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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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13.0Kf.T928 i IMch KberaleZMU Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. Ve>»U»Prei» durch die Geschäftsstelle '/«fthrüch M. 2,50 Einzelnnmmer 0.20. Bei freier Anfendnng L Inland 0.25 JfAc 51c Mitglieder der Vereinigung lst der Vczugrpreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Vcrantwsrtl. Ledattcnr: Bt««« VsHd«. Die «Jüdisch liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Verlin SV 4S. wilhelmstr. 147 Bergmann 3350, 3359 Bostfcheckkonto: Berlin TtTD 7. 137069 (Bereinigung für da» liberale Judentum» Flachdruck fämtticher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der RedakUv» gestattet. Anzeigenpreise: Die I2gefpaltene Ilonparaillezeile 0.45 Goldmart, die Restamezeile 3.00 Goldmart, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnseratenableilung: Berlin 5w 40, Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3350-59). sowie sämtl. Annoucen-Exyedition. Nr. 41 Berlin, 12. Oktober 1920 S. Jahrgang Wentum und VSlkersrieden Die Heilige Schrift ist ein religiöses Buch. Darf sie als solches den Krieg gutheißen und verherrlichen? Das «Skr tut sie, wenn sie dem.Mose und den Kindern Israel nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Worte in den Mund legt: „Der Ewige ist ein Kriegsherr; Ewiger ist sein 'Name" (2. B. M. 15,3). Ja noch mehr: die BibeleutH hält Aussprüche, in denen Gott sogar als ein Lehrmeister des Krieges gefeiert wird. „Gott lehrt meine Hände den Krieg", singt David, „so daß meine Arme den ehernen Bogen Niederdrücken" (2. Sam. 22, 35 und Ps. 18,35). Und den 144. Psalm beginnt er mit den Worten: „Gepriesen sei der Ewige, mein Hort, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg." Darf ein Religionsbuch so sprechen? Und wie verträgt sich das mit den feierlichen Worten, die dasselbe Buch schon auf seinen ersten Blättern austzricht: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschenblut wieder vergossen werden" (1. B. M. 9, 6)? Nun, die Bibel ist Uvar die Quelle des Judmtums und seine Grundlage. Aber — das ist wenigstens unsere religiös-liberale Auffassung — nicht alles, was in der Bibel steht, ist darum auch Religion. Die Bibel ist zwar Religionsquelle, sie ist aber außerdem in weitestem Umfang auch Geschichtsquelle. Sie erzählt uns von den Schicksalen des Volkes Israel, erzählt uns, wie es in Aegypten geknechtet, wie es später von Nachbarvölkern Angegriffen wird. Soll das Volk sich da nicht freuen, wenn es aus der Knechtschaft besreit wird? Soll es sich nicht wehren, wenn andere Völker es mit Krieg bedrohen? Hat David sein Danklied nicht gesungen, „nachdem ihn Gott aus der Hand aller seiner Feinde errettet"? Und betet David in dem er-» wähnten 144. Psalm nicht zweimal: „Befteie und errette mich aus der Hand der Fremden, derm Mund Trug redet und deren Rechte eine Rechte der Lüge ist"? Wenn daher die Bibel als Geschichtsbuch von Kriegen berichtet und wenn sie chrer Freude darüber Ausdruck verlecht, daß Israel Siege Wer seine Feinde errungen hat, so wird damit der Krieg als solcher durchaus nicht gebilligt und verherrlicht; er ew scheint hier nur als ein notwendiges Uebel. Als erstrebend wertes Ideal aber gilt der Bibel das Aufhören des Krieges. Und wenn Gott, als der Befreier Israels aus der Sklaverei, «in Kriegsherr genannt wird, und wenn David in seinem Dankkick Gott einen Kriegslehrmeister nennt, der ihn gelehrt, seinen zahlreichen Feinden erfolgreichen Trotz zu bieten: so verkünden uns die Prophetenbücher das von unseren religiösen Geisteshelden aufgestellte und heiß ersehnte Ideal: den dauernden Zustand des Friedens, das Aufhören aller Kriege und Kämpfe, das endgültige Abrüsten der Völker, das Glück der messianischen Zeit. Dieses religiöse Ideal zum Heile der Menschheit mtt weitschauendem Blick gesehen und mit kühnen Worten herausgearbettet zu haben: das ist und bleibt das unvergängliche Verdienst unserer jüdischen Propheten. Eine andere Frage ist die, ob wir in den zweieinhalb Jahrtausenden, die uns von einem Jesaja und einem Micha, diesen klassischen Verkündern des Bölkerfriedens, trennen, der Verwirklichung des prophettschen Ideals einer allgemeinen Abrüstung schon näher gekommen sind. Wenn wir diese Frage verneinen müssen, so könnte man vielleicht sagen: „Das rst im Grunde noch nicht so betrübend. Denn die Propheten find sich ja selbst darüber klar gewesen, daß ein derartiger Oesinnungsumschlag bei Menschen und Völkern nicht von heute aus morgen erfolgen kann. Deshalb sprechen sie ja auch von dem „Ende der £age", d. i von spater Zukunft. Was wollen denn auch zweiundeinhalb Jahrtausende bedeuten angesichts der so überaus langsamen kulturellen Entwicklung des Menschengeschlechtes! Mein eine andere Frage gilt es zu beantworten: Ist heute zum Mindesten doch schon der aufrichtige Wille zu verspüren, dem prophetischen Ideal der allgemeinen Abrüstung einen Schritt näherzukommen? Und diese Frage mtt einem „Nein" beantworten zu müssen, das allerdings ist ttefbetrübend und niederdrückerÄ. Wir können uns des Eindrucks nicht erwchren, als sei in dem, was diplomattsch und politisch zur Herbeiführung des Böl- »ersriedens geschieht via Unaufrichtigkeit; man vermißt die heilige Begeisterung, ohne die das prophetische Friedens» «eal in alle Ewigkett nicht wird erreicht werden können. Glücklicherweise liegt die einstige Erfüllung der prophetischen Frichensverheißungen nicht ausschließlich in den Händen der Diplomaten. Dre hergebrachten diplomattschen Methoden fteilich werden die Welt keinen Schritt vorwärts bringen. Andere Kräfte müssen wirksam werden: Bon den breiten Schichten in den Völkern muß der GÄmnke des Bölkevsrickens und der Abrüstung ergriffen und gefördert werden. Me großen Volksmassen in den Ländern müssen für die Frickensbewegung gewonnen werden; damtt ist aber noch kaum der Anfang gemacht. Me Bewegung muß volkstümlich werden; das ist sie bei wettem noch nicht. Heute schämt man sich beinahe noch, sich zum Friedensgedanken zu bekennen. Umgekehrt muß es kommen: es muß dahin kommen, daß jeder sich schämen wird, dem Friedensgedanken nicht zu huldigen oder ihm gar noch en 1 - gegenzutr et en. Und hier nun müssen wir Juden mit uns selbst streng ins Gericht gehen. Ist denn der Gedanke der Abrüstung und der Völkerversöhnung nicht ein jüdischer Gedanke, ein Gedanke unserer unsterblichen Propheten? Ist es da nicht unsere unabweisliche Pflicht, den Gedanken vorwärts zu treiteilnahmlos zuzuschauen? Ist das nicht eine unverzeihliche den? Können wir es vor unserem Gewissen verantworten, Pflichtversäumnis? Mehr als bisher müssen wir uns der Friedensbewegung annehmen und müssen in vorderster Reihe für sie kämpfen. Nur dann dürfen wir mtt Genugtuung darauf Hinweisen, daß aus unserer Mitte die Propheten hervorgegangen sind, wenn wir uns mtt allen unseren Kräften in den Dienst ihrer völkerversöhnenden, menschheitbeglückenden Ideale stellen. Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld. (Aus der Montefiore-Festschrist) Christentum und 7* ‘ ' tu lind wir? Es gab eine Zeit, und sie ist noch gar nicht so fern, der Worte wie Frieden, Pazifismus, Mrüstung oder dergleichen so in Mißkredit gebracht waren, daß ein öffent^ liches Eintreten für sie nur ein mitleidvolles Bedauern, ein Lächeln im Gefolge hatten. Damals waren auch die Religionsgemeinschaften stolz darauf, jeden Irrweg überspitzter Staatsmacht mttzugehen. Erst der Krieg schuf Wandel. Will es auch scheinen, als ob er heute, nur zehn Jahre nach seiner Beendigung, bei sehr vielen, die ihn miterlebien, in seiner vollen Grausigkett schon nicht mehr gekannt wird, eine tiefere Betrachtung zeigt doch, daß er eine neue Gesinnung ins Weltgeschehen zu bringen beginnt. Noch gärt alles. Noch wird niemand befriedigt durch Pakte und Verträge, durch Kongresse und Völlerbundxüren. Mer einen Anfang bedeuten sie, einen Wandel im Denken kündigen sie an. Das mitleidvolle Bedauern, das Lächeln, es schwindet bei der Diskussion über die Befriedüng der Welt aus dem Denken der Staatsmänner, und fast will es scheinen, daß auch sie mitunter Scham empfinden über das, was war, Scham auch darüber, daß in ihrem eigenen Handeln die Politik noch das Wollen und das Gewissen übertönt. Am tiefften wohl ist der Wandel, der sich in den Kirchen anbahnt. Tastend noch, zögernd, mitunter nur mtt auf** merksamem Abwarten der offiziellen Kreise verfolgt. Mer in all dem zeigt sich vielleicht erst recht die Tiefe der Wandlung. Man erkennt, daß es nicht Ausgabe wahrer Religiosität sein kann, zu allent Ja zu sagen, daß sie die Pflicht hat, aus ihrem Geiste heraus das gesamte Weltbild mitzugestalten, auch das Staatsleben, daß sie der Menschheit das Gewissen der Ewigkeit zu geben hat, daß sie sich selbst ausgibt, wenn sie nur Vergangenheit lehrt, statt Zukunft zu gestalten. Auf allen Gebieten zeigt sich dieser Wandel in der Kirche, am stärksten in der Friedensfrage. Hier wohl, weil das religiöse Gewissen sich auf diesem Gebiete am stärksten schuldig weiß. E Der Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen vereinigt in sich zu geirneinsamer praktischer Arbeit fast sämtliche protestantischen Landes- und Freikirchen, die anglikanische Kirche und die vielen christlichen Gruppen Amerikas, die orthodoxen Kirchen des Ostens, die romfreien Katholiken. Dieser Bund hielt vom 24.—30. August in Prag einen von etwa 600 Dttkjr gierim besuchten Weltkirchenkongreß ab, dessen Aufgabe es war, die Frage der allgemeinen Mrüstung vom Staute Punkt der christlichen Kirche aus zu klären. Ms Rttmer waren*) von deutscher Seite vorgesehen: Reichsgerichtspräsident D. Dr. Simons, Professor D. Martin Rade, Marburg, und der Freiburger Nattonalökonom Professor Dr. v. Schulze- Gävernitz. Bon ausländischen Rednern sind u. a. zu erwähnen: Sir Mckinson, der stellvertretende Vorsitzende der englischen Liga für Völkerbund, welcher zu gleicher Zeit einer der Sekretäre des Weltbundes ist, der englische frühere Unter-, richtsminister H. A. L. Fisher, Albert Thomas vom Intern nationalen Arbettsamt in Genf, der tschechische Außenminister Benesch, der griechische Gesandte in Paris, Professor Politis, der schwÄische Erzbischof von Upsala und der amerikanische Bischof Mac Dowell, der eine Botschaft von Kellogg tibtx* brachte. Das Ergebnis der Tagung wurde in einer Resolution zusammengefaßt. Wenn es auch monatelanger Vorbereitungen durch Korrespondenz und mündliche Besprechungen bedurfte, wenn auch der ursprüngliche Text mehrfach umge-, ändert wurde, so ist es doch ein Großes, daß die christlichen Kirchen sich, fast einmütig zu der Notwendigkeit einer allgemeinen und sofortigen Abrüstung bekannt haben. Alle Delegationen stimmten geschlossen dafür mtt Ausnahme der ftan- *) Ich folge hier, wie auch bei den weiteren Angaben, den Berichten in der von Alfred H. Fried begründeten und jetzt von Prof. Dr. Hans Wehberg im Verlag Hensel 6 Co., Berlin W. 30, herausgegebenen Zeitschrift Avtt Friedenswatte". zösifchen, die in sich gespalten war und von der sich einige Mitglieder der Stimme enthielten. Wer weiß, welch einen Einfluß die Kirchen auf die öffentliche Meinung in den angelsächsischen Ländern haben, wird den Wert dieser Resolution nicht gering einschätzen. Nachdem in den einleitenden Mschnttten der Resolution darauf hingewiesen wird, daß die Gefühle des allgen meinen Unbehagens und der Unsicherheit angewachsen seien, daß sowohl der Völkerbund-Pakt wie auch die Abrüstung der Mittelmächte auf Grund der Friedensverträge eine allgemeine Mrüstung wenigstens der 55 Staaten, die den Völkerbund bilden, erheischen, daß, wenn dieselbe durchgeführt sei, die Wirksamkeit dieser Rüstungsbegrenzung in jeder Weise sicherzustellen sei und daß alle Völler zur Lösung intern nationaler Streitigkeiten ein Schiedsgerichtssystem anzunehmen hätten, heißt es weiter: „Angesichts dieser Tatsache ruft der in Prag im August 1928 auf Veranlassung des Weltbundes für Internationale Freundschastsarbett der Kirchen versammelte Kongreß die christlichen Kirchen auf, vorstehende Feststellungen vor das christliche Volk zu bringen und ihm die Verpflichtung klarzumachen, die auf allen dem Völkerbünde angeschloffenen Staaten liegen, sowohl hinsichtlich der Beschränkung und Begrenzung ihrer bewaffneten Macht gemäß dem Völlerbundpakt, wie auch hinsichtlich der Annahme eines allgemeinen Systems zur Schlichtung von Zwistigkeiten nicht durchs Krieg, sondern durch friedliche richterliche Methoden. Der Kongreß ruft die Kirchen aus, zusammen mit dem Völkerbund wie mtt ihren eigenen Regierungen, ihren moralischen Einfluß aufzubieten, um sie zu veranlassen, mtt aller Beschleunigung die internationalen Vereinbarungen zu treffen, welche zu diesem Zwecke erforderlich sind. Er ruft die Kirchen auf, ihre Geisteskräfte und ihren erzieherischen Einfluß dafür einzusetzen, daß die Völker fortan ihre brüderliche Solidarität und ihre Verpflichtung zu zielbewußter Zusammenarbeit bejahen und so auf die Ungebundenheit durch internationale Verpflichtungen verzichten. Die Kirche Jesu Christi nimmt als bindende Norm die heilige Ordnung an, die ihr Haupt ihr im Evangelium gegeben hat: Trachtet am efften nach dem Reiche Gottes!" * Fast gleichzeitig tagte in München der „Friedensbund deutscher Katholiken". Hier sprach u. a. der Freiburger Theologe Prof. Franz Keller über „Friedensrüstung und Kriegsächtung", P. Stratmann, Berlin, von dem heuchlerischen Grundsatz einer doppelten Moral für die Staatspolitik, der Jesuit P. Noppel von der Werbung des pazifistischen GÄankens unter der Jugend usw. Von Interesse ist nÄen der Teilnahme der beiden Zerttrumsabgeorjdneten Dr. Krone und Prof. Dessauer, der sich sehr aktiv an den Beratungen beteiligte, ein Appell an die katholische Presse, die Baron v. Soden einbrachte: „Die Art der Behandlung der internationalen Fragen, insbesondere brennender Angelegenheiten des deutsch-französischen und deutsch-polnischen Verhältnisses durch den größten Teil der katholisch-deutschen Presse unterscheidet sich in letzter Zeit kaum mehr von jener der nattonalen Presse. So werden die Katholiken unter dem Schein sachlicher Objektivität und der deutschen Gerechtigkeit in eine Verhetzung hineingetrieben, die sie zu den getäuschten Opfern jeder neuen Katastrophe machen kann. Angesichts der Mahnung Benedikts XV. in der Pfingstwoche 1922 sollte gerade die katholische Presse in ihrer Wahrheitsliebe und ihrem Gerechtigkeitssinn der übrigen Presse Vorbild sein." In der „Friedens-Warte"" berichtet H. Rüster (Bonn) im Zusammenhang mtt der Tagung: „Wenn du den Frieden willst, so bereite den Frieden"", das ist die neue vernunftgemäße und sittliche Losung, die wir jetzt dem bekannten Heidenwort der Römer entgegensetzen, das bisher seit Jahrhunderten die Köpfe und Herzen beherrscht hat. FriÄe bereiten heißt aber Arbeit an den Seelen, an der neuen Gesinnung; das schaffen die Diplomaten, die Juristen und die Politiker nicht allein, wie jüngst noch der Osservatore Romano mtt wünschenswerter Deutlichkeit betont hat. Ein Weiteres: Was hilft es, Kirchen bauen, großartigste Werke der Bottsfürsorge

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