Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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mit den angedeuteten Gegenständen, wirklich gründliches Durchdenken, beispielsweise des Buches „Wesen des Judentums" jann durchaus noch unbequemer sein als das Lernen von Vokabeln oder Konjugationen. Es ist nicht der Gedanke der Bequemlichkeit, sondern die Einsicht in die wirklichen Verhältnisse und das Ziel, jo viel wie nur möglich zu erreichen in Kenntnis von jüdischen Dingen mit dem zur Verfügung stehenden Aufwand an Zeit und Arbeitskraft und Arbeitsmöglichkeit, die uns veranlassen, immer wieder zu prüfen, ob wir doch nicht zunächst auf das Hebräisch-lernen verzichten müssen! Wir dürfen unser Urteil auch nicht durch eine mystisch-romantische Schwärmerei trüben lassen, die vielleicht heute in anderen Kreisen jüdischer Jugendbewegung herrschen mag. Es ist wohl unnötig hinzuzusügen, daß für mich die Frage Neu-Hebräisch zu lernen, in gar keinem Zusammenhang mit der hier behandelten Frage steht, und daß ich Neuhebräisch nicht als das Sprungbrett für die klassische Sprache ansehe. Fassen wir also zusammen: Für uns kann gegenwärtig in Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse das Hebräischlernen erst in zweiter Linie kommen, nämlich na ch intensiver und gründlicher Beschäftigung mit Judentum und jüdischen Problemen unter Umgehung der Sprachschwierigkeiten. Man komme nicht mit dem Einwand, dieses ließe jich mit jenem verbinden; für die verfügbare Zeit und Arbeitskraft und bei den geringen jüdischen Kenntnissen verhindert das Gewinnen elementarer Sprachkenntnisse und Grundlagen meist das Erreichen des Inhalts und feiner Problematik. Wir brauchen bei einem Verzicht auf das Hebräisch-lernen in unserm Tun für die Gegenwart nicht unserer Idee und Hoffnung für die Zukunft zu entsagen. Wenn die jetzige Generation unter Umgehung der Sprache heimisch wird im Gcistesfchatz, der unser Judentum ausmacht, so wird sie vielleicht der nächsten Generation die Bahn frei zu machen wissen, von früh auf planmäßig auch in die Sprache des Judentums einzudringen, ohne damit die Zeit und Möglichkeit zu verlieren, auch den Inhalt sich anzueignen. Ludwig Lewin. Berichtigung. In der letzten Nummer der Jli-Blcitter hatte ich unter der Rubrik „Aus anderen jüdischen Jugendverbänden" von einer Führertagung des Neutralen Verbandes berichtet nach den Aufzeichnungen, die er uns, wie auch anderen Blättern, zugcsandt hatte. Dabei habe ich übersehen, daß es sich um eine Tagung der I u n g g r u p p c n - führ er des Neutralen Verbandes, nicht um die Führertagung handelt. Darauf weist der Neutrale Verband in einer Zuschrift hin. Es handelt sich demnach um die Zusammenkunft der Führer von Kükengruppen, wie wir sie wohl nennen würden, bei denen diese Führer im Alter von 15—18 Jahren stehen. Dies zur Richtigstellung. Von meiner Kritik kann ich leider auch hierbei, trotz des Einspruchs des Neutralen Verbandes, nichts zurücknehmen. Ludwig Lew in. (Wir wissen ja, daß cs sich dabei um den „Verband der jüdi- ' schen Jugendverbände" handelt. Da er aber im allgemeinen unter seinem alten Namen noch bekannter ist, nennen wir ihn hier unter dieser Bezeichnung. Die Red.) ★ Aus der Ili-Arbeit * Jtt-Berliw. Gemeinsame Veranstaltung am 29. März. Am 29. März hielt Dr. A. Lilicnthrl einen Vortrag über das Verhältnis des modernen Staats zur Religion. Uebcrall wohl erkennt der Staat die Daseinsberechtigung aller religiöser Richtungen an, wenn auch die Stellung zu ihrer aktiven Teilnahme am Staat in allen Ländern eine andere ist. Noch heute ist in einigen Staaten Amerikas der Glaube an Gott für einen Staatsbeamten notwendig, und in Preußen vor der Revolution sah man das protestantische Christentum als staatliche Grundlage an. Heute jedoch kann man säst überall eine Tendenz zur Trennung von Staat und Kirche beobachten, nur England nimmt noch eine konservative Haltung ein. Bisher wurde die Trennung am radikalsten von Frankreich durchgcführt, wo staatliche Zuwendungen und Einmischung religiöser Organisationen in staatliche Angelegenheiten geradezu verboten sind. Dieser Radikalismus hatte seinen Grund in der Furcht, daß der reaktionäre Einfluß der katholischen Kirche ungünstig bei der Begründung der Republik Mitwirken könnte. Deutschlands Stellung zu religiösen Organisationen erscheint gemäßigter, wenn auch die Reichsversassung keine Unterstützung durch den Staat mehr vorsieht, allein, da kein Reichsgesetz bisher näheres zur Ausführung dieses Gesetzes bestimmte, ist cs beim alten geblieben, und außerdem ist auch noch nach der Revolution die Zustimmung des Staates bei Ernennung hoher Geistlicher erforderlich. Auch Amerikas Stellung ist auf einem Kompromiß gegründet, und allem Anschein nach ist die Frage hier für alle Teile am günstigsten geregelt ivorden. Obwohl Staat und Religion völlig getrennte Dinge sind, werden die religiösen Organisationen nicht unterdrückt - wie in Frankreich —, sondern sie existieren als selbständig sich verwaltende Vereine. Entscheidend ist .für die amerikanische Situation im Gegensatz zur deutschen, daß die Zugehörigkeit zu einem religiösen Bekenntnis nicht durch Geburt, sondern durch Beitritt zum religiösen Verein erworben wird. Den amerikanischen Ausweg bczeichnete der Vortragende als besten, da unter solchen Bedingungen eine Religion immer wieder ihre Lebenskraft beweisen müßte. Das amerikanische Beispiel zeigt, daß die katholische Kirche diese Probe glänzend bestanden hat. Die Diskussion griff wesentlich an dieser Stelle ein. Die Gegner behaupteten, daß cs doch unvorstellbar sei, einem religiösen Bekenntnis wie einem Verein beizutreten, sei man doch vielmehr mit der Religion durch Schicksal und Kultur ohne eigenes Zutun innerlich verwachsen. Die allgemeine Ansicht war jedoch, daß jede Bewegung, auch eine religiöse, das sei, was sie aus sich macht. Paul Heinrichsdorff. Jtt-Berlin. Gruppe Osten. An einem Diskussionsabend der Gruppe Osten im vergangenen Monat beschäftigte man sich in eifriger Debatte mit dem Verhältnis des Gebets zum Gottesdienst. Die allgemeine Ansicht war zunächst, daß man den Wert von beiden wohl erkannte, jedoch empfand man eine Kluft zwischen ihnen, die man dadurch entstanden glaubte, daß das Gebet immer etwas notwendig Ursprüngliches sei, während der Gottesdienst, der wohl von der gleichen Grundlage ausging, heute sie nicht mehr besitze; daß es sich heute tatsächlich so verhalte, sei so deutlich durch die geringe innere Anteilnahme der Gemeind« am Gottesdienst erwiesen, daß wirklich religiöse Menschen sich oft vom Gottesdienst zurückziehcn. Die radikale Partei der Gruppe schlug deswegen vor, es in Zukunft jedem Menschen selbst zu überlassen, Gottesdienst für sich zu halten. Damit kam man auf die Frage, was denn der Sinn eines Gebetes sei, und entschied sich nach längerer Diskussion für eine zweifache Bedeutung. Die erste Bedeutung des Gebets sei das Bittgebet, das seinen Ursprung in der Furcht vor Gott Hat, den man durch Opfer und Bitten für die Menschen umzustimmen glaubte. Die zweite Bedeutung erschien uns die höhere, da sie aus der Ehrfurcht stammt und sich im Gebet als reine Verehrung Gottes darstellt. Ein Gottesdienst, so glaubte man, komme heute nicht mehr für die erste Gruppe von Gebeten in Betracht, da das Bittgebet ganz individuell geworden sei; in der zweiten Gruppe sah man jedoch eine neue Möglichkeit, dem Gottesdienst wieder eine allgemeingültige, lebendige Gestalt zu geben. Augenblicklich sind wir in einer Besprechung des Deuteronomiums, worüber später im ganzen berichtet werden wird. Wir haben sie mit der Lektüre von Stefan Zweigs Novelle: Die Augen des ewigen Bruders eingeleitet und versuchten in Diskussionen uns darüber klar zu werden, ob der Einzelmensch sich dann außerhalb der Gemeinschaft stellen darf, wenn er sich selbst durch ein Leben in der Einsamkeit von aller Schuld frei halten will. Man erkannte diese Anschauung als eine hohe Form von Verantwortungsgefühl an, glaubte aber schließlich, sie doch nicht billigen zu können, sondern man sah nur in der Bemühung, aktiv durch Denken und Tun hier unsere Unvollkommenheit zu überwinden, einen Weg zur höheren Gerechtigkeit Paul H e i n r i ch s d o r f f. Jli-Berlin. Mit der allgemeinen Veranstaltung am 1. März 1928 wollte man von den problematischen Themen abrücken, die bisher zu oft bevorzugt worden waren, und mehr Sachliches bieten. Immerhin, ein Anfang in dieser Richtung wurde in unserer letzten Veranstaltung von Hilde Bach mit ihrem Vortrag über die Glücket von Hameln gemacht. Selbst von sachlichem Gesichtspunkt gesehen, scheint uns die Glücket noch heute bedeutsam, da sie zu den wenigen jüdischen Menschen in Deutschland gehörte, die in der Zeit des 17. Jahrhunderts von der Stellung der Juden zur Umwelt gesprochen haben. Ihre Schilderungen schienen uns verbunden mit einer zarten Kritik, die wohl fühlen läßt, daß dieser Mensch trotz allen Elends ein gut Stück weiter sah als der Durchschnittsmensch. Obwohl sie sich der starken Einwirkung, die Sabbatai Zewi damals auf die ganze jüdische Welt ausübtc, auch nicht entziehen konnte, fühlt man doch, daß sie selbst sich sehr bald von diesem Einfluß befreite und wohl empfand, daß dieser Mystizismus keine gesunde Religiosität in sich trug. In einzelnen Erlebnissen gab sie einen Eindruck vom Elend, dem die Juden damals ausgesetzt waren; umso erfreulicher war es, daß sie selbst sich doch fest in ihrer Heimat verwurzelt fühlte und andrerseits freigeistig genug war, um den Wert und die Größe anderer Nationen, wie z. D. Frankreichs, offen anzucrkcnnen- Die Absicht des Vortrags war, uns durch einzelne Anekdoten ein Bild von dem Charakter und dem persönlichen Schicksal der Glücket von Hameln zu geben. Sie erschien uns als ein unendlich gütiger Mensch, begabt mit einer vornehmen Form von kritischem Empfinden, die sie weit über ihre jüdische Mitwelt hinaushob. Allein, da es darum ging, uns klar zu machen, daß es heute noch wert sei, von ihr zu reden, hätte man den Vortrag unter mehr sachliche Gesichtspunkte ordnen müssen. Paul H e i n r i ch s d o r f f. Bericht über die Fahrt des Jki vom 25.-26. Februar 1928. Am 25. Februar ging der Jli Berlin aus eine Is/^-Tagcssahrt. Wir fuhren nachmittags bis Fürstenwalde, von wo wir m etwa lVi Stunden zur Jugendherberge Berkcnbrück gelangten. Nach dem Abendbrot machten sich unsere beiden Führer auf, um drei Nachzügler aus Fürstenwaldc abzuholen. Wir andern machten, bis aus die Jüngeren, die schon schliefen, einen äußerst romantischen Nachtspaziergang mit fabelhaftem Sternenhimmel, wobei wir beinahe in die Spree sielen. Zurückgekehrt nahmen wir an dem gemeinsamen Singen eines in Scharen vorhandenen Wandervogels teil. Leider wurde der Gesang bald abgebrochen und dafür Coudenhove- C a l e r g i vorgelesen. Trotzdem ivohl bei uns allen gerade hierfür genug Interesse vorhanden ist, waren wir doch zu so vorgerückter Stunde nicht mehr recht aufnahmefähig, und wir waren recht froh, als die Ankunft unserer Nachzügler, mit denen zusammen wir 13 waren, uns von dieser Anstrengung befreite. Darauf wurde Zapfenstreich geblasen, und alles begab sich zur „Ruhe". Die Mädels lagen „zu scheußlichen Klumpen geballt" zu 5 in 3 Betten; den Jungens ivar cs mit Reuter „kold, kold, bitter kold". Daher erfolgte am Morgen frühes Ausstehen und Frühstück, dessen von den Mädels gekochter Kakao auch nur zur Hälfte angebrannt war, und Abmarsch. Bald waren wix wieder am grünen Strand der Spree, über die wir uns übersetzen ließen. Drüben wurde Frühstücksrast mit Singen, Photographieren usw. gemacht. Nach weiterem Marsche erstieg man unter großem Geklöne einen Chimborasso (den Duberow), auf dem Mittagsrast gemacht wurde, die sich bis t/55 Uhr ausdehnte. Tann rückten wir bei bestem Wetter, das uns den ganzen Tag treu geblieben mar, ab, und fuhren von Fürstenwalde nach Hause. Martin G l a ß. Jli-Breslrm. Am 17. März fand unter der Leitung des Herrn Kantor Wartenberger unser Purim-Bcrgnügen im Lessing-Logensaale statt. Ettva zweihundert Personen waren in den neuesten Kostümen unserer Einladung gefolgt. In bester Stimmung gab man sich dem Tanze hin, der durch künstlerische Kabarettvvrsühriingen unter Leitung eines Conferenciers unterbrochen wurde. So wechselten heitere Vorträge, Gesang, Tänze einer Girltruppe und Solotänze in bunter Folge ab. Schließlich ließ auch der verdienstvolle künstlerische Leiter, Herr Kantor Wartenberger, unter großem Beifall seine Stimme ertönen. Im Höhepunkt der Veranstaltung hatte Alfred Berger nicht versäumt, durch zu Herzen gehende Worte auf die Arbeiten und Ziele unserer Bewegung hinzuweisen. Die glänzend verlaufene Veranstaltung fand erst in den frühen Morgenstunden ihr Ende. Am 12. März behandelte Herr I. Wolfsohn den ersten Teil feines Vortrages „Symbolismus und Symbole im Allgemeinen und im Religiösen unter besonderer Berücksichtigung des Judentums". Zunächst erklärte der Redner eingehend die Bedeutung des Symbols an sich und seine Bedingtheit und führte hierfür Beispiele wie Gruß und Gerechtigkeit an. Nach Schilderung der Symbolarten im Alltagsleben, in Politik, bei Völkern, Stämmen u. a. kommt der Redner zum Religiösen. Der Islam und insbesondere das Christentum in seinen einzelnen Richtungen mit ihren Symbolen werden erläutert, so die Bedeutung der verschiedenen All- und Festtagssitten, Heiligenverehrung und vieles andere. Auch Vergleiche zum Judentum werden gezogen. Am 19. März ging dann Herr Wolssohn auf den zweiten Teil des Themas, die besondere Berücksichtigung des Judentums, ein. Der Redner spricht von gewesenen jüdischen Symbolen. So vor allem vom Opferdienst als Ausdruck der Dankbarkeit und Ehrfurcht der Landleute. Die Opfertiere selbst haben ihre Bedeutung (Bock, rote Kuh). Die verschiedenen Opferarten (Brandopfcc, Schuldopfer usw.) und die christliche Auffassung vom Opfer (Sühneopfer) werden gestreift. Es würde nun zu weit führen, hier die fesselnden Aussührungen des Redners über die Bedeutung der auch heute noch üblichen Symbole zu schildern. Nur auf die behandelten Gebiete sei in großen Linien hingewicsen: die Symbolik des Hauses, der Familie (von der Geburt bis zum Tode), des Gottesdienstes, des Sabbats und der anderen Feste. Die wesentlichen Ergebnisse des Vortrages bedeuten eine Bestätigung des Liberalismus. Alles Symbolische ist nur äußeres, zeitliches Mittel und Wandlungen in den verschiedenen Gegenden und Zeiten unterworfen. Die Symbole sind nicht um ihrer selbst willen da, denn der Kult der Sinne führt zum Kult der Seele (Koran), solange der Mensch noch nicht genügend gefestigt ist. Die Thora selbst ist ein Gebot für Zeit und Ewigkeit. An diese anregenden Ausführungen schloß sich eine interessante Aussprache an. ' Am 26. März sprach Herr Kantor Wartenberger über die Entwicklung des Synagogen-Gcsanges. Im Rahmen der hier skizzierten Ausführungen gab der Vortragende verschiedentlich schönste Proben synagogalen Gesanges unter Harmoniumbegleitung. Die Anfänge der Musik wurden geschildert, das Entstehen der Gebete, ihre Erweiterungen durch Melodien nach Stimmungen und Willen des Volkes (z. B. Olenu, Kaddisch, Kolnidre). Die Lieder erhalten sich bis in das 17. Jahrhundert. Im sich anschließenden Verfall können sich auch die Gesangswerke eines Rossi kaum durchsetzen, der die höchstkultivierte Synagogenmusik erreichte. Erst Salomvn Sulzer und Ludwig Lewandowski erreichten eine Reformierung der Synagogenmusik. Eine Aussprache beschloß den Abend. Am 1. April wurde in einer Borstandssitzung unser neues Werbeblatt besprochen und genehmigt; ferner Beschlüsse über unsere Sommertätigkeit gefaßt. Am 2. April schilderte in launiger Weise Herr Rechtsanwalt Erich Spitz „Etwas vom jüdischen Humor". Nach Ablehnung unwürdiger Witzeleien betont der Redner, daß es auch einen Humor gibt, der das jüdische Wesen ausdrückt. Den Dank der stattlichen Zuhörerschaft verband Alfred Berger mit warmen Worten der Anerkennung für alle Kreise, die unserem Jli ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Mit diesem Bereinsabend schloß unsere Winterarbeit. Am 2. Sederabcnd fand in den festlich geschmückten Räumen der Gesellschaft „Eintracht" unsere diesjährige gemeinsame Seder- Feier statt, die Herr Religionslehrer Davidsohn unter besonderer Berücksichtigung der Hagadah von Herrn Rabbiner Dr. Seligmann abhielt. Die Stunden der Weihe und der Andacht werden sicher allen Teilnehmern der Feier unvergessen bleiben. JN-Frlmffurt a. M. Unsere Arbeit im Februar. Am 1. Februar sprach in der Jugendgruppe Dr. Gottschalk über Jüdische Frauen. Er entwarf ein schönes Bild der jüdischen Frau, besonders des Mittelalters. Anschließend lasen einige Mitglieder Gedichte von Zweig. , Am 14. Februar sprach Willy Michel über „Die Stellung der Juden zu den politischen Parteien". Er legte in seinem Referat die Bestrebungen der einzelnen Parteien dar, erörterte ihre Stellung zum Judentum und unsere Stellung zu ihnen. Dann ging er zu den Gedanken über, die die einzelnen Parteien leiten, und beleuchtete sie vom Standpunkte des Judentums aus. Er bewies, daß, wenn man früher gesagt habe, daß Politik den Charakter verdirbt, heute die Politik, richtig verstanden, den Charakter zu bilden habe. Alle Juden haben Teil am Schicksal des Volkes, mit dem sie leben, dessen Heimat auch ihre Heimat, dessen Sprache auch ihre Sprache ist. In der Diskussion wurde heftig darüber gestritten, ob die Juden sich an führender Stelle betätigen sollen oder bescheiden zurückzutreten haben. Man einigte sich aber dahin, daß tüchtige Männer auch an die richtige Steile gehören, ganz gleich, ob Juden oder nicht, un^ daß ein richtiges Taktgefühl sie schon zu den andersgläubigen Volksgenossen das richtige Verhältnis finden lasse. Am 18. Februar sprach Lotte Eichelgrün in der Jugendgruppe über „Lafcadio Hearn und Japan". Zuerst entwarf die Rcferentin ein anschauliches Bild von dem Werdegang des Dichters, um dann auf das von ihm beschriebene Land Japan zu kommen. Die eigenartige Kultur dieses Landes wurde in fesselnder Form uns nahegebracht, die künstlerischen und religiösen Probleme besonders erwähnt. In der Diskussion wurde besonders auf den Unterschied zwischen der jüdischen Religion und den Religionen des fernen Ostens hingewiesen. Dies gab uns Anlaß zu besonderen Betrachtungen, die manchen sicher zu weiterer Erweiterung seines Wissens und Forschens geführt haben. Die Arbeitsgemeinschaften „Judentum und Christentum", „Geschichte des Sozialismus", die der Jli, die Arbeitsgemeinschaften „Aus jüdischer Geschichte", „Kunstgeschichte", „Lesezirkel: Der kleine Prophet", die die Jugendgruppe veranstaltete, nahmen regelmäßig 14tägig ihren Fortgang. Max Gundersheim. Weltjugend-Wanderdienst Ausruf zur Mitarbeit! Liebe Kameraden! Ihr wollt praktisch für Verständigung und Frieden arbeiten? Dann kommt und helft uns. Wir brauchen die Hilfe eines jeden — aus welchem Lande er auch fei — für eine Sache, die uns wie keine andere geeignet zu fein scheint, um die Jugend der verschiedenen Länder zusammenzuführen. Es genügt nicht, wenn wir in unseren Zeitschriften von einander lesen oder; für ein paar kurze Stunden auf Tagungen zusammenkommen. Wollen wir einen Menschen und feine Eigenart wirklich verstehen, so müssen wir eine Zeitlang mit ihm Zusammenleben und auch seine Heimat kennen lernen. Aber welches Mittel gibt es für uns jüngere Menschen, die wir durchweg wirtschaftlich nur schwach gestellt sind, um ohne erhebliche Kosten ein richtiges Bild von anderen Ländern und ihren Menschen zu gewinnen? Wir müssen die Selbsthilfe benutzen. Unser Mittel ist die „Große Fahrt!" Wie in der deutschen Jugendbewegung die „Große Fahrt" junge Menschen aus allen Bevölkerungsschichten vereinigte, sie andere, unbekannte Gaue ihres Heimatlandes und deren Menschen kennen lernen ließ und die gleichgesinnte Jugend aus den verschiedensten Landschaften zusammensührte, so soll auch die Einrichtung der Weltjugend-Wanderungen junge Menschen aus den verschiedensten Bevölkerungsklassen und Nationen in kleinen Wandergemeinschaften vereinigen, sie andere Länder und deren Bewohner erleben lassen und sie auch im engen, persönlichen Kontakt mit der gleichgesinnten Jugend des anderen Landes bringen. Ueber den Wert solcher internationalen Wanderungen braucht wohl nichts mehr gesagt zu werden. Jeder, der einmal an einer solchen Wanderung teilgenommen hat, weiß, welch wichtige politische Mission sie erfüllen, indem sie Brücken schlagen von Land zu Land, von Volk zu Volss. Seit drei Jahren werden bereits solche Wanderungen veranstaltet. Und zwar zuerst von der deutsch-englischen Feriengemeinschaft durch deutsche Landschaft. Die Zahl der Wandergruppen und Teilnehmer stieg von Jahr zu Jahr. 1927 nahmen etwa 300 junge Menschen aus 10 verschiedenen Ländern an den Wanderungen teil. Wir bitten alle, die Lust und Zeit haben, eine Fahrt in die nähere oder weitere Umgebung oder in andere deutsche oder ausländische Landschaft zu unternehmen, sich bei den Vermittlungsstellen des Landes, in der die Wanderung stattfinden soll, zu melden. Dorthin mögen sich auch alle deutschen und ausländischen Freunde wenden, die bereit sind, uns auch späterhin bei der Zusammenstellung der Ferienwanderungen und Studienreisen zu helfen. Vorläufig gibt es diese Wanderfahrten nur in verhältnismäßig bescheidenem Ausmaße, aber der große Erfolg, den sie in sich trugen, läßt uns ahnen, welche Bedeutung sie gewinnen können, wenn sie in allen Ländern und in großem Umfang stattsinden würden. Hier ist Neuland für die Jugend, indem sie in ihrem Sinne und chrem Geiste einen wichtigen Beitrag zur Verständigung der Klassen und Völker leisten kann. Auch werden uns die Weltjugend-Ferienwanderungen und Studienreisen eine wesentliche Hilfe in der Verwirklichung des Weltbundes der Jugend sein. Christian Wulff. Landesvermittlungsstellen: Amerika: Ellis Chadbourne, 1580 Lincoln Place, Brooklyn, New York. England: Harold Bing, 421 Sentinel House, Southampton Row, London WC1. Estland: August Anni, Dorpat, Universität. Dänemark: Axel Pillo, Rosengarden 12 A, Kopenhagen. Deutschland: Hedwig Eichbauer, Hamm/Sieg, Kirchplatz 146. Frankreich: Jacque C. Demarquette, 4. Avenue Soeur Rosalie, Paris XIII. Schweiz: Werner Zimmermann, See Mätteli, Ringenberg Alle Anfragen für Wanderungen in den verschiedenen Ländern gehen an die betreffende Landesvermittlungsstelle. Man vergesse nicht Rückpostgeld (Internationalen Antwortschein) beizusügen. Wer Interesse an diesen Bestrebungen hat, sott sich an Walter Simon, Berlin-Charlottenburg 9, Tannenberg-Allee Nr. 8-12, wenden.