Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 22 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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halt-: „Ein Volk, das nicht einmal in allen seinen Teilen glaubt, daß cs ein Volk sei, will sich eine Hcimistätte schaffen aus innerer Notwendigkeit und „alten S e h n s ü ch t c n" heraus. Es ist immer etwas Gefährliches. eine Idee in die Wirklichkeit umzusetzen. Hier muß nun nicht nur für einen Inhalt eine Fassade errichtet, sondern von Grund aus gebaut, ja sogar die Bauleute müssen erst geschaffen rrrdcn. Deshalb besonders große Schwierigkeiten, denn jedes Neue, Außerordentliche, ist immer von Geburtswehen begleitet. Es handelt sich um die Zukunft des Judentums, die auf einem jüdischen Palästina beruht; deshalb eben muß man alles auf diese eine Karte setzen." Nach einer Berichterstattung Dr. Rosenblüths über eingelausenc Glückwünsche usw. begrüßt Herr Blumcnfeld die Vertreter der geladenen Behörden, der Gemeindekorporationen und die Gemeinderabbiner Rcgicrungsrat Langenbach spricht für die Regierung Glückwünsche zur Tagung des Verbandes aus, der cs sich zum Ziel gesetzt habe, dem jüdischen Volke seine „H c i m a t" zu schaffen, „ohne welche die Tradition gefährdet sei". S t a d 1 r a t Z i e g r o n begrüßt im Namen des Magistrats die Versammlung in Breslaus Mauern. Blumcnfeld dankt mit Worten der Er- Erinnerung an G r a e tz und Abraham Geiger, die beide in Breslau gelebt und gewirkt haben. Geheim rat Goldfeldt, Vorsitzender des Vorstandes der Synagogengemcinde Breslau, begrüßt in deren Namen und im Namen des Bezirksverbandcs der Gemeinden Niederschlcsiens den Delegiertentag der Z.B.f.D. Es handle sich zwar um eine Minderheit im deutschen Judentum; aber der Vorstand einer Synagogengemcinde sei unparteiisch und überparteilich und begrüße die Tagung dieser Bewegung, die aufrüttelnd und gewisscnschärscnd im Judentum gewirkt habe." Blumcnfeld erwidert: „Leo Baeck sagt in seinem Buch „Wesen des Judentums", daß „eine Minderheit stets zum Denken gezwungen ist..." Bei diesen Worten unterbricht ihn demonstrativer, tosender, ironischer Beifall der versammelten Zionisten. Politischer Takt und Anstandsgefühl hätte verlangt, daß der Redner diesen hier völlig unangebrachten Ausdruck von Parteileidenschaft zurückwies, weil ein solcher aus den ersten Vertreter der Synagogengemcinde und auch auf andere geladene Gäste verletzend wirken mußte. Aber Herr Blumensetd ist nicht der Mann, der sich billige Erfolge entgehen läßt; er begnügte sich, lächelnden Mundes der Versammlung zu erklären, daß er Dr. Leo Baeck diese beifällige Aufnahme des Zitats aus dessen Werk übermitteln werde. — Gemcinderabbiner Dr. Hossmann erinnert, daß der Tag des Beginns der Versammlung ein „i s s r a ch a g" (Tag nach dem Wochenfest) sei und erhofft von der Tagung eine Stärkung des Gefühls der Brüderlichkeit unter allen Juden der Welt, wie sich solches ja schon immer in der .„Alliance i s r a e l i t c" und im „H i l f s v c r e i n der Deutschen Juden" und neuerdings in der „A g u d a ß j i s r o e l" und im „W c l t ve r b a n d der liberalen Juden" geäußert habe." — B l u m c ns e l d dankt für diese Worte. Fi n zi (Tschechoslowakei) und R.-A. Margen sie rn (Deutsch-Oesterreich) bringen Grüße von ihren zionistL schen Landesverbänden. - R.-A. Jacob sohn, Breslau, spricht namens der Zionistischen Ortsgruppe Breslau und erhofft von der Tagung Stärkung des jüdischen Bolksgcsühls. — Nach der Wahl des Büros gedenkt Blumcnfeld der seit der letzten Tagung verstorbenen Zionisten mit Nennung ihres Namens, aber nicht nur dieser, sondern auch zweier Männer, die als Nichtzionisten sich sehr um das Judentum verdient gemacht haben, Joseph Kober, Breslau, und Paul Nathan vom „C.V.". Er tat dies besonders bei dem letzteren, also einem Zionistengegncr, mit so warmen Worten^ und in so ritterlicher Art, daß er dadurch den oben erwähnten Verstoß wieder etwas ausglich. — Tie Versammlung lvurde dann mit dem Absingen der „H a t i k w a h" (des zionistischen Nationalliedcs) durch die Zionisten geschlossen. — Hierzu etwas Persönliches. Dies Lied wurde mir vor einigen Jahren von einem jungen Zionisten vorgcsungen: er rühmte mir die begeisternde Wirkung in Versammlungen auch auf Fremde. Während bei sonstigen Partciveranstaltungen usw., denen ich als Außenstehender beiwohnte, die Parteiliedcr unwillkürlich auf mich Eindruck machten, spürte ich hier tatsächlich nicht das geringste; auch nichts von dem, was ich bei dem „D e u t s ch l a n d - l i,ed" und erst recht nichts von dem, >vas ich z. B. bei dem gemeinsamen „S ch e m a h I i s r o e l" in der Kcduschah empfinde. Weiterer Bericht folgt. I- W. - Br. Die Palästina-Regierung über die Linwanderungs- und Arbeitslage in Palästina Der Leiter des Einwanderungsamtes oer Palästina-Regierung hat soeben einen Bericht über die Einwanderungs¬ und Arbeitslage im Jahre 1927 herausgegeben, dem u. a. au entnehmen ist: Die finanzielle Depression, die die Kapazität des Landes einfchränkt, stand der Absorption neuer Einwanderer entgegen; infolgedessen konnten Einwandernngszertifikate ttur an Frauen und minderjährige Kinder von Landeseinwohnern, »n Jugendliche, die palästinensische Schulen besuchen wollten, sowie an Personen, die sich über den Besitz von Vermögen ausweifen konnten, gegeben werden. Außerdem durften 500 Arbeiter Immigranten, 250 Männer und 250 Frauen, alles junge Verwandte von Landeseinwohnern, in das Land kom men. Die Beschränkung hatte zur Folste, daß in der Ein Wanderung im Jahre 1927 das weibliche Element überwog und daß — zum ersten Male seit der Besetzung Palästinas durch die Engländer — die Zahl der Auswanderer die der Einwaltderer überstiegen hat. Im Jahre 1926 kamen 13 910 Personen (6276 Männer, 1864 Frauen und 2770 Kinder) ins Land, unter ihnen 13081 (5947 Männer, 4585 Frauen und 2549 Kinder) Juden. Im Jahre 1927 wanderten nur 3395 Personen (1337 Männer, 1453 Frauen und 805 Kinder) ein, unter ihnen 2713 (956 Männer, 1140 Frauen und 617 Kinder) Juden. Diese Zahl schließt 1220 Touristen (705 Juden, 430 Christen und 85 Moslems) ein, die später die Erlaubnis erhielten, im Lande seßhaft zu werden. Bon den 3395 im Jahre 1927 Eingcwanderten waren 1610 Unabhängige und 1352 Lohnempfänger, 2029 kamen aus Osteuropa, 652 aus Nordafrika und Weftafien, 275 aus Mitteleuropa, 145 aus den Vereinigten Staaten und Ml aus Großbritannien. 320 Personen wurden an den Häfen oder Grenzen Palästinas zurückgcwiefcn. Im Jahre 1927 wanderten aus Palästina 2274 Personen (640 Juden, 580 Christen und 1054 Moslems), die schon vor dem 1. Juli 1920 in Palästina seßhaft waren, ferner 4704 Neusiedler (4431 Juden, 233 Christen und 40 Moslems), die nach dem 1. Juli 1920 in Palästina einwanderten, aus. Im Jahre 1926 waren die entsprechenden Zahlen 1694 (413 Juden, 870 Christen, 411 Moslems) und 7735 (6952 Juden, 635 Christen, 148 Moslems). Von den 4431 Ausgewanderten jüdischen Nachkriegssiedlern waren 2500 erst in den letzten 2 Jahren nach Palästina gekommene Ein Teil von ihnen wanderte nach Rußland zurück, ein anderer Teil wandte sich nach Amerika oder nach Ländern Großbritanniens. Die Zahl der Arbeitslosen bewegte sich unter den Nichtjuden zwischen 1500 und 2000. Ein ernsteres Problem bildeteie Arbeitslosigkeit unter den Juden; man zählte (nicht weniger als 5000 Arbeitslose. Gegen Ende 1927 konnte ein größerer Teil der Arbeitslosen Beschäftigung finden, ihre Zähl verringerte sich merklich. Die Regierung beschleunigte die Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten und beschäftigte dabei eine möglichst große Zahl jüdischer Arbeitsloser. Die zionifti- Leser, die verreisen I Können sich die „Jfidisch-tiberale Zeitung“ auf kurze oder längere Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsenden lassen. Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ratsam, die Ueberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen. sche Organisation führte innerhalb der Grenzen ihrer beschränkten Finanzmittel eine Anzahl von Arbeiten durch. Schätzungsweise gibt es gegenwärtig in Palästina 26 500 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen. 70 Prozent sind Mitglieder der Allgemeinen Arbeiterförderation. 68 Prozent sind in einem Alter von weniger als 30 Jahren. 378 Juden wurden im Verlauf des Jahres in 6 neu errichteten Dörfern angesiedelt. Im Gefolge der Arbeitslosigkeit machte sich eine Senkung der Löhne geltend; im Baugewerbe betrug diese Senkung etwa 30 Prozent. Im Verlauf des Jahres 1927 haben sich 4374 Personen, von denen 4138 in Palästina ihren ständigen Wohnsitz haben, um die Staatsangehörigkeit beworben. 3188 Bürgerschaftszcrtifikate wurden ausgegeben. Von den 19 293 Personen, in der Mehrzahl Juden, die sich im Jahre 1922 für vorläufige Bürgerschaftszertifikate erklärten, haben sich bis jetzt nur 6418 um die endgültige Staatsbürgerschaft gemäß der Kabinettsorder beworben. Besondere Erleichterungen hinsichtlich der Erwerbung der Staatsbürgerschaft wurden türkischen Untertanen, die in Palästina geboren wurden, und jetzt außerhalb des Landes (z. B. in Zentral- und Südamerika) ansässig sind, gewährt, vorausgesetzt, daß sie die Verbindung mit Palästina aufrechterhalten haben. Die Möglichkeit zur Rückkehr nach Palästina wird solchen Personen bereitwillig gewährt. * BÜCHERSCHAU ★ R. Travers Herford: Die Pharisäer. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Dr. Walter Fischei. Verlag von Gustav Engel. Leipzig 1928. Der wahre Gelehrte zeichnet sich stets durch sittliches Wahrheitsstreben aus. Der ganze Mensch, der Charakter prägt sich in seinen Forschungen aus. Die Ethik beherrscht den Intellekt. An solchen Männern haben wir starken Mangel, besonders wenn es sich um Probleme des Judentums handelt. Travers Herford gehört zu diesen wenigen überaus sympathischen Erscheinungen, die mit vollendeter Objektivität, die mit liebevoller Einfüllung stets vereinigt ist, Grundfragen der jüdischen Religionsgeschichte seit mehr als einem Menschenalter immer von neuem behandelt. Das Buch zeigt wieder die vollendete Kenntnis und Beherrschung der Quellen, vornehmlich der ganzen talmudischen Literatur, die wir aus den früheren Werken des Verfassers kennen. Wenn in den letzten Jahren der Pharisäismus auch bei den christlichen Gelehrten Deutschlands eine gerechtere Würdigung erfahren hat und man allmählich mit den Irrtümern von zwei Jahrtausenden aufräumt, so gebührt Herford daran das wesentlichste Verdienst. Daß das Judentum durch sich von innen heraus erklärt werden muß, beweist jede Seite des Buches. Mit unvergleichlicher Klarheit wird uns eine geschichtliche Darstellung des Pharisäismus, seiner Lehren, seines Verhältnisses zu den Apokryphen und zum Neuen Testament und eine Aufhellung des Thora- und Traditionsbegriffs geboten. Dem Dank an den Verfasser schließt sich der an den Uebersetzer an und der aufrichtige Wunsch, daß das schön ausgestattete Werk der Verbreitung der Wahrheit in weitesten Kreisen dienen möge. Rabbiner Dr. L ö w e n s t a m in - Spandau. Dr. Arnold Merzbach: Zeitkultur und jüdische Erziehungsgemeinschaft. Verlag Kauffmann, Frankfurt a. M. 1928. 36 Seiten. Brosch. 1,20 Mk. Ein Referat, gehalten am 27. Dezember 1927, auf dem Frankfurter Bundestag der Agudas Jisroel-Jugendorganisation. Die Arbeit Merzbachs ist von sittlichem Ernst getragen. Wir können mit seinen Ideen übereinstimmen, da sie zeigen, wie aus dem Judentum heraus sich große Werte des Wissens und der Ethik moderner Kultur entwickelt haben. Das Judentum ist also eine Lebensmacht. Seine Propheten haben den Messias gekündet, und diese Sehnsucht nach Erlösung durchzieht die ganze wahrhaft kultivierte, das heißt vom Geiste des Guten erfüllte Welt. Aus diesen Momenten entwickelt Merzbach die These, daß sich unser Leben „unter den Augen Gottes“ abspielen und kein „Z u f a 11“ Erziehungswerte zerstören möge. Gerecht ist die Forderung, daß die Auswüchse auf sexuellem Gebiet als Feinde jüdischer Entwicklimgsmöglichkeiten unbedingt schwinden und normalem Empfinden Platz machen müssen. Abstoßend wirkt nur und überheblich klingt die Behauptung, daß die jungen Agudisten eine „fromme jüdische Jugend“ sei, die höhere Zwecke verfolge als andere Jugendbünde. Was heißt denn „fromm“ sein! Wie viel Relativität ist darin enthalten! Die anderen Jugendbünde sollten sich gegen den Vorwurf wehren, daß sie im Gegensatz zur Aguda nicht das Ziel verfolgen, in ihrem „Wesen jüngUaghaftes und “Mannestum“ zu vereinen. Diese etwas jugendliche Entgleisung schmälert jedoch nur wenig den Gesamtwert der Broschüre. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. Dr. Israel Schapira: Der Antisemitismus in der französischen Literatur. Philo-Verlag, Berlin 1927. 140 S. ln der Hauptsache eine Analyse der Schriften Drumont’s, des einstigen Wortführers des Antisemitismus, und dadurch eine systematische Darstellung der auf die Rassentheorie zurückgehenden Behauptungen über die luden. Zugleich gewährt die instruktive Schrift mancherlei literarhistorische Belehrung über französisches Schrifttum. Ob es richtig ist, wie es der Verfasser gern Nachweisen möchte, einen Zusammenhang zwischen der neuzeitlichen antisemitischen Literatur Frankreichs und der des Altertums und des Mittelalters, z. B. der Schrift des Agobard v. Lyon, anzunehmen, ist wohl zu bezweifeln. Ob eine Darstellung des Antisemitismus in der deutschen Literatur auch im wesentlichen nur einen Autor zu berücksichtigen braucht? Dienemann -Offenbach a. M. Hilaire Belloc: Die Juden. Uebersetzung und Nachwort von Theodor Haecker. Verlag Josef Kösel und Friedrich Pustet. München 1927. Deutschland hat den traurigen Ruhm, das klassische Land des Antisemitismus in Theorie und Praxis zu sein. So sollte man meinen, daß es keinen Import von Judenhaß- Literatur aus dem Auslande nötig hat. Und in der Tat stellt das Buch keine Bereicherung für die Lösung der „Judenfrage“ dar, wohl aber eine Verarmung in der Menschlichkeitsidee. Es operiert in seinen Grundlagen und in den Details mit den uns zur Genüge bekannten Gedankengängen des Hasses, der „Spannung und Reibung“ zwischen der „jüdischen Nation“ und den „Wirten“, der Gewohnheit der Verheimlichung und Ueberlegenheitsäußerung seitens der Juden und mit der „Unaufrichtigkeit und dem Mangel an Liebe“ seitens der Nichtjuden. Aber von Menschenliebe ist bei dem Verfasser selbst nichts zu spüren. Das Wohlwollen hat andere Argumente, und die Gerechtigkeit und Wahrheit sieht die Menschen in einem anderen Lichte. Der Standpunkt des Buches ist eine schlecht verschleierte Art von Heuchelei, die sich schon auf dem Titelblatt in den hebräischen Worten Scholaum le-Jisroel (Frieden für Israel) kennzeichnet. Auch das Nachwort des deutschen Gelehrten, das der Rechtfertigung und Erläuterung der Ideen des Autors dienen soll, ist völlig ungeeignet, das Werk des Friedens zu fördern. Rabbiner Dr. Löwenstamm - Spandau. Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland, herausgegeben von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden im Verlag Dr. Felix Scherbel (Berlin). Bei der Herausgabe des „Führers durch die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland“ war die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden bestrebt, nicht nur den engeren Fachkreisen einen Führer zum praktischen Gebrauch in die Hand zu geben, sondern darüber hinaus weitesten jüdischen Kreisen, sowie auch den behördlichen und interkonfessionellen Stellen zum ersten Mal ein geschlossenes Bild über das jüdische Wohlfahrtswesen in Deutschland zu vermitteln: Das Buch besteht aus 5 Hauptteilen: Teil 1: Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Landes-, Provinzial- und örtliche Stellen der jüdischen Wohlfahrtspflege Teil II: Organisationen und Einrichtungen der offenen jüdischen Wohlfahrtspflege. Teil 111: Anstalten und Einrichtungen der halboffenen Fürsorge. Teil IV: Jugendbewegung und Jugendpflege. Teil V: Rcichsorganisationen und Ueberterritoriale Organisationen der jüdischen Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Im Teil II sind alle Gemeinden mit über 100 jüdischen Seelen aufgeführt und es wird sowohl über die von der Gemeinde selbst ausgeübte Wohlfahrtspflege, als auch über die Wohlfahrtsorganisationen und Vereine eingehende Auskunft gegeben. Bei den Gemeinden sind Angaben über Namen und Adressen des Vorstandes, Zahl der Einwohner, der Juden und der jüdischen Zensiten, desgleichen auch Gemeinde- und Wohtfahrtsetat. Bei den Vereinen sind Zweck und Arbeitsgebiete eingehend angegeben, ebenso Mitgliederzahl und Zahl der Unterstützungsfälle. Michael Guttmann: Das Judentum und seine Umwelt. Erster Band: Allgemeiner Teil. Philo-Verlag. Berlin 1927. Die Teilung der Arbeit, die eines der Merkmale des modernen Lebens ist, hat längst auch die wissenschaftliche Forschung ergriffen. Selten begegnet man einem Buche, das das ganze Gebiet umfaßt. Hier haben wir wieder endlich einmal ein Werk, das die monotheistische Weltanschauung des Judentums in ihrer .Entwicklung während dreiundeinhalb Jahrtausenden in ihrem Kern und ihren Ausstrahlungen umfaßt. Das Wesen des Judentums und das des Christentums steht zur Debatte. Was ist Weltreligion? so könnte auch der Titel des Buches lauten. Die Antwort erfolgt mit einer Zielsicherheit und sachlichen Vornehmheit, die jeden Leser aufs innerlichste berühren muß. Man glaubt die Schritte der Wahrheit zu hören, wenn man den Erörterungen Guttmanns über die religiösen, sittlichen und rechtlichen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden während des ganzen jüdischen Daseins folgt. Welches ist diese Wahrheit? Judentum ist von Anfang an ethischer Universalismus gewesen und immer geblieben. Der Gedanke ist nicht neu, aber der Beweis für diesen Gedanken ist noch nie mit einer solchen Lückenlosigkeit, mit einer solch ungeheuren Stoffbeherrschung der antiken, der christlichen und der gesamten jüdischen Literatur geführt worden wie hier. Das Judentum war in seinem Verhältnis zu seiner Umwelt in allen Zeiten auf dem Urgrund der einen, alle Menschen umfassenden Sittlichkeit aufgebaut. Die Moral allein entschied über das Menschentum auch der Heidenwelt. Wer die sogenannten sieben noachidischen Ge bote zur Richtschnur seines Lebens machte, hatte Anspruch auf die volle Anerkennung seiner Menschenwürde und seiner Menschenrechte. Diese Gebote enthalten die Vermeidung des Götzendienstes und der Gotteslästerung, der Unzucht, des Raubes, des Blutvergießens und des Genusses von Fleischteilen, die vom lebenden Tiere abgeschnitten werden, sowie das Gebot der Einrichtung der Gerichtsbarkeit. Ohne dieses Minimum an Sittlichkeit ist ein menschliches Zusammenleben nicht möglich. Daher stammt das beispiellose humane Fremdenrecht der Bibel und der Satz des Talmuds: „Die Frommen aller Völker haben Anteil an der künftigen Seligkeit.“ Die religiösen Elemente des Judentums waren nur für seine Bekenner bestimmt und nur für sie verbindlich. Das ist freilich Partikularismus, aber jener notwendige Partikularismus, ohne den keine Religion, ja keine Gemeinschaft bestehen kann. Auch das Christentum konnte naturgemäß dieser partikularistischen Momente niemals entraten, nur daß es den Partikularismus in den Universalismus hineinbezogen und dadurch die Intoleranz zum menschlichen Prinzip erhoben hat, aus dem notwendig der Glaube an die alleinseligmachende Kirche mit seinen weiteren Konsequenzen: Religioiisverfolgungen, Inquisition, Ketzertum usw. folgte. Weil das Judentum Kult und Moral in ihrer Bedeutung für die nichtjüdische Welt stets trennte, richtete es neben dem Universalismus den wahren Toleranzgedanken für die Menschheit auf. Wie das Buch Guttmanns diese Ideen entwickelt und geschichtlich und literarisch mit zahllosen, beweiskräftigsten Belegstellen begründet, ist es zugleich eine Fundgrube echter Apologetik, die das moderne Judentum leider immer noch braucht gegenüber den Schmähungen und Herabsetzungen, die die Hoheit und Tiefe seines sittlichen Universalismus in Frage stellen sollen. Mit Spannung sehen wir dem zweiten, speziellen Teil des großen Werkes entgegen, das, wie wir hoffen, in derselben mustergültigen Ausstattung, nur wohl ohne die Unzahl oft recht störender Druckfehler des ersten Teils, und wie wir wünschen möchten, in absehbarer Zeit erscheinen wird. Dann wird der Gedanke erwogen werden müssen, wie man in einer gekürzten Ausgabe die grundlegenden Partien für die weitere Allgemeinheit und vielleicht auch für die Unterrichtszwecke nutzbar macht. Rabbiner Dr. Löwenstamm - Spandau. Blätter des Heine-Bundes. Zum Beginn seines zweiten Jahrganges bringt der Heine- Bund eine kleine interne Zeitschrift heraus. Die BDHB. sind bestimmt, den Kontakt der Mitglieder mit der Leitung und untereinander herzustellen und über bemerkenswerte Vorgänge des jüdisch-literarischen Lebens zu informieren. Das erste Heft liegt uns vor. Es enthält folgende Beiträge: Erinnerungen des Herausgebers Dr. Ahron Eliasberg an Martin Bubers Jugendzeit mit einem Bildnis Bubers als Verbindungsstudent im „Wichs“ — eine nachträgliche Gabe zu Bubers 50. Geburtstag; eine Analyse des Romans von Myriam Harry (Bd. 1 der. zweiten Jahresreihe) aus der Feder des großen französischen Kritikers Jules Lemaitre; eine hübsche Auseinandersetzung der Frau Nadja Stein mit den „Judendichtern“ Gebrüder Tharaud anläßlich ihrer „Kleinen Geschichte des jüdischen Volkes“; ferner Proben aus den in Vorbereitung befindlichen Büchern, Bildnisse von Verlagsautoren und endlich wissenswerte Angaben über Aufbau und Stand des Heine- Bundes. — Interessenten erhalten die Nummer kostenlos durch den Verlag des Heine-Bundes, Berlin W 57, Pallasstraße v 10-12. /