Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-04 · 18 (4.5.1928) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
18 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613965--2698-2620199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

ABC-Straße 57). Im Märzheft verbreitet sich Professor Theodor Hartwig, Brünn, über „Martin Bubers Bibelübersetzung". Er bekämpft die jüdische Auffassung, die von einer vieltausendjährigen Kultur redet, die trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen nicht umzubringen war; er bezeichnet das als „Unsinn, denn die jüdische „Kultur"-Bibel und Talmud ist durch die Entwicklung längst überholt und nur mehr in ostgalizischer Borniertheit lebendig. Martin Bubers „sinn- und lautgemäße" Bibelübersetzung ist und bleibt daher nichts anderes als nationalistische Reaktion, intellektueller Faszismus. Die Bibel kann durch keine Ueberfetzung sittlicher gemacht werden, als sie nun einmal ist." Es folgen nun Angriffe auf die Bibel, die wir unzählige Male in antisemitischen Schriften finden und ebenso oft widerlegt wordensind. Der Verfasser bemerkt am Schluß: „Die Weltrevolution wird allen religiösen und chauvinistischen Humbug (wozu auch der Zionismus gehört) hinwegsegen. Die Bibel wird in das Museum wandern und neben Bossuet, der noch im 17. Jahrhundert eine theologische Weltgeschichte schrieb, wird man als Unikum die aus dem 20. Jahrhundert stammende Bibelübersetzung von Martin Buber zeigen." In demselben Heft entgegnet dem Professor Hartwig ein jüdischer Gesinnungsgenosse — Dr. Paul Marcus, Hamburg — „der seiner Abstammung stets eingedenk und auch auf sie stolz ist." Er polemisiert gegen die Auffassung Prof. Hartwigs, wonach viele Juden aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus Trotzjuden geworden seien. „Es hat sich vielmehr bei diesen Juden ein völkisches Selbstbewußtsein herausgebildct, das von der Arroganz eines sein eigenes Ich herauskehrenden Juden weit entfernt ist" — —. Diese Juden haben sich größtenteils in der zionistischen Bewegung zusammengefunden, die schon zu starken jüdischen Ansiedlungen in Palästina geführt hat. Martin Buber gehört auch zu dieser Kategorie Juden. Er war und ist sogar ein Rufer im Streit, allerdings immer in ruhiger und beruhigender Weife. -- Professor Hartwig irrt sich, wenn er meint, daß „Bibel und Talmud durch die Entwicklung längst überholt und nur mehr in ostgalizischer Borniertheit lebendig" seien. Nein, diese Glaubensquellen und andere Mythen sind gerade in neuester Zeit zu starker Verehrung gelangt. Hierzu hat Buber durch seine langjährige schriftstellerische Tätigkeit beigetragen. Die Anhänger dieser Weltanschauung ohne weiteres, als reaktionär zu bezeichnen, wie Professor Hartwig es tut, möchte ich für verkehrt halten. Wir können wohl sagen, daß sich diese Anschauung mit unserer eigenen - - - - — nicht verträgt, aber mit solch harten Werturteilen, wie sie Professor H. vornimmt, sollte man doch etwas vorsichtig sein. In der ganzen Welt zeigt sich eine stärkere Neigung zur Mystik. Dr. Marcus verweist dann aus die zahlreichen mystischen Schriften unserer Tage und fährt weiter fort: „In der Richtung der dichterischen Entwicklung Martin Bubers liegt auch seine neue Bibelübersetzung". - - „Es hat keinen Zweck, die Bibel zu -verurteilen oder moralische Maßstäbe an ihren Inhalt zu legen, wie dies Professor H. tut. Sie behält ihre Bedeutung als geschichtliches Kulturgut und bleibt für eine große Zahl von Menschen „Das Buch der Bücher." Buber sieht in der Bibel noch eine Offenbarung des göttlichen Wesens, dem er sich mystisch verbunden fühlt." — — „Es sind doch recht erhebliche Kreise, die biblisch interessiert sind, und in diesen Kreisen allein wird die Entscheidung fallen. Wir Monisten müssen diese Bibelübersetzung und die damit zusammenhängende Wiederbelebung der Mystik als ein Zeichen der Zeit betrachten. Wann diese Zeiterscheinung „museumsreif" wird, läßt sich meiner Meinung nach ebensowenig Voraussagen, wie bezüglich irgend eines anderen Produkts der Gegenwart „Zur Richtigstellung" ergreift Professor H. noch einmal das Wort im Aprilheft unter der Spitzmarke: „Die objektive Logik der Tatsachen." Er habe über Martin Bubers Bibelübersetzung in dem Sinne geurteilt, daß es nicht auf die ^subjektive Einstellung ankomme, sondern auf die objektive Auswirkung der Einstellung. „Als Sozialist bekämpfe ich nicht Menschen, sondern Systeme!" — „Es gibt höchst ehrenwerte Menscheil, die stets das Gute wollen und doch das Böse schassen helfen." — „Auch die Zionisten sind höchst ehren - wcrte Menschen und wollen ihrem Volkstum in Palästina zur neuen Blüte verhelfen" (Marcuse). Objektiv betrachtet, dienen sie aver dem englischen Imperialismus, indem sie der Wett macku England einen Stützpunkt gegen den Islam ausbauen Helsen. Das war ja auch der Sinn der „edlen" Geste Eng lands für öt’u Zionismus. Schließlich bemerken wir aus brüiftki), daß wir lediglich registrieren wollen und darum aus jeden Kommentar verzichten. Wir sprecheil nur noch mit dem Professor .Hartwig: „Es gibt auch einen geheimen Anti femiiismus un:er Freidenkern". Ein Verzeichnis der jüdischen Gefallenen Anfang 1929 feiert der Neichsbund jüdischer J-romsoldalen sein iOsäbriges Besteben. Aus diesem Anlaß soll das Ber- Zeiarnls der Flamen aller jüdischen Gefallenen Deutschlands, soweit sie bekannt sind, in einem Buche der Oefsentlichkeit bekennt gegeben werden. Als Grundlage für dieses Berzeichlll-' dienen die in der Kanzlei des R.J.F. ausbewahrten Karren, welche seinerzeit der von den jüdischen Organisatioiien eingesetzte kriegsstatistische Ausschuß aus den jüdischen Gemnnben m gewissenhaftester Weise unter Leitung der beiden SkatiNlker Pros. Dr. Silbergleit und T-r. Jakob segall gesammelt hat. Mit Ausnahme der abgetretenen Gebiete unb Hornburgs, wo infolge eines organisatorischen Versagens die Erhebungen nicht abgeschlossen wurden, wurden 9216 als au; dem Felde der Ehre geblieben und 87L als vennißt fesigestellr. Letztere sind auch als gesellen zu betrachten. Wenn man hierzu jene für die Statistik ausgeschiedenen Gebiete berücksichtigt, so ergibt eine sehr vorsichtige Rechnung für ganz Deutschland die Zahl von 12000 Gefallenen „Der Schild", Zeitschrift des R.J.F., hat bereits mit dem Abo nick der ersten Namensliste der Gefallenen begonnen. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei alle« Postämtern Deutschlands BUCHERSCHAU U Lamparter, Eduard, Stadtpfarrer a. D.: Das Judentum in seiner Kultur- und religionsgeschichtlichen Erscheinung. VIII u. 340 8. 8°. 1928. Leopold Klotz Verlag, Gotha. M. 8,-, geb. M. 10,-. in unserer Zeit, in der eine Flut von antisemitischen Schriften den Büchermarkt überschwemmt, um bald vom religiösen. bald vom wirtschaftlichen oder vom Rassenstandpunkt aus gegen Juden und Judentum zu Felde zu ziehen und ihre Minderwertigkeit, wenn nicht gar Gefährlichkeit mit allen nur denkbaren Mitteln, selbst mit lügenhaften Darstellungen und bewußten Fälschungen zu erweisen, ist es ein überaus erfreuliches Zeichen, daß ein Vertreter der protestantischen Geistlichkeit Deutschlands, der Stuttgarter Stadtpfarrer a. D. Eduard Lamparter, mit der obigen Arbeit in gewinnender und wohltuender Objektivität einen Beitrag zu der Frage leistet: Was hat das Judentum im Laufe von drei Jahrtausenden der Menschheit an kulturellen und religiösen Werten übermittelt? Es ist ein mutiges und tapferes Buch, mit dem der Verfasser, wie er im Geleitwort bemerkt, der Geschichtsforschung nicht neue Erkenntnisse bieten oder neue Wege weisen, sondern der Wahrheit und Gerechtigkeit dienen will. „Die Tatsachen sollen für sich selbst sprechen. Die Wahrheit ist der größte Feind des Antiscmitismus." (Hier wie an allen nachfolgenden Stellen vom Verfasser selbst gesperrt gedruckt.) „Nach der Ueberzeugung des Verfassers hat die christliche Wissenschaft der Gegenwart, im Unterschied von der früherer Jahrhunderte, gegenüber der Frage des Judentums eine verhängnisvolle Teilnahmlosigkeit und Tatenlosigkeit an den Tag gelegt. Sie hat sich in den schweren Kämpfen, welche seit Jahrzehnten um diese Frage wieder entbrannt sind, mit wenig Ausnahmen auf die Seite gestellt und dadurch wesentlich zum Anschwellen des Antisemit i s m u s vor allem auf deutschem Boden beigetragen. Es wäre Pflicht der Männer der Wissenschaft gewesen, von Anfang an mit einem einmütigen Wahrheitszeugnis dieser Flut Einhalt zu gebieten.“ Es macht L. alle Ehre, wenn er, in strahlendem Gegensatz zur überwiegenden Zahl seiner engeren Amtsgenossen, bekennt, daß er bei der Abfassung seines Buches „auch von dem Drang, etwas zur Sühne des an dein Judentum seit sieben Jahrhunderten auf deutschem Boden begangenen Unrechts beizutragen, geleitet gewesen ist". Eine Schwalbe macht wohl noch keinen Sommer, aber sie kündet ihn an. Inhalt und Einteilung der L.schen Schrift ergibt sich aus den Angriffen, die der Antisemitismus von drei Seiten gegen das Judentum unternimmt: 1. Das Judentum wird als eine durchaus minderwertige, verderbte, in jeder Beziehung leistungsunfähige Rasse gebrandmarkt. 2. Es wird als ein Schädling, eine Schmarotzer- oder Giftpflanze auf dem Boden der Mcnschheitskultur bekämpft. 3. Außer der rassenmäßigen Veranlagung wird die Religion des Judentums als die Quelle aller sittlichen und kulturellen Verderbnis verdächtigt. Diesen Angriffen rückt L. mit scharfer Kritik und rückhaltlosem Wahrheitsmut zu Leibe und weiß sie, ausgerüstet mit eindringender Kenntnis der Geschichte des Judentums und mit feinem Verständnis für seine religiösen und sittlichen Werte, aber auch getragen von der Achtung für die kulturellen Leistungen der Juden, nicht zuletzt Deutschlands, in ihrer Haltlosigkeit und ihrer wahren deutscher und christlicher Gesinnungsart widerstreitenden Natur abzuwehren und in das rechte Licht zu rücken. Von den 7 Kapiteln des Buches nimmt das erste grundsätzlich Stellung zu der modernen Rassentheorie, mit deren Verstiegenheit und UnWissenschaftlichkeit, wie sie in den Werken von Woltmann, Chamberlain, Hauser, Ammon, Driesmaus, Fischer, Lenz, Günther und Dinter zum Ausdruck kommt, L. gründlich abrechnet, um zu dem Ergebnis zii gelangen: „Die deutschen Juden sind seit mehr als tausend Jahren auf deutschem Boden beheimatet. Eine enge Schicksalsgemeinschaft verknüpft uns mit ihnen, sie haben im Lauf von Jahrhunderten Freude und Leid, Glück und Unglück mit dem deutschen Volk geteilt. Haben wir da ein Recht, sie als fremde verderbte Rasse zu meiden und zu befehden und uns als germanische Edelrasse, die ihr Blut rein und unvermischt bewahrt habe, gegen sie abzusperren? Wir vermögen die Geschichte der Germanen nicht über die Zeit hinaus, da sie mit dem römischen Reich in Berührung kamen, zu verfolgen. Aber die von den Deutsch völkischen beanspruchte Rasse nreinheit des Germanentums ist L u f t g e s p i n st.“ (S. 21.) Im 2. Kapitel behandelt er die Entstehung des Judentums, seine gegenwärtige Lage inmitten der christlichen Völker und die Frage seiner zukünftigen Stellung. Neben kleinen Irrtürnern - er gibt, der jüdischen Weitstatistik folgend, nach dem „Jüdischen illustrierten Kalender für das Jahr 5633“ (1924—1925) die Zahl der Juden im Jahre 1924 mit 18 Millionen an, während es in Wirklichkeit einige Millionen weniger sein dürften — zeigt er einen richtigen Blick für die Dinge und ein unabhängiges, freies Urteil. „Wir verwerfen die Bemühungen, die Juden auf dem Wege religiöser Propaganda zu Christen zu machen, grundsätzlich, nicht bloß in Anbetracht der geringen Erfolge und der vielfach sehr wenig ermutigenden Erfahrungen, die dabei gemacht werden, sondern auch, weil das Heiligtum der religiösen Ueberzeugung nicht durch Eingriffe von außen verletzt werden soll. Es kann niemand eine Freude an den, fast regelmäßig aus gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen erfolgenden Uebcrtritteu haben.“ (S. 44.) .Solche Worte hört man nicht allzu oft, zumal aus dem Munde eines christlichen Geistlichen. Ebenso offen enthüllt er die Unvereinbarkeit des Antisemitismus mit wahrer Religion. „Es gibt nur einen irreligiösen Antisemitismus. Er ist von einem! Geist beseelt, der dem Wesen wahrer Religion widerspricht. Wir sind noch auf keinen Antisemitismus gestoßen, der bei seiner Bekämpfung des Judentums das Gebot der Liebe nicht außer Acht gelassen hätte: wir sind noch auf keinen Antisemitismus gestoßen, der es mit dem Gebot der Wahrhaftigkeit streng genommen hätte; wir sind endlich noch auf keinen Antisemitismus gestoßen, der sich bemüht hätte, auch dem Gegner gerecht zu werden, ihn zu verstehen und anzu-; erkennen, was für ihn spricht.“ (S. 48.) Kapitel 3 gibt einen sehr interessanten geschichtlichen Ueberblick über die Kulturarbeit des Judentums, und zwar: Israels Kultur in Palästina und unter der Herrschaft der Römer, jüdische Kultur im Mittelalter, in der Zeit von der Reformation bis zur Aufklärung und von der Zeit der j Aufklärung bis zur Gegenwart. Es ist der ausführlichste! und beste Teil der ganzen Darstellung, in der eine Fülle von Namen und Tatsachen den unumstößlichen Beweis bringt, „daß besonders auch das deutsche Judentum eine Summe von Kulturleistungen, d. h. geistigen, künstlerischen, technischen und wirtschaftlichen Schöpfungen aufzuweisen hat, welche seinen zahlenmäßigen Anteil an der Gesamtbevölkerung weit übersteigt. Kaum hundert Jahre sind verflossen, seitdem die Fesseln der Entrechtung und Verfemung von , ihm genommen sind und ihm die Möglichkeit zu freier i Entfaltung seiner Kräfte und ungehemmtem Schaffen ge- \ Judentum in einem ganz außerordentlichen Maß an der Sicherung, Bereicherung und Veredlung des Lebens der Gesamtheit mitgearbeitet. Daß diese Tatsache heute noch so geben ist. Aber innerhalb dieses kurzen Zeitraums hat das wenig anerkannt ist, ändert nichts an ihr. Viele verschließen sich ihr geflissentlich aus bekannten Gründen. Andere wissen nicht, daß die Träger dieser und jener gefeierten Namen, seien es Dichter oder Künstler, Denker oder Techniker, Juden sind.“ (S. 192.) Nicht in gleicher Weise anzuerkennen und zu loben sind die Kapitel 4 und 5, in denen L. über „Die Religion des Volkes Israel“, wie sie uns in den schriftlichen Zeugnissen der Bibel bis zum babylonischen Exil entgegentritt, und über „Die Religion des Judentums“ spricht, deren Urkunden im Deuteronomium und im Priestergesetz wie in der religiösen Dichtung des Alten Testaments zu finden sind. Der Verfasser schwört auf Wellhausen und übersieht, «daß die Vertreter der protestantischen Bibelerklärung in unseren Tagen zu einer viel positiveren Einstellung zu allen einschlägigen Fragen der Schriftforschung des Alten Testaments gelangt! sind, oft sogar im bewußten Gegensatz, zu den Ergebnissen der von Wellhausen begründeten historisch-kritischen alttestamentlichen Theologie stehen. Es paßt auch gar nicht zu dem ganzen Bilde, das man von dem Verfasser gewinnt, wenn er sich die alte, so oft widerlegte, aber fast unausrottbare Ansicht zu eigen macht, daß „das Verhältnis, in welchem der Jude zu seinem Gott stand, als ein Rechtsvertrag aufgefaßt, und die Frömmigkeit immer mehr in die Sphäre des Rechts herabgedrückt“ wurde. Menschliche Leistung und göttliche Gegenleistung wurden mechanisch gegeneinander abgewogen.“ Sieht er sich doch selbst veranlaßt, dieses Urteil einzuschranken, indem er sagt: „Aber dieses Religionssystem hat doch nicht bloß der Selbstgerechtigkeit Vorschub geleistet und nicht bloß satte, mit sich selbst zufriedene Pharisäerseelen gezüchtet. Der kalte Hauch der auf dem Buchstaben des Gesetzes aufgebauten Theokratie vermochte nicht alle edlen Regungen einer innerlichen, nach lebend ig er Gemeinschaft mit Gott sich sehnenden Frömmigkeit zu ertöten.“ (S. 244.) Im 6. Kapitel, Judentum und Christentum, in dem L. die engen Beziehungen der christlichen Religion nach ihrer Herkunft und ihrem ursprünglichen Inhalt zum Judentum nachweist, aber auch die Ursachen der mehr und mehr zwischen beiden Religionen entstandenen Entfremdung aufdeckt, räumt er mit der abstrusen Vorstellung auf, daß Jesus kein Jude war, und setzt die nicht zu bestreitende Tatsache in ihr uunbestreitbares Recht ein. „Es erscheint uns immer wieder als eine Ungeheuerlichkeit, wenn dieser Wahrheit nicht {die Ehre gegeben wird.“ (S. 266.) Es kann dem Verfasser nicht hoch genug angerechnet werden, daß er von der Kreuzigung Christi überhaupt nicht spricht. Ob er es allerdings nicht tut, weil er weiß, daß hier die Forschung vielfach schon zu Ergebnissen gelangt ist, die ganz andere als die bisher verbreiteten Ursachen für dieses weltgeschichtliche und in ihren Folgen insbesondere für die Juden so verhängnisvolle Ereignis anzunehmen sich genötigt sehen, entzieht sich unserer Kenntnis, ist aber vielleicht aus seinem anerkennenswerten Bemühen zu schließen, Juden und Christen einander näher zu bringen und dem Judentum sein Daseinsrecht als Religion zu gewährleisten. „Daß auch der jüdischen Religion neben der christlichen trin göttliches Daseinsrecht, eine besondere Gabe und Aufgabe im Geistesleben der Menschheit verliehen ist, kann nur engherziger Konfessionalismus leugnen.“ (S. 294.) Das letzte Kapitel, der Talmud und die jüdische Sittenlehre, bietet eine sachliche Darstellung der Entstehung, des Inhalts und der Bedeutung des Talmud und der jüdischen Sittenlehre und tritt auf Grund der Forschungsergebnisse von Franz Delitzsch, Strack, Fiebig u. a. den hierüber verbreiteten Entstellungen, Irrtümern und Fälschungen entgegen, aber auch den gehässigen Angriffen, die namentlich gegen das Kol Nidre-Gebet noch bis in unsere Tage gerichtet werden. „Es gehört ein großes Maß von Frivolität dazu, das Volk der Juden, in dessen Gesetz immer wieder die Heiligung des Namens Gottes zum obersten Grundsatz alles Tuns erhoben wird, zu beschuldigen, daß es an seinem höchsten Festtage, dem das Gepräge ernstester Buße aufgedrückt ist, feierliche Anrufung Gottes und absichtlichen Bruch von geschworenen Eiden und getanen Gelübden wie in einem Atemzug über die Lippen bringe.“ (S. 328.) Alles in allem ein Buch, das dem Verfasser zur höchsten Ehre gereicht, weil es von seinem Wahrheitsmut das schönste Zeugnis ablegt, und uns Juden eine große Genugtuung bereitet, weil es uns mit Stolz erfüllt auf die Kulturleistungen des Judentums und seiner Bekenner. Es wäre aufs dringendste zu wünschen, daß dieses Buch von Christen ebenso wie von Juden recht eifrig gelesen werde, um alteingewurzelte Vorurteile zu beseitigen und zur inneren Befriedung unheilvoller, unversöhnlich scheinender Gegensätze in unserem Vaterlande beizutragen, um aber auch dem Judentum die langersehnte und schmerzlich vermißte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, denn „wer aus der Geschichte das Wesen des Judentums zu deuten vermag, vor dessen Geist steht es als eine Kultur- und relfgionsgeschichtHche Erscheinung, die mit Ehrfurcht erfüll t.“ (S. 340.) Gemeinderabbiner Prof. Dr. Golinski, Be uthen. Festschrift zum 75 jährigen Bestehen der Realschule mit Lyceum der Israelitischen Religionsgemeinschaft Frankfurt a. M. 1928. 1793 — so berichtet die Festschrift — taucht zum erstenmal in Frankfurt der Plan einer Profanschule für jüdische Kinder auf. Der Rabbiner spricht den Bann über die Verfechter des Planes aus. Diese erwirken beim Senat Aufhebung des Bannes. Darauf neuer Protest des Vorstands nebst Rabbiner: „Eine sogenannte teutsche Schule, wie sie auch immer gemodelt sein mag, ist mit dem ächten Judentum unvereinbar und also jüdisch religionswidrig.“ Der Protest wird zurückgewiesen. Nochmal Klage und nochmal Abweisung und Straffestsetzung von 1 Mk. Gold und 1 Mk. Silber. Zur Errichtung der Schule kam es aus äußeren Gründen trotzdem nicht. Daher 1852 eine Eingabe — diesmal des Vorstands — an den Senat um Erlaubnis zur Errichtung einer Schule: „Alle Glieder unserer Religionsgesellschaft sind von der tiefsten Ueberzeugung durchdrungen, daß unser ganzes Streben nur dann erst einen fruchtbaren Boden gewonnen haben werde, wenn die Erziehung unserer Jugend, die Heranbildung unseres kommenden Geschlechts im ungetrübten Geist des von unserer Religionsgesellschaft vertretenen religiösen Prinzips gesichert sein werde.“ Am 1. April 1353 wird die Schule mit 84 Schülern eröffnet. Jetzt erscheint zum 75 jährigen Bestehen eine Festschrift von fast 250 Seiten, berichtet von 420 Schülern, die die Schule besuchen, enthält den hebräischen Text eines Kommentars zum Traktat Chagiga und — einen Aufsatz über Shaw, zitiert Goethe und sein Wort vom „Gesetz“, das uns „Freiheit“ gibt, meint aber mit „Gesetz“ das allgemeine und jüdische. Man liest die Inschrift der Stiftungstafel: „Dieses der jüdisch-religiösen und allgemein humanen Bildung — Tauro im derech erez geweihte Haus...“ — Sehr instruktiv sind auch die Aufsätze über jüdisch-deutsche Profanliteratur und jüdische Symbolik. Mit Wehmut hört man von 70 Gefallenen, die auch diese Schule zu beklagen hat. Wie man auch zu den Grundtendenzen der Schule stehen mag — ihre Festschrift ist der Spiegel ernster, zielbewußter, jüdisch-religiöser — menschlicher Arbeit. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.