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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-30 · 48 (30.11.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMch kberaleZerlmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 2.50 Liuzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0^5 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno Moyda. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wtthetmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Sostfcheckkonto: Berlin 7N0 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge uur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene Ronparaillezeile 0.45 Goldmark. die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SW 48, wilhelmstratze 147 /-«<Atni» fätnff. Annoucen-Lrvedinoa. Ar. 48 Berlin. 30. November 1928 8. Jahrgang Ausbau In der Zugend durch die Zugend Unter diesem Motto veranstaltete der Iüdische Frauenbund, Verband Berlin, am Sonntag, den 25. November eine Tagung. Tie Vorsitzende, Frau Faltender g, gab einleitend als Anlaß zu der Tagung die Erfahrungen in und mit der Jugend an, wie sie z. B. durch die verschiedenen Jugendprozesse der letzten Zeit erhellt worden sind. Diese Erfahrungen lassen uns etwas von der^ Not der Jugend ahnen. Unwillkürlich fragen wir uns: ist die heutige Jugend nur haltlos, nur verrottet? Sind nicht daneben andere Zeichen gesunder Jugendkraft? Diese Fragen waren im Grunde durch das Motto des Tages: „Aufbau inderJugend, durch dieJugend" schon beantwortet. Aber die Richtigkeit der Antwort, ob ein solches gesellschaftserneuerndes Streben da ist, sollte auf religiösem, pädagogischem, sozialwirtschaftlichem und politischem Gebiete nachgeprüft werden. Tie Tagung sollte aber auch den Impuls geben, die Jugend zu begreifen, mit ihr zu sein und sie zu veranlassen, Hand in Hand mit den Aelteren zu gehen. Es war ein verhältnismäßig kleiner Kreis, der den Sonntag unter Reden und Besinnen verbracht fyat, aber er brachte den Beweis, daß die ältere und die jüngere Generation sich vieles zu sagen haben, was das gegenseitige Verstehen fördert und das Wollen und Streben begreifen läßt, und es wäre sehr dankenswert, wenn dieser gelungene Versuch unter Beschränkung auf einen Fragenkomplex von Zeit zu Zeit wiederholt werden könnte. Auf religiösem Gebiete glaubte Frau Bergel-Gronemann feststellen zu können, daß es kein Zeichen fchlenden religiösen Gefühls ist, wenn sich ganze Teile der Jugend von der jüdischen Religion entfernt haben. Das religiöse Gefühl ist sogar vielfach verfeinerter und intensiver vorhanden, aber es fühlt sich« nicht mehr von den Formen der jüdischen Tradition umschlossen, noch mehr: die Jugend empfindet die Konkretisierung des religiösen Gefühls in Gedanken, Worten, Formen als Blasphemie, und sie lehnt auch gewisse vorhandene anthropozentrische Anklänge der jüdischen Religion ab: frei von aller Zweckmäßigkeit will sie ihren Weg gehen. Frau B. glaubt aber, daß dieser Weg des Judentums uur gegangen werden kann, wenn die Formel der Tradition als Stützen für den schweifenden Geist, als Erinnerung und als Hinweis weitergelegt werden. Das Religiöse ist aber, wie Dr. Martin Goldner von seiten der Jugend berichtete, infolge seiner Austreibung aus der Welt durchs die Wissenschaft für die Jugend das Geheimnis, das hinter allen Dingen und allem Geschehen steht, geworden. Die Jugend sucht Zugang zu diesem Geheimnis, aber sie steht hier noch am allerersten Anfang. Ter erste, entscheidende Schritt ist, daß sie durch die Not getrieben, sich zur Gemeinschaft zusammengeschlossen hat. Von hier aus allein kann der Weg zum Religiösen gegangen werden. Tie Lösung kann aber nicht kommen aus einem Aufbau, den inan selbst baut, sondern die Jugend ist hier auf Hilfe von außen angewiesen. Aber sie, dft erneuert ist durch das Erlebnis der Größe des Geheimnisses in der Natur und auf Fahrten, findet die Synagoge, die Festtage, die Formen nicht so, wie sie will. Sie lernt und forscht, aber sie konnte die Tat noch vollziehen: Zugang zu dem Geheimnis zu finden. Leuchtete aus den Referaten zum religiösen Aufbau und aus der Diskussion, in welcher die besondere Not der jungen Generation zum Ausdruck kam, wieder Tradition neu bilden zu müssen, weil sie die ältere verloren hat, das Suchen nach neuen Wegen hervor, so gab Herr Falkenberg einige Streiflichter aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Strömungen und Erscheinungen zum Pädagogischen Neufaufbau. Hier handelt es sich weniger um neue Gedanken, neue Wege, neue Tinge, als um das Prinzip: das Erziehungsproblem als allgemeine, öffentliche Angelegenheit zu betrachten und nicht, wie früher, als eine solche des Fachmannes. Herr F. schilderte die Annäherungsversuche zwischen Schule und Haus, die bisher nicht so erfolgreich waren, wie die Auswirkung des Iu - endproblems in der Schule. Hier wirkt, nach dem orbild der Jugendbewegung, die Jugend auch als Subjekt am Unterricht mit. Das hat eine Umwälzung des Unterrichtsbetriebes in methodischem und didaktischem Sinne und ein völlig neues Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler geschaffen. Auch, das Schulwandern, die Schulfeiern, die Schullandheime fiitb durch, die Jugendbewegung in die Schule hineingctragen worden. Das Neue in der Pädagogik ist aber nichts Festes, nichts Gewordenes, vielleicht ist aber hier der Weg wesentlicher als das Resultat. Fräulein Karminski skizzierte das Neue in der Mädchenerziehung, der Anstaltserz iehung und Gefährdetenerziehung. Bei allen drei Gebieten stellte sie als Gemeinsames fest, daß die zu Erziehenden noch viel zu wenig aktto an der Erziehung beteiligt werden: die Mädchen, weil man erst jetzt allmählich sich ihres Eigenwertes bewußt, sie als Wert an sich in die Erziehung einbezieht; die Anstaltserziehung, die auch jetzt erst dazu kommt, das „passive Waisenkind" als einen an seiner eigenen Erziehung mitgestaltenden Faktor zu werten und heranzuzichen; die Gefährdetenerziehung, die dem Gefährdeten auf Grund psychologischer Beobachtungen und Erkenntnisse, die Fähigfeiten zutraut, seine speziellen Schwierigkeiten aus eigener Kraft zu überwinden. Im Gegensatz zu dem religiösen und pädagogischen Aufbau, welcher in der Hauptsache von der Jugend selbst getragen ist, ist ihr Einfluß auf dem Gebiete der Wirtschaft so gering, daß Tr. Georg Lubinski nur von einigen wenigen Versuchen der Jugend berichten konnte, hinter die festgeschlossenen Tore der Wirtschaft, von der im Grunde ihr Schicksal mehr abhängt wie von jedem anderen Lebcnsgebiet, zu dringen. Alle diese Versuche: Schaffung eigener Zellen der Wirtschaft innerhalb der bestehenden. Streben nach Sozialwirtschaft sind mehr oder weniger gescheitert. Tie Jugend versucht nun an ganz peripheren Stellen der Wittschaft etwas abzuringen: hierher gehört die F r e i z e itb ew e g u n g, der Kampf um die Regelungder Lehrlingsausbildung. Ein Versuch sozialwirtschaftlichen Aufbaus ist der Aufbau in Palästina, ein typisches Jugendwerk, das versucht, alle Sehnsucht junger Menschen nach Lebenserneucrung zu verwirklichen. In der festgefügten Wirtschaft in Deutschland besteht eine Möglichkeit des Durchbruchs: in der sozialen Arbeit, in welcher sich die theoretisch erkannte Verantwortlichkeit der Jugend füreinander prattisch erproben kann. Fräulein Peyser ergänzte das dahin, daß man der Jugend Hilfe leisten müsse, damit sie zu ausbaufähigen und aufbauwilligen Menschen heranwachse. Die neue Jug e n d h i l f e, deren Bestrebungen im Rttchsjugendwohlfahrtsgcsetz zum Ausdruck kommen, ist aber nicht nur ein Hilfsgerüst, sondern ein Teil der neuen Formen zur gesellschaftlichen Erneuerung. Tiefe Formen lassen sich auf sozialem Gebitte unter die Gesichtspunkte: Gemeinschaftsver- Vom Wort zur Tat Ter Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hielt seine diesjährige Telegiertentagung, zu der sich mehrere hundert Teilnehmer aus dem Reiche eingefunden hatten, in Berlin ab. Sie wurde mit einer machtvollen Kündgebung für seine Siedlungsaktion eingeleitet, die am Sonnabend abend im ehemaligen Herrenhaus stattfand und von Vertretern aller führenden jüdischen Organisationen Deutschlands besucht war, die ihre Verbundenheit mit dieser Idee des Reichsbundes zum Ausdruck brachten. Tr. Leo L ö w e n st e i n, Vorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und des Siedlungsausschusses, hieß die Delegierten und die Vettreter der jüdischen Organisationen willkommen, setzte das Programm der Tagung auseinander und stellte fest, daß alle Organisationen und die verschiedenen religiösen Richtungen im deutschen Judentum mit der Siedlungsidee des R.J.F. übereinstimmen. Er sprach der jüdischen Gemeinde Köpenick, deren Friedhof von Bubenhänden geschändet wurde, das Mitgefühl des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten aus und gab als alter deutscher Soldat seinem tiefem Schmerze Ausdruck, daß der Boden, den die jüdischen Frontsoldaten mit ihrem Blute verteidigten, jetzt geschändet wird. Gleichsam als Entsühnung soll der ehemalige Soldat mit dem Boden verbunden werden. Ter Bund kann allein die schwere Last und die Verantwortung nicht tragen, das gesamte deutsche Judentum soll diese Arbeit mittun. Tie Siedlungsarbeit des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hat in jüngst verflossener Zeit eine wesentliche Förderung dadurch erfahren, daß die gemeinnützige Siedlungsgesellschaft „Jüdische Landarbeit G. m. b. H." gegründet und rechtlich fundiert worden ist. Mit der A n s i e d l u n g wohlerprobterjüdischerLandwirteundGärtn erwirdindennäch st enWochenbegonnen werden können. Im kommenden Frühjahr wird der erste Samen gesenkt in deutschen Boden. Ter Aufgabenkreis der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." ist rein siedlungstechnischer Natur. Er besteht im wesentlichen dann, „die Ausbildung und Ansiedlung jüdischer Landwitte und Gärtner in Deutschland zu fördern und die Förderung bestehender jüdischer landwirtschaftlicher und gärtnerischer Kleinbetriebe zu gewährleisten". Zur Weiterführung der Propaganda für die Siedlungsidee muß ein neues Vereinsgebilde ins Leben gerufen werden. Dieses Vereinsgebilde soll den Namen führen „Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland" („Ris"). Dieser „Ris" wird der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." diejenigen Möglichkeiten schaffen, die zu einer ungestötten Siedlungstätigkeit antwortung, Persönlichkeitsbildung, Individualisierung stellen. Auf Grund einer Schilderung der systematisch! ausgebauten Gesundheitsfürsorge gab Fräulein P. ein Beispiel für diese neue Auffassung der sozialen Fürsorge. Zur Friedensidee sprach zum Schluffe Herr Walter Simon. Und wenn irgendwo, so entstand hier der Eindruck, welche Kraft in der Jugend schlummert, wenn sie von heiliger Unzufriedenheit erfaßt, nach Wegen zu neuen Lebensformen sucht. Gerade die Träger der Friedensbewegung sind junge Menschen, Menschen, die noch ttef im Halbschlummer der Kindheit lagen, als die Aelteren die Greuel des Weltkrieges erfuhren, ohne aber - mit wenigen Ausnahmen — eine solch entschiedene Haltung einzunehmen, wie die Jugend, die sich über Länder und Meere hin die Hände entgegenstreckt, um gemeinsam den Krieg zu verhindern. Herr Simon schilderte die Entstehung und Entwicklung der Friedensidee in den letzten 15 Jahren, er berichtete von den Kongressen der Jugend in Bierville (Frankreichs 1925), auf der Freusburg (Deutschland) und insbesondere von dem diesjährigen Kongreß in Eerde (Holland). Er berichtete ferner von den verschiedenen Richtungen unter der Friedensjugend, den Schwierigkeiten und Schwächen der Bewegung. Jeder einzelne Referent zeigte, was die Jugend ablehnt und wo und wie sie einsetzt, neue Wege zu gehen. Es ist an zu vieles gerührt worden, es sind zu viele Fragen aufgvklungen, als daß es in der kurzen Spanne eines Tages möglich gewesen wäre, eine Melodie aus allem zu schlingen als Leitmotiv der gesellschaftlichen Erneuerung, in der wir stehen. Was aber besonders beglückte, war, daß ältere und junge Menschen in den Referaten und in der Diskussion gesprochen haben. Besoirders lebhaft beteiligte sich die Jugend bei der Diskussion zur Friedensfrage. Und wenn nichts „Konkretes herausgekommen" ist, so ist doch zu bedenken, daß es nichts Fruchtbareres gibt als die geistige Unruhe, in welche alle Teilnehmer der Tagung versetzt wurden. Immer wieder schlagen die Wellen die Gedanken des Beunruhigten an das scheinbar gesicherte Ufer des Lebens, reißen da ein Stück los, tragen dott etwas hinzu. Und allmählich! wird so unser Tasein neue Formen erhalten. Hilde Ottenheimer. notwendig sind. Tie Gründung der „Ris" soll in dieser Versammlung vor sich gehen. Herr Tomänendirektor S. Dyk hielt nun sein Referat: „Das Siedlungsprodlem — die jüdische Frage". Tie Eignung des Juden zum Bauern war niemals verloren gegangen, und heute gehen in Palästina, Rußland und Polen großartige Siedlungsaktionen vor sich Auch in Deutschland wandten sich viele Juden nach der Sprengung der Ghetto-Mauern der Landwirtschaft zu. Viele aber blieben nicht beim Bauerntum, weil die Stadt bessere Möglichkeiten bot. Heute aber ist es anders; heute bietet das flache Land bessere Möglichkeiten, und darum macht sich eine Rückbewegung zum Lande bemerkbar. Die Siedlungsaktton soll zunächst in kleinerem Maßstabe und nur mit aus gebildeter, ertüchtigter Jugend geführt werden. Später erst wird man daran gehen, größere Massen jüdischer Menschen auf die Scholle zu bringen. Der Redner setzte das Problem der Siedlung in Deutschland auseinander und berichtete, was seitens des R.J.F. bis jetzt zur Verwirklichung der Siedlungsidee unternommen worden ist Für die Unterbringung von etwa sechs Personen als Gättner innerhalb einer größeren Siedlungsgesellschaft ist bereits gesorgt worden; das Kapital hierfür ist sichergestellt. Gegenwärtig wird wegen des Erwerbs eines 1500 Morgen großen Waldgutes verhandelt, das für die Unterbringung von 40 bis 50 Siedlern ausreichen würde. Tie jüdische Jugend, schloß der Redner, ist dieser Aufgabe gewachsen, schafft nur die Mittel herbei! Der Jude wird, wie überall, auch in der Landwittschaft produktiv sein. Tr. Heinrich E l k e l e s, stellvertretender Vorsitzender des R.J.F., sprach, über „Aufgaben und Bedeutung des Reichsbundes für jüdische Siedlung in Deutschland". Er umriß die Aufgaben des neuen Bundes, dessen Ziel es ist, aus Wurzellosen zufriedene, kraftvolle jüdische Männer und Frauen zu machen. Heute, in dem Zeitalter höchster jüdischer Not, wollen wir die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft nicht aufgeben. Er forderte alle deutschen Juden auf, dem „Ris" beizutreten. Es folgten die Erklärungen der Vettreter der großen jüdischen Organisationen. Kammergerichtsrat Leo Wolfs, Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, führte aus, jeder sei verpflichtet, in Wort und Tat die Rückkehr breiter jüdischer Schichten zur Scholle zu fördern. Groß wie die Notwendigkeit sind aber auch die Schwierigkeiten. Tie rechtlichen Bedingungen sind in der Emanzipatton geschaffen. In der Pra is aber sieht es etwas anders aus. Tie herrschenden Vorurteile erwiesen sich stärker als das Recht. Es muß immer wieder betont werden: beginn jüdischer Siedlung in Deutschland

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