Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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im Lichte des Humanitätsgedankens des 19. Jahrhunderts Rede, gehalten am 13. September 1928 anläßlich des 1VV. Todestages der Stifters der Jacobsonfchule (jetzige« Staat!. Oberrealfchulel zu Seesen a. §.*> von Oderstudiendirettor Prof. Dr. Friedland. Meine Herren! Liebe Schüler und Schülerinnen! Zsrael Zacobson stunden aus ftimmurrgsmäßigen Motiven in der Synagoge für berechtigt erachtet wurde. Der Antrag wurde abgelehnt, — weil die Feierstunden am Sonntag vormittag stattfinden sollten. Weil dadurch angeblich die Gefahr von Sonntagsgottesdienften gegeben sei. Principiis obsta! Vergeblich betonten die Liberalen, daß die Anregung, die sie gegeben hätten, nichts mit der Schäftung von Sonntagsgottesdiensten zu tun habe. Man gab ihnen das zu, dock man gab der Furcht vor der Möglichkeit einer derartigen Entwicklung Ausdruck. Vergeblich wiesen die Liberalen darauf hin, daß eine volle Wirkung derartiger Feierstunden doch nur an dem Tage möglich sei, an dem das Wirtschaftsleben den Menschen nicht in sein Getriebe zwingt. Man übersah die Wirklichkeit und erinnerte an das Konzil von Nicäa mit dem Beschluß von der Verlegung des Sabbat auf den Sonntag. Vergeblich antworteten die Liberaler, daß wir Juden uns unser Handeln, auch nicht im Negativen, von der christlichen Kirche vorschreiben lassen dürfen. Der Antrag wurde abgelehnt. Eine Kommission aber soll doch nochmals seine Durchführung überlegen. Und deshalb' sollen hier noch einige Bemerkungen angeknüpft werden, die der gegenwärtigen Betrachtungsweise des Sonntag im jüdischen Leben gellen. Nicht als ein den anderen Tagen der Woche gleichberechtigter Tag der Schöpfung wird heute der Sonntag im jiwischen Leben gedacht, nicht als der Tag, der als bürgerlicher Ruhetag von mindestens neun Zehntel der deutschen Judenheit für diese neun Zehntel eine bftmckere Aufnahmemöglichkeit auch für religiöse Fragen besitzen muß, gewertet wird er nur noch als Symbol der Anderen, als das Fremde, vor dem man sich verschließen muß. Diese Symbolbetrachtung vernichtet das eigene Denken, verhindert notwendige Lösungen, entlastet die eigene Verantwortung. Nur durch diese Symbolanschauung kann man sein Gewissen darüber beruhigen, daß an dem bürgerlichen Ruhetag ^/10 bet deutschen Juden, von 999 iooo des deutschen Volkes die jüdischen Gotteshäuser leer, ja geschlossen sind, daß selbst ein nur in halbjährlichen Abständen besuchter Sabbatgottesdienst mitunter für wertvoller angesehen wird als ein regelmäßiger Sonntagsgottesdienst. Von religiöser Stärke würde der Versuch Zeugen, an dem bürgerlichen Ruhetag das Leben mit religiöser Wahrheit zu durchdringen. Angst aber zeugt, auch in der religiösen Welt, von Schwäche. Und Angst vor dem Sieg der Umwelt ist es, die heute den Sonntag nur noch als Symbol betrachten läßt; als Symbol, das vielleicht durch Jahre uns schützte, das aber nun, da das Leben dem Sonntag bei uns Eingang schuf, sich gegen uns richten muß. Es ist schon beinahe eine klassische Frage im liberalen Judentum, die da lautet: „Ist der Mensch für die Religion da oder die Religion für den Menschen?" In der jüdischen Geschichte ist auch für das gottesdienstliche und wissenschast- Me Leben mehrfach eine Antwort auf diese Frage gegeben worden. Man dmke nur an die Einführung der Thoravortesung am Montag und Donnerstag, den Markttagen. Auch im religiösen Leben gibt es Entscheidungen, die durch die Macht getroffm werden. Gewiß war der Beschluß des Konzils zu Nicäa Unrecht. Doch diese Feststellung allein hilft nicht. Ist der Sabbat in unserem Leben vernichtet, so bleibt seine Wiederherstellung eine Forderung religiöser Sehnsucht, eine Forderung der Gerechtigkeit, — aber ebenso die Anerkennung der tatsächlichen Verhättnisse des Lebens ein Akt der Klugheit, ein Gebot der religiösen Praxis. Man bagatelkisiett den Gedanken der Entwicklung im religiösen Leben, wenn man ihn nicht auch für das Gebiet religiöser NeuschöpfuUg gelten läßt. in * -'"-''Der Arttrag soll nochmals geprüft werden. Da sei in voller Offenheit ausgerufen: Habt ihr die ewige Wahrheit, ist eüre Religion die Religion der Vernunft, die die Menschheit zu erlösen vermag, wie wenig Vertrauen habt ihr zu dtzr Größe eures Gutes, wie klein sind eure Bedenken. Befreit buch von der Symbolttagik! Beherzt, was jüngst in einem Buch über „Deuftche Rassenangst" geschrieberr wurde, erst recht auf religiösem Gebiet: „Schwerer als Künder im Reich der Symbolik zu sein ist dies: Lotse und Wissender zu sein in der symbolischen Weite der nackten Wirklichkeit." B.W. Heute sind 100 Jahre verflossen, seitdem der Stifter unserer Schule, JsraelJacobson, ein segensreiches Leben beschloß. Wenn unsere Schule vor der Uebenrahme durch den Staat etwas ganz anderes gewesen wäre, als sie es jetzt ist; wenn sie nicht vorher wie jetzt in Wirklichkeit eine „simultane" Anstalt gewesen wäre, wenn sie nicht auch früher allen Kreisen der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses und des Standes gedient hätte, wenn sie von ernem Manne nur zu Zwecken persönlichen Erwerbs errichtet worden wäre, so könnte man vom Standpunkte der jetzigen Staatsschule im Zweifel sein, ob es angezeigt sei, den Begründer einer solchen Privatschule heute zu feiern. Aber dem ist nicht so. Wir,wissen, daß Israel Jacobson in Erfüllung eines hohen Ideals mit großen Geldopfern und mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit diese unsere Anstalt geschaffen hat; wir wissen, daß die frühere Jacobsonschule in gemeinnütziger Weise wie die öffentlichen Schulen des Landes und' noch mehr als diese gewirkt hat. Wir wissen, daß die jetzige Staatliche Oberrealschule ihrem Geiste und ihren Zielen nach eine Fortsetzung der alten Jacobsonschule, eine geistige Einheit mit dieser bildet, wie das anläßlich der 125 Jahrfeier vor zwei Jahren der Bettreter der obersten Schulbehörde in einem Glückwunschschreiben ausgedrückt hat. Daher haben wir es für eine Ehrenpflicht erachtet, heute mit Genehmigung des Herrn Braunschweigischen Ministers für Volksbildung an seinen: 100. Todestage des Schöpfers dieser unserer Schule feierlich zu gedenken. In dem soeben bezeichnten Glückwunschschreiben drückt der nunmehrige Minister, der derzeitige Vertreter des Landesschulamtes für das höhere Schulwesen, Herr Tr. Witte, den Wunsch aus, „daß die Schule getreu dem ihr von ihrem Gründer und dessen Nachfolgern eingeftößten Geiste der Humanität auch als Staatsschule die in ihren Mauern einziehende Jugend zu innerlich gefestigten und wertvollen Bürgern der menschlichen Gemeinschaft erzieht". Von diesem Gei st e der Humanität, von dem Zeitalter, in dem dieser Humanitätsgedanke gepflegt wurde, und wie sich dieser Geist irn Denken und Tun Israel Jacobsons auswirkte, will ich heute sprechen. Was versteht man unter dem Begriff „Humanität"? Zunächst: der Begriff Humanität ist nicht mit dem Begriff „Humanismus" zu verwechseln. Der „Humanism u s" wurde in der Zeit der Renaissance, der Wiederbelebung der anttken Kunst und Literatur gepflegt. Er bezeichnet einen Bildungsgrundsatz, eine wissenschaftliche Methode, wenn man will. Der Humanismus wendet sich an den Verstand. Der „Humanit ätsg edanke" dagegen ist ein sittliches Prinzip, ist eine Angelegenheit des Herzens, ist eine Weltanschauung, die die europäische Menschheit um die Wende des 18. Jahrhundetts beherrschte. Man könnte den Inhalt und den Sinn dieser Weltanschauung durch einen Satz des römischen Schriftstellers Terenz kurz zusammenfassen. Dieser Satz lautet: „Homo sum, humani nihil a me alienun puto." („Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches halte ich für mich fremd.") Das will heißen: Da ich ein Mensch bin, so fühle ich, so leide ich mtt meinem Mitmenschen. Das Mtttelalter brachte den Standesmenschen hervor. Im mittelalterlichen Lehnswesen stand der Mächtige auf den Schullern des weniger Mächtigen und drückte diesen nieder. Die Renaissancezeit war das Zeitalter der einzelnen Kraftmenschen, die rücksichtslos der: minder Kräftigen zermalmten, um sich über ihn zu erhcbem Das 18. Jahrhundert gebar den „humane n" Menschen, den menschlich fühlenden Menschen, der seinen Nebenmenschen als seinesgleichen be¬ *) Anmerkung der Schriftleitung: Die Jacobsonschule ist bekanntlich seit 1922 vom Freistaate Braunschweig übernommen und als „simultan e" Staatsschule erklärt worden. Tie „Jacobson-Stiftung", die als solche noch weiter besteht, hat zwar keinen Einfluß mehr auf die Verwaltung und innere Gestaltung der Anstall, doch zeigt der Inhalt der Reoe, daß der Grundgedanke des Begründer» j aufrecht erhallen wird. trachtet, der über alle Schranken der Geburt, des Standes, der Religion, ja der Nation hinweg seinem Mitmenschen brüderlich die Hand zum gegenseitigen Verstehen, zur Duldung reichte. Von Frankreich ging dieser Menschlichkeitsgedanke aus; französische Denker wie Voltaire und Rousseau haben ihn mit der Schärfe des Verstandes oder mit dem Feuer des begeiftertm Herzens durch eine Menge literarischer Werke (Dramen, Epen, Romane usw.) unter den Gebildeten nicht imr ihres eigenen Landes, sondern auch fast aller europäische:: Völker verbreitet Auch die deuftche:: Dichter und Denker unserer klassischen Zeit, ein Lessing, ein Kant, ein Schiller und ein Goethe, haben aus dieser Jdeenquelle geschöpft, waren eftüllt von dem Gedanken der Toleranz, des Weltbürgertums, der allgemeinen Menschlichkeit und haben diese Weltanschauung in ihren Werken zum Ausdruck gebracht. Herder vor allem ist der begeisterte Apostel des Humanitätsgedankens, den er immer wieder zum Ausgangspuntt seiner Betrachtungen über die Geschichte der Menschheit und über die Bestimmung des Menschei: machte. So sagt er an einer Stelle seines Buches über die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit": ,^Jch wünschte, daß ich in das Wort Humanität Alles fassen könnte, was ich über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feineren Sinnen und Trieben, zur zattesten urü> stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe: der::: der Mensch hat kein edleres Wort für seine Bestimmung als er selbst ist...." Für Herder ist „Humanität" die „mitteilende oder teilnehmende Liebe", und er erklärt sie aus der körperlichen Wesensart des Menschen. „Die Natur — so fühtt er aus — hat den Menschen unter allen Leberckigen zum teilnehmercksten geschaffen, weil sie ihn gleichsam aus aller: geformt hat und jedem Reich der Schöpfung in dem Verhältnis ähnlich organisiert, als er mit demselben mitfühlen sollte. Sein Faserngewebe ist so elastisch fein urrd zart, und sein Nervengebäude so verschlungen in alle Teile seines vibrierenden Wesens, daß er sich.... beinahe in jedes Geschöpf setzen und... mit ihm empfinden kann... Auch an einem Baume nimmt unsere Maschine (soll heißen „Körper") teil: .. es gibt Menschen, die der: Sturz oder die Verstümmelung desselben in seiner grünenden Jugendgestalt körperlich nicht ertragen... Auch das Krümmen eines zerquetschten Wurmes ist einem zarten Menschen nicht gleichgültig; und je vollkommener das Tier ist, je mehr es in seiner Organisation uns nahe kommt: desto mehr Sympathie erregt es in seinem Leiden." Und wenn schon die Pflanze und das Tier unser Mitleiden erwecken — so ist Herders Schlußfolgerung -, um wie viel mehr müssen wir von dem Leid und der Not unserer Mitmenschen ergriffen werden. Das ist auch der Sinn des Ausspruches des römischer: Dichters — „Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches ist mir fremd!" Aus dieser humaner: Lebensauffassung der Zeit heraus ist es zu verstehen, daß ein Mann wie Lessing, der Sohn eines evangelischen Pastors, mit einem armen, buckligen Juden, Moses Mendelsohn, eine innige Freundschaft fürs Leben schließen konnte, daß er bei seinen bedeutendster: literarischen Schöpfungen immer wieder den Rat seines jüdischen Freundes einholte, daß er diesem in dem Drama „Nathan der Weise" ein unvergängliches Denkmal schuf. Nur im Zeitalter der Humanität konnte sich ein Dichter so in die Gedankenwelt Andersgläubiger hineinfühlen, daß er ein solches Drama, dieses Hohelied religiöser Duldsamkeit, dem deuftcher: Volke schenkte. In dem Gefühl allgemeiner Menschlichkeit und Brüderlichkeit ruft Schiller in seinem Gedicht „An die Freude" aus: Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder — überm Sternenzelt Muß ein lieber Vater wohnen. Ton in des Töpfers Hand Tragödie von Theodore Dreiser. Deutsche Uraufführung: Renaissance-Theater, Berlin. „Das Wort, welches an Jeremia vor: seiten Jahwes erging, also lautend: Mache dich auf und geh' hinab zum Hause des Töpfers, dort will ich dich meine Worte vernehmen lassen! Da ging ich zum Hause des Töpfers hinab und siehe da — er war mit einer Arbeit auf der Töpferscheibe beschäftigt. Mißriet aber das Gefäß, an denr er arbeitete, in seinen Händen, so machte er daraus wiederum ein anderes Gefäß, wie es ihm gefiel, es zu machen. Da erging das Wort Jahwes an mich folgendermaßen: Kann ich nicht wie dieser Töpfer da mit euch verfahren, ihr vom Hause Israel? — ist der Spruch Jahwes; wohlan! Wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, ihr vom Hause Israel." Difte Sätze aus dem Buch Jeremia Haber: den Titel des Werkes bestimmt. Zu Unrecht: denn während bei Jeremia den Menschen bzw. der Menschengemeinschaft die Entscheidung gegeben ist und es heißt: „Bald drohe ich einem Volke und einem Reiche, es auszurotten und zu zerstören und zu verderben, aber bekehrt sich dasselbige Volk, das ich bedroht habe, von seiner Bosheit, so lasse ick mich des Unheils gereuen, das ich ihm zuzufügen gedachte", ist in der Tragödie von Dreiser die Willensfreiheit dem von ihm Gezeichueten verwehrt. So ift oas Probten: ein anderes; doch es ist deshalb nicht weniger interessant. Isidor Berchansky ist irr. Krarrkhafte Veranlagung ließ ihn ein Sittlichkeitsverbrecher: begehen, für das er zwei Jahre im Zuchthaus büßen mußte. Er betritt wieder das elterliche Haus, tritt wieder in den Kreis der Familie. Er möchte arbeiten, sich wieder in den Produkttonsprozeß des Lebens'einschalten — doch das Zucken seiner Nerven, die KraNkhett seines Geistes- und Trieblebens hindern ihn. Er begeht einen Mädchenlustmord, flieht, und endet schließlich durch Selbstmord . l ' Diese allmenschliche Tragödie ist eingespannt in den Nahmen der New Yorker Ghetto-Familie.'. ' Wer aber in diesem Rahmen das Kernproblem der Drerstt'schett Tragödie ettrlickt oder gar davon faselt, diese Tragödie sei ,A>:e Ge^ schichte der jüdischer: Familie", der sollte, soweit seine Lebenserfahrung dazu ausreicht, den Isidor Berchansky einmal in eine deutsche Kleinstadtfamilie der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts versetzen: es ändert sich nichts. Ja, vielleicht wirkt dott dieser Vater, der seinem Sohn rät, aus dem Leben zu scheiden, diese Mutter, die bei dem Leben ihrer Kinder schwört, von dem, was geschah, nichts zu wissen — vielleicht wären sie;:t diesem Milieu noch wahrheitsnäher als im Kreis gläubiger Ghettojuden. Was h-er gezeigt wird, ist die Schwäche des Familienlebens einer zum Glück überwundenen Epoche. Einer Epoche, in der es eine Schande der Eltern bedeutete, wen:: ihr Kind irrsinnig war, in der Fürsorge in Heimen nicht als Segen, sondern noch als Strafe empfunden wurde, in der vor schmerzlichen Fragen des Lebens die Augen geschlossen wurden, bis die Zeit sie löste oder erst eine grauenvolle Explosion gewaltsam die erschreckten Augen öffnen ließ. Gewiß bleibt die Famllie, die sich gegenseittg verantwortlich fühlt, aber sie ist — und eine Klärung der heutiger: Wirrnis im Familienleben wird diese Tendenz verdeutlichen — gegründet auf vorsorglichem Verstehen und Liebe in Wahrhaftigkeit, nicht mehr auf Vertuschen, Autorität und Gefühlsduselei. Dieses Stück hat aber ein Problem, das weit, weit tiefer ist als all difte Fragen der Familie. Es ift das Problem des Triebkranken in der Welt. Ist nicht auch, er ein Geschöpf Gottes? Wo ist die Rechtfertigung für sein Leben in der Welt? Hier regt sich tteffte Religiosität. Mag difter mit den Worten Omar Khayyams, die Dreiser zum Motto seiner Tragödie gewählt hat, fragen: „Hat denn die Hand des Schöpfers damals gezittert?"; mag jener den Gottesbegriff vom Problem des Leids befreien, ein Dritter das Leid als eine erforderliche Farbe in der Herrlichkeit der göttlichen Schöpfung betrachten, mögen andere in anderen Fragen, in anderen Antwotten religiöse Gewißheit gewinnen — es sind im letzten nur verschiedene Formen schweigercker Demut vor dem Unendlichen. •* „Ton in des Töpfers Hand." Ein Spiel an der Grenze der Schquerdramatik, und sie doch trotz der nichts ersparenden Realistik nicht übeftchreitend, well letzte Religiosität hier sich: Form gab. Ein Spiel, dem wir in der prächttgen Regie von Gustav Hartung mit Grauen und Glauben folgen, trotzdem uns die Art dieser amerikanischen Rechftprechung fremd ift und der berühmte und berüchtigte § 51 sowie das Zeuginsverweigerungsrecht in Deutschland difte ganze Familientragödie undenkbar machen. Ein Spiel, das durch den Isidor von Ernst Deutsch auch in seiner Bildhaftigkeit tief in unser Denkm eingeprägt ist, ein Spiel, das ein Ensemble urrs zur grausamen Wirllichkeit macht, auf das die Berliner Bühne stolz sein darf: Hermann Vallenttn der Vater, Frida Richard die Mutter, Leontine Sagan, Elisabeth Lennartz und Camilla Spira die Schwestern, Hedwig Wränget, Karl Etlinger und Hermann Speelmans drei prächtige Zeugentypen. Ein Spiel vor: unerbittlichem Ernst. Walter L o e w e n st e i rr. Eine neue jüdisch-historische Zeitschrift Wie wir erfahren, wird ab 1. Januar 1929 im Philo- Verlag, Berlin, eine Vierteljahrsschrift mit dem Titel „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" er scheinen. Die Herausgeber: Professor Elbogen-Berlin, Professor Freimann-Frankfurt, Rabbiner Dr. Freudenthal-Nüruberg erfüllen mit der Begründung dieser Vierteljahrsschrift einen lang gehegten Wunsch vieler Historiker. Die Zeitschrift wird streng wissenschaftlichen Charakter haben und sich lediglich die Ermittlung und Verbreitung geschichtlicher Wahrhttt zur Aufgabe stellen. Zur Mitwirkung sind die Herren: Professor Dr. Kisch-Halle, Professor Dr. Koebner-Breslau, Professor Dr. Levisohn-Bonn, Professor Steinherz-Prag, Oberbibliothekar Dr. Stern-Berlin, Professor Dr. Stern-Züttch, Geh. Rat Professor Dr. Warschauer-Berlin gewonnen worden. Die Redaktion liegt in den Händen von Herrn Dr. Fritz Friedländer-Berlin (für Norddeutschland) und Herrn Raphael Straus-München (für Süddeuftchland). Allerhand von Reclam Anläßlich des 100jährigen Jubiläums des Berlages „Reclam" am 1. Oktober ds. Js. Bon S. Weisels. Hundert Jahre Reclam! — das bedeutet hunderftährigen Dienst am deutschen Buch, unermüdliche, erfolgreiche Arbeit zur Verbreitung des deutschen Buches, das bedeutet vor