Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613986--2877-2620399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Friedhof in Europa ist älter als 800 Jahre, tränend der in Salona zirka 1700 Jahre alt sein dürfte. Dieser Friedhof wäre somit m ganz Europa der älteste freie jüdische Friedhof — also außerhalb der Katakomben — der aus altrömischer Zeit flammt. Tr. F. Bülv^ ein katholischer Priester, genann, „Der Heilige von Split" ersuchte den jüdischen Historiker Dr. Lavoslav Sik in Zagreb seine Entdeckung der jüdischen Welt zur Kenntnis zu bringen. Dr. F. Bulic hofft zuversichtlich, daß die ganze jüdische Welt seine Bemühungen um die Freilegung der heiligen jüdischen Stätte in Salona nach Kräften fördern werde. Aus den Gemeinden Augsburg. (Neubelebung des jüdischen Jugend' Vereins.) Der jüdische Jugcndvcrein Augsburg hat nach mehr jähriger Pause seine Tätigkeit wieder ausgenommen. Der Verein hat es sich zur Ausgabe gemacht, unter der jüdischen Jugend Augsburgs das Wissen über jüdische Probleme und Persönlichkeiten zu fördern, um dadurch charaktervolle Juden und aufrechte Menschen heranzu bilden. In Verfolg dieser Bestrebungen ist für das kommende Winterhalbjahr zunächst ein Vortragszyklus geplant, der die Mit glicder mit den verschiedenen politischen Richtungen im jungen deutschen Judentum vertraut machen soll. (Es sind vorgesehen Vorträge von Landgerichtsrat Tr. Erich Hirschbcrg, Oppeln, über: Tie junge Generation im C.V., von Tr. .Herbert Fürder, Berlin, über: Tie junge Generation im Zionismus, von Rabbiner Tr. Rülf, Bamberg, über: Idee und Arbeit des Verbandes der jüdischen Jugendvcreiue Deutschlands.) Anschließend au diese Vorträge sollen jeweils Aus sprachcabcnde stattfinden, um Gelegenheit zum Austausch der Meinungen zu bieten. Außerdem sind auch noch Vorträge vorgesehen, die an Hand der Biographie bedeutender jüdischer Persönlichkeiten Einblicke in das Werden und Wirken eines großen Menschen gewähren und gleichzeitig die von solchen Persönlichkeiten ausgehenden geistesgeschichtlichen Strömungen der Gegenwart berücksichtigen sollen. Am 2. September fand die Erössnungsseier in Gestalt einer Morgenfeier statt. Rabbiner Tr. Max Wiener-Berlin sprach über: ,.Jüdische Jugend und deutsches Judentum". Tie Jugend ist nicht nur Zeit der Vorbereitung,,sondern etwas in sich Abgeschlossenes. Sie hat eine ganz andere Zweckhastigleit als die Alten: Sie gibt sich einem Zweck hin, der nicht unmittelbar nötig ist, ist also ideal; der Sinn des Lebens kann aber nur ideal sein. Die jüdischen Parteien haben zwar ideale Zwecke aus ihre Fahnen geschrieben, aber ihre Parteigänger sehen in ihnen nur eine Art Jntcressenverband. Wie viele Leute nennen sich liberal, die nicht mehr tun als daß sie die Riten nicht halten! Das ist eher Orthodoxie gemildert durch große Bequemlichkeit. Das Große am Judentum ist, >oas die Alten seine Seele genannt haben: seine Tatkraft. Sie kommt schon im l. Satz der Bibel zum Ausdruck: ,.Jm Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Stein anderes Volk hat einen derartigen Satz geprägt, der einen so Ungeheuern, jede Vernunft übersteigenden Gedanken enthält. Tie Gesahr für die Orthodoxie ist die einer allmählichen Mechanisierung, die Gesahr für den Liberalismus: Die Ungewißheit darüber, was erhalten iverden soll. Nötig ist aus jeden Fall, uns mit dem jüdischen Schicksal verwoben zu wissen, die Vergangenheit und die jüdische Gemeinschair zu bejahen. Es gibt ein Judentum schlechthin, nicht zerspalten in polnische und religiöse Richtungen. Eine Versündigung gegen diesen Gehanten ist es aber, wenn wir uns den Ostjuden verschließen, die tvir ihnen vielleicht nur 2—3 Generationen voraus sind. Ter Redner bezeichnete es als Aufgabe der Jugend, den verschiedenen Problemen gegenüber sich nicht zu verschließen. In einem Punkt sei die Jugend allerdings Vorbereitungszeit, in dem des Lernens. Wissen und Lernen genüge zwar noch nicht, aber ohne dies geht es überhaupt nicht. Wir »vollen hoffen, daß der Vortrag seinen Zweck, das Interesse au jüdischen Dingen zu haben, erreicht hat. Barmen. In der letzten Sitzung der Gemeindevertvaltung wurde .Herr Tr. Alfred Rose nt hat als Mitglied in den Vorstand eingeführt. Sodann besprach man die bevorstehende Rabbinerwähl, die infolge der Pensionierung des Rabbiners Dr. Gra - b o w s k i erforderlich geworden ist. Eine größere Kommission wurde beauftragt, die Vorbereitungen zur Wahl zu treffen. — Es besteht innerhalb der Gemeinde der Wunsch, bald ein eigenes Gemeindeheim zu besitzen. Ter Verwaltung sind eine Reihe von Häusern zum Ankauf angeboten worden. Sollte eines von ihnen erworben tverdcn, so wäre die Möglichkeit gegeben, die für den Winter ge" planten Gemeindcabcnde im eigenen Heim abzuhalten. Berlin. (Lehrauftrag für Professor Jeremias.) Ter bisherige ordentliche Professor für neutestamentliche Wissenschaft am .Herderinstitut in Riga Lic. theol. Tr. phil. Joachim Jeremias, ein christlicher Gelehrter, der vor einiger Zeit zum Leiter des Seminars für Nachbiblisches Judentum (Jnstitutum judaicum) an der Universität Berlin berufen lvurde, ist zum außerordentlichen Professor an der Universität Berlin ernannt worden: zugleich erhielt Jeremias einen Lehrauftrag zur Vertretung des rabbinischen Schrifttums. Berlin. (Todesfall.) .Herr Tr. Markus Sußmaun, seil mehreren Jahren Redakteur der ..Zionistischen Korrespondenz" („Ziko"), ist am Jom Kippur Tage, den 21. September, in 'feiner Berliner Wohnung im 47. Lebensjahre plötzlich verschieden. Tr. Markus Sußmann erfreute sich in den führenden Kreisen der Zionistischen Wellorganisation, der Zionistischen Vereinigung für Teulschland, sowie in den Kreisen der Jüdischen Journalisten, leegen seines Arbeitseifers, seiner Tüchtigleit und seines hoben Verantwortungsbewußtseins größter Achtung. Obwobl er steis selbst mit Arbeit überbürdet war, versagte er cs sicki nickt, anderen Journa - tistenkollegen in notwendigen Fällen die Arbeitslast abzunchmen. Tr. Sußmann studierte die Rechte an österreichischen und deutschen Universitäten und betätigte sich kurze Zeit als Rechtsantvalt in Lemberg. Sparer leitete er in Zürich die „Jüdische Preßzentrale". Von dort wurde er nach Berlin zur Leitung der „Ziko" berufen, der er seine besten Kräfte »vidmete. Er war ein Schwager des hervorragenden jüdischen Gelehrten Professor Baron, der lange Zeit am Wiener Pädagogium tvirkte und vor einiger Zeit an das von Tr. Stephan Wise geschaffene Institut für jüdische Studien in Nciv Port berufen lvordeu war. Berlin. (Bon der Frei e II I ü d i 1 ch e n Volk s hoch schul e.) Anläßlich der Eröffnung des Herbsttrimesters 1928 der Freien Jüdischen Boltshockischule sinder am Sonntag, den 21. Oktober, vormittags 11 — 1 Uhr, im Vortragssaal der Synagoge Fasanen straße 79 80, ein Vortrag von Julius Bab: „Goethes Verhältnis zum Judentum" statt. Vorleiungen im Herbsttrimester 1928: Julius Bab: Goethes Verhältnis zum Judentum. Rabb. Tr. I. Bergmann: Tie Ent' slehung des Ehristentums. Rabb. Tr. Emit Cohn: Jüdisckws Theater. Studienrat .Hammersrein: Grundprobleme des modernen .Hebräisch. Julius Kaliski: Arbeit als jüdische Pflicht und Leistung. Rabb. Tr. Joseph Lehmann: Biblische Poesien. Tr. Leo Roienziveig: Glauben und Wissen in der jüdischen Philosophie. Tr. Leo Rosenzioeig: Seminarübung über .Hermann Eohen's Religion der Vernunft. Tr. Mar Soloivcitschik: Kritische Einführung in die Bibel. Rabb. Tr. M. Warschauer: Aus Bibel und Rekigionsgeichichte (1. Buch Moses >. Rabb. Tr. M. Wiener: Tie jüdische Religion im 19. Jahrhundert. Frau Siddy Wronsky: Wohlsahrtsprobleme her jüdischen Gegenwart. Tr. Kurt Zielenziger: Jüdische Wirtschaslsjührer. Jüdische Charakter köpfe. Moses (der Gesetzgeber): Rabb. Tr. Bergmann. Raw Ascki iber Schöpfer des Talmuds,:: Rabb. Nobel. Jehuba Halevi (der Dichter): Rabb. Tr. Emil Cohn. Rascki (ber Erklärer): Prof. Tr. Elbogen. Baal Schem (der Mystiker): Rabb. Tr. Emit Levh. Achad Hanm (der Kulturphilosopb): Tr. Nachuni Goldmann. — Vorlesungs Verzeichnisse mit ausführlichen Angaben unentgeltlich in allen jüdi scheu Buchhandlungen, an den Theaterkassen Kaufhaus des Westens. Hermann Tietz: Leipziger Straße. Ateranderptatz, Frankfurter Allee sowie im Sekretariat bei Goldmann, chorkstraß: 88, Bergmann 172. Bremen. (Auflösung der national soziali st ischen Ortsgruppe.) Tie Gauteitung Weser-Ems der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei teilt mit, daß die Ausschreitungen, die sich Nationalsozialisten in Bremen zuschulden kommen ließen, mit der „Idee der Bewegung absolut unvereinbar" seien, und daß die Gauleitung die Auflösung ihrer Bremer Ortsgruppe verfügt har. Allgemein wird angenommen, daß der nationalsozialistische Gauvorstand nur den Bremer Behörden zuvorgekommen sei, die bereits scharfe Maßnahmen wegen der antisemitischen Ausschreitungen und der Mißhandlung des brasilianischen Konsuls angekündigt haben. Dresden. (K r a n k e n v e r p f l e g u n g s g e s e I l s ch a f t.) Tie im Jahre J751 gegründete Israelitische Kranlenvcrpslegungsgeseltschast hielt kürzlich nach langer Pause eine Mitgliederversammlung ab. Ter Vorsitzende Max L c s s e r teilte mit, daß der Vermögens bestand der Gesellschaft nach inzwischen erfolgter Auswertung Ende 1927 rund 17 000 Mark betragen habe. Gegenüber den in den letzten Jahren außerordentlich gestiegenen Ausgaben waren die Ein nahmen beinahe verschwindend gering, so daß die Gesellschaft sich außerstande sah, armen Kranken in genügender Weise Unterstützung zuteil werden zu lasse». Tie Mitgliederversammlung faßte dal>er den Beschluß, weiteste Kreise, insbesondere zahlreiche frühere Mit glieder, für die Durchführung des zu den Aufgaben der Gesellschaft gehörenden Liebeslverkes zu geiviuneu. Frankfurt a. M. (T i e B a u p r o j e k t e d c r i s r a e l i t i s ch c n Gemeinde.) Tie Arbeiten an der neuen Friedhofsanlage an der Eckeuheimcr Landstraße schreiten fort. Ter erste Belegungsabschnitt ist sertiggestellt, die Arbeiten am Portal, an den Verwaltungsgebäuden und am Lcichcnhaus sind im Gang, der Rohbau ist teilweise unter Dach. Man rechnet damit, daß die Gesamtanlage im nächsten Frühjahr fertig sein wird. Für unvorhergesehene Entwicklungen ist ein Provisorium geschaffen, das im Notfall anfangs Oktober in Benutzung genommen werden kann. Für das Projekt einer neuen konservativen Synagoge hat die Gemeinde im nordwestlichen Stadtteil ein Grundstück erworben, jedoch sind über die Verwendung endgültige Beschlüsse nicht gefaßt, da zunächst noch eine Reihe von Vorfragen zu prüfen sind. Hagen i. W. (O r t s j u b i l ä u m.) Am 1. Tage des Hüttenfestes kann der Lehrer und Prediger der hiesigen Gemeinde, .Herr Willi Abt, sein 25 jähriges Ortsjubiläum begehen. Der Gemeinde- Vorstand, der das ersprießliche Wirken seines geistigen Führers und Jugenderziehers zu schätzen und zu würdigen weiß, hat zur besonderen Ehrung des Jubilars einen Festgottesdienst angeordnet, bei dem Konrektor E. Goldschmidt aus Dortmund die Predigt halten wird. Außerdem wird noch eine eigentliche Feier im Freundeskreise stattfindcn, zu der Einladungen an die auswärts wohnenden Freunde des Haben Sie Ihre Spende für die UMLAGE schon eingesnndl? Wenn nicht, dann überweisen Sie umgehend einen angemessenen Betrag auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 137069 heilen aktivstes Interesse bekunden, ec gehört zahlreichen jüdischen Organisationen an und ist auch als Wohltäter sehr bekannt. Ulm. (Tie erneuerte Synagoge.) „Wenn auch die Kräfte fehlen, so ist doch der gute Wille zu loben." In diesem alten Satz könnte man die Eindrücke zusammenfassen, die man beim Betrachten der umgebauten und erneuerten Synagoge bekommt; denn an diesem Bauwerk läßt sich ohne gewaltigen Kostenaufwand das nach früherem Geschmack einmal schön empfundene Bauwerk nicht so erneuern, daß es nach heutigen Begriffen voll befriedigen könnte. Es ist zweifellos eine Besserung, daß der unschöne Backstein verblendet wurde. Es ist für den Beschauer auch angenehm, daß die Zwiebelkuppeln einfachen Pyramidendächern gewichen und die Tachaufbauten entfernt sind. Aber wie schon oben gesagt, cs war bei Vermeidung' größerer Kosten wohl kaum mehr zu erzielen, als wirklich erreicht wurde. Und in diesem Sinne soll der israelitischen Gemeinde gedankt K'in, für den guten Willen, den sie gezeigt hat. Ulm. (Amtseinführung von Rabbiner Tr. Cohn.) Tie Amtseinführung des Rabbiners Dr. Julius Cohn fand am Freitag, den 7. ds. Mts., in Verbindung mit dem Abendgottesdienft durch das theologische Mitglied des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Stadtrabbincr Tr. Riegcr, statt. Tr. Julius Cohn wurde als Sohn eines Lehrers' der dortigen israelitischen Gemeinde am 5. Dezember 1878 in Graudenz geboren. Er besuchte das Kgl. Gymnasium zu Gnescn und studierte nach bestandener Reifeprüfung au den Universitäten Berlin und .Heidelberg semitische Philologie, Philosophie und Geschichte; an der .Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin jüdische Theologie. Die Doktorwürde erlangte er an der Universität Heidelberg; das Rabbinerexamen legte er an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ab. — Vom Jahre 190li bis 1915 wirkte er als akademischer Religiouslehrcr und Hilfsprediger bei der jüdischen Gemeinde Berlin, von 1915—1919 als Landcsrabbiner im ehemaligen Fürsten tum Birkcnfeld, von 1919 bis April 1924 als Rabbiner und Reli^ gionslehrer in Karlsruhe i. B., von April 1924 bis August 1928 als geistlicher Religionslehrer und stellvertretender Stadtrabbiner in Stuttgart. Ulm. (8 0. G e b u r t s t a g.) Salomon Hilb, ein hoch geachtetes Mitglied unserer Gemeinde, Teilhaber der Großfirma L. Hilb 6- Cie., konnte am 24. September in körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag begehen. Der große Bekannten- und Freundes kreis aus sämtlichen Schichten der hiesigen Bevölkerung ließ es sich nicht nehmen, Gratulationen und Glückwünsche durch herzliche Worte und schöne Angebinde zum Ausdruck zu bringen. Ter Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs ließ durch Rabbiner Tr. Cohn ein Glückwunschschreiben überreichen, worin ins besondere die Verdienste des Achtzigjährigen um Familie und Gemeinde hervorgehoben werden. Salomon Hilb wurde pls lSohn eines Rabbiners in .Haigcrloch (Hohenzollern) geboren. Seit 1866 ist er in Ulm. Jubilars ergangen sind, bei der auch Vertreter der Behörden und Vereine sowie andere Ehrengäste Ansprachen halten werden. Kassel. (Wissenschaftliche Kurse.) Im Auftrag der Akademie der Wissenschaft des Judentums sind im kommenden Winter wieder wissenschaftliche Kurse vorgesehen, die von Prof. Dr. I. Marlon, früher in Leningrad ansässig und jetzt als Lektor in Berlin tätig, geleitet werden. Außerdem sollen auch die in früheren Jahren veranstalteten jüdisch-wissenschaftlichen Einzelvorträge stattfinden, für die bereits mehrere namhafte Gelehrte als Referenten gewonnen sind. Königsberg Pr. (Schaffung eines jüdischen Altersheimes.) Ter vor längerer Zeit in Königsberg ins Leben gerufene Verein Jüdisches Krankenhaus sieht sich aus Mangel an Mitteln nicht in der Lage, in absehbarer Zeit ein jüdisches Krankenhaus in Königsberg zu schaffen. Hinzu kommt auch, daß entgegen früherer Zeit jüdische Kranke aus den benachbarten Grenzgebieten nicht mehr in so starker Anzahl nach Königsberg kommen wie vor dem Kriege. Dagegen hat der Vorstand beschlossen, dem Bau eines Altersheims näherzutreten, da sich sowohl in der Stadt Königsberg als auch in der Provinz der Mangel an einem jüdischen Altersheim recht fühlbar macht. Zwar bestehen in Königsberg und Allenstein Altersstiftc. Sie sind jedoch nicht in der Lage, allen Anforderungen gerecht zu werden. Das Kapital, das zu dem Ankauf eines Grundstückes für das Krankenhaus in Aussicht genommen war, soll nunmehr zum Bau des Altersheimes verwendet werden. Die Heiminsassen sollen neben Wohnung und Speise auch Wäsche, ärztliche Versorgung und Medikamente erhalten. Zunächst einmal sollen 5 Räume für Ehepaare und 20 Räume für Einzelpersonen geschaffen werden. Das Heim soll so vergrößert werden, daß späterhin 40 Personen ausgenommen werden können. Das Heimgebäude enthält neben dem Spcisesaal eine Wohndiele, einen Gesellschaftsraum und einen Betsaal. Auch eine Bibliothek soll eingerichtet werden. Im Erdgeschoß sollen sich die Wirtschastsräume, Waschlüche und Zentralheizungsanlagen befinden; auch ein Gärtchen ist vorgesehen. Eine ärztlich geprüfte Oberschwester wird die Heimleirung übernehmen. Es ist auch geplant. Haushaltungskurse für jübische junge Mädchen in diesem Heim abzuhalten. Maßgebend für die Einrichtung ist der soziale Gedanke, so daß die Insassen zu möglichst günstigen Bedingungen ausgenommen werden sollen. Stifter, die 5000 Mark für ein Einzel- und 10 000 Mark für ein Doppelzimmer spenden, sollen das Vorschlagsrecht für die Belegung des Zimmers haben und das betreffende Zimmer soll nach ihnen benannt werden. Zweifellos wird mit der Schaffung dieses Heimes ein neuer wichtiger Faktor in der Königsberger jüdischen Wohlfahrtspflege und darüder hinaus der Wohlfahrtspflege der ganzen Provinz geschaffen. Lübbecke. (Weihe der Synagoge.) Tie durch Spenden und Stiftungen des Israelitischen Fraucnvcreins ermöglichte Reno Vierung der Synagoge war kürzlich beendet worden, so daß die Ein Weihung zu den hohen Feiertagen unter Beteiligung der Gemeinde Mitglieder und geladener Gäste aus benachbarten Gemeinden erfolgen konnte. Lehrer Lazarus hielt die Fcstpredigt und betonte die Bedeutung der kleinen Gemeinden für die Erhaltung des Judentums. Das Innere des Gotteshauses mit seiner besonders kunstvoll bemalten Decke, ein Wert des Trierer Kunstmalers Max Lazarus, machte aus alte Teilnehmer an der Einweihungsfeier einen höchst befriedigenden Eindruck. Nordenburg (Lstpk.f. (Silberhochzeit.) Tas Ratmann. Sigmund 2 a n d e l o w s k y sche Ehepaar beging in diesen Tagen unter regster Anteilnahme der Behörden und Vereine der Stadl seine Silberhochzeit. Tie jüdische Gemeinde, deren Vorsitzender er ist, ließ durch den stellvertretenden Vorsitzenden Malligson eine fünft lerisch ausgesertigte Adresse überreichen. Für den Magistrat, dem Ralmann Sandetowsky angehört, nachdem er lange Jahre hindurch Mitglied der Stadtverordnetenversammlung gewesen war, übcrbrachte Bürgermeister Podehl die Glückwünsche, für die Stadtverordneten Versammlung der Stadtverordneteuvorstcher. Beide Herren erschienen inmitten einer Teputation. Deputationen entsandten fernerhin die Freiwillige Feuerwehr, deren Vorsitzender Sigmund Sandclowsky ist der Vorschußverein, dessen Geschäfte er als ehrenamtlicher Direktor führt, und der Kriegerverein, in dessen Vorstand er ebenfalls sitzt. Rostock. (E r n e n n u n g.) Die Universität Rostock ernannte den Geheimen Rcgierungsrat Professor Dr. Nicodem Caro zum Ehren senator. Geheimrat Caro gehört zu den Führern der deutschen Stick stofsindustrie, hat in der Kriegszeit dem Deutschen Reiche ungemein wertvolle Dienste geleistet und nimmt daneben im jüdischen össem liehen Leben Berlins eine sehr beachtenswerte Stellung ein. Geheim rat Caro gehört zu den Männern, die für alle jüdischen Angelegei Die liberale Wellkonferenz» ein Erlebnis In dem Hause meiner Eltern hatte ich nie Gelegenheit, wahrhaft jüdisches Leben kennenzulernen. Wohl besuchten die Eltern an den hohen Festtagen das Gotteshaus, wir Kinder wurden mitgenommen, wir lernten den Ritus der Reformgemeinde kennen. Das war das, was mir mein Elternhaus in religiöser Hinsicht bot. Nun kam die liberale Weltkonferenz! Durch meine Tätigkeit in den einzelnen jüdischen Organisationen war es mir vergönnt, all ihren Veranstaltungen beizuwohnen. Und ich muß sagen, ich bin dankbar, daß ich dabei sein durste. Die Konferenz mit all den wunderbaren und begeisterten Reden aus dem Munde jüdischer Gelehrter und Anhänger der liberalen Idee hat auf mich einen Eindruck gemacht, den völlig zu beschreiben mir die Worte fehlen. Tagelang ging ich mit mir zu Rate, wie ich das, was ich gehört hatte, auf mich beziehen und für mich verwenden könnte. Ich kam zu dem Ergebnis; Nie hatte ich im Leben hebräischen Unterricht gehabt. Jetzt, wo ich beruflich und anderweitig stark in Anspruch genommen bin, scheue ich es nicht, nach des Tages Arbeit die von unseren Vätern übernommene Sprache zu erlernen, um auch einem synagogalen Gottesdienst folgen zu können. Es macht mir eine große Freude, in die Sprache der Ahnen eingeweiht zu werden, und ich bedaure es nur, daß mir in meiner Kindheit nicht Gelegenheit gegeben wurde, mich mit dem Hebräischen zu beschäftigen. Und ein Zweites: Der Freitag Abend, an dem bei uns Juden die Familie zusammen ist, ist auch bei mir aus Grund der herrlichen Vorträge auf der Weltkonferenz zu seiner^ Bedeutung gekommen. Wohl kann ich nicht in der Vätersprache den Sabbath beginnen, aber wenn ich in deutscher Sprache am Freitag Abend bete, dann weiß ich, was ich vom Himmel erbitte. Wieviele gibt es, die aus Pietät oderanderen Motiven heraus in hebräischer Sprache die Gebete sagen, ohne den Sinn derselben zu verstehen. Durch die berufliche Tätigkeit und die gesellschaftliche Stellung, bei den weiten Entfernungen in der Großstadt ist es vorgekommen, daß manchmal die Familie wochenlang nicht zusammenkam. Jetzt habe ich am Freitag Abend meinen Vater und meine Geschwister bei mir, nun sprechen wir uns wenigstens einmal in der Woche, und es ist durch diesen Abend das Familienleben ein viel innigeres gewordn. Warum aber könnte man sagen, halte ich gerade den Freitag Abend, wenn ich doch den Sonntag-Gottesdienst in der Reform be^ fürworte! Ja, nur einzig und allein aus dem Grunde, weil es in der heutigen wirtschaftlichen Not fast keinem berufs tätigen Juden mehr möglich ist, einem Sabbath-Gottesdienst beizuwohnen. Darum habe ich von jeher den Sonntags- Gottesdienst in der Reform begrüßt, habe ich doch Gelegenheit, an diesem Tage am Gottesdienst teilzunehmen. Trotzdem aber bleibt der Freitag Abend der Beginn unseres Sabbaths. Daß ich nunmehr auch mir die Kenntnis aneignen werde, einen Seder abzuhalten, daß ich auch! sonst bei unseren Festtagen die häuslichen Andachten stets auszuüben beinüht sein werde, ist für mich selbstverständlich. Ich will im wahrsten. Sinne des Wortes ein liberales Heim haben, in welchem religiöses Empfinden und Tun an oberster Stelle steht. Wieder bei mir zeigt es sich, wie wenig wahr die Aeußerung ist, die man so oft von orthodoxer, wie auch v»n liberaler Seite hört, Mitglied der Resormgemeinde bedeutet halb getauft. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß gerade wir, die wir wissen, was tvir beten, und warum wir es tun, viel religiöser und tief empfindend jüdischer sind als ein großer Teil unserer Glaubensgenossen, die die Bestrebungen der Reform ablehnen und bekämpfen, obgleich sie diese manchmal überhaupt nicht kennen. So hat die liberale Weltionferenz Kräfte in mir geweckt, Gedanlen in mir hervorgebracht, eine geistige Umstellung in mrr wachgerusen, die mein Inneres stark bewegen. Und das ist mein Erlebnis! Ich weiß, die Weltkonferenz hat aus viele einen solchen Eindruck gemacht, und wenn sie nichts weiter bervorbrrngen würde, als eine Verinnerlichung des einzelnen Juden, so wäre schon dieser rein geistigen und religiösen Erweckung wegen eine Weltkonferenz für das liberale Judentum in den nächsten Jahren notwendig. Tr. Hans Fcilchcnseld, Berlin»