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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-10 · 6 (10.2.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
6 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWchkberaleZeMng Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. »«MftrU durch Mc GeschSfi-stell« '/.stlhrkch M. 2L0 WuD«luu»mer 0^0. Bel freier Zuseuduag l. Julaad 0^5 JÜr dl« ANtgNeder der Vereinigung ist der Vezugspreia U» Mitglied»beitrag« enthalten. V«ruut»«rll. Ledakleurr Vruu« V«yd«. Via «Jüdisch-liberale Leitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Verlin SW 46, Wilhelmstr. 147 Aernruf: Bergmann 3355, 3359 Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge )»stscheckkouto: Berlin 71W 7. 137060 nur mit vorheriger Genehmigung der i Vereinigung für da» liberale Judentum) Redaktion gestattet. Anzeigenpreis«: Die 12gespaltene Ronparatllezetl, 6.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Ravott. «uzelgeuaanahmrr .Jüdisch-liberale Zeitung' Inserateaabteiluag: Berlin SW 46. WithelmstraKe 147 (Bergmann: 3356-50), sowie sämtl. Äuaoncen-Lxpeditiou. Nr. 6 Berlin. 10. Februar 1928 S. Jahrgang Vorlmfer des Memlismus Sctt etwa hundert Jahren hat bei den deutschen Juden eine Bewegung eingesetzt, die früher als Reform bezeichnet wurde, jetzt religiöser Liberalismus genannt wird. Unserer jetzigen Generation ist nicht mehr bewußt, unter welchen Schwierigkeiten und Anfechtungen die ersten Vertreter liberaler Ansichten zu leiden hatten, seit wie kurzer Zeit es erst mögßich ist, selbständige Gedanken über religiöse Ansichten zu «ußeril oder durch' Handlungen öffentlich zu betätigen. Auch ist es in weiten Kreisen unbekannt, welchen Einfluß die Rabbiner und Gelehrten noch in den Tagen unserer Urgroßväter auf Gedanken und Taten ausübten, welcher Zwang angewendet werden konnte und wurde. Ihre Macht war so groß, die geistige Qualität der Ungelehrten so tiefstehend, daß' die Frage, ob es nicht anders sein könne, als gelehrt wurde, kaum austauchte. Mit „es steht geschrieben" wurde jede Erörterung abgeschnitten. Ob das „Geschriebene" mit der gestiegenen Bildung der Zeit, mit den Umständen und Verhältnissen zu vereinbaren ist, danach fragte das „Volk der Schrift" nicht, wat schriwt dat bliwt. Es war dem Gelehrten und dem Laien undenkbar, daß in dem großen Bücherschränke mit Schriften aus einem Zeitraum von über 20tX) Jahren irgend ein Werk stehen könne, das veraltet oder unbrauchbar geworden sei: alles Alte wurde für Ueberlieferung aus Moses Zeiten ausgegeben, dadurch wurde ihm der Stempel der unabänderlichen Heiligkeit aufgedrückt. Ueber den Kerngedanken des Judentums lagerten die Schalen der sopherischen, mischnaitischen, talmudischen, gao- «äischen und rabbinischen Umzäunungen und Auslegungen. Hierzu trat eine neue Kruste, die Kabbalah, die in alle Lücken der Ueberlieserung hineinwucherte. In den Kreisen der Kabbalisten entstand aber auch ein Werk, das allgemeine Anhängerschaft und Autorität, auch bei den Gegnern der Kabbalah And, auch heute noch in vielen Kreisen herrschend ist: der Schulchan Aruch des Joseph Karo. Bei der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal waren viele als Scheinchristen (Marannen) dort zurückgeblieben. Viele derselben fühlten sich unglücklich in ihrem Doppelleben, in der täglichen Gefahr, erkannt zu werden und der Inquisition zu verfallen. Manchen gelang es, zu entlflichen, viele mußten den Fluchtversuch mit dem Tode büßen. Hundert Jahre nach der Austreibung vermochten die ersten Marannen sich in Amsterdam niederzulassen, bald folgten weitere, und im Jahre 1639 erfolgte die Bildung einer jüdischen Gemeinde in Amsterdam. Zu den nach Holland entflohenen Marannen gehörte «uch Uriel Acosta. Er war der Sohn eines streng katholisch gewordenen Vaters, war 1590 in Portugal geboren und hatte Jurisprudenz und Theologie studiert: Je mehr er sich in seine Wissenschaften vertiefte, je weiter er in \bie katholisch-jesuitische Togmenlehre eindrang, desto stärker wuchs seine Beunruhigung, desto größer wurden seine Zweifel. Er begann, die Bibel eifrig zu studieren und kam nach und nach zu der Erkenntnis, daß das Judentum ihm annehmbarer erschien als der Katholizismus. Als der Vater starb, bewog er seine Mutter und seine Brüder, mit ihm nach Holland zu entfliehen. Sie trafen 1618 dort ein und traten sofort zum Judentum über. Aber das Judentum, von dem er sich ein Bild gemacht hatte, war ein ganz anderes, als dasjenige, welches er in Holland vorfand; er suchte das Judentum der Bibel, speziell der Propheten, und fand das Judentum des Schulchan Aruch und der Kabbalah. Seine Enttäuschung war eine ungeheure.^ Er hielt sich für berechtigt, an dem in Amsterdam Vorgefundenen Judentum strenge Kritik zu üben und in Wort, Schrift und Tat für seine Ansichten einzutreten. Er lebte «ach seinem Sinne, setzte sich über Vorschriften und Gebräuche, sofern er deren Berechtigung nicht anerkennen konnte, hinweg und trat öffentlich gegen die Rabbiner und deren Lehren auf. Das Rabbinat bÄrohte chn mit dem Bann, der von Natur heftige Mann wurde dadurch noch mehr erregt und gereizt und ging auf dem eingeschlagenen Wege nur noch eifriger war der erste Jude, der sich erlaubt hatte, MEich die Berechtigung und Gültigkeit der rabbinischen Vorschriften zu bemängeln. Das Rabbinat war stärker als er — der große Bann wurde über ihn verhängt. Unter dem Drucke des Bannes sagte sich seine Familie von ihm los, Freunde hatte er nicht mehr, nur Feinde. Als er in Entgegnung emer gegen chn gerichteten Schrift eine Broschüre: „Prüfting der Pharisäischen Trillion mtb Entgegnung wider Verläumder Samuel da Silva" veröffentlichte, Angriffe gegen das traditionelle Judentum und &4fen Vertreter, die Rabbiner, enthielt, wandten sich das Rabbinat und die Führer der Gemeinde klageführend an den der Acosta verhaften ließ und mit 300 Gulden Geldstrafe belegte. Seine Schrift fiel der Vernichtung anherm. Einsam und allein verbliev er 15 Jahre im Bann, mit Niemandem konnte er verkehren, eine von chm ersehnte Verheiratung erwies sich als unmöglich. Endlich gab er nach und widerrief. Der Bann wurde aufgehoben, aber bald wurde er als rückfällig denunziert und von-neuem mit dem Bann belegt. Es blieb chm nichts anderes übrig, als wieder iiachzugeben. Eine schwere Buße wurde chm auferlegt: er mußte vor versammelter Gemeinde seine Sünden bekennen und Umkehr versprechen, dann erlitt er die talmudisch vorgeschriebencn 39 Geißelschläge und mußte sich auf die Schwelle der Synagoge niederlegeu, -die ganze Gemeinde schritt über ihn hinweg. Durch diese schmachvolle Behandlung aus das Tiefste erschüttert, schrieb er als Testament eine neue Schrift: „Ein Beispiel des menschlichen Lebens", nahm zwei Pistolen, mit deren einer er aus den Denunzianten schoß, ohne zu treffen, mit der anderen erschoß er sich selbst. Acosta hatte mindestens 150 Jahre zu früh das Licht der Welt erblickt, er konnte keinen Erfolg seiner Bestrebungen, kein Verständnis für seine Lehren finden, hatte auch wohl nicht die Größe des Geistes, die für einen Reformator erforderlich ist. Noch zu seinen Lebzeiten wurde aber der Mann geboren, der das von ihm unvollkommen begonnene Werk mit größter Geistesschärfe wieder ausnahm, einer der größten Denker aller Zeiten: Baruch Spinoza. Auch dieser war als Maranne in Spanien geboren, kam aber schon als Kind nach Amsterdam und wurde von seinen Eltern dem Judentum zugesührt. Schon als Knabe war er im Talmud, in den Werken Jbn Esras, Maimonides und anderer bewandet, war aber schon als Knabe von 15 Jahren von quälenden Zweifeln beherrscht. Er war anderen Geistes als Acosta, strÄte nach gründlicher Vorbildung, che er mtt seinen Gedanken hervortreten mochte. Zunächst erlernte er die lateinische Sprache bei einem christlichen Arzte, van den Enden, dann befleißigte er sich des Studiums der Mathematik, der Physik und der Philosophie, aber auch der jüdischen Wissenschaft, da er zum Rabbinerstande bestimmt war. Damals waren solche weltlichen Studien für einen Inden ungewöhnlich und unerhört, er konnte sie daher nur in aller Heimlichkett betreiben. Je weiter er aber seinen Studien oblag, je höher sich sein klarer, logischer und gerader Verstand entwickelte, desto mehr entfernte er sich von dem rabbinisch-kabbalistischen Judentume. In Gesprächen mtt seinen Bekannten erklärte er sich offen als Gegner des Rabbinismus, ja er ging so weit, daß er die Bibel als Menschenwerk hiustellte. Mehr und mehr brach er mit den religiösen Vorschriften und hielt sich vom Synagogenbesuch fern. Es war ihm nicht möglich, anders zu handeln, als zu denken; die Folgen seiner Handlungsweise sah er voraus, aber sie schreckten rhn nicht. Obwohl er die Rabbinerschule nach wie vor besuchte, konnten seine Ansichten dem Rabbinat nicht verborgen bleiben. Der Fall Acosta, der viel Staub aufgewirbelt hatte, war noch in frischem Andenken, man versuchte daher in milderer Weise auf Spinoza einzuwirken. Zunächst wartete man ab, ob Spinoza öffenllich Handlungen begehen würde, die ihm eine Anklage zuziehen könnten. Er lebte aber still für sich, befleißigte sich auch seinen Bekannten gegenüber größerer Zurückhaltung. Als aber ein Mitschüler ihn beim Tribunal verklagte, wurde er vorgeladen und ermahnt. Um chm Zett zur Einkehr zu geben, wurde er für 30 Tage Jtnü »leichtem Bann belegt. Spinoza dachte garnicht daran, sich in irgend einer Weise zu wandeln. Das Rabbinat versuchte nun einen anderen Weg, aber den allerunangebrachtesten einem Manne wie Spinoza gegenüber. Es bot ihm, dessen schwierige pekuniäre Lage bekannt war, eine Jahresrente von 1000 Gulden, wenn er nur ein wenig nachgeben würde, wenn er nur hin und wieder die Synagoge besuchen wolle. Spinoza lehnte ab und ging seiner Wege, das Rabbinat wollte abwarten, bis sein Oberhaupt, Manasse ben Israel, der Lchrer Spinozas, aus England zurückgekchrt sei. Da traten zwei Umstände ein, die eine Aussöhnung unmöglich machten, Manasse starb auf der Rückreise von England, und ein Fanatiker machte einen Mordversuch auf Spinoza. Dieser verließ Amsterdam und begab sich zu einem Freunde nach ein»:n Torf: in der Nähe der Stadt. Das Rabbinat verhängte nunmehr den schwersten Bann über ihn, Spinoza kümmerte sich nicht darum. Er lebte ruhig in seinem Torfe und arbeitete an einer Schrift, an der er seine Ueberzeugungen niederlegte. Er ernährte sich durch Schleifen von optischen Gläsern. Erst 1670 erschien seine Rechtftrtigungsschrift, der „theologisch-politische Traktat", jedoch ohne Namensangabe. Das Buch erregte ungemeines Äussehm und getualticjc Erregung bei den Geistlichen aller Konfessionen. Noch niemals hatte jemand über das Verhältnis der Religion zur Philosophie und zur Staatsgewalt in so einschneidender und entschiedener Weise geschrieben, noch niemals gewagt, derartig unverblümt gegen die orthodoxen Ideen und Ueberlieferungen der Religionen mtt scharfer Logik vorzugehen. Ter Verkauf des Buches wurde von den General staateü verboten, desto mehr wurde es gelesen. Fünf Jahre darauf erschien sein bedeutendstes Werl: die „Ethik". Dieses brachte eine völlige Umkehrung der bisherigen Weltanschauung. Bald darauf starb der kränkliche Mann, noch nicht 45 Jahre alt. Spinozas Wirken und Schaffen ist erst in der Neuzett richtig gewürdigt worden, mehr noch bei Nichtjuden als bei Juden. Er galt früher als Gottesleugner, aber mtt Unrecht. Welcher Atheist könnte sich wohl auf den von Spinoza ausgesprochenen Grundsatz stellen: „Liebe zu Gott ist das höchste Ziel menschlichen Ringens und Strebens"? Im Theologische politischen Traktat wurde der erste Versuch einer Bibelkrttik gemacht, ein Versuch, der der späteren Bibelwissenschaft als Grundlage gedient hat und heute noch dient. Für uns liberalen Juden ist aber Spinoza Bahnbrecher und Grundsteinleger unserer Bestrebungen geworden: Schon er erblickte das Wesen der Religion in ihren ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten, er glaubte an den einigeinzigen Gott der Gerechtigkeit und Liebe, er kämpfte für Glaubensfreihett und Glaubensehrlichkeit, gegen Glaubenshaß und Glanbenszwang, gegen Scheinheiligkcit und Werlh.iligkit. Joseph Kauffmann. Fortschritt des liberalen Judentums in Amerika Am 22. Januar begann in New Aork die Jahrestagung der Union amerikanisch-jüdischer Kongregationen (Verband der liberalen Synagogengemeinden Amerikas). Ter Präsident des Vollzugsausschusses der Union, Herr Ludwig Vogelstein, berichtete über die Tätigkeit im verflossenen Jahre und über die Fortschritte, die das Resormjudentum in den Vereinigten Staaten seit dessen 55jährigem Bestehen (die Bewegung wurde von dem verstorbmen Jsaac M. Wise begründet) gemacht hat. Ter Berichterstatter stellte fest, daß die Mttgliederzahl der liberalen Kongregationen in Amerika ständig zunimmt und erklärte: „Tie kommende jüdische Generation wird Zeuge sein einer Neugruppierung des jüdischen Elementes, und diejenige Synagoge, die sich modernen Ideen nicht verschließt und die sich dem liberalen Gesich smnkt anzupassen versteht, wird ständigen Zuwachs aus den Reihen der Orthodoxen und der Konservativen erhalten." Tie budgetären Erfordernisse, fuhr Herr Vogelstein fort, überschreiten gegenwärtig eine halbe Million Dollar. Das Jahresbudget der Union betrug 1908 noch 51000 Dollar, 1927 aber schon 503 000 Dollar. Als die Union entstand, zählte sie 28, heute 282 Kongregationen. Als Jsaac M. Wise die Union begründete, gab es in Amerika kaum 250000 Juden, von denen die große Mehrheit die liberale Auslegung des Judaismus bevorzugte. Eine Anzahl von ihnen kam aus den Philosophieschulen Deutschlands und bildete den Grundstock zu der sich später »entwickelnden Bewegung für ethische Kultur. Tie anfangs kleine Gruppe der orthodoxen Juden wurde durch den Zuzug aus Polen, Rußland, Rumänien und anderen osteuropäischen Staaten immer mächtiger und gewann beständig an Bedeutung und Einfluß. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß von den dreieinhalb Millionen Juden in den Vereinigten Staaten fast drei Millionen aus orthodoxem Milieu stammen und. gegenwärtig dec konservativen Anschauung huldigen. Eine allmähliche Emanzipation ist nicht zu verkennen. Es gibt unter den Konservativen Führer, die ihren eigenen Gemeinden empfchlen, sich zu moderneren Ansichten durchzuringen, da sie sonst mit einem starken Aüströmen zum liberalen Lager rechnen müssen. Ein orthodoxer Rabbiner von großer Gelehrsamkeit hat vor kurzem die Befürchtung geäußert, daß in 50 Jahren niemand mehr in der Lage sein werde, den Talmud in der Ursprache zu studieren. Tie Zahl der Mitglieder der Reform-Synagogen erhöht sich sortschrettend durch Uebertritte aus dem konservativen Lager, die nächste Generation wird die Signatur des Liberalismus tragen. Ter Vorsitzende des Finanz-Ausschusses, David A. Brown, teilte mtt, daß die Organisation des Reformjudentums im ganzen Lande so straff sei, daß mtt der Aufbringung der erforderlichen Fonds gerechnet werden müsse. Der Präsident des Tirektoren-Ausschusses des Hebrew Union College (Liberale Rabbiner-Akademie) erstattete den Bericht dieser Institution. 1927 hatte das College 117 Hörer, die größte Hörerzahl feit seinem Bestehen. Cohen berichtete über den Erfolg der Bemühungen des Herrn Adolf S. Ochs zur Aufbringung des Stiftungsfonds des College in von fünf Millionen Dollar. Eine und eine halbe Million Dollar sind bis heute aufgebracht. Ei« Appell zur Stärkung des liberalen Judentums. Führende Persönlichkeiten der Union liberaler jüdischer Kongregationen versammelten sich vor kurzem zu einer Ehrung

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