Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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tzWen. StamdpuntteS hritb sicher einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben, di« bann auch erkennen wird, welche Bedeutung Rathenau str das Judentum hatte. Di« sehr interessanten Ausführungen ernteten lebhaften Beifall. Am 16. Januar fand unsere Generalversammlung statt. Ten Geschäfts- und Kassenbericht erstattete Alfred Berger. Im verflossenen Geschäftsjahr haben insgesamt 25 Beranstattungen stattgesunden, der Vorstand hielt 4 Sitzungen ab, der Arbeitsausschuß trat zweimal zusammen, 45 Vorlagen gelangten zur Erledigung, 542 Schreiben wurden versandt. Der Schriftwechsel mit der Berliner Zentrale, den schlesischen Freunden und den auswärtigen Mitgliedern war recht rege. Die Versammlung nahm den Bericht mit starkem Beifall entgegen und erteilte dem Vorstand und der Kassenführung Entlastung. Tie Zusammensetzung des neuen Vorstandes steht am Ende dieses Berichtes. Auf Antrag Berger wurde der Beitrag für das lausende Geschäftsjahr aus Mk. 2,50 pro Vierteljahr einschl. der Bezugsgebühr aus die „Jüdisch-liberale Zeitung" festgesetzt und ferner aus Antrag Berger beschlossen, Mitglieder, die länger als ein halbes Jahr mit ihren Beiträgen im Rückstand sind und nach zweimaliger Mahnung keine Erklärung für den Ausfall ihrer Zahlungen abgebcn, aus dem Midgliederverzcichnis zu streichen. Mit herzlechen Dankesworten an den Versammlungsleiter Ludwig Freund sch.ost die Generalversammlung. Am 23. Januar hatten wir die Freude, Herrn Rabbiner Dr. kalomonski bei uns zu begrüßen. Der geschätzte Herr Redner referierte über das Thema: „Der neue liberale Gottesdienst in Berlin, ein Beitrag zur Frag«: Kulturresorm oder gottesdienstliche Ber ödung." Mit Rocht führte der Herr Referent aus, oaß sich an der äußeren Form des Gottesdienstes manches gewandelt hätte, die innere Form ist die gleiche geblieben. Eine Fvrtentwicklnng fehlt in der Hiturgi«. Wenn uns der Gottesdienst packte, würden die Menschen on kommen. Die Pietät treibt uns noch in die Synagoge. Die tuschen bringen nur das Opfer der Zeit, keiner hat den Mut zur Aenderung. Aus der Liturgie ist eine Lethargie geworden. Unsere Propheten waren Revolutionäre, das fehlt uns. Wir sind zum Typ der Bourgois geworden. Es ist höchste Zei!, eine Aenderung zu »ersuchen. Unser Gottesdienst soll individuell u.ib fortschrittlich sein. Der Mensch muß sich seinen Gott schaffen. Nur wenn die Synagoge dazu beiträgt, hat sic einen Lebenswert. Immer tvicder dasselbe beten, schlägt das Gebet tot. Das Deutsche muß im Gottesdienst seine Stellung haben. Kein Gottesdienst soll ohne Predigt startfinden. Der größte Wert ist auf den Freitag-Abend Gottesdienst zu legen. Der Gottesdienst soll möglichst zu arbeitsfreier Zeit stattsinden. Mit Psalmen, die bisher vernachlässigt sind, beginnen, ein stilles Gebet und das Fazit ziehen, ein freies Schlußgebet, oder Psalmen, oder Bibelstellrn. Kantor, Chor und Orgel sollen Diener des Gottesdienstes sein. Einfachheit, Schlichtheit und Ehrlichkeit sind in jeder Sekunde des Gottesdienstes zu wahren. Die trennende Wand zwischen den Geschlechtern ist zu beseitigen. Gedanken der Religion und des Lebens l^nd zu verkünden, der Gottesdienst ist zu entpolitisieren. Kleine Anvachtsstätten sind zu wählen, >vo Andacht herrschen kann. Die Stimme der Wahrheit wird überall eine Slätre finden. Stürmischer Beifall dankte dem Herrn Redner für seine packenden, von innerer Wärme getragenen Ausführungen. Eine sehr lebhafte Aussprache, in der insbesondere aus die Schwierigkeiten für gottesdienstliche Acnderungen in Breslau hingewiesen wurde, beschloß den sehr interessant verlaufenen Abend, für den wir auch an dieser Stelle Herrn Rabbiner Dr. Salomonski unseren herzlichsten Dank sagen. Am 30. Januar berichtete uns Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. Vogelstein über seine Eindrücke beim Gottesdienst der liberalen Synagoge Norden und über das liberale Einheitsgebetbuch. An die scharf umrissenen Ausführungen des sehr verehrten Herrn Referenten schloß sich eine sehr lebhafte Aussprache. Am 4. Februar trat der neugcwählie Vorstand in der Wohnung des Vorsitzenden Herrn Rabbiner Dr. Halpersohn zu seiner ersten Sitzung zusammen. De: Vorstand konstituierte sich >vie folgt: 1. Vorsitzegnder: Rabbiner Dr. Halpcrsohn, 2. Vorsitzender: Rechtsanwalt Erich Spitz, 1. Schristführer: Erich Vulkan, 2. Schriftführer: Alfred Fabian, Kassentvart und Schriftleitung: Alfred Berger, Beisitzer: Irma Freund, Hedwig Jacob, Kätc Fuchs, Frieda Karger, Ruth Pollack. Zum Vorsitzenden der Kommission für gesellige Veranstaltungen wurde Herr Kantor Wartcnberger gewählt, die Leitung der Prohagandakommission übernimmt der Vorsitzende. Das Arbeitsprogramm für die Monate Februar und März wurde festgesetzt und in allen Einzelheiten durchgesprochen. JN-Frankfurl a. M. Auf unserem ersten Heimabend am 3. Januar wurden zwei Themen besprochen. Im Anschluß an eine kürzlich gehörte Predigt wurde die Frage erörtert, ob die in letzter Zeit auffallende Erscheinung der sportlichen Tätigkeit unserer Jugend dadurch schädlich werden könne, daß sie die Pflege des Geistes m den Hintergrund zu drängen vermöge. Die Meinungen waren geteilt, fanden sich aber schließlich auf der mittleren Linie in der Feststellung, daß eine vernünftige Ausbildung des Körpers ohne übertriebene Rekordsucht Hand in Hand mit einer ständig sich mehrenden Ausbildung des Geistes das Ideal der jüdischen Jugenderziehung bilde. Ein weiteres Thema behandelte die Frage: Sind die Juden, wie unsere Gegner behaupten, an der Wirtschaft in übermäßigem Maße beteiligt? Die Aussprache zeigte, daß die wirtschaftlich« Hauptmacht der Schwerindustrie, der chemischen Branche, der großen Monopole im Erdöl- und Zündholzmarkte ausnahmslos frei von Juven sind. Die Frage einer notwendigen Berufsumschichlung wurde eingehend erörtert. Der Abend war durch die rege Beteiligung aller Teilnehmer sehr anregend. Am 12. Januar fand eine erweiterte Vorstandssitzung statt, die hauptsächlich unsere Jugendgruppe zum Thema hatte, die durch das erfreuliche Anwachsen ihrer Mitgliederzahl auf 70 eine neue Arbeits- und Gruppenteilung erfahren soll. Am 17. Januar sprach an unserem Heimabend Frau Stephanie Forchheimer über „Jüdisch-soziale Frauenarbeit". Die Persönlichkeit der Reserentin, die sich durch ihre soziale Tätigkeit weit über Frankfurt hinaus einen Namen gemacht hat, hatte einen zahlreichen Kreis an diesem Abend versammelt, an dem uns zunächst ein Bild über die Arbeit der jüdischen Frauenveceine entworfen wurde. Anfragen und Wünsche beantwortete die Reserentin mit der ihr liegenden besonderen Sachkenntnis. Dem Wunsche einzelner Teilnehmer, auch über die Ursachen der sozialen Not und deren Behebung zu sprechen, wurde dadurch Rechnung getragen, daß ein besonderer Abend für dieses Thema angesetzt wurde. Am 21. Januar fand die Generalversammlung unserer Jugendgruppe statt, in der Neuwahlen vorgcnominen und das neue Arbeits- Programm festgelegt wurde. Am 27. Januar hatten wir wieder einen unserer, nun schon zu einer liebvertrauten Einrichtung gewordenen Gottesdienste. Mehrere Mitglieder hatten durch gefängliche und rezitatorische Mitivirkung diese Stunde feierlich und schön gestaltet. Dr. Gottschalk fand warme Worte, die uns in dieser Stunde zu Herzen gingen. Aus dem Dunkel kommt das Sehnen nach Licht, nicht in der strengen Sachlichkeit des Alltags, sondern im geheimnisvol.cn religiösen Gefühlsleben wurzeln unsere stärksten Keäfte, das war der Kern seiner Ausführungen. Ein Essen und gemütliches Bnsammen'ein bei unserem Vorsitzenden Dr. Hoffmann beschloß den schönen Abend. Am 28. Januar hatte die Jugcndgruppe ihren Mörikc-Nachmittag. Leben und Werke dieses Dichters wurden anschaulich von Grete Adler geschildert, Gedichte von Mörike vorge.dseu und musika.ifch umrahmt. Am 31. Januar sprach stud. rer. pol. Mar Hahn über „Die soziale Stellung der Frau in den letzten 50 Jahren". Der Referent entwarf ein anschauliches Bild von dem Leben der jüdischen Haustochter in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Er schilderte die durchgreifenden Veränderungen, die die Lebensweise und die Stellung der Frau auf allen Gebieten in den Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit erfahren hat und begrüßte die Gleichberechtigung der Frau. In der Diskussion wurde die Gleichgültigkeit der Frauen in jüdischen Gemeindedingen hervorgehoben, die aber leider bei den Männern auch vorhanden ist. Einige wollten die Frau auf die ihr ureigensten Gebiete beschränkt sehen, andere wünschten ihr einen noch größeren Wirkungskreis. Besonders unsere jungen Damen beteiligten sich lebhaft an der Aussprache, die vielen neue Anregung und Ideen gab. Die Arbeitsgemeinschaften „Geschichte und Sozialismus" und „Judentum und Christentum" nahmen regelmäßig 14 tägig ihren Fortgang. Erfreulich ist die große Anzahl neuer Mitglieder, die uns zeigt, daß wir auf dem rechten Woge sind. Max Gundcrsheim. „Liberale Blätter." In der lexreu Woche erschienen zum ersten Mal die vom Jli-Franksurt hcrausgrgebrnen „Liberalen Blätter". Ueber den Jli-Kreis hinaus wenden sie sich an alle am Liberalismus Interessierten. Den Beiträgen gehen einige Sätze voraus unter der Ueberschrist: Unser Ziel. Danach soll das Erscheinen.dieser Zeitschrift zwei Zwecken dienen: einem praktischen und einem ideellen. An Steile von Karten und Rundschreiben, die immer nur einem kleinen Kreise zugehcn, sollen auch Fernstehende von dem Wert und der Bedeutung religiös-liberaler Fragen für das praktische Leben überzeugt werden. So sollen in den „Liberalen Blättern" grundsätzliche Artikel über den religiösen Liberalismus, aktuelle Einzelfragen und Aussprache über liberale Ideen zum Abdruck kommen. Man hofft, daß dieses Blatt kein Platz für den Kampf gegen andere Richtungen sein möge, sondern ein Blatt des Zusaminenschurs^s zu rein positiver Betätigung im religiös-liberalen Sinn. — Es folgen mehrere Zuschriften, die sämtlich das Erscheinen dieser neuen Zeitschrift begrüßen. — Als erster Aussatz erscheint von Rabbiner Dr. Gottschalk: „Helft der Jugend". Herr Tr. Gottschalk führt hier aus, um wie viel anders und schwerer die Jugend der heutigen Generation ist und - wie man ihr Helsen will. Als Weg hierzu gibt er an: „Helft der Jugend. Gebt ihr das Judentum in Schönheit und Würde, gebt ihr das Leben m jüdischer Fassung. Helft den Eltern. Zeigt ihnen die Jugend in ihrem Kern, zeigt ihnen die Brücke zur neuen Zeit. Helft dem Judentum. Führt ihm neue Menschen z,:. Menschen, die reden, wie Josua: „Wir wollen, >vir wollen hinauf in die Höhe; denn wir spüren die Kräfte dazu in u n s."" Eine Anzahl von Vereinsnachrichten folgen diesem Artikel. Wir wünschen den „Liberalen Blättern" den Erfolg, der jetzt von ihnen erwartet wird und hoffen, daß die Mitglieder des Frankfurter Jli trotz dieser neuen eigenen Zeitung sich weiter eifrig an der allgemeinen Jli-Zcitung beteiligen werden. Hilde Hamburg e r. Itt-Magdeburg. Jugendgruppe. Am Sonnabend, den 28. Januar, lasen ivir zuerst aus dem Buche „Die erste jüdische Republik". Wir unterhielten uns dann über die Einstellung Jugendlicher zu den Fragen der Zeit. Da wir dazu Beispiele aus der Politik heranzogen, kamen wir aus das Thema „Kommunismus und Marxismus". Wir diskutierten darauf hierüber. Am Sonnabend, den 4. Februar, machte uns Walter Wolf mit dem Buche von Dr. Wiener „Kritische Reise durch Palästina" bekannt, und gab dadurch eine Vorstellung von dem heutigen Palästina und den Organisationen des masernen Zionismus. Anschließend fand eine Aussprache statt. Am Sonnabend, den II. Februar, berieten wir, wie wir die Arbeit in unserer Gruppe noch verbessern könnten; wir kamen dahin überein, unfern beiden Jugcndführern zwei Leute aus unserer Gruppe zur Seite zu stellen, die mit ihnen das Programm beraten und die Wünsche der Jugendgruppe zur Geltung bringen sollen. Gewählt wurden Ruth .Hadra und .Heinz Kronheim. Mittlere Gruppe. Am 31. Januar arbeiteten die mittlere Gruppe und die ältere Gruppe getrennt. Wir beschäftigten uns in der mittleren Gruppe mit der Oper „Jonny spielt auf". Karl Hamlet setzte sich in seiner Einführung erst mit dem musikalisch-künstlerischen Problem auseinander und stellte die Gegenwartsfragen, die in diesem Werk enthalten sind, zur Debatte. Diese beiden Punkte wurden in der Debatte auch sehr eifrig behandelt. Wir stellten dabei in Gegensatz zu dem amerikanisierten Jonny den Menschen, der seine Individualität auss schärfste betont. Am 27. Februar beschäftigten sich ältere und mittlere Gruppe gemeinsam mit dem Problem „Liebe und Kameradschaft". Senta Petzon stellte sich in ihrer Einführung auf den Standpunkt der Jugendbewegung, indem sie engste Kameradschaftlichkeit und Natürlichkeit im Verkehr zwischen Jungen und Mädels forderte. Die Diskussion nahm teils für, teils gegen diese Ansicht Stellung, bejahte jedoch, daß Kameradschaftlichkeit zwischen Jungen und Mädels das gegebene Verhältnis sei. S. I. Aetteee Grupp«. Am Dienstag, den 31. Januar, harte die ältere Gruppe einen Heimabend, der sich mit dem Thema „Jüdischer Liberalismus" besaßt hat. Herr Rabbiner Dr. Wilde leitete an Hand der „Richtlinien des liberalen Judentums" die Debatte. G. A. Aus anderen jüdischen Zugendverbänden Der Neutrale Verband gibt über seine Führcrtagung am Ende des letzten Jahres einen offiziellen Bericht heraus, der nur wenig Interessantes enthält. Das Ergebnis des ersten Verhandlungstages, der Bundessragen galt, ist „der unbedingte Wille zum Verband" und die Bestätigung der „überparteilichen, neutralen Einstellung". Am zweiten Tag wurde über das Thema „Jugcndgruppen und Judentum" verhandelt. Auch hier wurde die Neutralität nicht „als Larve oder Schutzmaske", sondern als der „Wille zur Einheit im Sinn der prophetischen Unerbittlichkeit und Reinheit" dargestellt. Damit ist uns nichts Neues gesagt und unser Zweifel an die Möglichkeit wirklich überparteilicher Einstellung einerseits und an die Fruchtbarkeit und den erziehlichen Wert des Neutralitätsgedankens in Weitaus chauungssragen für einen Jugendbund andererseits nicht geschwächt worden. Viel inhaltsreicher, obwohl viel kürzer und bescheidener in der Form, ist der Bericht, den der K a d i m a h (die Vereinigung des Kadimah und des Bundes Jüdischer Pfadfinder) von seinem Führcrlager im Riesengebirge um die Jahreswende gibt. Unter Leitung eines Hamburger Privatdozenten, Dr. Bondy, wurde in dreitägiger Besprechung eine Reihe von pädagogischen und Erziehungsfragen behandelt. Ferner galt der jüdischen Bildungsarbeit des Bundes eine Reihe von Besprechungen. Einen interessanten Einblick in den jugendbewegten und doch auch pfadsindcrisch eingestellten Charakter des Buches gibt die gelegentliche Lektüre seiner Bundeszeitschrist, in der in anziehender Weise von Fahrten und .Heimabenden und sonstigen Ereignissen des Bundcslebens berichtet wird, Photographien von Fahrten und Lieblingen machen die Darstellung lebendig. Aussätze über Probleme und ideologische Fragen fand ich nicht in den Heften, die sich allerdings auch als eine „Zeitschrift für die Mittleren und Jüngeren" bezeichnen. Die ganz-jüdische Einstellung des Bundes, die auch in den Heften hervortritt, ist nicht die unsere, aber doch können wir manches aus ihnen lernen, wie die dargestellte Bundesdisziplin oder auch die Intensität der jüdischen Arbeit. Ludwig L e w i n. Bücher- und Zeikschriflenschau Das Jungoolkhest der Kameraden. Das Blatt der „Kameraden", das wohl hauptsächlich für die Mittelgroßen bestimmt ist (Pimpfe), wird eingeleitet durch ein Bild der beiden Herausgeber in der Badehose, das ihre körperlichen Qualitäten ganz hervorragend zur Geltung kommen läßt. Abgesehen davon nötigen mich bei meiner Kritik die dazu gehörigen Reime, in denen auch vom Biceps die Rede ist, zu allergrößter Vorsicht. Und tatsächlich, wenn man sich das äußerst umfangreiche Heft (46 S.) durchliest, muß man den Mitarbeitern die größte Achtung zollen. Die einzelnen Aufsätze lassen erkennen, daß sie mit Lust und Liebe gemacht sind. Mir haben die Aufsätze von Schlacks am besten gefallen — aber möglicherweise liegt das am (technischen) Thema; ich bin jedoch überzeugt, daß die Bilder auch objektiv gesehen gut sind. Das Hauptthema des Heftes ist die Arbeit, nicht etwa die Bundesarbeit, sondern das Schassen des täglichen Lebens in seiner wechselseitigen Gestalt. Hier, an diesem Punkte, muH die Kritik cinsetzen. Nicht als ob es falsch wäre, sich ein wenig über die Bundesgrcnzen hinweg zu setzen Gottseidank, daß es noch Leute gibt, denen „Der Bund" nicht die Welt bedeutet! -, sondern weil man hier ins Extrem verfallen ist. Alle diese Arbeiten sind mehr oder minder gut: - in fachlicher Hinsicht: wir werden ausgezeichnet eingesührt in die Methoden der Bctriebsführung; wir lernen wie man eine Lokomotive cinheizt und Eis fabriziert; wie es in der Druckerei aussieht usw.... Aber was hat das mit dem deutsch-jüdischen Wander bund „Kameraden" zu tun? Gewiß, das alles ist für die „Pimpfe" nicht uninteressant, aber seid ihr denn so sicher, daß cs etwas ähnliches nicht auch in Büchern zu lesen gibt? Ich möchte zum Beispiel Max Eschncr „Von Natur und Menschenhand" Vorschlägen, das den Vorteil der größeren Ausführlichkeit und Anschaulichkeit hat. Mao allerdings die, zum Teil nette, Geschichte von Tschcck und Bum betrifft, so muß letzten Endes, um der Moral willen, zur Hedwig Courts-Mahler gegriffen werden. Und mir ist es ein Rätsel, warum die Kameraden dieser geschätzten Schrislstellerin Konkurrenz machen wollen. Alles zusammeugesaht, scheint mir der Eindruck, den der Inhalt des Heftes macht, dadurch beeinträchtigt zu iverücn, oaß der Ton im großen und ganzen zu unpersönlich ist. Gewiß, vom Bundestag ist viel die Rede; wir hören auch schöne Worte über die „Arbeit" im Bund und die Ausgaben eines jeden, — aber die Ergebnisse dieser Arbeit, etwa dargetan am allgemeinen Thema „Aroeit", sind nicht zu verspüren. Wenn die Kameraden dieses Heft dem Thema widmen, werden sic möglicherweise doch schon in ihren Gruppe* darüber gesprochen haben. Warum mertt man so wenig davon in den Aussätzen, die kaum persönliche Anteilnahme, Problemstettung und -Beantwortung enthalten? Einen leisen Ansatz fand ich vielleicht in „Spiel und Arbeit" von Werner Zweig und „Ellernfahrt" von Paul Berg. - Mehr eigenes Leben in ein solches allgemeines Thema, scheint mir der kürzest gefaßte Inhalt einer positiven Kritik zu sein. Walter Simon. Das Januarheft der Kameraden, deutsch-jüdischer Wandcrbund, bringt u. a. zwei Artikel, die auch für uns von großem Interesse sind. Der erste Aufsatz „Außcnarbeit?" dient einem Ausruf zum Zusammenschluß der verschiedenen Jugendbünde zu gemein amer Arbeit. So sehr der überbündische Zusammenschluß der organisierten Jugend ideell zu begrüßen ist, hat uns doch die Erfahrung gelehrt, daß die Gegensätze innerhalb der Jugendverbünde zu stark sind, als daß sie sich durch ein gemeinsames fernstehendes Ziel Überdrücken lassen. Spaltungen innerhalb der jüdischen Jugendbünde haben uns gezeigt, daß eine Zusammenarbeit von Vertretern der verschiedensten Anschauungen in der Praxis nicht möglich ist. Deshalb: Parteiische Arbeit zu gemeinsamem Ziel! Der zweite Artikel (Rudi Baer) besaßt sich mit dem internationalen Tressen der Jugend und der Gründung des Weltjugcndbundes aus der Freusburg im vorigen Jahre. Die Thesen der politischen und pädagogischen Arbeitsgemeinschaft (Lieberwindung des Imperialismus, Kamps der kapitalistischen Ausbeutung, 8-Stundentag) sind durchaus nicht so unerhört neu, wie der Verfasser dieses Aussatzes cs annimmt, sondern alte sozialistische Forderungen. Es ist mir deshalb unverständlich, wie Jugendbünde, die den kultur-reaktionären Forderungen des Weltbundes der Jugend mit unterschreiben können. Besonders wichtig ist cs, daraus hinzuweiscn, daß die Thesen dieser internationalen Arbeitsgemeinschaft durchaus von denkenden, arbeitenden Menschen jeder Altersstufe anerkannt iverden. Gerhard K a u s f m a n n. Der Jugenddund. Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereinr Deutschlands, Nr. 2. (Düsseldorf, Februar 1928.) Aus einer Anmerkung der Schriftleitung ersehen wir, daß das Blatt seit einiger Zeit systematisch das Thema „Die Jugend in der Gemeinde" behandelt. Es ist gewiß kein Zufall, daß dieser Ruf in allen Lagern ertönt, wo es sich darum handelt, Jugend, die über das Atter rein jugendbeweglccischer Betrachtung und Betätigung hinausgewachsen ist, in den großen Kreis jüdischen Lebens hineinzustellcn. Wahrend diese Frage im Hinblick auf die Entwicklung des Jugendlichen schon früh und oft gestellt und auch mehr oder weniger theoretisch beantwortet worden ist, behandelt A. de Jonge in einem längeren Aufsatz, dessen scharfe Diktion keinen Zweifel an Zielen und Absichten des Verfassers zuläßt, rein praktisch das Wahlrecht der Jugend. Er geht aus von der Formaldesinition der jüdischen Gemeinde als „eines öffentlich-rechtlichen Selbstverwaltungskörpers, der Angelegenheiten des jüdischen Kultus regeln soll". Darüber hinaus aber gewinnt sie, da sie „der einzige Ort ist, an dem wir das Jüdische bewußt hegen können, da sie die einzige Form unserer Gesellung ist, eine besondere, schicksalhafte Bedeutung. Es gibt von den Diasporajuden keinen, der nur Gemeindejude sein möchte; aber der Ort, an dem er nur Jude sein sott, ist die Gemeind e". Der in der Jugend empfundene und bewußt zu machende Wille zur Form ist der Wille zu jüdischem Kulturgut. So soll denn die jüdische Kultus-Gemeinde in die Kultur-Gemeinde übergehen, „dem einzigen Ort, der jüdische Kulturwerte geben kann und der von uns Hegung und Erneuerung dieser Werte verlangt". Auf diese theoretische Grundlage baut der Verfasser seine praktischen Forderungen auf: Korrektion bezw. Aenderung der Verfassung der preußischen Judenheit und des Gemeinde-Wahlrechts. Wahlalter, Karenzzeit, Steucrhöhe, Steuerflucht, Austrittsgesetzgebung sind für ihn (nicht nur für ihn allein — für alle) Dinge, die sich nur unter den seit 1847 z. T. verändert bestehenden gesetzlichen Verhältnissen zu den Mißständcn haben auswachsen können, wie wir sie heute in vielen Gemeinden vorfinden, de Jonge fordert zunächst aktives Wahlrecht mit 20 Jahren, gemäß dem Wahlalter für Reich, Länder usw. Aber auch das passive Wahlrecht soll im Gegensatz zum außerjüdischen, das mit 24 Jahren eintritt, auf 20 Jahre festgesetzt werden: der Verfasser begründet das mit „der bekannten Frühreife der jüdischen Jugend" und mit dem großen Interesse, das sie befähigt, trotz aller erdenklichen Nachteile die Gemeinde zu repräsentieren. D e Karenzzeit (die Zeit, die ein Jude unter Erfüllung seiner steuerlichen Pflichten in einer Gemeinde gewohnt haben muß, bevor er wählen oder ge.vählt werden kann - meistens 1 oder mehrere Jahre) soll fallen; es kann auf diese Weise Vorkommen, daß ein Angestellter, der an Geineindesragen stark interessiert ist, infolge öfteren Stellungswechsels nicht in der Lage ist, dies Interesse zu bekunden, bevor er eine Dauerstellung bekommt; darüber kann er 30 Jahre und noch älter werden. — Alles in allem also: Weitestgehendes Mitbestimmungsrecht in Sachen der Gemeinde für die Jugend, die den Willen hat, das Schicksal gesamtjüdischer Wirklichkeit mitgestalten zu Helsen. Das Heft enthält ferner einen Aufsatz über den Gesetzentwurf bctr. die jüdische Religionsgemeinschaft in Preußen, einen über den Reichsverband, die Gesamtorganisatiou der deutschen Juden, Referate, ein Fahrtentagebuch und Gruppenberichte. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands