Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Bildung einer ..Anlipogromliga" in tzaris Die Gründungsversammlung In Paris hat sich unter dem Namen „Antipogromliga" eine Vereinigung zur Bekämpfung der Hetze gegen Juden gebildet, der angesehene Persönlichkeiten der Gelehrtenwelt und des öffentlichen Lebens in Frankreich angehören. Die Liga hat in diesen Tagen ihre erste öffentliche Kundgebung gegen Pogrome im Saal „Bullier" im Quartier Latin abgehalten. Mehr als 6000 Menschen füllten den Riesensaal. Der bekannte französisch-jüdische Journalist Bernhard Lecache erklärte, der Ehrenvorsitz in der Versammlung sei Prof. Einstein übertragen worden. Er verlas das Schreiben Prof. Einsteins, der mitteilt, daß er mit Freuden den Ehrenvorsitz annehme und hoffe, daß alle Völker für die Freiheit und gegen Pogrome sich erklären werden. Lecache teilte dann mit, daß die Regierung unter dem Druck einer ausländischen diplomatischen Vertretung den ihr gehörenden Trocadero-Saal für die Abhaltung der Versammlung nicht hat freigeben wollen. Das französische Volk, sagte er, hat durch das Urteil im Schwarzbart-Prozeß ein Berdammungsurteil gegen die Pogrome und ihre Leiter gefällt. Lecache, der einige Monate in Rußland geweilt und die Geschichte der Pogrome studiert hat, gab ein erschütterndes Bild des Niederbruches der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine als Folge der Massacres nnd Räubereien, die jahrelang ungestört vor sich gehen durften. Er ging zur Schilderung der Pogrome und Heiligtümerschändungen in Rumänien über, die seit dem Mittelalter ihresgleichen nicht aufzuweisen haben. Nach Lecache, der stürmisch begrüßt wurde, sprach der Vorsitzende der republikanischen Studentenförderation Frankreichs, Dumas, der ausführte, die französische Studentenorganisation habe Beweise für die Schuld der rumänischen Regierung in Händen, sie werde jederzeit gegen Pogrome und Pogromführer kämpfen. Profefsor Hadarmard, der berühmte Gelehrte, sagte: ich bin Franzose jüdischer Abstammung, ich will aber nur als Gelehrter sprechen. Die rumänischen Studenten, die ihre Diplome mit der Rute in den Händen erhalten, seien eine Schande für die Wissenschaft. Der Numerus clausus in Rumänien und Ungarn ist ebenfalls eine Schande für die Wissenschaft, weshalb alle Gelehrten gegen die Vergewaltigung des Geistes protestieren müssen. Der aus Polen stammende große Denker Henri Bergson ist jederzeit eine Zierde Frankreichs. Der Verteidiger Schwarzbarts, Henri Torres, dem die Versammlung eine minutenlange Ovation darbringt, führte aus: Wir beschuldigen nicht das rumänische oder das polnische Volk; die Regierungen sind es, die durch sträfliche Duldung Verbrechen fördern. An den rumänischen Universitäten wird statt Wissenschaft Lüge und Haß gepredigt. Wirkliche Gelehrte werden aus den Universitäten ausgestoßen. Mich besuchte vor kurzem ein Führer der rumänischen Bauernpartei, der mich davon zu überzeugen versuchte, daß die Propaganda gegen die Pogrome den rumänischen Juden keinen Nutzen bringen wird. Wir aber wissen, daß Antipogrom-Propaganda einen Schlag auf den rumänischen Säckel bedeutet. Jüdische Bankiers müssen sich gegen Anleihen an Rumänien erklären, solange nicht Wandet geschaffen ist; auswärtige Regierungen sollen auf die rumänische Regierung zu wirken versuchen. Die gesamte Zivilisation müsse gegen Barbareien, wo immer sie Vorkommen ömgen, Front machen. Pros. Langevin führte aus, man müsse rechtzeitig für den Abbau des Judenhasses sorgen, da für den Fall eines Krieges eine gefährliche Verstärkung des Antisemitismus zu erwarten ist. Die Antipogromliga müsse mit der ganzen Welt Kontakt behalten. — Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der die Notwendigkeit des Bestehens der Antipogvomliga anerkannt wird. Die Numerus Elausus-Vorlage vom Plenum des ungarischen Oberhauses angenommen Das ungarische Oberhaus hat die von der Regierung eingebrachte Revision des Gesetzentwurfes über den Numerus clausus mit Stimmenmehrheit angenommen. Die Debatte zeigte wie in den vorangegangenen Tagen ein hohes Niveau. Die eigentlichen Repräsentanten des ungarischen Geisteslebens sprachen ihr Verdammungsurteil über die neue Vorlage, die die Einschränkung gegen die Juden nicht aufhebt, diese Tatsache aber unaufrichtig verschweigt. Elemer v. Simontsits sagte, er nehme, den Entwurf an, weil er in ihm den ersten Schritt sieht, der aus der durch den Numerus clausus geschaffenen Lage herausführt. Dr. Joseph Pap sagte, auch das neue Gesetz sei erniedrigend, verletzend für die ungarische Judenschaft und verstoße gegen die ungarische Verfassung. Das Gesetz vom Numerus clausus sei unvereinbar mit den menschlichen Rechten überhaupt und mit der nationalen und menschlichen Solidarität. Dr. Samuel Glücksthal führte aus: ich bin der Ansicht, daß der außenpolitische Gesichtspunkt hier nicht zu diskutieren ist. Das erkläre ich als Jude, denn die ungarische Judenheit hat sich offiziell zu der Auffassung bekannt, den Trianonvertrag nicht als Rechtsuqelle anzunehmen, weil die Frage des Numerus clausus im ausschließlichen Bereiche der ungarischen Gesetzgebung liegt. Darum erklärten die ungarischen Juden, daß sie lieber noch eine Zeitlang die stiefmütterlichen Bestimmungen dieses ungarischen Gesetzes weiter hinnehmen, es jedoch ablehnen, aus Trianon, dieser Quelle aller Bitternisse unseres Vaterlandes, für ihre eigene Lage abzuleiten. Dieser Beschluß der ungarischen Juden ist seinerzeit dem Völkerbund zur Kenntnis gebracht worden. Mich kränkt und erbittert es, daß durch Feststellung meiner Zugehörigkeit zu einer fremden Rasse meine Zugehörigkeit zur ungarischen Rasse in Zweifel gezogen wird. Meine Zugehörigkeit zur ungarischen Rasse beruht darauf, daß ich eingeschaltet bin in den ungarischen nationalen Genius und meine ganzen Gedanken, meine ganze Arbeit der ungarischen Nation gewidmet sind. Die Judenheit ist ein unentbehrlicher Bestandteil des wirtschaftlichen Mechanismus, und wenn wir sie zurückdrängen, so führen wir damit einen Schlag gegen die ungarische Volkswirtschaft. 1920 bis 1925 war die Zahl der Juden in Budapest um 10000 zurückgegangen. Mehr als 2000 jüdische Jünglinge besuchen jetzt ausländische Universitäten. Der jüdische Student wird auch künftig die ausländischen Universitäten aufsuchen müssen. Was wird das Schicksal dieser jungen Menschen sein? Der Herr Kultusminister möge sich vorstellen, wie es um die Kulturschätze der Menschheit bestellt wäre, wenn Einstein, dieser moderne Euklid, oder Bergson, der große Philosoph, vom Universitätsstudium ausgeschlossen gewesen wären. Wir ungarischen Juden wollen an der Arbeit des Wiederaufbau Ungarns teilnehmen, wir haben das Recht hierzu von Gott empfangen, keiner kann es uns nehmen. Dr. Immanuel Löw, der Oberrabbiner von Szegedin, sprach von den Ausschwingungen des Antisemitismus in den Aemtern. Das Innenministerium verweigert die Magyarisierung der Namen von Juden. Glaubt man dort vielleicht, daß die ungarische Kultur im Auslande in einem besseren Licht erscheinen würde, wenn der weltberühmte Maler, der den Herrn Ministerpräsidenten unlängst porträtiert hat, in London noch immer Laub hieße, oder wenn Franz Molnar in Amerika unter seinem deutschen Familiennamen gefeiert worden wäre? Der neue Entwurf ist das trojanische Pferd, ein Danargeschenk für die Judenheit. Jede bisherige Einschränkung enthält das neue Gesetz in verschleierter Form. Die Ablehnung des vorliegenden Entwurfes ist eine Frage der nationalen Ehre, ich lehne ihn ab. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, ergriff Kultusminister Graf Klebelsberg das Wort und führte aus, man wolle keine künstliche Nationalität oder Rassen-Minderheit aus solchen machen, die keine abgesonderte Gruppe sein wollen. Das Gesetz honoriere aber die Auffassung der christlichen Gesellschaft. Wir sind, sagte er, eine politische Körperschaft, und es ist nicht unsere Ausgabe, über gewisse Weltanschauungen, wie eine solche auch die Judenfrage bildet, zu entscheiden. Ich bitte das Hohe Haus, den Gesetzentwurf anzunehmen. Schwarzbart darf nicht nach Palästina Bekanntlich hat die palästinensische Regierung — wie sie erklärt: aus formalen Gründen — das Gesuch von Schalom Schwarzbart um ein Einreisevisum für Palästina, wo er sich dauernd niederlassen will, abschlägig beschieden. Es hieß, daß Schwarzbart sich bis zur Erledigung seiner Bisumsache in Beirut aufhält, wo er als französischer Staatsbürger Freizügigkeit genießt. Die Mitteilung stellte sich als falsch heraus. Aus Grund einer aus Pans ergangenen Instruktion haben die Landunosbehörden in Beirut Schalom Schwarzbart das Betreten des syrischen Bodens verboten; er mußte mit dem gleichen Schiffe nach Frankreich zurückkchren. In ftanzösisch-südi'chen Kreisen herrscht über dieses Vorgehen französischer Behörden gegen einen Staatsbürger, der im Kriege sein Leben für Frankreich eingesetzt hat, Konsternation. 1728000 Juden in New Port Laut der soeben abgeschlossenen Volkszählung im Staate New Port betragt die Zahl der jüdischen Einwohiner von Groß-New York 1728000. Vor der Tagung des preußischen Landesverbandes Von Bruno Woyda. Am kommenden Sonntag tritt der Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden erneut zur Beratung zusammen. Etwa 120 Abgeordnete aus den verschiedensten Teilen Preußens und 35 Mitglieder des Rates des Landesverbandes werden beieinander sein, um in eingchenden Beratungen wichtigste Fragen des jüdischen Lebens der Gegenwart einer Klärung näherzubringen. Es zeugt von der Bedeutung, die dem Landesverband zukommt, daß das Interesse für chn in den maßgebenden Kreisen des preußischen Judentums, und zwar in denen aller Parteien, und der verschiedensten Gegenden rege ist „wie am ersten Tag". Was hat der Landesverband bisher geleistet? Will man die Tinge gerecht und unvoreingenommen betrachten, so muß man feststellen, daß zunächst zahlreiche Kinderkrankheiten zu überwinden waren, um ein reibungsloses Arbeiten des gesamten Organismus herbeizuführen. Seine bisherigen Verdienste liegen deshalb vornehmlich auf organisatorischem und finanziellem Gebiet. Nur durch den Zusammenschluß dm jüdischen Gemeinden Preußens ist es möglich gewesen, im Haushalt des preußischen Staates Subventionen für jüdische Religionsgemkinden in Preußen analog denen für evangelische und katholische Kirchengemeinden zu erzwingen. Dadurch ist ein wesentlicher Schritt vorwärts auf dem Wege zur Gleichberechtigung der jüdischen Religionsgemeinschaft getan und der unwürdige Zustand beseitigt, daß aus dem Gelbe der jüdischen Steuerzahler Unterstützungen nur für anderskirchtiche Zwecke gewährt werden. Durch diese Staatssubvention, die neben den Beiträgen der Verbandsgemeinden das Rückgrat des Landesverbanos- Etats bildet, ist auch die Ueberwiudung des beschämenden Zustandes möglich geworden, daß jüdische Kultusbeamte, Lehrer und Rabbiner zu Bedingungen zu arbeiten gezwungen sinsp, die einer Gemeinschaft, die so gern von ihrem Herzen erzählt, Hohn sprechen. Wenn heute den seminaristisch gebildeten, vollbeschäftigten jüdischen Religionslchrern in Preußen eine Mindestbesoldung nach Gruppe 7 der al^en Reichsbesoldungsordnung durch den Landesverband garantiert wird, so ist das eine Rechtfertigung dieser Organisation, die im jüdisch-politischen Meinungskampf mitunter"vergessen zu werden scheint. Besonders begrüßt werden muß auch, daß der Landesverband erhöhte Aufmerksamkeit der Heranbildung eines gutvorgebildeten Nachwuchses an jüdischen Kultusbeamten und Lehrern zuwendet. In seinen Etat werden Jahr für Jahr recht erhebliche Beträge für die Subventionierung von Anstalten eingesetzt, die diesen Zwecken dienen. Darüber hinaus hat der Preußische Landesverband selbst eine Vorbereitungsanstalt für Volksschul- und Religionslehrer in Berlin eröffnet. Tie Grundlage der Ausbildung dieser Anstalt soll ein Lehrplan bilden, der die Möglichkeit bietet, die ^Schüler bis zur Reifeprüfung zu führen. Nach Absolvierung dieser Anstalt soll es den Kandidaten überlassen bleiben, ob sie die simultane pädagogische Akademie in Frankfurt a. M. oder eine vom Landesverband noch zu begründende Religionslehrerakademie, verbunden mit einer Einrichtung zur Ausbildung von Kantoren, besuchen wollen, um chre Ausbildung abzuschließen. Tie Leitung der Anstalt obliegt dem auf dem Gebiete der Pädagogik allseitig anerkannten Studiendirektor Tr. Gutmann. Es bestand zunächst Einmütigkeit darüber, daß der Unterricht in der Religion auf dieser Anstalt für die liberale uird konservative Richtung in getrennten Kursen, der übrige Unterricht für alle Hörer gemeinsam,zu erteilen sei. Da die Einrichtung der getrennten Religionskurse jedoch konservativen Kreisen nicht ausreichend zu sein schien, beschloß der Rat — und das zeugt von der weitgehenden Toleranz der Liberalen in religiösen Fragen, die in Köln bereits bestehende orthodoxe Anstalt „Jawne" auszubauen und die Kosten für die drei oberen Klassen auf den Haushalt des Landesverbandes zu übernehmen. Vornehmlich konservativen Bedürfnissen dürfte auch die vom Landesverband gegründete Schächterschule zugute kommen, deren Tätigkeitsgebiet sich nicht nur auf die Schechitah, sondern auch auf kantorale und kultuelle Funktionen erstreckt, wodurch die Kandidaten in den Stand gesetzt werden sollen, in Kleingemeinden notfalls den Gottesdienst und das Vorbeteu zu übernehmen. Bedenkt mau noch, daß durch die Subventionen des Landesverbandes der Etat insbesondere der Kleingemeinden wesentlich entlastet und daß erst hierdurch mitunter eine Festsetzung der Gemeindesteuer in erträglicher Höheermöglicht wurde, so wird man zugeben müssen, daß der Landesverband im Dienste des Judentums Erkleckliches geleistet hat. Wenn man so die Leistungen des Landesverbandes konstatiert hat, dann muß auf der andern Seite auch gesagt werden, auf welchen Gebieten sich die auf den Landesverband gesetzten Hoffnungen bisher noch nicht erfüllt haben. Das ist neben der rein büromäßigen Organisation, die trotz wiederholter Beschwerden von liberaler Seite noch immer nicht klappt, vornchmlich bei all den Dingen der Fall,