Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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ökonomischen und sittlichen Voraussetzungen, die in dieser Jugend obwalten, hofsen wir, daß der Segen, der auf den Eltern geruht hat, sich -fortpslanzen wird von Generation zu Generation, so daß nach menschlichem Ermessen eine Bürgschaft gegeben scheint für den Fortbestand der Weltwirtschastsdynastie Lachmann-Mosse. Unterdessen aber begleiten wir die ferneren ingeniösen und organisatorischen Leistungen des gegenwärtigen Lenkers und Leiters eines erdumspannenden Unternehmens mit der innigen Teilnahme innerer Verbundenheit. Fetzen des „Berliner Tageblattes", verstreute und zerrissene Inserate wird der Weltenpilger vielleicht auf Hawaii, den Fidschi-Inseln, in einem verkrochenen Winkel Jnnerasiens oder auch am Nördlichen Eismeer finden; der Geist aber, der diese Fetzen beseelte und in die Welt hinaussandte, wohnt in unserer Mitte, in der Arbeitskathedrale der Jerusalemer Straße und in ihrem führenden Kopf: Hans Lachmann- M o s s e. Doris W i t t n e r Anser Name Von Rabbiner Dr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. Fragt man uns liberale Juden nach unseren Zielen, so können wir die kürzeste Antwort geben, wenn wir auf den bekannten Namen verweisen und die legendäre Deutung der der Bibel: „Israel, Gotteskämpfer, denn mit Gott hast du gekämpft und gesiegt." Gekämpft — das ist das Wesentliche. Denn mit Gott leben und sterben ja auch die Orthodoxen. Aber ihr Gott ist ihnen vorgezeichnet, sie fühlen sich an ihn gebunden, sie wollen nur ausführen, was er befohlen — im kleinen und im großen. Wir aber kämpfen um diesen Gott, wie seit Mose zu allen Zeiten um diesen Gott gekämpft und gerungen wurde. Wir lassen uns nicht binden und fühlen uns nicht gebunden, es sei denn durch unser Innerstes. Wir bringen keine Opfer des Intellekts, der Erkenntnis, der Pietät, wir bringen nur Opfer unseres Herzens. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir fühlen sollen, was wir lieben dürfen. Schweigt unser Inneres zu dem Gott der anderen, dann kämpfen und ringen wir um unseren Gott, kämpfen und ringen, bis wir gesiegt. Dieser Kampf um Gott ist uralt bei uns. Wir nennen ihn das Proben, Gott zu vergeistigen. Aber bis in die neueste Zeit hinein, ja bis in die neuesten Tage hinein machte diese Vergeistigung halt bei Gott als einer Macht über uns. Niemand wagte daran zu rütteln, bis Steinthal am Ende des vorigen Jahrhunderts den Kampf dagegen aufnahm und die Propheten in diesem Punkt — ihrer Gottes Vorstellung — „Kinder" nannte. Dann suchte uns Cohen Gott nahe zu bringen als Bürgschaft der Sittlichkeit. Aber was heute in Tausenden lebt, das ist das Gottgefühl eines Steinthal, der den Herzschlag des Judentums am treuesten belauschte. Wirklich den Herzschlag. Der Verstand hat heute die Legende vom Himmel zerstört, die Erkenntnis enthüllt die Naturkraft täglich mehr, aber das Herz geht leer dabei aus. Und darum ringt es und wogt es in ihm, schreit es nach Frieden mit dieser Welt, mit ihrer Tragik und ihrem Glück, mit ihren Rätseln und ihren Menschen. In diesem Herren, da spielt sich ein Kampf ab um einen Halt, einen Mittelpunkt, eine Richtkraft, ein Strebeziel. In diesem Herzen da kämpft man um — Gott. Aber indem man ihn sucht, hat man ihn gefunden. Das nämlich ist unser neuer Glaube. Das Feuer, das in dem Innern lodert, es ist unser Dornbusch; aus ihm sprießt Gott. Wir machen völlig ernst mit dem Ziel, uns unfern Gott zu vergeistigen, aber nicht, indem wir ihn für rein geistig erklären, nicht, indem wir nur Bräuche abschafsen, sondern indem wir ihn als die Kraft, die unser Herz und die Seele erfüllt, die Vernunft erleuchtet, Natur bewegt, verehren, lieben, anbeten, zum Endziel erheben und zum schöpferischen Antrieb. Und indem wir s o den Kampf um Gott kämpfen, immer wieder „Kinder Israel" sind, erkennen wir auch den Abstand von allen Vätern. Wir sehen das Wesentliche des Judentums nicht darin, wie es uns seinen Gott gelehrt hat, sondern prüfen, was es uns von ihm überliefert. Und dieses was erprüft und noch heute, soweit es nicht unserm Verstand widerstrebt. Wir entnehmen ihm heute noch den Antrieb zum Höchsten, wir fütbeu unsere heutige Sehnsucht hier wieder. Die Schmerzen des Psalmisten sind unsere Schmerzen, der Jubel ihrer Seele jauchzt auch in uns. Das sittliche Pathos aller Propheten, es ist auch uns aufwühlender Weckruf, ihr Schrei nach Erbarmen und Güte und Liebe findet tausendfaches Echo bei uns. Ja wir sehen das Wesen der Großen nicht darin, daß'sie von Gott gesprochen haben, sondern daß Gott aus ihnen gesprochen. Sie fichlten natürlich auch die religiöse Erschütterung, welche ihr Inneres wild durchstürmte, aber sie führten sie aus den Gott draußen zurück. Uns aber genügt die religiöse Erschütterung. Sie nennen wir das religiöse Erleben, sie nennen wir Gott und seine Stimme. Und darin fühlen wir uns mit allen verwandt, die jemals Israeliten sein wollten, jemals gekämpft haben um ihren Gott. Ja, auch zu uns klingt das Wort herüber: „Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes." — aber das Wort bat sich unendlich erweitert, will Grundpfeiler werden neureligiösen Erlebens. Daß wir ein ewig Verborgenes erkennen, immer und ewig vor ihm erschauern, immer und ewig die Hände nach ihm recken als dem ewig unergründlichen Hebel der Welt, dem unendlichen Ziel alles Sehnens -das ist uns genug für ein religiöses Judentum. Was frühere Zeiten als „Lösung" gefunden, das ist uns ehrwürdig und Stimme der Frommheit, aber wir können die Lösung nicht annebmen, weil sie ein Opfer des Intellekts bedeutet, wir glauben auch gar nicht daran, daß eine „Lösung" je möglich ist. Wir kämpfen durch Gott und kämpfen für Gott — für ein Göttliches im Menschen und in der Natur. So vieles, uneMich vieles an unserer Religion ist auch uns wie gesagt maßgMiches Wort, aber nicht, weil wir fertig sind mir unserem Gott, weil wir wissen und glauben, er hats getan, sondern weil wir eine ewig verborgene göttliche Kraft in diesen Worten verspüren und fühlen. „Der Ewige ist König", jubelte der Psalmist — wir hören dabei heute das ewige Jubeln des Rechtes, der Wahrheit, der Treue — in uns. „Boll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeil" jauchzt der Prophet — wir jauchzen über die Harmonie, Unendlichkeit und Gesetzmäßigkeit, wo immer wir sie in dieser Welt finden. „Bevor ich dich bildete, habe ich dich erkannt, ergeht das Wort des Ewigen an Jeremia" — wir fühlen gerade heute dabei in Ehrfurcht, wie auch Jeremia schon weit hinausdlickte über das zufällige Tagesgeschehen, das die Geburt eines Menschen berichtet, wie er ergriffen ist von dem Geheimnis, oaß aus Millionen und Millionen plötzlich einer sich „auserwählt" fühlt. Nur findet Jeremia wieder die Lösung: „Das Wort des Ewigen ergeht an ihn" — wir bleiben stehen bei dem Geheimnis. „Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes." . Nicht anders aber steht es um Antwort und Lösung der Frage nach dem Ursprung von Unglück und Frevel. Wir streben auch hier über Altes hinaus, wir entlasten Gott von der Verantwortung, die ihm trotz Willensfreiheit des Menschen durch seine „Allmacht" auferlegt ist. Auch hier ist der Verborgene ein Ereignis, aber diesmal nicht mehr unseres Gottes, der uns „hoch erhaben" darüber erscheint. Nicht alles ist Gott, wie Spinoza gewollt, nicht alles von Gott, wie es die Väter gelehrt, aber alles durch Gott erscheint uns als „Lösung", alles, das gut und edel und schön; nne Lösung — tu Wirklichkeit ein Geheimnis. Und Leben und Schicksal, Vertrauen und Beten? Es ist das Gleiche — und doch ein andres. Vertrauen bleibt Vertrauen, nur wieder nicht auf eine fertige Lösung, sondern grade auf 'die Fülle der Möglichkeiten, die im Verborgenen des Ewigen, in der ewigen Verborgenheit blühen und uns zum Heile gereichen können. Beten wird Ausdruck solchen Vertrauens, uno Dank wird Tank an die unsichtbar gestaltende Welt, unsichtbar und ihrer selbst nicht bewußt, uns nicht kennend, von uns nicht gekannt, aus dunklen Tiefen immer heranfziehenv. „In deine Hand befehle ich meinen Geist, du befreist mich, wahrhaftiger Gott." Und im großen gesehen, im Licht der Geschichte, sprechen auch wir dann von Vorsehung, Zweaen und Zielen und Sinn und Absicht, meinen auch hier das, was uns überwältigt: Macht und Kraft eines einzigen Gedankens, Macht und Kraft eines einzigen Gefühls, des einen Gottes — ein Gedanke, so großartig und erhaben, ein Erleben so rätselhaft und staunenerregend, daß es dem primitiven Menschen ohne Annahme eines sinnvollen Gestalters, der bewußt und wissend seinen Zielen nachging, einfach etwas Unfaßbares wurde. Erst dem in ganz freie Höhen Vordringenden blieb es Vorbehalten und wurde es neues Erlebnis, das Wunderbare noch wunderbarer zu machen, noch rätselvoller, noch ehrfurchtbarer, einzugestehn: ignorabimus, auf fsde Lösung wieder verzichtend und nur in Ehrfurcht meoerzuknien vor „dem König der Könige der Könige". In diesem Zeichen aber sich noch Jude zu fühlen, wem verdanken wir es anders als unfern Großen; Propheten, Psalmisten und allen Neufrommen. Verdanken wir der religiösen Glut, die sich trotz aller veränderten Grundeinstellung immer wieder an ihnen entzündet. Es bedarf keines Zwanges dazu und keiner Gewalt, man muß nur hinter die Menschen sehen, ganz tief in ihre Seelen hineinsKauen, sie selbst aus der Umklammerung befteien, die sie freiwillig sich als „Lösung" gewählt, erschüttert von dem, was sie überfiel, gezwungen durch die Urgewalt des Erlebens, irgendwie sich davon zu befreien. So kämpften auch sie mit ihrem Gott, für ihn, gegen Menschen, und haben uns diese Aufgabe weitergegeben. „Zwischen mir und den Kindern Israel ist das ein Zeichen in Ewigkeit." Landerholungsheim. La«der;iehungsheim, Schullandheim Von Robert Hirschfeld. > Körperliche Ertüchtigung, Sport, die gesunde Seele im gesunden Körper: das sind Schlagworte oder zu Schlagworten gewordene wertvolle Begriffe in der modernen Erziehung. Mit ihnen wird manche Uebertreibung überdeckt, manches Uebermaß beschönigt. Man darf es allerdings heute schon wagen, in ernsthaften Kreisen so zu sprechen, ohne befürchten zu müssen, als rückschrittlich angegriffen zu werden. Es gibt schon wieder angesehene Pädagogen, die die Geistigkeit in der Erziehung für wichtiger halten, als die Körperlichkeit, die selbst das Boxen nicht für die höchste Stufe ansehen, auf die man unsere jungen Menschen heben soll. Aber andererseits gibt heute jeder vernünftige Erzieher zu, daß die Betonung des Rein-geistigen im Unterricht und in der Erziehung nicht übertrieben werden darf. Besonders in der Großstadt und für die großstädtische Jugend müssen allerhand Vorkehrungen getroffen werden, um den nervenaufreibenden hastigen Betrieb, „das Tempo", auszugleichen. Aber auch das Kind der Mittelstadt braucht solche Ausgleiche, weil die Anforderungen an Kenntnisse und Fertigkeiten, die die Lernschule erhebt, sehr groß sind. Damit ist schon gesagt, daß die eigentliche Arbeitsschule schon darum erstrebenswert ist, weil sie wenigstens den Versuch macht, die Anforderungen an Geist und Körper der Jugend gleichmäßiger zu machen. Seit einigen Jahrzehnten bemüht man sich, die Jugend der größeren Orte für kürzere oder längere Zeit an solche Orte zu führen, wo ihnen Gelegenheit gegeben ist, sich zu erholen. Als beste Orte dieser Art hat man die fern von der Stadt liegenden Landerholungsheime erkannt. In dem Namen liegt eigentlich auch schon die Erklärung des Wesens. Die durch die Schulen nervös gemachten Kinder, zu denen die große Zahl derer kommt, die von den Eltern durch übertriebene Liebe oder zu große Aengstlichkeit in körperlicher Beziehung oder zu großem Ehrgeiz nach der geistigen Seite hin nervös gemacht werden, sollen den schädlichen Einflüssen entzogen werden. Daß unter diesen Kindern sehr viele jüdische sich befinden, erklärt sich leicht aus dem Wohnort der Juden, der Großstadt, teils auch aus der oft ganz verkehrten Art der Erziehung. Die armen Kinder, die unbedingt begabt sein müssen, die unter keinen Umständen eine Volksschule durchmachen dürfen, sondern wenn es irgend geht, eine höhere Lehranstalt, die immer zu den Ersten gehören sollen, nicht nur in der Schule, sondern auch beim Sport und in der Musik, werden so abgehetzt, daß ihnen das Landerholungsheim eine Zufluchtsstätte vor all ihren Feinden ist. Viel Ruhe, wenig geistige, nicht allzuviel körperliche Tätigkeit, eine von der Heimat verschiedenartige Umgebung mit ihren neuartigen Anregungen tragen sehr viel zur Erholung bei. Wenige Monate, oft wenige Wochen genügen schon. In schwereren Fällen müssen solche Kinder in Landerziehungsheime, das find Statten, in denen die Kinder auch unterrichtet werden. Daher sind sie oft jahrelang in diesen Heimen. Der Unterricht schließt sich in seinen Zielen an irgendeine der üblichen Formen an, läßt aber dem Schüler eine gewisse Freiheit in der Auswahl der einzelnen Fächer, sodaß das nervöse Kind sich allmählich wieder an die Schule gewöhnt. Der Unterricht findet oft im Freien, im Walde oder in offenen Hallen statt. Schüler und Lehrer, oder besser gesagt Zöglinge und Erzieher, schließen sich meist enger aneinander an zu Lebensgemeinschaften oder sogenannten Familien. Die Landerziehun';^ , - waren häufig die äußersten Vorposten fortschrittlichen Unterrichts und fortschrittlicher Erziehung, ihre Leiter sehr oft angefeindete Führer auf dem Gebiete der Schul- und Erziehungsreform. Daß unter ihnen eine Anzahl Juden waren und sind, ist eigentlich selbstverständlich. Aber die Landerziehungsheime haben oft den einen großen Fehler, daß sie die Kinder zu sehr und auch zu ftange Zeit der eigentlichen Familienerziehung entziehen. Man hat daher nach Zwischenstufen gesucht und sie besonders in den Waldschulen gesunden. Die sind zuerst bei den Großstädten entstanden. Sie nehmen die Schüler während des Tages vollständig auf, geben ihnen Unterricht, Erziehung und Verpflegung vom Morgen bis zum Abend, entlassen sie aber für die Nacht, die Feiertage und die Ferien zu den Eltern. Dadurch ist manche Schwierigkeit, die durch Landerziehungsheime entsteht, ausgeschaltet. Auch die Dauer des Aufenthaltes ist oft begrenzt; manche dieser Waldschulen nehmen die Kinder nur für die Zeit auf, in der sie wirklich erholungsbedürftig sind, manche für mehrere Jahre. Aber die Einrichtung einer Waldschule ist sehr kostspielig, besonders durch die beschränkte Zahl von Schülern, die ausgenommen werden können, und erschwert ist die Einrichtung oft durch den Mangel an geeigneten Lehrern und Erziehern. Ein anderer Versuch, die Vorteile des Landeserziehungsheims zu erreichen, ohne seinen Nachteil mit in den Kauf nehmen zu müssen, sind die sogenannten Schullandheime, die seit wenigen Jahren erst hie und da ganz unabhängig von einander, seit drei Jahren an vielen Orten von einander beeinflußt, errichtet worden sind. Bei ihnen handelt es sich darum, Schüler auf verhältnismäßig kurze Zeit, höchstens zwei Monate, in eine andere Umgebung zu verpflanzen und ihre Erziehung auf eine andere Grundlage zu stellen. Das Großstadtkind kommt aufs Land, aus der Ebene geht man möglichst ins Gebirge, aus dem Binnenland an die See und umgekehrt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Anschauungskreis wird erweitert und vertieft sich, der Wechsel in der Umgebung wirkt belebend aus Körper und Geist. Ebenso wichtig ist der Umstand, daß Lehrer und Schüler sich ganz anders kennen lernen als in der Schule. Denn in das Schullandheim gehen geschlossene Klassen mit höchstens zwei Lehrern. Der Unterricht wird möglichst in normaler Weise fortgeführt, aber die Stunden, die ohne Unterricht sind, werden im engen Zusammenleben verbracht, und dadurch wird die Gemeinschaftserziehung gefördert. Der Lehrer wird leicht zum Freunde, der Mitschüler zum eng verbundenen Genossen. Das Gefühl der Verantwortung, das in jedem Lehrer selbstverständlich vorhanden ist, überträgt sich leicht auf die Schüler, in deren Hand ein großer Teil der Leitung und Versorgung des Heims liegt. Die Klasse wird zur Familie, die alle ihre Freuden und Leiden teilt. Der Unterricht besonders in Realien, also in Naturwissenschaften und Geographie, aber auch in den Gesinnungsfächern Religion, Deutsch und Geschichte, kann ganz anders konzentriert werden, und es ist sehr leicht möglich, einem Stoff eine beherrschende Stellung zu geben, von der aus alle anderen in einer Weise erfaßt werden können, wie nie zuvor in der Schule. Körperpflege und Pflege der Körperlichkeit können in einer Weise betrieben werden, daß sie einerseits viel stärker betont werden als daheim, und andererseits als dienende Glieder den Kreis der Erziehung schließen. Die Jungen und Mädel kommen meist oder eigentlich immer in jeder Beziehung gestärkt aus dem Schullandheim, und dieses große Erlebnis wirkt sich in der Schule und daheim erst recht aus. Wie wird solch ein Schullandheim gegründet? Beispiele können das am besten zeigen. Ein Berliner Realgymnasium hat zuerst im Verein seiner ehemaligen Schüler eine lebhafte Propaganda entfaltet und Geld gesammelt. Mit wenigen tausend Mark wurde ein Bauernhaus an einer nicht sehr besuchten Stelle des Riesengebirges, die aber leicht mit der Bahn zu erreichen ist, gekauft und von zwei Klassen, die nacheinander im Sommer dort waren, mit Hilfe von Handwerkern umgestaltet und wohnlich gemacht. Nachdem diese ersten Pioniere des neuen Heims das Lob des Hauses gesungen hatten und immer wieder sangen, bildete sich ein Verein der Freunde des Schullandheims, die für die Erhaltung des Heimes sorgen. Die Schüler zahlen für einfache kräftige Verpflegung einen verhältnismäßig niedrigen Satz, aus dem auch die ständig im Heim wohnende Mutter des ganzen und ihre Bedienung bezahlt wird. So oder ähnlich war es meist bei allen Schullandheimen. In vereinzelten Fällen haben auch städtische Körperschaften durch Geld die Sache gefördert, was in der neuesten Zeit zur Regel geworden ist. Auch die Mittelschulen der Berliner Jüdischen Gemeinde streben nach einem Schullandheim, aber noch fehlen die Mittel, um den Anfang zu machen. Der Elternkreis und die Freunde der Schulen gehören leider nicht zu den sehr zahlungsfähigen, und die Männer, denen es ein geringes wäre, ein Schullandheim vielleicht im Harz zu schenken, sind zu sehr durch andere Dinge wirklich oder angeblich in Anspruch genommen. Aber vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, ein Werk schaffen zu helfen, dessen Nützlichkeit von keinem bestritten, dessen Notwendigkeit aber noch nicht allgemein anerkannt wird. * Sprechsaal * Für diese Rubrik übernimmt dir Schristleitung lediglich die preßgesetzliche Derantwortung. Nochmals: Die haftarah zum zweite« Neujahrstage Lieber Herr Dr. Gottschalk! Sie haben ganz recht: Meine unter obiger Ueberschrist im Sprechsaal der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 15. Juni 1928 veröffentlichten Ausführungen blichen sich garnicht auf die Haftarah, sondern auf die Thoravorlesung. In der Tat: „Manchmal schläft selbst der gute Vater Homer." Ich habe natürlich diese Verwechftung nur in einer momentanen Gedankenlosigkeit begangen, ähnlich wie jener greise Rabbi, der an seinem 80. Geburtstag beim Segensspruch über die Thora steckenblieb. Aber immerhin, — sollten persönliche Gegner von mir glauben, ich hätte nicht, wie es der Fall war, aus Flüchtigkeit, sondern ich hätte aus Unkenntnis geschrieben, so bin ich auch damit einverstanden: es ist ja nur ritterlich von mir gehandelt, wenn ich beim Schachspiel einem Minderbegabten Partner Vorgabe gewähre. Mit immer sehr herzlichen Grüßen der Ihrige , George Goetz.