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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-24 · 8 (24.2.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
8 (24.2.1928)
Date
1928-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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WischKbemleZeit«g Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e. D. Vezngsprel» durch die Geschäftsstelle '/«jährlich IN. 2Z0 Einzelnummer 0.20. Del freier Zusendung l Inland 0.25 Jftt die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgüedsbeitrage enthalten. Verautwertl. Redakteur: Bruno Doyda. Oie jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto. Berlin NW 7. 137 069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparalllezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnseratenabteilung: Berlin 5W 4S, Dilhelmstratze 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sümll. Annoncen-LMeditiou. Nr. S Berlin. 24. Februar 1928 8. Jahrgang Das Verden des liberalen Zndentnms Die Entwicklung des religiösen Liberalismus in Deutschland Von Joseph Kauffmann-Weißensee. Uni die Mitte des 18. Jahrhunderts lag die deutsche Judenheit noch in tiefem Schlummer. Noch herrschte größte Unwissenheit in allen weltlichen Dingen, noch lebten die Juden nur im eigenen Kreise, kannten nur, mit wenigen Ausnahmen, jüdisches Wesen, und auch davon nur das, was ihnen von meist selbst recht unwissenden Lehrern in den dumpfen Chederstuben beigebracht wurde. Nur einzelne Wohlhabende konnten chren Kindern Hauslehrer halten, die aber selten andere als talmudische Kenntnisse hatten. In die dunkle Geistesatmosphäre brachten Mendelssohns Uebersetzungen des Pentateuchs und der Psalmen etwas Licht, seine Glaubensgenossen erhielten dadurch Kenntnis der deutschen Sprache, singen an, sich auch mit deutschen Literaturerzeugnissen zu beschäftigen; das Interesse für die Umwelt erwachte, mit der verbesserten Sprache wuchs auch die Sehnsucht nach deutscher Bildung und nach Loslösung von Ghettogeist und Ghettogedanken. Mendelssohn hatte mit seinen Uebersetzungen beabsichtigt, den geistigen Tiefstand seiner Glaubensbrüder zu heben und damit die ersehnte Gleichberechtigung näher zu rücken. Im Verein mit David Friedländer und Daniel Jtzig gründete er eine jüdische Freischule mit deutscher Unterrichtssprache, trotz des Wrderftandes der Altfrommen, denen die Beschäftigung mit jeder nichtjüdischen Wissenschaft und das Lesen deutscher Bücher als Verbrechen erschien. Aber das hereinbrechende Licht ließ sich nicht abblenden, der von den in Finsternis wandelnden Rabbinern auf seine Werke geschleuderte Bann blieb wirkungslos. Die Sehnsucht nach dem Erlangen der so lange verschlossen gewesenen Bildung war übermächtig. Drei Jahre vor Mendelssohns Tode wurde die „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung und Sittlichkeit unter den Juden" gegründet, Berliner und Königsberger Juden bildeten deren Mitglieder. Die Gesellschaft gab eine hebräische Zeitschrift „Meassef" (Sammler) mit deutschen Beilagen heraus, die viele Leser fand und sehr zur Verbreitung von Wissen und Aufklärung beitrug. Männer und nament ich auch Frauen wandten sich mit Eifer dem Erlernen der deutschen, ja auch anderer Sprachen zu, verschlangen die Erzeugnisse der deutschen und ausländischen, namentlich französischen Literatur. Bald entstanden auch Schulen an anderen Orten, zuerst in Breslau, dann in Halberstadt, Dessau und Hamburg. Im ersten Jahre des neuen Jahrhunderts erfolgte dann die Gründung des für das Entstehen des Liberalismus bedeutsamsten Instituts, der Jacobsohn-Schule in Seesen. Ihr Begründer, Israel Jacobsohn, war eine der markantesten jüdischen Persönlichkeiten seiner Zeit, ein Mann, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, den sittlichen und geistigen Zustand seiner Glaubensgenossen zu heben und sie der Gleichberechtigung würdig zu machen. Sein Reichtum gestattete ihm, große Mittel gern und freudig für seine erstrebten Zwecke aufzuwenden. In seiner Schule richtete er einen Gottesdienst für die Schüler und ihm gleichgesinnte Erwachsene ein, der das Vorbild für den späteren liberalen Kultus wurde. Er selbst predigte dort in deutscher Sprache, flocht deutsche Gesänge in die Liturgie ein, bildete aus Schülern einen Synagogenchor und ließ dessen Gesänge durch Orgelklang begleiten. Hatte Mendelssohn für den Liberalismus den Ausspruch „im Anfang war das Wort" verkörpert, so vollführte Jacobsohn für ihn den Satz „im Anfang war die Tat". Bald nach Errichtung dieser Schulen folgte die Entstehung weiterer, namentlich des Philantropins in Frankfurt a. M. und der Samsonschule in Wolfenbüttel. An allen diesen Schulen unterrichteten geistig hochstehende junge Leute, die sich selbst deutsches Wissen erworben hatten, und mit Eifer bestrebt waren, solches zu verbreiten. Viele Schüler dieser Lehrer sind bedeutende Männer geworden, haben dazu beigetragen, geistige und sittliche Bildung unter ihren Glaubensbrüdern zu verbreiten. Jacobsohn strebte noch weiter. Er suchte die Gemeindeeinrichtungen, die Napoleon für Frankreich geschaffen hatte, auch für seine Heimat, das Königreich Westfalen, »» erlangen und erreichte auch die Einrichtung eines jüdischen Konsistoriums, an dessen Spitze er selbst stand. Oberrabbiner, BezirkSrabbiner, Vorstandsämter und Gemeinden waren dem Konsistorium unterstellt. In allen Gemeinden des Landes wurden geordnete Gottesdienste mit eingelegten deutschen Gebeten eingerichtet, feierliche Konfirmation für Knaben «ud Mädchen wurde eingeführt, Trauungen und Beerdigungen wurden würdig gestattet. Auch in Süddeutschland, Bayern, Baden und später Württemberg, sorgten die Regierungen für Neugestaltung der jüdischen Einrichtungen und Gottesdienste, wenn die Umwandlungen auch bei weitem nicht in dem Maße erfolgten, wie in Jacobsohns Wirkungskreise. In Preußen blieb alles beim Alten! Aber der neue Geist, der erwacht war, ließ sich auch hier auf die Dauer nicht aufhalten, wenn auch die große Masse der Juden noch im geistigen und sittlichen Ghetto verblieb. Den Bestrebungen der Gebildeten und Aufgeklärten stellten sich jedoch die größten Schwierigkeiten und Hemmungen entgegen, nicht nur seitens der altorthodoxen Rabbiner und Gemeindeältesten, sondern auch der Regierung. Dadurch wurden die gebildeten Kreise nicht nur dem Gottesdienste, sondern auch mehr und mehr dem Judentum entfremdet, die Kluft zwischen ihnen und ihren beim Althergebrachten und Gewohnten verbliebenen Stammesgenossen wurde immer größer, die Folge waren massenhafte Üebertritte zur Staatsreligion. Doch nicht alle konnten und wollten sich zu solchem Schritte entschließen, sie wurzelten zu fest in der Religion ihrer Vorfahren, fühlten sich trotz aller Anfeindungen und Gehässigkeiten noch eng verbunden mit dem Judentum, glaubten auch an die Zukunft, an die Durchführbarkeit der allgemeinen Bildung und damit einer Reform der verwilderten Gottesdienste, der unzeitgemäßen Gebräuche, der unerfreulichen Gewohnheiten und Sitten der noch Rückständigen. Sie wollten die Kultur der Neuzeit mit dem religiösen Judentum vereinen. Ihr geistiger Führer war Israel I a c o b s o h n, der 1814 nach Berlin verzogen war. Bald nach seiner Uebersiedlung richtete er eine Privatsynagoge ein, in Art seiner in Seesen begründeten, in welcher er teils selbst Vorträge hielt, teils von jungen Gelehrten, namentlich von Dr. Leopold Zunz, predigen ließ. Aber die rabbinische Partei wühlte gegen diese Neuerung, sie bot alles auf, um sie zu verhindern. Auf ihr Bestreben wurde 1823 eine preußische Kabinettsorder erlassen, die jede Aenderung des althergebrachten Kultus als Sektenbildung verbot, auch deutsche Predigten, deutsche Ansprachen bei Trauungen und Beerdigungen wurdet! untersagt. Diese Verordnung wurde erst 1810 aufgehoben. Auch in Hamburg hatten die Fürsprecher einer Reform des Gottesdienstes schwere Kämpfe zu bestehen. Schon 1817 hatte sich dort der „neue israelitische Tempelvcrein" gegründet. Das Hamburger Rabbinat suchte ihn mit aller Kraft zu bekämpfen, durch Denunziationen beim Senat und durch Bann, den es gegen das Tempelgebetbuch aussprach. Aber der Verein vermochte sich zu halten und zu wachsen, ja sich auf Leipzig auszudehnen. Immerhin milderte sich auch der Standpuntt der preußischen Regierung allmählich, in Magdeburg und Breslau wurden deutsche Predigten später sttllschweigend geduldet. Im Jahre 1826 gründete die Berliner Jüdische Gemeinde die „jüdische Gemeindeschule" mtt deutscher Unterrichtssprache, zu deren erstem Leiter Dr. Leopold Zunz berufen wurde. Zunz war nicht nur der erste bewußt-liberal eingestellte jüdische Prediger, er war durch sein epochemachendes Werk „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt" auch der Begründer der jüdischen Wissenschaft. Neun Jahre leitete er die Schule, dann folgte er einem Rufe als Prediger nach Prag, kehrte aber nach fünf Jahren wieder nach Berlin zurück, um die Leitung des halbprivaten Jüdischen Lehrerseminars zu übernehmen, die er bis zu dessen Eingang, 1850, behielt. Eine neue Generation von Rabbinern wuchs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts heran, auf Gymnasien und Universitäten herangebildeter Männer. Zu diesen gehören Zunz's Altersgenosse Dr. I. M. I o st, ferner Dr. Heinrich Graetz, beide als Forscher und Schreiber der jüdischen Geschichte bekannt und berühmt, sodann der Vater des religiösen Liberalismus, Dr. Abraham Geiger und dessen Mitarbeiter am Liberalismus, Dr. Leopold Stein und Dr. Ludwig Philippson. Geiger war zuerst Rabbiner in Wiesbaden, dann in Breslau und Frankfurt a. M., zuletzt, bis an sein Lebensende, in Berlin. Er war ein fruchtbarer Schriftsteller, ein großer Gelehrter, viele bedeutende Bücher und Aufsätze hat er herausgegeben. Seine Werke „Das Judentum und seine Geschichte" und „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwickelung des Judentums" haben in jüdischen und christlichen Gelehrtenkreisen Aufsehen und Beifall gefunden. Der in Frankfurt a. M. als Rabbiner tätig gewesene Stein hat sich ebenfalls hervorragend als jüdisch-wissenschaftlicher Schriftsteller betätigt. Er war der erste Rabbiner, der ein liberales Gebetbuch versaßte. Bon vielen Gemeinden wurde dasselbe in Benutzung genommen. In Magdeburg wirkte Ludwig Philippson als Rabbiner, Dichter und Schriftsteller. Er hat durch seine Werke, durch die Begründung des „Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur" und besonders durch seine „Allgemeine Zeitung des Judentums" ganz hervorragend im liberalen Sinne gewirkt. Im Gegensatz zum Liberalismus üble der Begründer der Neu-Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, eine bedeutende Tätigkeit aus. Zwischen diesen beiden Richtungen, dem Liberalismus und der Neu-Orthodoxie, schwankten die anderen deutschen Rabbiner, viele mehr nach links, manche mehr nach rechts, die meisten auf dem bequemen Mittelwege; oft war die Gesinnung der Mehrzahl ihrer Gemeindemitglieder für sie ausschlaggebend, sie ließen sich mehr führen, als daß sie führten. Es ist eben nicht jedem eine Kampfesnatur gegeben, aber auch nicht jedem bietet sich die Möglichkeit, seine Gedanken unbeirrt verbreiten zu können. Die Gegensätze der Führer der verschiedenen Parteien verstärkten sich mehr und mehr. Philippson glaubte, daß ein Ausgleich oder eine Verständigung möglich sei und veranlaßte deshalb eine Rabbinerversammlung in Braunschweig. Diese fand 1845 statt, aber nur 25 folgten der Einladung, die noch einigermaßen konservativ gerichteten Rabbiner glänzten durch Abwesenheit. Diese Versammlung, wie auch zwei andere in den nächsten beiden Jahren, hatten keinen anderen nennenswerten Erfolg, als daß die Vertreter der 1844 gegründeten „Genossenschaft für Reform im Judentum" in Berlin (seit 1850 Berliner Reformgemeinde), besonders unbefriedigt durch die resultatlosen Verhandlungen, die Versammlung verließen und sich auch an späteren Zusammenkünften nicht mehr beteiligten. Solche konnten zunächst nicht stattfinden, die politischen Verhältnisse der Mitte des vorigen Jahrhunderts beherrschten das Interesse der deutschen Juden wie Nichtjuden mehr als die religiösen Angelegenheiten. In der zweiten Hälfte hörte jedes Zusammenarbeiten der liberal gesinnten Rabbiner und Gemeinden auf, jede Gemeinde ging ihre eigenen Wege, richtete sich ihre Gottesdienste und Schulen nach den Ansichten ihrer Rabbiner und Führer ein, nur die Predigt wurde allgemein, selbst in den streng konservativen Gottesdienst, eingeführt. Meistens beschränkten sich die Neuerungen auf ganz nebensächliche Dinge, hier begnügte man sich mit Abschaffung des I e k u m P u r k a n oder des Anim Semiraus, dort verschwanden einige Festtagseinschaltungen, anderswo wurden deutsche Predigtlieder eingeführt, wieder an anderen Orten kam man aber zu Orgel und Gebetkürzungen, jedoch allgemein anerkannte und übereinstimmende Gottesdienst-Ordnungen erfolgten nicht, weil eben jeder Zusammenhang der Gemeinden, selbst gleicher Gegend, fehlte. Auch der im Jahre 1869 geschlossene „Deutsch-israelitische Gemeindebund" wollte und konnte daran nichts ändern. Resultatlos verliefen auch Rabbinerversammlungen in den 70 er Jahren. Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts konnte der Wunsch nach gottesdienstlichen Reformen immerhin in einer Anzahl größerer Gemeinden einige Erfolge erzielen, namentlich durch die Errichtung würdiger Synagogenbauten. Den Anfang machte Berlin mit der „Neuen S y n a g o g e", dann folgten Breslau, Hannover und andere Orte. Auch ein langgehegter Wunsch, ein zeitgemäßes Rabbinerseminar entstehen zu sehen, ging durch eine hochherzige Stiftung 1854 in Breslau in Erfüllung. Anstelle des 1850 infolge der Uninteressiertheit der Regierung eingegangencn Lehrerseminars konnte endlich die Berliner Gemeinde im Jahre 1859 ein staatlich anerkanntes, auf liberaler Grundlage ruhendes Lehrerseminar errichten, dem 1872 die Gründung der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" folgte. Auch in Hannover, Cassel, Köln und Münster waren Seminare entstanden, aber konservativer Richtung. Aber dann schwächte das Interesse für religiöse Angelegenheiten ab, der Materialismus herrschte, der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Kriege 1870/71, die errungene politische und bürgerliche Gleichberechttgung, hatten die Juden von religiösen Bestrebungen abgelenkt. Zwar hatte der wieder erwachte Antisemitismus die Judenheit aufgerüttelt, zwar war neben den Gemeindebund noch der „Verband der deutschen Juden" getreten, war der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", waren weitere Vereine mit ethischen und philantropischen Zielen entstanden, aber auf religiösliberalem Gebiete war Stillstand und Stillschweigen eingetreten. Erst 1898 begann neues Streben nach einheitlichem Wirken, es wurde die „Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" geschaffen. Zehn Jahre später erstand dann di« „Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" deren Begründer, neben den Rabbinern Dr. Seligmann

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