Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 14 (6.4.1928)
- Date
- 1928-04-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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An Hand zahlreicher Lichtbilder zeigte der Vortragende die Erfolge, die der „Ort" auf den verschiedensten Gebieten seiner^ Tätigleit in den osteuropäischen Ländern erreicht hat. In scmem Schlußwort dankte der Vorsitzende des Abends, Hermann Wronkcr, Tr. Traub für seine interessanten Ausführungen und forderte die Anwesenden zur Unterstützung des Werkes auf, das nicht nur rein jüdische, sondern allgemein menschliche Bedeutung habe. Dem Aktionsausschuß der „Ort"-Gesellschast für Frankfurt gehören Vertreter der verschiedensten Richtungen an, wie z. B. Johanna Baer, Rabbiner Dr. Tienemann, Osfenbach a. M., San.-Rat Tr. Albert Ettlinger, Tipl.-Jng. Nathan Grünstein, R. A. Tr.^ Siegfried Guggcnheim, Osfenbach a. M., Rabbiner Tr. Jacob Hossmann, Rabbiner Tr. Jacob Horovitz, Richard Höxter, Rabbiner Tr. Arnold Lazarus, Tr. Max Mainzer, Rabbiner Tr. Caesar Tcligmann, Fritz Sondheimer, Jakob Wolfs, Willy Wolsf, Hermann Wronkcr. — Bei dem Interesse, tvelchcs die maßgebendsten Vertreter der Frankfurter Jüdischen Gemeinde an den „Ort"-Bestrcbungen genommen haben, wird ein tveitercs Gelingen der erfolgreich eingeleiteten „Orl"- Aktion in Frankfurt a. Main erwartet. Tie „Frankfurter Zeitung" ividmet der „Ort"-Aktion einen eingehenden Bericht. Fulda. (F r i c d ho s ss ch ä n d c r am Werk.) Auch der hiesige jüdische alte Friedhof ist in voriger Woche das Opfer einer vandalistisch hausenden Rotte Völkischer geworden, ohne daß es bisher gelungen ist, die Attentäter zu ermitteln. Tic Gemeinde hat eine Belohnung von 100 Mark für die Feststellung der Rohlinge in Aussicht gestellt. Königsberg. (Jubiläum von I u st i z r a t H o l jO Am 1. April begeht der in weitesten Kreisen unserer Provinz bestens bekannte Justizrat Eduard Holz sein 10 jähriges Amtsjubiläum als Vorstandsmitglied der Königsberger Shnagogcngcmeinde. Ter Jubilar, der als stellvertretender Vorsitzender dem Anssichtsrat der „Hartungschen Zeitung" angchört und über 30 Jahre als Stadtverordneter zum Wohle seiner Vaterstadt tätig war, ist neben seiner Tätigkeit für das jüdische Gemeindelcben auch durch seine politische Arbeit bekannt geworden. Im Stadtparlamcnt gehörte er der Fortschrittlichen Volkspartei und der Deinokratischen Partei an und tvirkte lange Zeit hindurch im Vorstande des alten Liberalen Bezirksvereins. _ Bereits in jungen Jahren tvidmete sich .Holz dem jüdischen Gemeindeleben. Kaum 28 Jahre alt, trat er, ohne vorher der Gemeindevertretung angehört zu haben, am 1. April 1888 m den Vorstand der Gemeinde, tvo er zunächst als stellvertretender Schriftführer und Schuldezerncnt tvirkte. Holz ivurdc vor 22 Jahren zum Vorsitzenden des Vorstandes gewählt. Als lvichtigstc Maßnahmen, die unter dem Präsidium von Juftizrat Holz getroffen ivurden, seien crivähnt: der Bau der Neuen Synagoge, die Einrichtung der Wanderarmensürsorgc, durch die die lästige .Hausbettelei beseitigt tvurde, die Einführung bei Religionsunterrichts in den höheren Schulen, die Bereinigung der .Hauptsynagogengemeinde mit der konservativen Gemeinde Adas; Jisrocl, die Einführung des Frauenivahlrechts zur Repräsentantenversammlung, die Einstufung der Beamten der Gemeinde in die staatliche Besoldungsordnung, die Gründung des Gemeindcblattes, die Schaffung des neuen Friedhofs und der Friedhosshalle in Amalienan und die .Herabsetzung der Synagogenstcuer. Seine Politik ging dahin, das Stencrsoll des Einzelnen nicht zu hoch zu belasten und eine sparsame Wirtschaft zu treiben. Justizrat .Holz ist auch sonst im jüdischen Leben »viederholt hcrvorgctrctcn. So ist er Vorsitzender des Verbandes der Synagogeugemeinden Ostpreußens, und das einzige ostvrenßische Mitglied des Großen Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Tcm Vorstände der Ortsgruppe Königsberg des Centralvercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehörte er eine Reihe von Jahren hindurch als stellvertretender Vorsitzender an. Er ist weiter Ehrenmitglied des Israelitischen Vereins für Krankenpflege und ^Beerdigung „Chewra Kadischa" und Vorsitzender des Israelitischen Studienförderungsvereins für Ost- und Westpreußens. Justizrat .Holz ist stets für Einigung und Ausgleichung der Gegensätze innerhalb der jüdischen Gemeinde eingctreten. Auch wir bringen ihm, der in religiöser Beziehung ans liberalem Boden steht, zu seinem Ehrentage die herzlichsten Glückwünsche dar. Magdeburg. (Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt.) Die Generalversammlung fand am 11. März 1928 unter Leitung von Rabbiner Dr. Wilde statt. Die Berliner .Hauptstelle sür Wandersürsorge >var durch Herrn Dr. Kreutzbergcr und die Berliner Zentrale durch Herrn Dr. Ollendorsf vertreten. Die Wanderfürsorge hat im vergangenen Jahre den größten Teil der Mittel verschlungen. Um Sachsen-Anhalt von Durchwanderung möglichst zu entlasten, hat der Verband ein Abkommen mit anderen Abfertigungsstellen geschlossen, daß diese die Wanderer durch unser Gebiet hindurchsenden, wir ihnen unfern Anteil an Reisekosten und Wegzehrung zahlen. Aus diese Weise wurde bisher im Etatsjahr an Köln 1279,95 RM., Hannover 1198,35 NM., Frankfurt a. M. 46,80 RM., Kassel 189,50 RM., Bochum 14,10 RM. bezahlt. Die Absertigungsstelle Magdeburg verausgabte 1226,— RM. Ta die Rückwanderung aus Frankreich und Belgien nachgelassen hat, hoffen wir, im neuen Jahre größere Mittel für die übrigen Zweige der Wohltätigkeit erübrigen zu können. Es soll auch die Anstellung einer Provinzial-Wohlsahrlspflcgerin in Erwägung gezogen tverden. Einzelpersonen wurden nur aus solchen Orten unterstützt, die keine oder nur eine ganz kleine Gemeinde haben. An der Debatte beteiligten sich die .Herren Tan.-Rat Dr. Frankenstcin, Michaelis, Frau Margolinsky, Rosenheim aus Magdeburg, Dr. Ollendorsf und Dr. Kreutzbergcr-Bcrlin, Mattischack-Stendal, Siedner-Halle a. S. und Silberberg-.Halbcrstadt. Ein Antrag Dr. Frankensteins, 2 Generalversammlungen im Jahre abzuhalten, wurde angenommen. Marburg. (Jüdische K u n st a u s st e l l u n g.) Bei der in der Zeit vom 25. Mai bis 31. August in den Räumen des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Marburg geplanten Ausstellung religiöser Kunst aus Hessen und Nassau soll auch eine jüdische Abteilung eingerichtet werden, deren Leitung dem Frankfurter Kustos jüdischer Altertümer, Herrn Erich Toeplitz, unterstellt ist. Der Ehrenausschuß der Ausstellung, dem die Herren Rabbiner Dr. Seligmann und Julius Goldschmidt angehören, wenden sich unter Hinweis auf den bedeutsamen Charakter dieser Ausstellung an alle interessierten und sür die Mitarbeit in Betracht kommenden Kreise, daß die Ausstellung ein recht vielseitiges und vollständiges Bild über jüdische Kunstdenkmäler biete. Angaben über Synagogen, Ritualbäder, Kultgeräte, Handschriften, Druckwerke und dergl., auch Bilder von Friedhöfen und anderes einschlägiges Material sind besonders erwünscht. Stendal. (P u r i m f c i e r.) Nach einer 2 jährigen Pause wurde in unserer Gemeinde wieder eine Purimfeier unter zahlreicher Beteiligung auch der Judenschaft aus den Nachbargcmcinden Tangermündc, Salzwedel, Gardelegen, Rathenow, Tangerhütte, Seehausen usw. begangen. Herr Oberkantor Max Teller aus Magdeburg, der hierorts den Religionsunterricht erteilt, hatte sich in uneigennütziger Weise in den Dienst der guten Sache gestellt und mit den Kindern ein Stück aus dem jüdischen Leben einstudicrt, das ganz tadellos aufgeführt wurde. Es fand bei den Festteilnehmeru großen Beifall und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Herrn Teller, der den Abend noch durch Gesangsvorträge verschönte, wurde sür die Mühewaltung herzlich gedankt. Ebenfalls konnte Herrn Lehrer Ackermann aus Salzwodel, der in wirkungsvoller Weise über das Purimfest sprach, durch Beifall gedankt werden. So war die Veranstaltung überaus erfolgreich. Sie hat den Zweck erfüllt, die in hiesiger Gegend zerstreut wohnenden Juden auf neutralem Boden zu sammeln, unter sich zu sein, sich wieder ganz als Inden zu fühlen und seine schönen Feste zu feiern. Stolp. (6 0. Geburtstag.) Am 30. v. M. beging Rabbiner Dr. Max Joseph in Stolp (Pommern) seinen 60. Geburtstag. Dr. Joseph, der aus der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hervorgegangen ist, wurde im Jahre 1902 zum Rabbiner der Gemeinde Stolp gewählt. Er ist in seiner Gemeinde als Kanzelrcdner und als Lehrer der Jugend sehr geschätzt und beliebt. Tr. Joseph gehört zu den leitenden Zionisten Deutschlands. Er veröffentlichte im Jahre 1908 unter dem Titel „Das Judentum am Scheidewege" ein größeres Werk, in welchem er sich mit dem religiösen Liberalismus auseinandersetzte. Dr. Joseph gehört auch zu den Mitarbeitern des in diesem Jahre im „Jüdischen Verlag" erschienenen „Jüdischen Lexikons", für das er eine große Reihe von religionswissenschaftlichen Aussätzen beigcstcuert hat. Vereinsnachrichten Die Jiu-Iilfii-Kriippe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Mitglied des ReichsvcrbandeS sür Jiu-Jitsu, veranstaltet am Donnerstag, den 19. April 1928, in der Schloßbrauerei Schöncberg, Hauptstraße 122-123, pünktlich 8>ch Uhr, einen Kampsabend gegen die gesamte Mannschaft der Leipziger Polizei. Es werden in dieser Mannschaft 2 Polizcimeistcr antreten, denen wir einen Deutschen Meister und unsere erste Kampsmannschaft stellen tverden. Dieser Kampf, zu dem Polizeipräsidium, Kommando der Schutzpolizei und Magistrat erscheinen tverden, verspricht eine gute Propaganda sür den jüdischen Sport in Berlin zu werden. Eintrittskarten im Preise von Mk. 1, 2, und 3, sind im Vorvrrkaui bei allen Theaterkassen von A. Wcrthcim, Passage, Laden 30 und im Büro der Ortsgruppe Berlin des Reichsbundcs jüdischer Frontsoldaten, Burgstraße 26, Zimmer 10, sowie an der Abendkasse zu haben. Bithja und Onnos Von Alexander K a j i z. Es hing ein Himmel voll Saphiren über dem mitternächtigen Land Aegypten. Tanzend, glitzernd kreisten die Sternensaphire und sahen gar unschuldig hernieder. Zwischen den Sternen segelte blaß die einsame Mondsichel. Und doch war es eine seltsam aufrauschende Mitternacht. Kobolde, wilde kleine Kobolde schienen dem Dunkel entstiegen zu sein und schallten, schallten, schallten... Jn den dümmerdunkelen üassen Aegyptens hämmerten Jammer und Geschrei vielstimmigen, gellenden Lärm, Entsetzensrufe spalteten und durchbohrten die Mitternacht. Die Türen der Häuser waren weit aufgetan; Bestürzung spülte viel Volk aus den Häusern. Fackeln bluteten durch die unruhige Mitternacht, warfen kraftloses, zuckendes Licht in die in Dunkelheit ertrunkenen Gassen. Wo die Augen hintasteten, waren Tote; an allen Wegen lauerten Tote, die Gassen waren gesprenkelt von Leichnamen, erdkalten Leichnamen. Augen erblindeten vor Entsetzen. Man hörte den Tod durch die Mitternacht fauchen, man hörte seine Puisschläge pochen. Der Tod donnerte, trommelte in seinem Zorn gegen die ägyptischen Häuser, die von den Schwingen der Todesengel umschattet waren; klirrend hell sausten die entblößten, geschmiedeten Schwerter, alle Erstgeborenen schlugen sie. Schlafende erwachten aus schnarchendem Schlaf und starben. Männer, Frauen und Kinder beteten zu ihren Göttern; in Rudeln standen sie vor ihren Opfersteinen. Auch die Fürsten von Aegypten wühlten sich in Gebete. Sterbende hauchten leise die Namen ihrer Götter; Lebende riefen und schrien sie laut in den Nachthimmel. Viel Volk versammelte sich am Nil, ihn um Schutz anflehend. An allen Ufern standen sie in Knäuel, und ihre schmerzlichen Stimmen kreischten gellend um Erbarmen. Ein ungestümer Wind kräuselte die Wellen des rauschenden Stromes, kämmte säuselnd das Wasser, der Nil stöhnte, seine Stimme seufzte. Das Volk verstummte. Ihre Blicke irrlichterten in der dunklen Mitternacht um den Nil herum, und sie lauschten schreckverzerrt seinen tiefen Atemzügen. Sodann wirbelten wieder Schreie, gellende, tierhafte, zwerghafte, keuchende, auslöschende und spitze. Mißtönende Lautwellen aus Tierkehlen, schmerzlich, langgezogen, schlossen sich an und vereinigten sich zu einem vulkanischen Geheul. Eine lange Weile schrien und kreischten sie so, um Hilfe winselnd, in die Ohren des Nils. Dann zogen sie, taumelnd, stolpernd vor Grauen, in Scharen zum Palaste des Königs. Zerrten an den Türen, rüttelten an den schmalbrüstigen Säulen, schlugen die Leibwachen und riefen: „Laß die Ebräer ziehen, Pharao! Laß sie ziehen!“ Es brandete um den Palast herum, Drohungen fluteten dem Palaste zu; es wüteten Rufe an das Herz Pharaos. Die steinernen Mauern des stolzen Palastes bebten. Im Hause des Königs sausten Unruhe und Lärm. Die Berater und Getreuen liefen hin und her und starrten einander mit tausend fragenden Lippen an. Bithja, die Tochter Pharaos, schmückte sich, tat in einen Sack viel Gold und Silber... Pharao, den der Lärm aus den schnarchenden Gewölben des Schlafes wachrüttelte und in steile Höhe riß, funkelte Zimmerdecke und Wände zornig und zähneknirschend an; in seinem Hirn kreiste es, und an seine Ohren scholl Empörung aus der drohenden Menge: „Laß die Ebräer ziehen, laß sie ziehen!“ Als nach einer geraumen Weile die Vertreter Pharaos den Palast verlassen hatten, um sich zu Mose zu begeben, schlurrte bald auch Bithja aus dem Hause, geschmückt, gestirnt mit Edelsteinen, die Pfeile von Licht in das Dunkel schossen. Ihre Samtaugen waren voller Geheimnisse und bargen den Ausdruck aufwachsenden Jubels. Selig glänzten ihre brombeerschwarzen Pupillen, und ihr mondüberschimmertes Haupt leuchtete durch das Dunkel. Zwei Mägde stampften hinterdrein mit Fackeln in der Rechten und kostbaren Gegenständen in der Linken. Kaum war Bithja einige Schritte gegangen, da rührte eine Stimme an ihr Ohr: „Bithja!“ Es war die Stimme Onnos’, Nachkomme des früheren ägyptischen Königs Unnis, Bithja in Leidenschaft ergeben, der auf einmal vor ihr stand. „Bist Du es, Bithja?“ keuchte Onnos, dessen Stimme einen rissigen Klang hatte, „ich war um Dich besorgt.“ „Ich bins“, erwiderte Bithja fast kalt. _ „Du bist es, Bithja, meine Geliebte“, stieß er hervor. „O, wie ich mich freue! Ich schlief und träumte von Dir; es war ein schöner Traum. Wir schwebten beide leicht und federnd von Sphinx zu Sphinx wie auf einer Wolke. Dein Vater Menephta sah uns auf einmal und wollte uns haschen; er spreizte seine Arme, allein er konnte uns nicht fassen. Plötzlich taumelten Rufe in der Luft, gellender Lärm schlängelte sich immer steiler empor, es brandeten Geräusche an meine Ohren — und ich verlor Dich. Ich erwachte — und fand unser Haus voll Grauen! Mein ältester Bruder Menes kauerte tot und kalt auf dem Boden. „Alle Erstgeborenen sterben!“ hörte ich herzzerreißend rufen. Mir fiel ein, daß auch Du eine Erstgeburt bist, und mir ward bange um Dich. In rasenden Sätzen lief ich im Blitze eines Augenblicks schnurstracks zu Dir — und nun lebst Du doch, Du Schützling der Götter; o, wie ich mich freue!“ Bithja nahm die Gegenstände aus den Händen ihrer Mägde, machte zu ihnen eine Bewegung, in das Haus Pharaos zurückzukehren. „Wohin, Bithja, wohin so festlich geschmückt?“ fragte Onnos’ Stimme leise. „Ich gehe zu meinem Sohne Mose; morgen, mit den ersten Wellen der zarten Frühe, ziehen wir von hier.“ Onnos erschauerte, als er den Namen Mose vernahm; in seinem Gesicht zuckten Augen, Nase und Kinn, und seine Lippen stotterten schlotternd: „Bithja, königlich von Gestalt und Ansehen, Tochter Mcnephtas, Königs von Aegypten und Nachfolger Ramses’ des Zweiten — was geht Dich ein Sklavenstamm an?! Laß den Ebräersohn s£ine Wege ziehen — Du bist zu schade für solche Hände!“ „Es ist kein Sklavenstamm!“ fiel ihm Bithja leidenschaftlich ins Wort, „sein Vorfahre war ein Stammfürst; einer seiner Nachkommen war König von Aegypten, der die Aegypter vor Hungersnot und Verderben rettete. Es ist ein edler Stamm, von unserer Macht in Sklaverei und Fron gepreßt. Nun ist diesem Stamme ein Mann geboren, der sie aus aller Bedrängnis befreit. Es ist Mose, von mir großgezogen und geliebt wie mein Sohn; ein edler Mensch, ein Weiser, von der Achtung und Liebe vieler Fürsten gewiegt. Er trug auch mehrere Jahre im Mohrenlande eine Königskrone als Nachfolger Kikason’. Sein Name geht wie eine leuchtende, funkensprühende Fackel durch das Land!“ „Stärker ist Menephta!“ begann Onnos mit einer anderen Stimme. „Andächtige Schauer ruft sein Name in a'len Ländern hervor. Seine Soldaten wissen Speer und Schwert zu schwingen wie keine anderen. Alle Nachbarvölker sind ihm unterworfen; auch Mose und die Ebräer werden sich bald wieder vor ihm beugen müssen!“ Mitleidsvoll zuckte Bithja die Achseln. Sie starrte Onnos einige Atemzüge lang ins flehende, verzerrte Gesicht; dann begann ihre Stimme leise, doch immer gespannter, leidenschaftlicher: „Eine Wand schiebt sich zwischen uns. Gleich läutenden Glocken ruft mich eine schallende Stimme von hier weg; es ist die Stimme Mose, es ist die Stimme eines großen, geheimnisvollen Geistes. Sein Wort ist stark wie ein Fels; sein Odem trägt den Schall von Hammerschlägen, stärker als Macht, stärker als Menephta. Seine Klänge umlohen mich ohne Unterlaß, begleiten mich überall hin; ich wohne in ihnen wie in einer Freistatt. Ich bin machtmüde, Onnos, zwischen uns dehnen sich Klüfte.“ Eine Weile betrachtete Onnos ihr schönes, alterloses Gesicht im fahlen Reflex des Mondlichts; dann sprach er in Ergriffenheit: „Du stehst ganz im starken Bann lockender Gesichte; willst Du alle Bindungen zerreißen, abstreifen und lockenden Unholden fremder Mächte folgen? Deine weichen, wunderbar geformten Glieder und Deine edlen Hände sollen sich nun an einem Sklavenaufstand beteiligen? Denke an Deinen Vater, an Dein Volk, an mich; wie oft waren wir ein Herzschlag, unlösbar verschmolzen, als könnte uns kein Wirbelsturm auseinanderreißen! Ist Dein Liebesgefühl für mich ganz erloschen? Bithja, wir sind zu eins verschmiedet! Ueberwinde Dich! Bleibe hier! In den glühenden, farbenreichen Dämmerungen werden wir wieder am Nilufer lustwandeln, Horus und rlis werden uns auf den Pyramidenspitzen tanzen, Gott Ra wird uns singen und unsere Liebe stärken, bleib’!“ „Gestorben ist meine Liebe zu Euch — eine Leiche. Sie war eine Erstgeburt und nun ist sie tot! Stumm sind Horus und Iris, stumm und zu ewiger Stille versteint. Tot ist Ra — tot und zu starrem Eis erfroren. Ein neuer Gott entfacht sich, ein unerschauter, der die Schwachen wie die Mächtigen schützt. An diesen Gott klammert sich meine Sehnsucht!“ Wieder zuckte Onnos zusammen. Er fühlte sich besiegt und ließ den Kopf sinken. Indes war Bithja im Dunkel schattenhaft verschwunden. „Bithja, Bithja!“ rief Onnos, als er die Augen erhob und sie nicht mehr sah. Bithja war verschwunden. Eine laue, linde, frühlingshafte Morgenfrühe. Vom Morgenhimmel rannen Wellen von Lieht und übersilberten die dämmerdunklen Gassen. Tausend Vögel rumorten, anfänglich leise, dann immer lärmender, geschäftiger, betriebsamer: piepend, singend, zwitschernd und trillernd. In diesen frühlingshaften Morgen zogen sechshunderttausend Juden rauschend, schallend. Mit freudeschimmernden Augen und singend, pochenden Herzens schritten sie — und Jubel wuchs in ihnen immer steiler auf. Sie zogen rucksackgeschultert; in ihren Händen trugen sie Säcke, gefüllt mit Gold, Silber, Schildpatt, Perlmutt, Beryl, Onyx, goldene Stangen und Reifen. Und doch gingen sie leicht, federleicht — wie auf Schwingen trug sie die Ebene. Ohne Unterlaß sangen sie posaunende, weithinschallende Lieder. Die Vögel trillerten lauter, ihr Gesang vereinigte sich mit dem der Ziehenden zu einem einzigen gewaltigen Akkord, zu einer jubelnden Stimme, und jede Weile schienen sie zu rufen: „Heil dir, Israel!“ Die perlenden, windgekräuselten, murmelnden und rauschenden Wellen des Nils sangen mit zum Takte ihrer Schritte. Die Zweige der Bäume am Wegsaum neigten sich in Andacht vor den Vorüberziehenden. Auch die stolz ragenden Pyramiden, die noch ein wenig angeweht und schemenhaft in den Morgen blickten, und die Paläste mit ihren übermütig prahlenden Säulenhallen schienen sich in Demut zu beugen... Onnos, der in einer Gasse auf der Erde in versunkenem Schlaf kauerte, erwachte, aufgerüttelt durch vorüberrauschenden Gesang und Trommelgeschmetter der Ziehenden. Er rieb sich einen Atemzug lang die Augen, weitete die Pupillen, — dann prallte auf einmal sein erwachter Blick gegen Bithja, die an der Spitze eines endlos sich hinscnlängelnden Frauenzuges rüstig schritt. Wie im Wirbelsturm taumelte sein müder Körper, und schmerzliche Laute jammerten in seinem Innern auf. „Bithja! Bithja!“ stammelten seine Lippen. „Heil Israel!“ riefen Stimmen aus dem tausendköpfigen Zuge, Onnos’ Worte übertönend und überdröhnend. „Heil Israel!“ scholl es aus der vorbeirauschenden Menge — und es klang wie eine Antwort.