Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang VrMche ' ' In der letzten Rcpräscntantenvcrsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, über deren Verlauf wir an anderer Stelle dieses Blattes berichten, kam folgende Anfrage der Liberalen Fraktion zur Beratung: „Wir bitten um Auskunft, wie weit die Verhandlungen der Kommission zur Verhütung von Austritten, Taufen und Mischehen gediehen sind, evtl, welche Maßnahmen beschlossen worden sind." Diese Anfrage wurde mit einem Antrag der Liberalen Fraktion verbunden, der innerhalb der Gemeinde „die Einrichtung eines statistischen Büros, insbesondere für bevölkerungspolitische Ausgaben" fordert. Während die Interpellation infolge Abwesenheit des zuständigen Vorstandsdezcrncntcn nicht beantwortet werden konnte, gelangte der Antrag, der von Herrn Dr. Fleischer begründet wurde, einstimmig zur Annahme. Wir glauben, daß der folgende Artikel auch außerhalb Berlins Interesse verdient. Die Dchriftlcitung. Mit deutscher Gründlichkeit, aber auch mit endloser theoretischer Erörterung hat sich bislang die jüdische Oeffentlichkeit mit der wohl bedeutungsvollsten Aufgabe jüdischer Gemeinschaftsarbeit beschäftigt, von deren Losung Sein oder Nichtsein mit abhängen wird. Bon Jahr zu Jahr erneute Statistiken beweisen den Niedergang, ja das Verschwinden der deutschen Juden. Abhandlungen über den Werl dieser Statistik, bevölkerungspolitische und erbbiologische Forschungen füllen interessante Bände. Jüdische Verbände beraten in Kommissionen über die- Mischehennot. Der preußische Landesverband will Untersuchungen auf „breiter bevölkerungspolitischer Basis" anstellen. Man tut, als ob es ein Problem zu lösen gälte, ber dem es auf den Wert wissenschaftlicher Leistung, nicht aber aus die Zeit, die zur Lösung nötig ist, ankäme. In unserer Lebensfrage aber drängt die Zeit. Jeder Tag bringt der Gemeinschaft neue schwere Einbuße, mit deren feinsäuberlicher Registrierung nichts getan ist. Das Gebot der Stunde ist, praktische Arbeit zu machen, bei der gewiß die wissenschaftlichen Grundlagen nicht fehlen dürfen. In dieser Arbeit sind die anderen großen Religionsgemeinschaften der unsrigen wieder einmal weit voraus. Wenn auch blindes Nacheifern nicht unsere Sache ist, so sollten wir doch längst Vorhairdenes nicht immer wieder in langen Beratungen neu erfinden wollen — und das gilt vice versa auch für unsere Wohlfahrtsorganisation und die Bekämpfung von Austritt und Taufe —, sondern wir sollten, vielleicht etwas beschämt, ruhig für uns passende Lehren von unseren christlichen Mitbürgern annehmen. Die Mischehe, schon deshalb jüdischem Parteizwist entrückt, weil führende Männer aller Richtungen sie eingegangen haben, begegnet in der katholischen Kirche einer straffen Gesetzgebung, die mit ihrer ganzen Wucht für uns leider, oder nicht leider, als Vorbild nicht dienen kann, es sei denn, daß zum Beispiel jede Nur?- civilehe, wie in der katholischen Kirche, von Staatswegen als Eheschließung im Sinne des Gesetzes nicht anerkannt werden soll. Die Kirchen unterscheiden — und das gilt auch für uns — zwischen Mischehenverhütung und Mischehenpflege. Letzterer Begriff ist, soweit ich sehe, bei uns noch niemals Gegenstand des Ueberlegens gewesen. Tie Verhütung der gemischten Ehe gelänge uns öfter, wenn Religion und ihre Erhaltung, wenn die ethische Forderung gemeinsamer Bekennerschaft und religiös gleichgerichteter Kindererziehung eine größere Macht über die Seelen unserer Gemeinschaft hätte, als heute. In klarer Erkenntnis dieser traurigen Tatsache muß dennoch die Arbeit des Seelsorgers an erster Stelle stehen. Eine Abkündigung der gesamten deutschen Rabbinerschaft muß das religiöse Gewissen wieder wecken und stärken, muß wieder eine öffentliche jüdische Meinung schaffen helfen, die wir bis heutigen Tages auch in der Begegnung der Taufe und anderer Uebelstände bitter vermissen. Die Abkündigung soll die Ehenot im allgemeinen und die jüdische Not im besonderen klarlegen. Zur Erfüllung der Ehe ist nicht nur gemeinsames schöngeistiges Streben, sondern gemeinsame religiöse Ueberzeugung notwendig. Auf die Folgen in der Kindererziehung und das Verhältnis zur Verwandtschaft beider Teile ist hinzuweisen. Vor Ueberschätzung der Kraft erster Liebe im Kampfe der haften Wirklichkeit ist zu warnen. Die Schwierigkeiten von seiten der christlichen Kirchen, insbesondere der katholischen, deren Kamps um jede Seele bewundert werden muß, ist klarzulegen. Natürlich darf auch die medizinisch-biologische Seite mit ihrer Kinderarmut und der besonderen psychischen und nervösen Beschaffenheit des Nachwuchses, sowie die Statistik nicht vergessen werden. Jede Gelegenheit im jüdischen Leben muß der Geistliche wahrnehmen, also Predigt, Brismilo, Konfirmation, Trauung und sogar die Grabrede, wobei natürlich mit seinem Takte und seiner Achtung vor der anderen UeberzeuguNg ganz besonders gerechnet wird. Musterbeispiele für solche Gelegenheiten sind von den Rabbinerverbänden vorzübereiten. Nicht zuletzt muß mehr, als bisher, im Religionsunterrichte Mischehenverhütung betrieben werden. Eine große Aufgabe harrt hier aller jüdischen Verbände von Männern, Frauen und Jugendlichen. Der Wert von Jugendheimen wird ohne weiteres klar sein. Das ge sprochene Wort muß durch geeignete Flugblätter, wie schon begonnen, immer wieder ergänzt und eingeprägt werden. Solche sind an Gebeisstätten und allen anderen Orten jüdischer Zusammenkunft zu verteilen und müssen für jedes Alter, jeden Stand entsprechend abgefaßt sein. Dabei ist besonderer Wert auf die Geistesverfassung der proletarischen Jugend, sei sie ansässig, oder auf der Wanderschaft, zu legen. Eine einzige praktische Maßnahme ist jetzt von Hanauer in Frankfurt in die Wege geleitet worden, nämlich die offizielle jüdische Ehevermittlung. Auch sie besteht längst als „Katholischer Ehebund" (Kebu). Wir begrüßen den „Jüdischen Ehebund" (Jebu) aufs wärmste. Fürs erste mögen diese Andeutungen genügen, um aufzuzeigen, welche Fülle praktischer Arbeit zur Verhütung der werdenden Mischehe vor uns liegt und bisher nicht geleistet worden ist. Ist nun trotz allem eine Mischehe perfekt geworden, so tritt das ein, was die christliche Kirche als Mischehen- Hilfe und -Pflege längst kennt und intensiv betreibt. Das ist gewiß ein delikates Unternehmen. Auf der einen Seite muß die Ueberzeugung des christlichen Teiles geachtet und geschätzt, muß die Harmonie auch der Mischehe ungestört bleiben, auf der anderen Seite muß dennoch mit aller Offenheit und Energie der ehrliche Kampf um die jüdische Seele gekämpft werden. Entsprechend der vorbildlichen katholischen Arbeit soll das Ehepaar zu einer eidesstattlichen Versicherung veranlaßt werden, die Kinder im Judentum erziehen zu lassen; oft wird dazu die Mithilfe der jüdischen nächsten Verwandtschaft gebraucht werden. Die jüdische Mutter des werdenden und des neugeborenen Kindes ist zu betreuen. Das Kind ist zur gegebenen Zeit jüdischem Unterrichte zuzuführen. Die Eltern werden am besten durch soziale Fürsorge, falls sie notwendig ist, jedenfalls aber nur durch liebevolle Annäherung jüdischer Gemeindekreise, nicht aber durch Abkehr und Ausschluß, wie es' beim Getauften in höherem Maße als bisher nötig wäre, erfaßt. (Familienpflege und -Hilfe.) Wie kann das alles erreicht werden? Wenn es der Gemeindeverwaltung möglich ist, akkurate Steuerlisten aufzustellen, so muß die für den Fortbestand ebenso wichtige Schaffung von Mischchenlisten und deren In der letzten Repräsentanten-Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde am 20. September, über deren Verlauf wir an anderer Stelle dieses Blattes Berichten, kam folgender Antrag der liberalen Fraktion zur Beratung: „Während der Wintermonate soll allmonatlich einmal in der Synagoge Fafanenstraße und in der Synagoge Lindenstraße Sonntag vormittags eine religiöse Feierstunde veranstaltet werden, in deren Mittelpunkt, eingerahmt durch kurzes Orgelspiel, eine Ansprache steht, in der insbesondere Gegenwartsfragen im Geiste jüdischer Religiosität behandelt werden. Zu der Feierstunde sind jeweils besonders auch die Kreise eingeladen, die in engem Verhältnis z« dem behandelten Thema stehen." Der Antrag wurde nach einer erfreulicher Weise von allen Seiten ernst, vornehm und sachlich geführten Debatte mit den 11 Stimmen der vier nichtliberalen Parteien in der Repräsentanten-Versammlung (Volkspartei, Mittelpartei, Konservative und Poale Zion) gegen die 10 Stimmen der Liberalen abgelehnt. Nach der Ablehnung wurde beschlossen, den Antrag nochmals in einer Kommission zu beraten. Welche Gedanken leiteten die Liberalen bei ihrem Antrag? Religion muß das Leben zu gestalten versuchen. Sie darf, auch in ihren Formen und in ihren Fragen, nicht nur in der Vergangenheit, in dem Gewordenen wurzeln, sie muß aus dem Geist, der ihr Wesentliches ist, zu den Dingen der Gegenwart Stellung nehmen, schöpferisch Zukunft bilden. Mehr noch als für andere Religionen gilt das für das Judentum, das Tatverwirklichung im Diesseits, nicht aber Glaubensseligkeit des Jenseits kennt. Die Stimme des Judentums muß wieder hörbar werden in der Problematik des Lebens der Gegenwart; da wird gesprochen von Bodenunrecht, von Bodenreform, von Volksfrieden und Völkerfrieden, von Todesstrafe und Recht auf Leben, von Wirtschaftsunrecht und sozialer Gerechtigkeit, von Diktatur und Demokratie — doch der Geist jüdischer Reli¬ Führung gleichfalls zu erreichen sein. Die in der Berliner Gemeindeverwaltung vorhandenen Ansätze dazu genügen bei weitem nicht. Die erprobte Form dieser Liste ist die Karthotek, zu welcher Musterkarten vorliegen (Godesberger Karte u. a. m.). Die Eheschließung, einmal oder mehrfach, Zahl der Kiiwer, Religionen, die Daten der gemachten und wieder notwendigen Hausbesuche sind zu verzeichnen. Enge Zusammenarbeit mit Standes- und Einwohnermeldeämtern hat stattzufinden. Die statistische Erhebung über die Religion ist bei diesen Aemtern laut Gesetz über den Personenstand (Nr. 135 Reichsgesetzblatt) möglich und erlaubt. Die Wander- und Umzugsbewegung ist durch Mitteilung der Gemeinden untereinander zu kontrollieren, vielleicht über die Landesverbände, jedenfalls auch durch dauerndes Einsehen der Einwohncrmeldung. Das und so manches andere kann die Großgemeinde nicht in irgend einem Dezernate nebenbei erledigen lassen, sondern es ist ohne Rücksicht auf die vermehrten Kosten die Neuschaffung eines Statistischen Büros mtt modernem Behelf zu verlangen, dem daneben auch die Bearbeitung von Austritt und Taufe obliegt. Von hier aus zentral ist auch die große Aufgabe der Familienhilfe und -Pflege, sind die Hausbesuche zu organisieren, eine Aufgabe, der unsere wenigen Rabbiner natürlich nicht gewachsen sein können. Die taktvoll gesuchte persönliche Berührung, die eheliches Glück nicht zerstört, die fremden Glauben hochachtet, muß Männern und Frauen aus der Gemeinde (Mischehenpsleger) übertragen werden. Diese sind in Spezialkursen auszubilden, eine Forderung, die übrigens auch für jeden Wohlfahrtsarbeiter ausgestellt, viel ungewollte Beschämung verhüten würde. Für' Bekämpfung von Austritt und Taufe gilt ähnliches. Das ist der Weg, auf dem wir endlich einmal von der Theorie zur praktischen Arbeit vorangehen werden. Nichts ist neu erdacht, alles nach dem Vorbilde von bereits Bestehendem für uns umgewandelt. Zum Beweis und Beispiel diene „das praktische Handbuch der 'Mischehenarbeit" von der Heydt (Verlag des evangelischen Bundes 1926) mft seiner umfassenden Literaturangabe, ein Nachschlagewerk mit Musterbeispielen für alle gemachten Vorschläge. Ter Worte sind bei uns genug gewechselt und wenn wir es auch nicht erleben werden, die Arbeit, wie so manche andere, zu vollbringen, so haben wir nach jüdischer Lehre, dennoch nicht mehr das Recht, uns ihrer zu entziehen. giosität schaltet sich aus bei der Regelung all dieser Fragen. Und doch dürfte er nicht darauf verzichten, i.ntzuwirken bei der Gestaltung der Zukunft. In der Gegenwart weniger denn je. Nicht nur, weil andere Weltreligionen jetzt ihre Pflicht zur Mitwirkung auf den verschiedensten Gebieten erkennen, man denke nur an die Kirchenkonferenzen von Stockholm und Prag oder die katholische Aktion, sondern vor allem, weil das Judentum selbst Gefahr läuft, seinen Platz im Denken der modernen Juden zu verlieren. Vielleicht handelt es sich hier um eine Gefahr, die zunächst vornehmlich in den Großstädten sichtbar wird; doch sie besteht zweifellos nicht nur dort. Spricht nicht die Tatsache, daß heute in Berlin selbst an den höchsten Feiertagen des Judentums mindestens 50000 erwachsene Juden kein Gotteshaus aufiuchen, fünfzigtausend!, deutlich dafür, daß die Synagoge, der Gottesdienst, aufgehört haben, Mittelpunkt des religiösen Lebens aller Juden zu sein? Daß wette jüdische Kreise der Synagoge entfremdet sind? Das Judentum kann nicht auf sie verzichten. Schon um der Kinder jener 50000 willen, doch auch, weil sich unter ihnen gewiß auch viele wertvolle Elemente befinden. Zu ihnen, die nicht zur Synagoge mehr gehen, weil der Gottesdienst in der üblichen Form ihnen fiemd wurde, muß das Judentum wieder gebracht werden. Ihnen muß gezeigt werden, daß das Judentum in den Fragen, die sie beschäftigen, noch etwas zu sagen hat, ja, daß vielleicht letzte Klärung nur jüdische Religiosität zu geben vermag. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der 10 Liberalen abgelehnt. Trotzdem sich eine gleiche Einmütigkeit für einen Antrag in liberalen Kreisen, schon die Begründungsreden von Direktor Dr. Gutmann und Professor Dr. Türk zeigten das, nur selten ergeben haben dürfte. Trotzdem von allen allen Seiten der Repräsentantenversammlung, insbesondere von Dr. Klee, die Tendenz des Antrags freudig begrüßt wurde. Trotzdem sogar der beabsichtigte Rahmen der Feier- Dr. Kurt Fleischer. Religiöse Ieierstunöen zur Klärung von Gegeuwarlssragen im Seifle Wischer Religiofilöl Eine dankenswerte Anregung der Liberalen in der Berliner Repräsentanten-Versammlung. -- Ablehnung mit 11 gegen 10 liberale Stimmen. — ^Nochmalige Prüfung in einer Kommission. 33234181