Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613959--2646-2620141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
fl 1 I I lösung dieser Vereine deren Beamte brotlos werden. Derartige Zustände sind einer Religionsgemeinde unwürdig. Auch hier heißt es, die Privatgemeinden zu unterstützen. Zn dem vorher erwähnten, von dem Religionsverein Friedenau betreuten Bezirk, hatte früher der größte Teil der Schulkinder keinen oder nur mangechaften Religionsunterricht. Das bildet eine der Ursachen dafür, daß die jetzige Generation dem Judentum fremd gegenüber steht. Erst der Privatverein hat mit größter Anstrengung einen geordneten und regelmäßigen Religionsunterricht, dem alle jüdischen Schüler unterworfen sind, eingerichtet und Rabbiner und Lehrer hierfür engagiert. Es ist nun Sache der großen Gemeinde, die Arbeitsfreude dieser Lehrkräfte durch Festanstellung mit Pensionsberechtigung zu heben, — denn was ich anderen tue, tue ich mir selbst! Hier gehen moralische Verpflichtung und Selbsterhaltungsinteresse Hand in Hand! Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B.) Wie im Vorjahre, veranstalten wir auch diesmal in Schneiders Hotel, Klosterstraße 79, Ecke Königstraßc, an den beiden Scderabenden eine Feier mit gemeinschaftlichem Essen. Die Leitung hat liebenswürdiger Weise Herr Kantor John übernommen. Preis für das Gedeck (ein Ei, Bouillon mit Mazzothklößen, Gemüse, Braten und Kompott) Mk. 4,50. Anmeldungen möglichst rechtzeitig, spätestens bis zum 2. April, an Schneiders Hotel erbeten (Telephon: E 2, Kupfergraben 3851). Berlin. (Liberale Synagoge Norden.) Am zweiten Sederabend, Donnerstag, den 5. April, wird anschließend an unseren Gottesdienst eine Sederseicr für Jugendliche und Erwachsene veranstaltet. Anmeldungen zur Teilnahme (incl. Essen) sind schriftlich bis spätestens den 26. März an die Geschäftsstelle, Herrn A. Zander, Linienstraße 45, zu richten. (Preis pro Gedeck Mk. 1,—.) Gelsevkirchen. (Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum.) Am 13. März d. Js. veranstaltete die Ortsgruppe Gelscnkirchen der Vereinigung für das liberale Judentum einen Vortragsabend. Als Redner lvurde Herr George Goetz, Generalsekretär der liberalen Vereinigung, gewonnen, der über „Krisen im jüdischen Gcmeindclcben" sprach und die Zuhörer durch seine wertvollen Ausführungen fast 2 Stunden lang i» Bann hielt. Ter Redner betonte insbesondere, daß das Blockbündnis zwischen Orthodoxen und Nationalen eine Gefahr für den Liberalismus bedeute. Um dieser Gefahr »virksam entgegen zu treten, müsse jeder in seinem Kreise wirken, daß die Synagogengemeinden als llicligionsgcmeindeu erhalten bleiben. Das Thema war so erschöpfend gehalten, daß nur eine kurze Aussprache sich daran anschloß. Toch man konnte fühlen, daß die geschilderten Krisen innerhalb mancher jüdischen Gemeinden den Zuhörern zu denken gaben. Rheydt. (Ortsgruppe der Vereinigung s ü r d a s liberale Judentum.) Am Sonntag, den 17. März, sprach Herr George Goetz, Berlin, über das Lebensrccht des liberalen Judentums. Durch einen ivohldurchdachten Rückblick in die Geschichte des Judentums bewies der Redner, daß Orthodoxie und Liberalismus seit jeher sich iin religiösen Leben gegenüberstanden und auch als Anschauungen der Gegenwart Ergebnisse stetiger Entwicklung seien. Wahres Judentum lehrten die Propheten durch Wort und Vorbild. Jndisscrentismus und Scheiufrömmigkeit sind zu bekämpfen, besonders aber das Verhalten, das für sich jeg-- liche Bewegungsfreiheit religiösen Formen gegenüber beansprucht, offiziell aber und nachdrücklichst vom Kultiisbeamtcn die Pflege des traditionellen Judentums verlangt. National-jüdische und nur sozialethische Bestrebungen können nicht den Inhalt des liberalen Jndenrums darstellen. Die mit rednerischem Geschick und echter Wärme vorgctragencn Worte wurden beifällig ausgenommen. Eine nachhaltige Vertiefung der Wirkung des Vortrages brachte die sich anschließende Aussprache. Vereinsnachrichten Synagogenverein Lindenstraße. Am 28. März, abends 8 Uhr, findet im Restaurant Kochmann, Jerusalemer Straße 44-45, Eingang Schützenstraße 51, ein Vortragsabend statt. Thema: „Neue Ziele und Wege in unserer Gemeinde." Referent: Wilhelm Marcus. Gäste herzlich willkommen. Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens E. B. zu Berlin, Geschäftsstelle: Große Frankfurter Straße 80-81. Am Donnerstag, den 22. März d. I., abends 8 Uhr, findet im Gemeindehause, Rosenstraße 2-1, eine Mitgliederversammlung mit Damen statt, zu der der naturwissenschaftliche Film „Aus der Welt der Kleinlebewesen" vorgeführt wird. Die Deutsch-jüdische Jugendgemeinschast, Ortsgruppe Berlin, veranstaltet am 29/ März 1928, abends '-ki8 Uhr, im Brüderverein, W. 62, Kurfürstcnstraße 115-116, einen Elternabend, zu bem E'Grn und Jugendliche eingeladen werden. Der Preis der Eintrittskarten beträgt für Erwachsene 0,75 Mk., für Jugendliche SA8 M, -i Aus dem bayerischen Untersuchungsausschuß T«r Untersuchungsausschuß des Bayerischen Landtags trat am Dienstag nach fast dreimonatiger Unterbrechung wieder zusammen, um die auf Grund neuen Menmaterials notwendig gewordene Ergänzung des Referats des Mitberichterstatters T r. Ho ebner (Sozialdemokrat) entgegenzunehmen. Tie neuen Akten enthalten eine allerdings noch lückenhafte Darstellung der Schicksale der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1923 verhafteten jüdischen Geiseln. Wie (erinnerlich, wurde in der letzten Session des Ausschusses festgestellt, daß die die jüdischen Geiseln betreffenden Akten verschwunden seien. Ein Teil dieser Akten konnte inzwischen wieder beschafft werden. Ter erste Jude, der den Nationalsozialisten in die Hände fiel, war der Fabrikbesitzer Tr. Ludwig Wassermann, der einer Einladung des Bayerischen Jndu- Kalendarium f. die Zeit v. 17. 3. b. 24.3.28 März 192« Nissan 568« Sonnabend 24. 3. Wochenabschnitt: Wajiko Haftarah: Jesaia 43,21—28; 44,1—23 Sabbat-Ausgang: 7.06 Uhr Sonntag 25. 4. Montag 26. 5. Dienstag 27. 6. Mittwoch 28. 7. Donnerstag 29. 8. Freitag 30. 9. Sonnabend 31. 10. Wochenabschnitt: Zaw Sabb. Hagadol Sabbat-Ausgang: 7.18 Uhr Haftarah: Jerem. 7,21—34,8; 1—3; 9,2—23 strieAen-Berbandes zufolge in die Kahr-Bersammlung im Büraerbräukeller gekommen war. Er wurde am Schluß der Versammlung verhaftet, in ein besonderes Zimmer gebracht und darauf aufmerksam gemacht, daß er beim geringsten Fluchtverdacht erschossen werden würde. Später wurde ihm erklärt, daß er am nächsten Tage am Marienplatz gehängt werden wiridi. Am Vormütag des 9. November wurde auf Befehl des Hauptmanns Oesterreicher, der sich darüber beschwerte, daß nichts geschche und daß alles so schlapp sei, eine Reihe von Geiseln in ihren Wohnungen unter Gewaltandrohung, zum Teil bei Abfeuern von Schüssen, verhaftet und in den Bürgerbräukeller geschafft. Die Verhaftungen dienten teils der Befriedigung persönlicher Rachegefühle, teils wurden sie ganz wahllos durchgeführt. Im Bürgerbräukeller wurden etwa 25 jüdische Bürger als Geiseln, zum Teil in Begleitung ihrer Töchter, die erklärt hatten, sie verließen ihre Väter nicht, zusammengetrieben worden. Dabei habe sich namentlich der frühere Justizminister Roth eifrig betätigt, indem er die Geiseln auf Waffen untersucht. Währenddessen hatte der berüchtigte Nürnberger Antisemit Lehrer Streicher im Aufträge Hitlers Ansprachen auf dem Marienplatz und in anderen Teilen oer Stadt gehalten und die Bevölkerung antisemitisch aufzuhetzen versucht. Bei verschiedenen jüdischen Firmen wurden in brutalster Weise Haussuchungen nach Waffen und Devisen veranstaltet, wobei die verständigte Polizei sich neutral verhielt mit der Begründung, sie mische sich nicht in diese politischen Sachen. Das Reiterkorps Wrede hatte in einem jüdischen Kleidergeschäft 76 Breecheshosen und in einem jüdischen Hutgeschäft eine große Zahl Sturmmützen requiriert. In dem Verhaftungskommando tat sich u. a. auch der Sohn des früheren deutschnationalen Justizministers Tr. Roth hervor. Ter junge Roth bemächtigte sich mit noch einem Komplicen eines Kraftwagens und zwang den Führer, sie auf der Suche nach Inden in der Stadt herumzufahren. Unter den jüdischen Geiseln befand sich ein Bierundsiebzigjähriger. Ten Geiseln wurde verboten, zu rauchen und zu sprechen. Einer der Wachtposten nahm ständig eine sehr drohende Haltung ein, die Schlimmes befürchten ließ. Als bei Zusammenbruch des Putsches die Befreiung schon herannahte, erhob ein Nationalsozialist vor dem in einem Raum zusammengepferchten Juden sein Gewehr, kommandierte „Stillgestanden" und legte auf die Gefangenen an. In allen den geschilderten Fällen wurde die Eröffnung das Hauptverfahrens gegen die Schuldigen abgelehnt. Keiner von ihnen war verhaftet worden. Das Gericht lehnte die Beschwerde des Staatsanwalts wegen der Nichteröffnung des Hanptverfahrens mit Bescheid vom 8. Oktober 1924 mit der Begründung ab, daß die Angeschuldigten nicht das Bewußtsein hatten, unbefugt oder widerrechtlich zu handeln, da sie glaubten, die Regierung tue mit. ★ bUlHtKblnAU Ein Monuinentalwerk des Judentums Von Rabbiner Dr. Ernst Jacob (Saarbrücken) Das liberale Judentum steht von seinen Anfängen her in inniger Verbundenheit mit der Wissenschaft des Judentums. Aus ihr hat es mehr als einmal wichtige Antriebe empfangen. Sein Stolz ist, daß seine geistigen Führer auch große Forscher gewesen sind. Ais seine Aufgabe hat es immer betrachtet, diese Wissenschaft zu fördern und ihre Ergebnisse zu verbreiten. Besonders in Deutschland herrscht zwischen Liberalismus und Wissenschaft oft eine Art von Personalunion. Deshalb begrüßen wir mit besonderer Freude die Entstellung eines neuen Monumentalwerkes der jüdischen Wissenschaft und werden es mit allen Kräften unterstützen: der „Encyklopädia Judaica". Ein stolzer Name und ein großes Werk. Wenn es einmal vollendet dasteht, wird es in 16 Bänden (15 Bände Text, 1 Registerband) mit schätzungsweise 20000 Spalten eine unübertreffliche Uebersicht über drei Jahrtausende jüdischer Vergangenheit mit ihren Geistesschätzen, mit ihren Helden des Leidens und des Gedankens, mit ihrer Fülle der merkwürdigsten Begebenheiten und Schicksale bieten, gleichzeitig aber auch das ganze reiche und bunte Leben jüdischer Gegenwart mit allen Einzelheiten vor uns ausbreiten. Hier wird Jude und Nichtjude mit Bewunderung sehen, was der jüdische Stamm in allen Zeiten und über alle Länder hin geleistet hat und welche unvergänglichen Ideen ihn geleitet haben. Der erste Band, der in glänzender Ausstattung vor uns liegt, beweist, daß wir unsere Hoffnungen nicht leicht zu hoch spannen können. In deutscher Sprache (nach dem Plane später auch in hebräischer) ist der gewaltige Wissensstoff nachi dem neuesten Stand der Wissenschaft in jedem Gebildeten ohne weitere Vorkenntnisse in verständlicher Form dargestellt, während die früheren Encyklopädien dem deutschen Juden wegen ihrer Sprache und Erscheinungsart schwer zugänglich waren und heute auch in vielem als überholt gelten müssen. Alles, was inan suchen könnte, ist leicht auffindbar und doch der Verzettelung, die ein alphabetisches Nachschlagewerk so leicht mit sich bringt, durch geschickte Zusammenfassung in größeren Abhandlungen vorgebeugt. Diese Monographien über ganze Gebiete sind fast selbständige Schriften, oft erste Gesamtdarstellungen einer großen Frage z, B. der Artikel „Antisemitismus", der im zweiten Bande erscheinen wird. Umfassende Literaturangaben zeigen den Weg zu weiterer Vertiefung. Die strengste Unparteilichkeit ist gewahrt und wird durch den Mitarbeiterstab, der sich aus allen jüdischen Lagern, auch aus allen Ländern zusammengefunden hat, selbst für die umstrittensten Fragen gewährleistet. Das Werk ist preiswert, kann aber natürlich als ganzes nicht billig sein. Jeder Band kostet RM 50,— in Leinen; in Halbleder RM 55,—. Aber da jedes Jahr nur zwei Bände zu 'bezahlen sind, der Verlag sich außerdem auf Teilzahlungen eingerichtet hat, ist der Erwerb für jede größere Bibliothek durchaus erschwinglich. Wer vom Judentum wissen will, oder wer gar darüber zu sprechen oder zu schreiben unternimmt, muß die Encyklopädia heranziehen. Die Anschaffung sei deshalb auf das wärmste empfohlen. Jeder wird sich später des Besitzes glücklich schätzen und die Genugtuung haben, dieses Monument unseres Judentums gefördert zu haben. Georges Duhamel: Briefe nach Patagonien. Rotapfelverlag, Zürich und Leipzig. Aus dem Französischen übertragen von Magda Kahn. Nichts Jüdisches. Wer sich aber am französischen esprit — eine Uebersetzung des Wortes wäre hier unangebracht — erfreuen will, der lese das Büchlein. Der erste Brief „Von Volksrednern und ihren Zuhörern" beginnt mit den Worten: „Unser Land, lieber Freund, macht eine trübe Zeit durch. Auch wenn nicht tausend traurige Dinge täglich, stündlich davon zeugten, könnte man allein schon aus dem Umsichgreifen der Redekunst darauf schließen." Die anderen Briefe handeln: „Von allerlei Geistesabenteuern, Ueber das Theater, Von Gelehrtenarbeit, Von Büchersammlern und -liebhabern, Ueber die Kranken.“ Rabbiner Dr. Georg Wilde. Hermann Cohen: „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte." Herausgegeben von A. Görland und E. Cassirer. Akademie-Verlag. 1928. Neben den Hauptwerken (System der Philosophie, 4 Bände; Kantschriften; Religion der Vernunft) sind nun auch die kleineren Schriften des großen Marburger Philosophen wieder weiteren Kreisen zugänglich. Wir zeigten vor nicht allzulanger Zeit an dieser Stelle die drei Bände „Jüdische Schriften" an; nunmehr liegen die „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" in 2 Bänden in mustergültiger Ausgabe, besorgt von Görland und Cassirer, vor. Auch die Ausstattung ist vortrefflich. Dem 1. Band ist die Gedenkrede vorangestellt, die Ernst Cassirer am 7. April 1918 am Grabe seines Lehrers gehalten ^hat; so inhaltsreich diese Rede ist, so hätte man doch gewünscht, Cassirer hätte sich dazu entschlossen, die Leser in einem neuen, besonders für diese Ausgabe bestimmten Aufsatz in die vorliegenden Werke einzuführen. Es wäre da doch noch allerhand zu sagen gewesen ... Nun, wir müssen auch so dankbar sein. Wir sind nun imstande, das gewaltige Lebenswerk Cohens ganz zu überschauen und der Eindruck ist wahrhaft überwältigend.*) Wenn sich die Schriften Cohens natürlich auch in erster Linie an die Fachgelehrten wenden, so bedingt es doch schon der Begriff des Systems der Philosophie, wie ihn Cohen faßt, daß jeder ernsthaft Strebende, jeder Mensch, dem es um Selbsterkenntnis und Wissen zu tun ist, in diesen Schriften eine Fülle der Erkenntnis antreffen muß; denn Philosophie ist für unseren Philosophen die Lehre von den Grundlagen des Kulturbewußtseins. So bildet die Philosophie in diesem Sinne das Gewissen der Menschheit: sie zwingt uns, daß wir uns Rechenschaft ablegen über die Voraussetzungen unserer Kultur, und führt uns damit zum Ursprung unseres Wesens. Hierin ist Cohens Philosophie die rechte Erbin des 'Systems des kritischen Idealismus, wie es J. Kant aufgestellt hat. Es gibt in der Tat keine wertvolle Erscheinung des Kulturbewußtseins, auf die sich die philosophische Untersuchung nicht bezöge: Wissenschaft, Sittlichkeit und Staat, Kunst und die Vereinigung all' dieser Gebiete in der Seele des Einzelnen bilden den Gegenstand der verschiedenen philosophischen Disziplinen, die im System der Philosophie durch die Einheit der Methode zusammengehalten werden. Auch die vorliegenden kleinen „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" zeigen daher Beziehungen zit allen Erscheinungsformen der Kultur: vom Mythos angefangen bis zu den differenziertesten Erzeugnissen des philosophischen Geistes, von der Logik bis zur Aesthetik und Psychologie reicht die Untersuchung und uas Interesse. Was die Geschichte der Philosophie angeht, so stehen natürlich Platon und Kant im Mittelpunkt. Die systematischen Hauptwerke werden ergänzt durch Abhandlungen wie z. B. in Bd. 11 „Das Prinzip der Infinitesimal-Methodc und seine Geschichte", „Einleitung mit kritischem Nachtrag zu Langes Geschichte des Materialismus"; und für die Aesthetik z. B. die wertvolle Schrift über „Mozarts Operntexte" .. Der Kerngedanke der Ethik ist in der kurzen Abhandlung über „Das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht" (Bd. II) enthalten. Für die Leser dieser Zeitung werden die Abhandlungen mehr allgemeiner Natur, die sich mit dem Zeitgeist auseinander setzen, von besonderem Interesse sein, wie z. B. die Rede vom 17. März 1883 „Von Kants Einfluß auf die deutsche Kultur" oder der Vortrag vom 14. Oktober 1914 „Ueber das Eigentümliche des deutschen Geistes" (beide in Bd. I), oder der andere Vortrag vom 11. Dezember 1915 „Der deutsche Idealismus und die Antike". Hier wird offenbar, auch für den Laien leichter verständlich, wie tief dieser Mann, der Jude und Deutscher aus Ueberzeugung war, in die Motive und Bestrebungen unseres deutschen Volkes eingedrungen, wie sehr er in deutscher Art und Wesenheit verwurzelt war. Schon die „jüdischen Schriften" zeigten, welch' innere Anteilnahme Cohen für das Wohl und Wehe nicht nur unseres deutschen Vaterlandes, sondern der gesamten Menschheit hatte. So finden wir in den jetzt veröffentlichten philosophischen Schriften jnicht nur solche, die sich mit ethischen Problemen beschäftigen, sondern auch Aufsätze zur unmittelbaren Politik des Tages: das Wahlrecht, die Todesstrafe u. a. werden behandelt, immer in prinzipieller, objektiver und humaner Gesinnung. Die zeitgenössische Literatur ist nicht vergessen: man lese die wenigen, aber inhaltsschweren Worte, die Cohen für Paul Heyse bei dessen 80. Geburtstag schrieb. Andere Abhandlungen beschäftigen sich mit F. A. Lange, Adolf Elsas, Leopold Schmidt, August Stadler, Ed. Zeller, Paul Natorp. Auch die Rezensionen bieten viel Wertvolles; wo es galt, philosophisches Geistesgut zu retten, konnte dabei Cohen zuweilen sehr scharf werden, wie die Besprechung von Friedr. Paulsens Kant-Buch zeigt. In der Sache hatte Cohen zweifellos recht. Doch genug! Die Einzelheiten zu verfolgen, ist hier nicht der rechte Ort. Ein Ueberblick über die zwei Bände sollte gegeben werden, nicht mehr. Wer diese Bücher in die Hand nimmt, um sich an ihrem Inhalt zu bereichern, wird nicht enttäuscht werden. Uns Schüler des großen Philosophen ist mit dieser Publikation ein besonders wertvolles Geschenk zuteil geworden: wir sehen die Persönlichkeit unseres verehrten Meisters im Geiste vor uns auferstehen, und die Gewißheit steigert sich, daß sein Werk ein dauernder Besitz, ein wertvolles Erbe künftiger Zeiten sein wird. Prof. Dr. W. Kinkel. *) In meinem bei Strecker & Schröder in Stuttgart erschienenen Werk über Cohen konnte ich die meisten der hier neu gedruckten Schriften Cohens schon berücksichtigen; ich muß für die Einzelheiten auf das genannte Buch verweisen. Wer inseriert, vergrößert seinen Umsatz! Abitur, Obersekunda Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt Direktor Danziger Berlin, Alte Jakobstraße 125 Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, Lfltzowstraße 44, Telephon: Lfltzow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Ecke Pasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 An unserer neuen Synagoge ist die Stelle eines ChordlriflBnlen zu besetzen. Bewerber mit gediegener musikalischer Ausbildung und den erforderlichen liturgischen Kenntnissen wollen ihre Gesuche bis zum 10. April er. an den Vorstand der jüdischen Gemeinde, Oranienburgerstrasse 29, richten. Berlin, im März 1928 ü