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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-04-13 · 15 (13.4.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
15 (13.4.1928)
Date
1928-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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J MMÄackMmg Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. b«tch Ml Gischüsirflsüi '/ijährüch Al. 2L0 «S»Mtm»mm« oöro. Bei frei« Zusendung i. Inland 0.25 KG» Me Mitglied« d« Vereinigung ist d« vezngnprei» im Mtgüed»beitrage enthalte«. B,U««1w»rtl. »edaklenrr Brun» wo,da. 1fr. 15 Die «Jüdisch-liberale Zeilungerscheint jeden Freitag. Redaktion und GeschSstsstette: Berlin SW 4S, Wilhelmftr. 147 Aernrnf: Bergmann 335S, 3L5S Postscheckkonto: Berlin 7tW 7, 137069 tvereiaiguag für da» lib«ale Judrntuml Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung d« Redaktion gestattet. Anzeigeupreiser Die 12gesvaltene RouparaillezeUe 0.45 Goldmark, die ReNamezeile 3.00 Goldmark, dei Died«holungea Rabatt. Anzeigenanuahme: .Iüdisch-liberale Zeitung' Ins«ateuabteilung: B«liu Sw 48. Wilhelmstratze 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Ännoaceu-Lxpeditiou. Berlin. 13. Avril 1928 8. Jahrgang Zur jüdischen Einwanderung in Amerika Es ist eine hinlänglich bekannte Tatsache, daß unter den seit 1900 in die nordamerikanische Union eingewandcrten Europäern die Juden, und zwar vorwiegend (75—80 Prozent) osteuropäische Elemente, ein ansehnliches Kontingent stellen. Weniger unterrichtet dagegen dürfte man über die berufliche Zusammensetzung der jüdischen Emigranten in ihrer neuen Heimat sein.* *) Im ersten Viertel unseres Jahrhunderts wanderten 1 810 752 jüdische Männer, Frauen und Kinder nach den Vereinigten Staaten aus; ihr Anteil au der Gesamteinwanderung in die United States (17 018 682 Seelen) beträgt im Durchschnitt etwa 10,3 Prozent. Von den 992 330 erwerbstätigen Juden wurden durchschnittlich 00,1 Prozent in der Industrie, 10,1 Prozent im .Handel und 2,1 Prozent in der Landwirtschaft tätig; 2 Prozent gehörten den freien Berufen (Künstler, Schriftsteller, Aerztc, Rechtsanwälte, Ingenieure, Musiker, Rabbiner usw.) an, während 10,4 Prozent unqualifizierte, d. h. ungelernte Arbeiter und 12,4 Prozent Hausbcdicnstete waren. Ein wesentlich anderes Bild ergibt die berufliche Gliederung der seit 1900 nach Amerika übergesiedelten Juden vor ihrer Auswanderung aus den 5)eimatländern des Ostens. Aus Volts- und Berufszählungen und -Statistiken Rußlands (1897) und Galiziens (1900) geht hervor, daß 35,9 Prozent der jüdischen Einwohner in der Industrie, 31,5 Prozent im Handel, 5 Prozent in der Landwirtschaft beschäftigt waren und 4,9 Prozent eine freie Berufstätigkeit ausübten. Vergleicht man die amerikanischen und osteuropäischen Relativzahlen, so zeigt sich namentlich eine starke Zunahme der jüdischen Jndustriearbeiterschaft und ein beträchtlicher Rückgang der im Handel Tätigen. Das zahlenmäßige Ansteigen der jüdischen Jndustriearbeiterschaft erklärt sich auch daraus, daß „die meisten der beruflosen Auswanderer", größtenteils wirtschaftlich ruinierte kleine und mittlere Händler und Angestellte, *) Vgl. hierzu die ausführliche Arbeit von Jakob Lcstschinsltz: Die berufliche Zusammensetzung der jüdischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten 1900—1925. (Weltw. Arch. 1928 I.) Die vierte Tagung des Preußischen Landesverbandes ist beendet und damit vielleicht die letzte der Ende dieses Jahres ablausenden ersten Sitzungsperiode. In sorgfältiger, zäher Kleinarbeit hat der Rat des Verbandes für das jüdische Gemeindeleben, zumal der Kleingemeinden, für den Rabbiner- und Lehrerstand und seinen Nachwuchs, für manche Aufgabe der jüdischen Wohlfahrtspflege und Wissenschaft Wertvolles bereits geleistet, manch anderes vorbereitet. Der Tagung blieb für diese wichtige, aber geräuschlose Verbandsarbeit nur die Aufgabe, die nötigen Mittel zu bewilligen und hier und da Wege zu weisen, wie es bei den auf Anträge der Liberalen Fraktion zurückgehenden Bewilligungen für eine „Ostpreußenhilfe" und für die Siedlungszwecke des „Reichsbundcs jüdischer Frontsoldaten" geschehen ist. Ein maßgebendes Wort dagegen hat die Tagung zu sprechen in den Fragen der Ausgestaltung der eigenen Organisation des Landesverbandes, der Schaffung eines Reichsverbandes der deutschen Juden und der Neuorganisation des jüdischen Gemeindelebens durch ein neues preußisches Judengesetz. In allen diesen Beziehungen handelt E sich um Aufgaben zunächst formaler Natur. Aber die Form darf niemals Selbstzweck sein; stets darf die formale Gestaltung nur unter dem Gesichtspunkt gewertet werden, welche Möglichkeiten sie für sachliche Leistung wirtschaftlicher, kultureller religiöse.! Art bietet, welche Kräfte sie bindet oder löst. I. Unter diesem Gesichtspunkt sind zunächst die Verfassungsanträge der Liberalen Fraktion zu werten. Der Landesverband ist überorganisiert. Eine Verbandsversammlung von 124, ein großer Rat von 35, ein engerer Rat von 11, ein Dezernentenkollegium von 8 Mitgliedern neben dem Ständigen Ausschuß der Versammlung von 15, sechs weitere verfassungsmäßige Verbandsausschüsse von mindestens 15 Mitgliedern stehen nebeneinander. Die wichtigsten und eckigsten Dinge müssen drei bis vier Gremien passieren, um Annahme zu finden. Unter diesem Uebermaß von Instanzen und Formalien leidet die Sache. Die Kosten dieses Organismus sind übermäßig. Nach dem Haushalts- „vor ihrer Abreise irgendeine handwerkliche Verrichtung, meistens Schneiderarbeit, erlernen und sich bei der Ankunft in Amerika den Registrierbeamten gegenüber als Schneider usw. ausgeben, so daß sie dann in der Rubrik „Qualifizierte Arbeiter" erscheinen." Zu den „qualifizierten Arbeitern" rechnet die Statistik der SSereiuigten Staaten sowohl kaufmännische Angestellte als auch gelernte Facharbeiter. In der Tat wird die Mehrzahl der als „qualifiziert" bezeichnten jüdischen Einwanderer Fabrikarbeiter; ein verhältnismäßig kleiner Teil geht im Handel und Haüsiergewcrbe auf. Am stärksten (mit 60,8 Prozent der jüdischen Industriearbeiter) sind die Juden in der Bekleidungsindustrie (Konfektionsarbeiter) vertreten. In weitem Abstand folgen Holzbearbeitung und Baugewerbe mit 14,2 Prozent, die Metallbearbeitung mit 7,8 Prozent, die Lebensmittelindustrie mit 7,4 Prozent, das Buchdruckgcwerbe mit 1,6 Prozent, die Lederindustrie mit 1,4 Prozent. Unter den jüdischen Handwerkern in der Union nehmen die Schneider (221 446) die erste Stelle ein; sie machen übrigens 65,1 Prozent aller in den Jahren 1900—1925 eingcwanderten Schneider (339 925) aus. Außerdem siedelten während der Berichtszeit mehr als 85 000 jüdische Weißnäherinnen und Schneiderinnen in die neue Welt über. Bauhandwerk und Tischlergewerbe zählen 49113, das Schmiede-, Schlosser- und Klempuergewcrbe 33 828, das Metzger- und Backergcwerbe 34 768 Juden. Eine fast ebenso große Kopfstärke haben die jüdischen Schuhmacher (34 977). Ucber 9500 jüdische Uhrmacher und Juweliere und annähernd 8000 jüdische Friseure beschließen den Reigen. Selbstverständlich unterlagen Umfang und Charakter der jüdischen Einwanderung im Laufe des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts, d. h. in den einzelnen 25 Jahren, erheblichen Schwankungen, besonders in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Es würde über den Nahmen der vorstehender: knappen Darlegungen hinausgehen, wollte man die aufgesührten Zahlen nach dieser Richtung hin hier noch einer näheren Analyse unterziehen — so sehr auch diese Aufteilung dazu angetan wäre, das von der beruflichen Gruppierung der Eingewanderten großzügig gewonnene Bild zu verdeutlichen. E. L. entwnrf des Rates machten die persönlichen und sachlichen Verwaltungskostcn etwa 20 % der Verbandsmittel, mehr als 30 der Beiträge der Gemeinden aus. Diesen Tatsachen gegenüber waren die Anträge der Liberalen Fraktion bestimmt und geeignet, in erheblichem Maße Reibungsslächen zu vermeiden, Verbandsgelder zu sparen. Ein Verbandsorgan, das Dezcrnentenkollegium und die Ausschüsse sollten verschwinden, die Mitgliederzahl der andern Gremien auf Einhalb bis Zweidrittel reduziert werden. Damit mußten sich zugleich auch die sachlichen Ausgaben ermäßigen. Eine nicht unerhebliche Ermäßigung dieser Ausgaben wurde schon dadurch erziel:, daß die Liberale Fraktion, hierbei unterstützt von erheblichen Teilen der andern Parteien, den Voranschlag des Rates durch Ablehnung einer angeforderten ersten Rate für den Ankauf eines .Hauses ermäßigt hat. Alles in allem hätte sich eine Ersparnis von ca. hp der veranschlagten Verwaltungskosten wohl erzielen lassen. Die Vorschläge der Liberalen sind gescheitert an dem Widerstand der andern Parteien, denn die Liberalen allein verfügen nicht über die für Verfassungsänderungen erforderliche Zweidrittelmehrheit. Gründe von Gewicht hatte die Opposition nicht beizubringen. Ihr Leitgedanke war, daß jede Verkleinerung zum Schaden für die kleineren Parteien sei — ein Gedanke, der allenfalls für Zwergparteien richtig wäre, deren Bildung nach den Erfahrungen in anderen öffentlichen Körperschaften gewiß kein Vorzug ist. Ganz verfehlt aber ist dieser Gesichtspunkt für Parteien wie die Konservative Partei oder die Jüdische Volkspartei, die infolge des Verhältniswahlsystems und der Landesliste Sicherheit haben, auch in verkleinerten Körperschaften des Verbandes chren verhältnismäßigen Einfluß voll gewahrt zu sehen. Der Redner der Jüdischen Volkspartei hatte freilich noch ein anderes Argument. Er meinte, es sei richtiger und demokratischer, den Einfluß des Rates gegenüber der Landesversammlung zu verringern — aber er hütete sich, entsprechende Anträge einzubringen. Denn auch die Volkspartei weiß, daß der auf Mitgliedschaft und Beiträgen der Gemeinden aufgebaute Verband zusammenbricht, wenn man den Gemeindevorständen den Einfluß nimmt, den sie durch den Rat ausüben. Parteipolitisch könnte den Liberalen, die in der Tagung eine zuverlässigere Mehrheit haben als im Rat, eine Stärkung der Rechte der Verbandsversammlung nur angenehm sein — wer aber den Verband erhalten will, kann ihre Realisierung nicht versuchen. Noch in einem andern Punkt erschien das Verhalten der Opposition fast unbegreiflich. Die Liberalen wollten das Wahlsystem dahin ändern, daß nicht, wie bisher, auf jeden Wahlbezirk eine bestimmte Mandatszahl nach Maßgabe der jüdischen Seelen im Bezirk entfallen sollte, sondern wie bei den Reichstagswahlen auf eine bestimmte Zahl abgegeben e r Stimmen je ein Mandat. Nichts ist geeigneter, das Interesse der Wahlberechtigten am Verbände zu heben, als eine solche zu reger Wahlbeteiligung anspornende Neuregelung. Sie ist auch ein Gebot der Gerechtigkeit, weil sich ergeben hat, daß in manchen, namentlich kleingemeindlichen Wahlkreisen bis gegen 80 ° o, in anderen wie Berlin oder Köln nur ca. 4(1 ';<> der Wahlberechtigten gestimmt haben. Denn nach dem jetzigen Wahlsystem hat der Berliner oder Kölner Wähler praktisch die doppelte Stimmkraft des westfälischen oder schlesischen: er gibt gewissermaßen die Stimme eines nicht zur Wahl gehenden Indifferenten mit ab. — Auch für diese sachgemäße Ausgestaltung des Wahlverfahrens war die Opposition nicht zu gewinnen. Was übrig blieb und Annahme fand, waren fast durchweg Aenderungen von untergeordneter Bedeutung, die bei einer praktisch bedeutungsvollen Versassnngsrevision, wir sie geplant war, mit bereinigt werden sollten. Es würde nicht Wunder nehmen können, wenn etwa der Rat dem Torso der von unseren Vorschlägen übrig geblieben ist, die Zustimmung versagen sollte, aus der Erwägung, daß man wegen derartiger Nebendinge die Vcrbandsversassung nicht zu ändern brauchte. Wir Liberalen wollen cs offen aussprechen: erstrebt, aber n i ch t erreicht ist unser Ziel einer rationellen und nicht unverhältnismäßig teuren Verbandsorganisation. Für den unnötigen Leerlauf, die nnnö'ige Aufwendung von Mitteln, die wir nicht zu verhüten vermochten, lehnen wir vor den jüdischen Gemeinden und chren Mitgliedern die Verantwortung ab. Sie mögen sorgen, daß in der nächsten Versammlung die nötige Mehrheit für die notwendige Nationalisierung vorhanden ist. II. Die Mitteilungen des Rates über die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft der Landesverbände zur Schaffung eines Reichsverbandes sind von der Mehrheit der Tagung, insbesondere von den Liberalen, gel billigt worden. Als Abschlagszahlung haben wir die Arbeitsgemeinschaft unter „Erreichtes" gebucht. Zu dieser Frage genüge ein kurzes offenes Wort. Die preußischen Juden aller Parteien haben wenig Sinn für die dauernde Anfrcchterhaltung der Organisation des jüdischen Gcmeindelebens in 17 Staaten mit entsprechend (oder doch annähernd soviel) Landesverbänden. Sie haben daher ein natürliches Streben zum Rcichsverband. Sie müssen aber rechnen mit der anders gearteten Mentalität, besonders der bayerischen Juden, von der nicht einmal die „nationaljüdische Bolkspartci" unberührt ist. Und sie können an der Tatsache nicht Vorbeigehen, daß staatsrechtlich bic Angelegenheiten der religiösen Körperschaften Landessache sind und daher in vielfacher .Hinsicht auf absehbare Zeit die jüdischen Organisationen auch weiterhin einen großen Teil ihrer Arbeit in Beschränkung auf den einzelnen Freistaat und im Zusammenwirken mit dessen staatlichen Organen werden leisten müsse::. Es wird daher wesentliche Ausgabe bei der Schaffung des Reichsverbandes sein, dessen Organisation selbstverständlich den Grundsätzen demokratischer Willensbildung entsprechen muß — dessen Aufgabenkreis klarzustetlen und zu umgrenzen. Das wird umso leichter werden, umsomehr der Unitarismus im staatlichen Leben weitere natürliche Fortschritte machen wird. Es ist auch jetzt schon möglich, — Vorsorge aber muß dagegen getroffen werden, daß der Reichsverband mangels sachlicher Aufgaben zu einer Redehalle, zur Austragung weltanschaulicher Streitfragen wird, zu der die Volkspartei schon die Verbandstagung zu stempeln sucht, oder sich mangels eines deutschen Anfgabenkreises Ziele außerhalb seines begriffsmäßigen Arbeitsgebietes sucht. Für solche Zwecke werden die Gemeinden chre Mittel nicht zur Verfügung stellen. — Nach diesen Richtlinien wird aus dem, was erreicht ist, weiterzubauen sein. III. Wenn wir nun zuletzt vom I u d e n g e s e tz sprechen, so wollen wir offen und ehrlich mit den großen Verlustposten dieses Kontos beginnen: Es liegt nunmehr ein fast einstimmig beschlossener Entwurf zum Judengesetz vor ohne Sicherstellung des Frauenwahlrechts für alle Gemeinden und Gemeindeverbände. Wir Liberalen bedauern das aufs tiefste. Wir treten nach wie vor völlig einstimmig für das Frauenwahlrecht ein: aus prinzipiellen Gründen als für eine Forderung der.Gerechtigkeit, aus praktischen Erwägungen als für ein Mittel, das Interesse der jüdischen Frauen am Gemeindeleben, am jüdischen Leben überhaupt, zu wecken und zu fördern. Die Verankerung des Frauenwahlrechts im Gesetz hätte aber erneut heftigste Opposition der Konservativen und des Misrachiflügels der Jüdischen Bolkspartei zur Folge der LaudesverbmdsWiug Erstrebtes und Erreichtes Von Dr. Walter Breslauer, Berlin, stellvertretendem Vorsitzenden der Liberalen Fraktion der Verbandsversammlung.

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