz ein goldgeschnitzter Adler, um den Putten posaunen, dauernd in die Sonne strebt. Ihr brandroter Kopf lächelt über ihrer gelben Bluse ängstlich herab. Leo hat sich halb erhoben. „Es ist gut, daß du kommst, denn es ist langweilig, krank zu sein. Die Erwachsenen sind dann so aufdringlich nett**, sagt er und winkt mir. Ich gehe an der scharfen Kante des Eßtisches vorbei zu ihm hin und gebe ihm die Hand. Ich stelle mich an seinen Stuhl, fasse die Lehne, atme sehr tief und beginne: „Ich bin zu dir gekommen, Um dir zu sagen, daß wir dich schützen werden.** „Mich schützen?“ lacht Leo, er hustet* kurz, dann schlägt er mit der Hand durch die Luft und fragt: „Wozu?“ — Leo Silberstein. 3 Herr Silberstein und seine Frau sind sehr nahe herangekommen. Ihre Hälse sind lang. „Ferd v. K. läßt es dir sagen und die rote Garde auch.** „Warum wollt ihr mich schützen?** fragt Leo. „Wegen Brosius und der anderen Feinde**, antworte ich. „So — wegen Brosius**, sagt Leo und sieht sehr still zum Fenster hinaus. Ich stehe neben ihm und denke, warum ist Leo nicht begeistert? Da nähert sich Herr Silberstein. In seinem Arm hängt seine Frau. „Sie wollen also Leo schützen?** „Jawohl“, sage ich. „Gegen wen?** „Gegen jeden, der ihn beleidigt.** „So,“ sagt Herr Silberstein, „auch wenn ihm einer auf der Straße Jud' nachruft?“ „Ja,“ sage ich, „denn das ist eine Beleidigung.** „Können Sie garantieren?** ruft Herr Silberstein und macht mit seinen Händen Fragezeichen. „Natürlich,** sage ich, „denn wir werden jeden verhauen, der Leo beleidigt.** Leo sitzt in seinem Sessel und sieht von seinem heftigen Vater weg. Aus einem Wandschrank holt die Mutter eine Flasche und gießt mir ein geschliffenes Glas Malaga ein. Herr Silberstein läuft mit kurzen Schritten zu einem kleinen Tisch, auf dem Porzellannäpfe stehen mit rundgebogenen Eberzähnen, kleine Tabatieren und Streichhölzer mit roten, grünen und blauen Köpfchen. „Wo sind denn nur die Zigaretten, ich hatte doch noch Zigaretten**, fuchtelt er. Seine Stimme schwitzt. „Danke,** sage ich, „ich nehme nichts.** Das Ehepaar Silberstein erstarrt auf dem gewohnten Boden seines Zimmers. Aus dem Glas, das die Mutter überfüllt hatte, rinnen drei dunkle Tropfen Wein auf die geschonte Decke des Eßtischs. Sie verbreiten sich dort in lila, traurige Flecken. Herr Silberstein bricht von seiner glücklich gefundenen Zigarettenschachtel kleine Pappdeckelstreifen ab. Er spielt damit. Ich vergesse Herrn Silberstein und seine Frau. Ich denke nur, neben mir stehen Malaga und Zigaretten. Uno ihnen gegenüber Ferds grausamer Befehl. Aber das Grausame ist es, was uns heroisch macht. „Nein,“ seufze ich unter der Qual eines höflichen Dieners, „danke, ich nehme nichts.** Sehr traurig stellt Herr Silberstein seine Schachtel wieder hin, die Mutter nimmt das Glas und füllt es in die Flasche zurück. Sie sehen mich mißtrauisch an. Wahrscheinlich glauben sie, ich verachte ihre Geschenke. Leise wendet Leo den Kopf und sagt: „Er hat recht.** Seine Eltern starren ihn an. „Wie?** fragt Herr Silberstein. Leo schiebt sich ein Kissen unter den Nacken. Auf dem trostlosen Weiß des Bezugs wirkt sein Gesicht wie eine Plakette. Seine großen Augen werden dunkel. Unwirklich schmal liegt seine Hand auf der Lehne. „Ja,** sagt Leo, „er hat ganz recht, wenn er das ablehnt. Ihr wollt immer gleich alles bezahlen, wenn einer nett zu mir ist. Vielleicht habt ihr Angst, es bleibe niemand mein Freund, wenn ihr nicht bezahlt. Aber solche Freunde, wie ihr sie macht, will ich nicht. Ich mag mir nichts kaufen.** (Schluß folgt) BilcherscHau Nathan Asch: Als die Firma verkrachte. Verlag Rütten & Loening, Frankfurt a. M. Ein Buch mit amerikanischem Tempo und doch voll Besinnlichkeit. Wissen um Menschen und Leben leitet seinen Verfasser. Täglich hören wir, lesen wir von Konkursen, Zahlungseinstellungen, Zusammenbrüchen, doch was sagt uns das. Nathan Asch sieht und erlebt. Eine Firma verkracht — das Leben geht ungestört seinen Gang weiter. Aber bei denen, die der Firma ihre Arbeitskraft, ihr Denken und Handeln widmeten, gleichviel ob als Chef oder als Angestellter ist das normalisierte Leben erschüttert. Jeder von ihnen muß nun über die Zukunft denken, muß „sich umstellen“. Eine Firma verkracht — der Augenblick ändert die Menschen, läßt mitunter vorher verhüllte Charakterzüge zum bestimmenden Faktor des Handelns werden. Samuel Jacobs ist ein Kapitel des Buches überschrieben. An einem alten Juden, dem Talmudstudium Sinn des Lebens bedeutet und der Betrieb eines Tabakladens Belästigung, wird der Gegensatz zwischen modernem Leben und jüdischorthodoxen Denken zu zeigen versucht. Sein Sohn Sam lebt in der neuen, dem Vater fremden Welt, ist Angestellter bei Glymmer, Read & Co. Als die Firma verkracht, führt das Nichtverstehen zwischen Vater und Sohn zur Katastrophe. In den weltfremden Augen des Samuel ist Sam, der Angestellte der bankrotten Firma, ein Bankrotteur, ein Dieb... Er kann nicht mehr sein Sohn sein, er wird verflucht. Das Buch wird sicherlich auch in Deutschland Beachtung finden. Dafür wird der Verlag nicht zuletzt auch der Uebersetzerin, Hermynia zur Mühlen, danken dürfen, deren Uebersetzung, insbesondere in den Eingangskapiteln und in dem der Telephonistin gewidmeten Abschnitt, auch das Tempo der Schilderung meisterhaft in deutscher Sprache beizubehalten versteht. Moritz Simon. Stefan Zweig der Mann und das Werk von Erwin Rieger. J. M. Spaeth Verlag, Berlin 1928. Ich gehöre zu den undankbaren Lesern. Ich blättere in einem Buch, das ich kaufen will. Gefällt mir der Inhalt, so kaufe ich es, ohne auf den Namen der Verfassers zu achten. Wenn das Buch auf mich Eindruck macht, behalte ich es in Erinnerung, aber den Namen des Verfassers vergesse ich oft. Erst wenn ein Buch besonders auf mich gewirkt hat, erwacht eine — nicht starke — Neugier in mir, auch das Leben des Verfassers zu kennen. Der Name „Stefan Zweig“ ist erst in mein Bewußtsein übergegangen, als ich im Krieg den „Jeremias“ gelesen habe. Um dieses Buches willen interessierte mich auch die Beschreibung seines Lebens, seiner Lebensabsichten und seiner Werke durch Erwin Rieger. Es wird erst recht alle diejenigen interessieren, die Bücher kaufen, weil Stefan Zweig sie geschrieben hat. Dr. Georg Wilde. Kalendarium f.die Jeilv. 2.12. b. 8.12. 28 Dezember 1928 l kislew 5689 Sonntag 2 19 Montag 3 20 Tal umotor v. Abendgebet ab Dienstag 4 21 Mittwoch b 22 Tonnerslag 6 23 Freitag 7 24 Erew CHanukaH Sonnabend 8 2b Neumondwcihe l. Sabbat Chanukah 1. Tag Wochenabschnitt: Wajeschew Heiftarah: S'charja Kav. 2, 14—17; 3, 1—10; 4, 1—7 Sabbat-Ausgang: 4.42 Uhr