Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchMmleZeikmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. BcWfjHttU durch die Geschäftsstelle '/.jährlich m. 2.50 «uzeluummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 fftr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, »erautwortl. Redakteur: Bruua Mo,du. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilheimstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358. 3359 Postscheckkonto: Berlin JtW 7, 137 069 (Vereinigung für da» liberal- Zu den tum» Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit Vorheriger Genehmigung der Redaktiou gestattet. Anzeigenpreise: Die I2gejpa»tene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch - liberale Zeitung" Inserateuabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59). sowie samtl. Aunoncen-Lxpedittou. Nr. 21 D Berlin. 24. Mai 192S 8. Jahrgang Zwei Arauenworte Zum Wochenfest. Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. l. Unter dem Trauhimmel steht ein junges Paar. Verklungen ist der Segen des Predigers. Da hebt eine innige Stimme an: „Wo du hingehst, da will auch ich hin gehen." Und Gefühle der Liebe und Treue regen sich in den Neuvermählten. Die Kraft zum Ausharren wird wach und gestärkt und will den Bund unzerstörbar machen. Doch woher stammt dieses herrliche Wort? An der Grenze des Landes Juda stehen Ruth und Noomi. Jahre der Trauer, des Unglücks liegen hinter ihnen, Zeiten der Not stehen ihnen bevor. Noomi, rücksichtsvoll und zart, will ihr Elend allein tragen und Ruth neuem Glücke entgegenführen. Da ertönt es von den Lippen der jungen Witwe und klingt hinüber zur zweiten Mutter: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen." Und gerade die Gegenüberstellung der beiden Fälle, der Stunde, da das Wort zuerst erklang, der Stunde, da es heute ertönt, zeigt uns seinen ergreifenden Sinn. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen" — wie leicht ist es, das Wort im Glücke zu sprechen, umgeben von lachenden Verwandten und Freunden, wie schwer ist es, das Wort in der Stille zu künden, Aug in Auge, von Tränen durchzuckt! Wie leicht ist es, dieses Wort auszurufen, wenn man die Wandlungen noch nicht kennt, die unserm Schicksal Vorbehalten, wie schwer aber, das Wort zu wiederholen, wenn Unglück, wenn Jammer zu uns gedrungen! Aber ist das allein denn das Schwerste, das in unserm Worte enthalten ist? Bringt denn das Leben nicht auch die Stunden, da unser Wort Enttäuschung bedeutet? Wissen nicht Eltern davon zu erzählen, wie oft Kinder dieses Ruthwort verleugnen? Kennen nicht Freunde die Stunde des Abschieds, an die sie niemals vorher gedacht? Kommt nicht oft für Gatten die Stunde der Erkenntnis, daß Trauhimmel und Ehe zwei Dinge sind? Aber nicht so ist das gemeint, als wenn nur Böswilligkeit und als wenn nur Schuld diese Erkenntnis hervorruft — nein, wir erleben hier nur das eine: so furchtbar leicht, wie es ausgesprochen, so sehr schwer ist es, es durchzuführen „wo du hingehst, da gehe ich", weil wir viel seltner das Innere des andern kennen, als wir es zu kennen geglaubt. Aber freilich, auch wenn unser Glaube nicht täuscht und unser Wille ehrlich und gut — das Leben, das Schicksal spricht auch sein Wort. „Das ist fürwahr ein bittres Leid, Zur wundersamen Frühlingszeit Sein Liebstes tot zu wissen. Und doch ist's noch ein größres Leid, Wenn wir das Herz zur schönsten Zeit Ins Grab schon legen müssen. Ins Grab, wenn es noch sehnend klopft, Ins Grab, wenn es noch brennend tropft Von seinem Sterbekissen." Ja wie oft wird jenes Liebeswort zum Wort der Sehnsucht, des sich Verzehrens, wie oft ertönt es als letztes Verlangen: „Wo du starbst, möcht auch ich nun sterben!" Aber freilich, nicht bloß dazu ist unser Wort da, daß wrr seine ganze Schwere begreifen, uns von seiner Tragik erschüttern lassen. Nein, es tut auch so wohl und ist Herzenstrost, dre ganze Schönheit nachzufühlen, die über Ruth ausgebreitet war, die sieghafte Kraft in sich aufzunehmen, die von ihrem Worte einst ausgeströmt ist, an der herrlichen ■v-tebe ftdj zu entzünden, deren die Neujüdin fähig war. „Wo hingehst, da geh auch ich" — ja so spricht jenes tiefe Gefühl, das alles in uns zum Entflammen bringt, das Auge beseelt, das Blut durchglüht. Ja so sprach Liebe in jener Zeit schon, wie heut ein ostjüdisch Liedlein ertönt: „Brot und Salz will ich essen, Vater und Mutter will ich vergessen — Nur mit dir zusammen sein! Nur mit dir zusammen sein!" — wbl£ da geh auch ich" — ja so spricht das das Schwerste tut, was Kinder den Eltern erweisen können — sich losreißt aus chrem Haus, chrem Herzen, um dem Manne, der Gattin der Wahl zu folgen — und doch auch den Eltern verbunden bleibt, in aller Treue dev Kmdseinwollens. Ja so erklingts in der Stunde der ^ot, des tiefsten Unglücks, des tiefsten Elends, da Gatte zur Gattin, der Freund zum Freunde sprechen wie Ruth deremst zu dem Boas: „Breite deine Flügel über deine Magd, denn du bist mein Erlöser." erklingt es bei Greis und Greisin, wenn der eine leidend und schwach dahinsiecht, der andere nur noch ^Achten kann auf Freude, Vergnügen oder Genuß und dem Gefährten Pfleger und Diener wird a?P Plötzlich äu Ende gegangen und Kad- Unserer der Rest, dann bedarf es nicht mehr Ermahnung Wie selbstverständlicher Liebesdank und «Zeugnis heiliger Treue tönt es hinein in jedes 94 ou* **"' 6croi"’tt w bsr „Begrab nur deine Toten Tief in dein Herz hinein. Dann werden sie dein Leben Lebendige Tote sein. Dann werden sie im Herzen Stets wieder auferstehn. Als gute, lichte Engel Mit dir durchs Leben gehn!" II. Ob das Buch Ruth auch von Ruth selbst den Namen empfangen hat, ergreifender vielleicht ist das Schicksal der Noomi. Und auch sie spricht ein Wort, das an die Seele greift und Schicksalswort gar so vieler ist. „Vollbeglückt war ich, als ich auszog — leer hat Gott mich zurückkehren lassen." Oder wie man auch sagen könnte: „Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, war das Herz mir voll so sehr. Als ich wiederkam, als ich wiederkam, war alles leer!" Als Frau aus begütertem Hause, als glückliche Mutter zweier Söhne, als glückliche Gattin eines wohlhabenden Mannes tritt uns Noomi entgegen. Da aber trifft sie der erste Schlag. Eine Hungersnot zwingt sie zur Auswanderung. Heimat und Freunde gilt es zu verlassen und hinzuziehen in heidnisches Land, überzusiedeln zu fremden Menschen, das Brot des „Elends", d. h. des Auslands gilt es zu essen — „als sie Abschied nahm, als sie Abschied nahm". Und was das bedeutet — Tausende kennen heute den Schmerz. Herausgerissen, verpflanzt, entwurzelt, zur Anpassung gezwungen und Umstellung, und deshalb voll dauernder Wehmut und Sehnsucht, das ist der schmerzlichste Seelenzustand. Da aber trifft sie der zweite Schlag, gerade als sie im Ausland weilt: sie verliert den Gatten und trauert als Witwe mit chren zwei Söhnen — „da sie Abschied nahm, da sic Abschied nahm". Die Bibel sagt nichts von ihrer Trauer. Und doch, von allen Losen auf Erden ist das der Witwe mit das ergreifendste und bedrückendste. Und um so ergreifender und um so bedrückender, wenn der Mann in jungen Jahren gestorben und noch Kinder zum Erziehen da sind, wenn das Band zwischen Gatten und Gattin so stark war, daß ein neuer Liebesbund ausgeschlossen. Der Schleier, den Witwen vielfach tragen, er ist so symbolisch für chren Schmerz. Er deckt so viel zu von einstigen Freuden, verhüllt so viel von früheren Träumen. Er spricht so viel von Verzicht und Entsagen, auch dann, wenn Kinder die Witwen umspielen. Oder gerade dann. Denn Kinder, sind sie auch noch so gut, sie können den Gatten ja niemals . ersetzen. Die Liebe zu Kindern ist etwas so anderes als es die Liebe der Gatten war. Die Kinder sind jung und wollen ihr Recht: ihr Recht auf Freude, auf Leben, auf Jugend. Kinder sind Tröster, aber nie ein Ersatz. Das ist kein Borwurf, das ist nur menschlich. Die Witwe kann Kindern nicht anvertrauen, was sie dem Gatten vertrauen durste. Sie kann, ja sie will ihnen ihren Schmerz nicht zeigen. Und sind diese Kinder schon in der Ehe, dann zeigt sich wieder ein anderes und Schweres: die Gatten lebten miteinander, die Kinder leben für die Eltern. Die Gatten leben stets zusammen, die Kinder kommen noch — zuweilen. Echt klingt darum und so ergreifend, wie einmal die Glücket von Hameln geklagt hat, die schon so jung zur Witwe geworden, acht Kinder aufzuziehen hatte und den Beruf des Ärannes fortzuführen: „Ich bin leider vom Himmel auf die Erde gefallen... Alle meine Sorgen hat mir der gute Freund ausreden können, und durch seinen Zuspruch kam mir alles leichter vor. Wer aber ist nun mein Tröster? Nun habe ich niemand mehr, dem ich mein Leid klagen könnte wie meinen Vater im Himmel." Und das war nun auch der Noomi Los. Aber es wurde ja immer noch schwerer. Die beiden Söhne nahmen sich Frauen, ein neues Glück schien sich zu erschließen, das Glück der Enkel von ferne zu winken — da erfolgte der dritte furchtbare Schlag: die beiden Söhne ereilte der Tod. Nun trug Noomi nicht bloß den Witwenschmerz und trug ihn mit ihren Schwiegertöchtern — sie litt ja nun auch den Schmerz der Mutter — da sie „Abschied nahm, da sie Abschied nahm". Die Bibel schweigt wieder von ihren Gefühlen. Und doch, wie paßt hier die alt-neue Klage: „Ach, es ist ein Fluch in unsrem Wallen, Flüchtig muß vor uns das Feste fallen. Was wir halten, ist nicht mehr zu halten. Und am Ende bleibt uns nichts als Weinen." Noch schwerer ist Mutterals Witwenschmerz, weil er im Grunde ja unnatürlich. Der Gatte soll mit der Gattin leben, die Kiicher sollen sie überleben! Und gerade die Mütter, die sie geboren, die ihr Leben gewagt, um ihnen die Welt zu erschließen — sie tat es nun zu dem furchtbaren Zweck, sie selber wieder ins Grab zu betten! Und zwei Söhne auf einmal, nachdem sie schon Heimat und Gatte verloren! Zwei Söhne und damit die einzigen Kinder! Als neuer Hiob so steht sie da, als eine jüdische Niobe! Und was für den Beschauer beinah erdrückend — man kann noch leben mü dem dreifachen Weh! Die Kraft der Seele ist wie die des Körpers schier unbegreiflich und übermenschlich! Und ist es nicht auch so übermenschlich — oder ist es vielleicht so selbstverständlich, was jetzt geschieht? „Es gibt ein Paradies aus Erden, aus dem wir nie vertrieben werden Die Not der jüdischen Gemeinden im bulgarischen Erdbebengebiet Der Hilfsvereiu der Deutschen Juden erhielt aus Bulgarien folgende Mitteilung: Alle jüdischen Institutionen von Philippopel und Tschirpan (Schulen, Synagogen, Lehrhäuser, Polikliniken, Gemeindehäuser) sind zerstört. Das Unglück ist ein wenig geringer in Bazardjik, wo die Synagoge nach großen Reparaturen wird erhalten werden können, aber die Schule — bisher eine der besten bulgarischen Schulen — wird in etwa 14 Tagen niedergerissen werden müssen. Ebenso haben alle Häuser der Gemeinde in Bazardjik sehr große Schäden erlitten und eins von ihnen wird abgetragen werden müssen. In Haskovo und St. Zagora haben die Gemeinden ebenfalls schwere Verluste erlitten. Die ganze jüdische Bevölkerung von Tschirpan ist vollständig ohne Obdach und ruiniert. Die Juden von Philippopel haben große Verluste erlitten und wohnen im Freien, wie es übrigens im ganzen Tal der Maritza der Fall ist. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Bulgariens ist ohne Arbeit, ohne Obdach, die besten Gemeinden, die von Bazardjik, Haskovo und Philippopel, sind zugrunde gerichtet. Wie Sie sehen, ist die Situation sehr ernst. Es handelt sich nicht um unmittelbare Hilfe, die mehr oder weniger durch die sehr schweren Opfer, die wir bringen, und durch die Unterstützung, die wir von der Regierung und aus dem Ausland erhalten, gesichert ist. Unsere Kräfte sind aber zu schwach für die zu erfüllende Aufgabe, handelt es sich doch um den Wiederaufbau der Gemeindeinstitutionen, um die Hilfe an die ruinierten Juden, die zu unterstützen sind, damit sie wieder berufstätig sein können und darum, für den Unterhalt der am schwersten heimgesuchten Gemeinden während der Wiederaufbauperiode zu sorgen. Es ist Ihre Sache zu entscheiden, worin ihre Hilfe bestehen soll. können, sein Name heißt Erinnerung." Ja dorthin flüchten wir immer aufs neue, wenn uns die Gegenwart förmlich erdrückt: zaubern sie hervor, die lieblichen Stunden, träumen noch einmal die Träume von einst, eilen hin an die Stätten der Freuden, Stätten der Jugend und herrlichen Glücks. Und also handelt auch Noomi. Eine ganz große Sehnsucht steigt in ihr auf nach dem Lande der Heimat, nach Bethlehem. Und als sie nun da ist und die Frauen sie sehen in ihrer Abgezehrtheit und Verhärmtheit, den Zeichen einer erschütternden Wandlung, nun da die Bilder vergangener Tage blitzartig an Noomi vorüberziehen, da bricht sich der ganze verhaltene Jammer der Frau, der Mutter und der Vertriebenen endlich Bahn und wie ein lang unterdrückter Schrei und mit dem Ton des Menschheitsjammers klingt es nun all den Frauen entgegen, den einstigen Zeugen ihres herrlichen Glücks: „Nennt mich nicht Noomi, nennt mich Mara — nicht die Glückliche, nein, die Leidgetränkte!" „Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, war das Herz mir voll so sehr. Als ich wiederkam, als ich wiederkam, war alles leer!" Und viele, viele hören heute dies Wort und fühlen und sprechen es Noomi nach, die Armee der Neu-Armen freilich vor allem, sie, die wie Ruth einst und Noomi von den Resten der Felder der Reichen leben. Ja, auch der Kelch ging nicht an ihr vorüber. Und mancher wird denken: das war das Letzte. Das konnte sie unmöglich auch noch ertragen. Sie muhte zusammenbrechen, als Ruth mit der Speise der Armen hereintrat. Doch Noomi war noch nicht modern verweichlicht. Sie besitzt die schier übermenschliche Größe, als Ruth mit der „Ernte" ins Zimmer tritt und sie ausdrücklich als Bettelbrot bezeichnet, die Hände zu falten zum frommen Gebet und ähnlich dem Ausspruch des großen Dulders still und ergeben es zu bekennen: „Gelobt sei Gott, der seine Gnade den Toten bewahrt wie den Lebenden." Ja stark im Leiden und stark im Vertrauen, doch schließlich auch stark und jung im Lieben, so steht die Noomi vor uns da. Ruth und Boas empfangen ein Kind. Und Noomi erzieht es aus ihrem Schoß mit soviel Liebe und Zärtlichkeit, als wäre es wirklich ihr Enkelkind. All die Tage der Tränen und Stunden der Trauer haben ihr Die Weichheit des Herzens bewahrt, so sehr, daß Ruth und Boas ihr das Kind nicht nur ohne Bedenken anvertrauen und glücklich sind, die Viermalgeprüfte wieder lachen zu sehen, nein so sehr, daß die Frauen des Landes sie necken: „Der Noomi wurde ein Kind geboren!" Welch rührende Zartheit aber auch in dem Wort — der alten Frau in dem weißen Haar ist eine zweite Jugend beschieden. Ja so löst sich auch diese furchtbare Tragik und mündet in wehmütige Freude aus. Und das Wort, das so oft nur Jammer gekündet, hat jetzt die Wendung ins Leben genommen: „Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, War alles leer, Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War das Herz mir voll so sehr!" I