Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613952--2589-2620077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
besiegbar zähem Eifer daraus bedacht waren, daß ihren Stammesgenossen die gleichen Rechte verliehen wurden wie ihren christlichen Mitbürgern, ehrt die pietätvolle Treue ihres Blutes. Kein einziger Rothschild, obzwar sie sämtlich über Freiherrntitel geboten und gewohnt waren, sich in fürstlicher Gesellschaft zu bewegen, hat je seine Herkunft verleugnet oder auch nur sich ihrer geschämt. Selbstverständlich bedurften sie, in Ansehung ihrer beispiellosen Vormacht und des Neides, sowie des Mißtrauens und der Mißgunst, von denen sie sich von Christ und Jude umlauert sahen, häufig auch einflußreicher Persönlichkeiten, die für sie in Wort und Schrift eintraten. Dank ihrem innigen Verhältnis zu dem Fürsten Metternich, dem „Don Quixote der Legitimität", waren sie in enge Berührung geraten mit Metternichs erstem Sekretär, dem diplomatischen Publizisten politischen Coulissenschiebertums und heimlichen Agen- 1m Friedrich Gentz, der mit Fug als „die Feder Europas" bezeichnet ward. Ihre Menschenkenntnis wußte sich der Gentzschen Skrupellosigkeit, deren Zynismus keine Grmzen kannte, auf das Förderlichste zu bedienen. Es kam Gentz nicht darauf an, sich in optima sonna bestechen zu lassen, und den Rothschilds noch weniger, ihn zu bestechen. Er ist es auch darum gewesen, der sich zuerst vor aller Welt über den Aufstieg des Hauses Rothschild anonym vernehmen ließ: In einem Brief an seinen Freund, Adam Müller, bekannte er sich jedoch selbst zu der Autorschaft und ließ sich über sein eigenes Opus und über dessen Objekte wie folgt aus: „Es hat mich sehr ergötzt, daß Sie eine Monographie der Rothschilds wünschen, einer der witzigsten und glücklichsten Gedanken, die mir seit lange vorgekommen sind. Das Wort ist um so treffender, weil die Rothschilds in der Tat eine eigene species plantarum bilden, die ihre eigenen charakteristischen Merkmale hat. Sie sind gemeine, unwissende Juden, von gutem äußeren Anstand, in ihrem Handwerk bloße Naturalisten, ohne irgendeine Ahnung eines höheren Zusammenhanges der Dinge, aber mit einem bewunderungswürdigen In st inkt begabt, dersie immer das Rechte und zwischen zwei Rechten immer das Beste wählen heißt. Ihr ungeheurer Reichtum (sie sind die ersten in Europa) ist durchaus das Werk dieses Instinkts, welchen die Menge Glück zuu nennen pflegt. Die tiefsinnigsten Raisonnements von Baring flößen mir, seitdem ich alles in der Nähe gesehen habe, weniger Vertrauen ein, als ein gesunder Blick eines der klügeren Rothschilds (denn unter den fünf Brüdern gibt es auch einen ganz Schwachen und einen Halbschwachen), und wenn Baring und Hope je fehlen, so weiß ich zu voraus, daß es geschehen ist, weil sie sich weiser dünkten als Rothschild und seinen Rat nicht befolgt haben... Ich erzähle Ihnen con amore von diesen Menschen und diesen Geschäften, denn sie waren meine Erholung in Aachen, und zugleich habe ich viel von ihnen ge lern t." Aber noch in späterer Zeit, quasi als Ergänzung dieses, eigentlich auf Anregung von Adam Müller entstandenen Memorandums über das Haus Rothschild, veröffentlichte Gentz — gegen fürstliches Entgelt seitens der Familie Rothschild — einen von den Rothschilds selbst inspirierten Aus satz, der im Jahre 1826 in dem wie ein Evangelium betrachteten Brockhaus'schen Konversationslexikon unter dem Titel „Biographische Nachrichten über das Haus Rothschiftd", der auch in ähnliche fremdsprachige Werke, z. B. in die „Encyclopedie des genS du monde", Eingang fand. Es heißt dort: „Rothschild, gegenwärtig das größte aller Handelshäuser, gehört zu denen, die bloß durch einsichtsvolle Benutzung der Wege, die lausend anderen ebenfalls offen standen, durch wohlverstandenen Unternehmungsgeist, geregelten, gleichförmigen Gang, richtige Schätzung der Menschen und Dinge und Eingehen auf die Zeitverhältnisse groß und blühend geworden sind. Der Stifter dieses Hauses war Meyer Amschel Rothschild, der Vater der jetzt lebenden fünf Brüder. In kurzer Zeit gewannen ihm seine Kenntnisse, seine unermüdliche Tätigkeit und die vielfach erprobte Redlichkeit seiner Denkungsart das Vertrauen ansehnlicher .Häuser; er erhielt bedeutende Aufträge, und sein Kredit, wie sein Vermögen nahmen zu. Von dem wesentlichsten Einfluß für den ungeheueren Aufschwung, den später sein Geschäft nahm, war das Verhältnis, in welches Rothschild mit dem damaligen Landgrafen, nachmaligen Kurfürsten von Hessen trat, der ihn 1801, nachdem er in ihm einen ebenso zuverlässigen als brauchbaren Mann kennen gelernt, zu seinem Hofagenten ernannt hat. Als nämlich der Kurfürst 1806, da seine Staaten durch die Franzosen besetzt wurden, sich zur Flucht genötigt sah, überließ er Rothschild die Sorge für die Rettung seines Privatver-- mögens, welches in mehreren Millionen Gulden bestand. Rur durch die Aufopferung seines eigenen ganzen Vermögens und nicht ohne persönliche Gefahr vermochte Rothschild das ihm anvertraute Gut zu retten. Die bekannte Tatsache, daß Rothschilds sämtliches Vermögen ein Raub der Franzosen wurde, ließ den vertriebenen Kurfürsten nicht zweifeln, daß auch sein Vermögen verloren sei. Ja, er scheint es nicht einmal der Mühe wert geachtet zu haben, sich näher danach zu erkundigen. Als die Verhältnisse sich wieder geordnet, sing Rothschild sofort an, mit den geretteten Schätzen neue Geschäfte zu machen.M i t größter Gewissenhaftigkeit hielten die Brüder das Gebot unverbrüchlicher Eintracht und der Gemeinschaftlichkeit in allen Geschäften, welches der sterbende Vater ihnen an's Herz gelegt. Ueberhaupt hegen sie gegen ihren Vater eine solche Pietät, daß sie bei allen wichtigen Geschäftsunternehmungen aus ihn zurückkommen und daß namentlich Nathan (London) zweifelhafte Falle gewöhnlich durch eine Regel, die er dem Vater in den Mund legt, entscheidet. Als im Jahre 1813 der Kurfürst heimkehrte, war das Haus Rothschild nicht nur erbötig, die ihm anvertrauten Kapitalien sosort zurückzuzahlen, sondern versprach auch, vom Tage des Empfanges an, die üblichen Prozente zu bezahlen. Der Kurfürst, durch einen solchen Beweis der Redlichkeit und Rechtlichkeit wahrhaft in Erstaunen gesetzt, ließ das ganze Kapital noch auf mehrere Jahre im Geschäft, verzichtete auf alle früheren Interessen, nahm nur erst von der Zeit seiner Rückkehr an einen geringen Zins und hat gewiß nicht wenig durch seine Empfehlungen, zumal auf dem Wiener Kongreß, die Verbindungen des Hauses Rothschild gefördert, das nun infolge der politischen Ereignisse seit 1813 durch eine ununterbrochene Reihe großer Geld- und Kreditoperationen zu der Stelle geführt wurde, die es gegenwärtig in den europäischen Kommerz- und Finanzangelegenheiten einnimmt. Die Frage, wie das Haus Rothschild in so kurzer Zeit alles das, was es geleistet, unternehmen und vollbringen konnte, hat ohne Zweifel mehrmals einen merkantilischen und politischen Kopf beschäftigt. Zufälligkeiten abgerechnet, war es insbesondere die strengste Befolgung der einmal anerkannten Fundamcntalmaximen, welcher, «eben einer klugen Geschäftsführung und vorteilhaften Konjunkturen, dieses Haus seinen Flor verdankt. Unter diesen Grundsätzen steht obenan die schon erwähnte gemeinschaftliche Betreibung aller Geschäfte. Seit dem Tode des Vaters wurde jeder Antrag der Gegenstand ihrer gemeinsamen Beratungen; jede nur einigermaßen bedeutende Operation ward nach einem verabredeten Plan und mit vereinten Anstrengungen geführt, und alle Brüder hatten gleichen Anteil an den Resultaten. Ungeachtet wie weit von einander nach und nach ihr« Wohnsitze aufgeschlagen, störte dieser Umstand nicht im geringsten ihr enges Einverständnis, vielmehr gewährte er den Vorteil, daß sie von der Lage der Dinge auf verschiedenen Hauptplätzen unterrichtet, jeder auf seinem Punkte, die von dem Gesamthaus zu übernehmenden Geschäfte umso zweckmäßiger einleiten konnten. Ein anderer der einmal angenommenen Grundsätze des Hauses Rothschild ist der, mit der Zeit fortzugehen und sich nicht hemmend in das Rad der Zeit einzulegen. Endlich ist nicht unbemerkt zu lassen, daß nächst der Billigkeit der Forderungen, der Pünktlichkeit der Leistungen der Einfachheit und Klarheit der Pläne und der verständigen Ausführung derselben, der persönliche moralische Charakter aller fünf Brüder auf den Erfolg ihrer Unternehmungen einen tvesentlichen Einfluß gehabt hat. Es ist nicht schwer, sich eine zahlreiche Partei zu verschaffen, wenn man mächtig genug ist, viele in sein Interesse zu ziehen; allein die Stimme aller Parteien zu vereinigen und bei groß und Nein hoch angesehen zu sein, setzt' nicht bloß materielle Mittel, sondern auch Gemütseigenschasten voraus, die nicht immer mit Macht und Reichtum verbunden sind. Wohltaten um sich her zu bereiten, keinem Notleidenden die Hand zu versagen, jedem Hilfesuchenden ohne Unterschied bereitwillig entgegenzukommen und die wesentlichsten Dienste in die gefälligsten Formen zu kleiden: diese Wege zur wahren Popularität haben sämtliche Brüder, und zwar nicht etwa aus Berechnung, sondern aus angeborener Menschenfreundlichkeit und Gutmütigkeit, betreten." Man kann sich vorstellen, welchen Nutzen dieser stilistisch meisterliche Hymnus auf bas Haus Rothschild, der, obwohl nicht uneigennützig geschrieben, doch in das Herzblatt des Rothschildschen Familiencharakters traf, diesem Weithaus einbringen mußte. Gentz hat auch Recht, wenn er an anderer Stelle bemerkt: „Es ist keine neue, nur eine häufig verkannte Wahrheit, daß, was man in der Geschichte einzelner berühmter Männer oder ausgezeichneter Familien Glück zu nennen pflegt, ein Wort ohne Sinn wird, sobald man es von der Mitwirkung des Persönlichen und Selbständigen im Menschen abgesondert denken will. Glück und Unglück mag in einzelnen Verhältnissen des Lebens, obgleich auch in diesen nicht ausschließlich, menschliche Schicksale bestimmen. Dauerhafte Erfolge aber ebenso wie anhaltendes Mißgeschick sind stets, und in eitlem weit höheren Grade als gemeinhin angenommen wird, die Frucht eigenen Verdienstes oder eigener Unfähigkeit und Schuld derer, die dadurch gekrönt oder zu Grunde gerichtet werden." Mit diesem zutreffenden Axiom entfällt auch definitiv die viel verbreitete Fabel von dem „legendären Glück" der Rothschilds. Die Stifter dieser Dynastie haben, wie man in dem Werke Conte Eortis überzeugend Nachlesen kann, durch höchst eigenes Verdienst den Grund zu ihren Thronen gelegt. Aber es ist selbstverständlich, daß so sensationelle Triumpye auch dauernde Scheelsucht und Feindschaft zu Weggenossen haben mußten. Vorulteiislose Grandseigneurs vom Schlage des Fürstprimas, späteren Großherzogs von Dalberg, des Fürsten Metternich und seiner Herzdame, der „Geliebten Europas", der Fürstin Lieven, des österreichischen Finanzministers, Grafen Stadion, Wilhelms und Alexanders von Humboldt, sowie hervorragende englische, französische und italienische Staatsmänner und Diplomaten hielten es nicht für unter ihrer Würde, in den Palästen der fünf Brüder Rothschild gesellschaftlich zu verkehren oder sie an ihren eigenen Tafeln zu bewirten. Aber gerade die „Ritter vom Geist", die dem Phänomen Rothschild verständnislos gegenüber standen, verharrten in ihrem stumpfen und dumpfen Widerstand gegen ein Familiengenie, das sich von ihrer eiaencn Betätigung wohl unterschied, aber an Hochwertigreit hinter keinem der musischen Gegner zurückblieb. So z. B. gefiel sich die vom Hause Cotta herausgegebene „Allgemeine Zeitung" in klatschsüchtigen Ausfällen gegen einzelne Mitglieder des Hauses Rothschild, und ihr Chefredakteur Stegemann, ein Muster an bornierter Mediokrität, mußte erst vom Fürsten Metternich drakonisch zur Ordnung gerufen werden. Aber selbst der Olympier Goethe, der Frankfurter Patrizierssohn, der als Kind in das Frankfurter Ghetto nur ganz selten und wie in eine fremde Welt hineingelugt hatte, vermochte sich selbst in jenem hohen Alter, das ihn zur Weisheit und Vorurteilslosigkeit gleichsam verpflichtet hätte, von der in frühester Jugend eingesogenen Abneigung gegen die Juden nicht frei zu machen. Die Emanzipationsbestrebungen des hochbegabten Stammes konnten bei dem Weisen von Weimar nur harte Worte auslösen. Es war ihm nicht gegeben, sich in die biologischen und historischen Umstände einzusühlen, die aus den Juden in der Diaspora eine geknechtete und entrechtete „Masse Mensch" herausgebildet hatten. Ein Mangel, nicht nur an Menschenkenntnis, sondern an Menschlichkeit schlechthin, der jede denkende Persönlichkeit schwer belastet hatte, der aber tausendfältig an Gewicht zunahm bei dem größten Dichter und Denker seiner Zeit. Man glaubt sich ins dunkelste Mittelalter versetzt, wenn man den 74 jährigen Goethe dem Kanzler von Müller gegenüber leidenschaftlich zetern hört; als ein neues Gesetz Heiraten zwischen Christen und Juden gestatten sollte. „Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhen, werden durch ein so skandalöses Gesetz untergraben." Ueberdies wolle er -- Goethe — nur sehen, wie man verhindern wolle, daß einmal eine Jüdin Oberhosmeisterin werde. (Man denke!) Das Ausland müsse durchaus an Bestechung glauben, um die Adoption dieses Gesetzes begreiflich zu finden. Wer wisse, ob nicht der allmächtige Rothschild dahinterstecke!" Der Olympier in seinem weimaranischen Krähwinkel irrte. Das Ausland war wesentlich vorurteilsloser und verständnisvoller als er, der Geistestitan, der „dezidierte Antichrist", der vor Fürsten und Prinzessinnen katzbuckelte, sich in einem Zirkel eifersüchtiger und medisanter Hofdamen behagte, und dessen erbarmungsloses Verdikt höchstens durch eine schon wieder zur Kindheit zurückstrebende Vergreisung entschuldbar wird. Der größte Sohn Frankfurts mochte ruhig sein „Apage, Satana!" in die Welt hinaus rufen. Das Echo, das seine Verständnislosigkeit fand, war gering. Jedenfalls zu gering, um den steilen Ruhmesweg seiner Mitbürger, der auf anderem Gebiete genialen „Fünf Frankfurter" auf die Dauer aufzuhalten oder zu hemmen. Neben der biographischen Darstellung der einzelnen Rothschilds, deren jeder nach Charakter und Wesen anders geartet war, ist es dem Schriftsteller Conte Corti geradezu virtuos gelungen, die von ihm gekennzeichnete historische Epoche und ihre Karyatiden, die Souveräne Europas und ihre diplomatischen wie politischen Berater, auf das Minutiöseste zu charakterisieren. Ein Buch, abgeschrieben von lauterer Wahrheit und Wirklichkeit, und gleichzeitig ein Buch, das jedem Leser, gleichviel, wie er zu dem Thema eingestellt sein mag, den stärksten Spannungsreiz schenken wird. Vielleicht, weil das englische Sprichwort Entrisst: „Truth is stranger than fiction." „Das Leben ist immer unwahrscheinlicher als jede Dichtung." ★ :j Aus der Bewegung ij* (Sttlin. (Liberaler Verein für btc Angelege« heilen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B.) Am 30. Januar tagte unter Vorsitz des Herrn Zahnarzt Schwersenz eine Mitglieder-Verjammlung dcS Ortsteiles Berlin-Halensee, die sich eines sehr starken Besuches erfreute. Die Grundsätze des jüdisch-religiösen Liberalismus wurden von den beiden Referenten des Abends, Herrn Direktor Gutmann, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, sowie von Herrn George Goetz, General sekretär der Vereinigung für das liberale Judentum E. B., in geistvollen Ausführungen und packender, zu Herzen gehender Rede den aufmerksamen Hörern nahe gelegt. Die anschließende, rege Diskussion zeigte, wie das Interesse der Anwesenden geweckt worden war. Einstimmig wurde beschlossen, eine Bezirksgruppe Halensee zu gründe«, zu deren 1. Vorsitzenden Her? Lanogerichtsrat Dr. Lesser gewählt wurde. In der daraus folgenden Aussprache wurden viel wertvolle Anregungen gegeben. Zahlreiche Beitrittserklärungen bildeten eine« weiteren Erfolg der Veranstaltung, bei deren Abschluß .Herrn Zahnarzt Schwersenz der Dank der Versammlung für seine Initiative ausge sprachen wurde. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegen heilen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Bezirk N o r d w e st.) Am Donnerstag, den 26. Januar, fand im Pfeiler saal des Tiergartenhof eine überaus zahlreich besuchte Versammlung der Bezirlsgruppe Nordlvest des Liberalen Vereins für die Angelegen heilen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in Gemeinschaft mit de-n Synagogenvercin Levctzowstraße statt. Herr R.-A. Julius L. Seligsohn sprach über „Die Krise in der Gemeinde" und behandelte in überaus vornehmer und sachlicher Weise die Gegensätze, lvelche sich durch die Politik des Mehrheilsblvcls der jüdischen Voltspartei, der Konservatioen und der Mittelpartci, gegen über der liberalen Minorität im Verlaufe der visherigen Revcä sentantenvcrsammlungcn ergeben haben. Nach einigen Worten des Gedenkens an den unvergeßlichen Justizrat Sonnenfeld, ivelcher ans dein Bezirk Nordwest heroorge gangen war, gab der Redner eineil historischen Ucberbtick über die Entwickelung der Berliner Gemeindcverhältnisse und der Parlcibildung innerhalb der Gemeinde und schilderte dann im Einzelnen die inzwischen sattsam bekannten unliebsamen Ereignisse und Streitpunkte, die sich bei der Wahl des Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung, der Wahl de-s Vorsitzenden des Gcmeindevorstandes, der Angelegenheit des Friedhosschlnsses am Sabbat, der Angelegenheit des Gemeindevorstehers Fuchs in der Waisenhaussrage, deS Ersatzes ver Delegierten zuni Landesverband an Stelle der ausgeschiedenen Libe raten Justizrat Lilienthal und Justizrat Matower solvie der lieber nähme des Friedenstempcls ergeben haben. Desgleichen fand die Frage der MandatSdaner der jetzigen Repräsentanten eine eingehende Behandlung. Auch die mehrfach hcrvorgetretene Forderung aus libe. raten Kreisen, aus der EinheitSgelneinde anszutreten und eine liberale Bekenntnisgenieinde zu bilden, falls der Block seine Mehrheit in Zukunft dazu benutzen sollte, seine Vergewaltigungspolitik gegenüber den liberalen Forderungen fortzusetzen, behandelte der Referent und gab seiner Anschauung dahin Ausdruck, daß ein solcher Schritt ihm uic!)t geeignet erscheine und die Gefahren eines solchen Schrittes nicpt unterschätzt werden dürften. Im Anschluß an daS Referat fand eine sehr lebhafte Diskussion statt, an ivelcher sich besonders die Herren Klee jr., Woyda, Richard Eassel, Schwersenz, Schemel, Falkenberg, Moritz Rosenthal und Herr Justizrat Siegmann u. a. beteiligten. Herr Klee jr. versuchte, vom Standpunkt der jüdischen Bolkspartei aus, ein Gcgenreferat zu halte« und wurde besonders von .Herrn Woyda sehr eingehend widerlegt. Die Mehrzahl der Redner vertrat in der Frage der Zurück ziehung der liberalen VorstandSinitglicdcr, sowie der Amtsniederlegunder liberalen Repräsentanten und der evtl. Bildung einer liberalen Bekenntnisgemeinde den gleichen Standpunkt wie Herr R.-A. Julius L- Scligsohn, nämlich diesen letzten Schritt unter allen Umstände« zu vermeiden und an der Einheitsgemeinde sestzuhalten und durch sachliche Opposition eine fruchtbare Arbeit im liberalen Sinne zu leisten, sowie darauf hinzulvirken, daß der unparlamentacische Ton, der von der Gegenseite in die Sitzungen der Repräsentanten hineingetragen worden sei, unbedingt zu verwerfen ist, da er nicht der Würde einer solchen Körperschaft entspreche. In einem sehr eindrucksvollen Schlußworte betonte Herr R.-A. Scligsohn, daß die liberale Minderheit immerhin sachliche Erfolge auszuwcisen hätte. So ist es gelungen, in der Frage des Friedhofschlusses am Sabbat eine Vertagung durchzusetzen und diese Angelegenheit dadurch gewissermaßen in der Versenkung verschwinden z« lassen, sowie in der Angelegenheit der Delegierten zum Landesverband» Herrn Direktor Ostberg als liberalen Vertreter in den Landesverband zu entsenden. Desgleichen sei es gelungen, in der Frage des Friedenstempels zu verhindern, daß der beanstandete zionistische Funktionär übernommen worden sei, wenn auch die Uebernahme der Synagoge durch das Verhalten de- Blocks einstweilen abgekchnt worden wäre. Desgleichen sei die Bewilligung der Subvention für den liberalen Gottesdienst in der Eäcilienschulc ein Erfolg. Nochmals aus die Frage der Bildung einer liberalen Bekenntnisgemeinde eingehend, betonte der Referent zum Schluß, daß trotz aller Unterschiede in Politischer und religiöser Auffassung alle Jude«, ganz gleich welcher Richtung und Partei, solange in der Einheitsgemeinde zusammenhalten müssen, als alle gemeinsam beten können: Boruch atto adaunoj elauhenu: Unser Gott! Mit einem aufrichtigen Wort des Tankes an .Herrn R.-A. Scligsohn schloß der Leiter des Abends. .Herr Ludwig Schemel, i« vorgerückter Stunde den Abend, der ca. 400 Teilnehmer vereinigt hatte. Frankfurt a. M. (Freisinniger Verein für j ü d i s ch e s Gemcindeleben e. V.) Unsere Frankfurter Ortsgruppe erläßt nochmals die Bitte, den Jahresbeitrag sür das Vereinsjahr 1. Oktober 1927 bis 30. September 1928 in Höhe von RM. 10,— umgehend auf das P o st s ch e ck k o n t o Frankfurt a. M. Nr. 5 7 13.b des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben e. V. zu überweisen, woraufhin für ordnungsmäßige Zustellung der wöchentlich erscheinenden „Jüdisch-liberalen Zeitung" Sorge getragen wird. Vereinsnachrichten Verein neue Synagoge. Am Sonntag, den 5. Febräar, tu* 11.30 Uhr, findet in der Neuen Synagoge, Oranienburger Straße, eine vom Verein Neue Synagoge veranstaltete Gedächtnisfeier für den verstorbenen Chordirigenten Albert Kcllermann statt, bei der Herr Rabbiner Dr. Warschauer die Gedächtnisrede halten und die Damen Charlotte Rosen und Frieda Wolf, Herr Oberkantor Gollania und der Chor der Neuen Synagoge Kompositionen des Verstorbene» zu Gehör bringen werden. Arbeitsgemeinschaft entschiedener Republikaner. Die Arbeitsgemeinschaft entschiedener Republikaner ladet zu der am Dienstag, den 7. Februar, pünktlich 20 Uhr, in den Musikersälen, Kaiser Wilhelmstraße 31, stattfindenden öffentlichen Versammlung ein. Tagesordnung: 1. Referat: „Gibt es eine Diktatur des Antisemitismus". Referent: Benno Maaß. 2. Aussprache. Verein der Graetzer tn Berlin. Geschäftsstelle: W. 62, Lutherstraße 10. Fernsprecher: Kursürst 3777. General-Versammlung am Donnerstag, den 9. Februar d. I., abends 8 Uhr, im „Pschorr- Bräu", Tauentzienstraßc 12 (gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche). Nach Schluß der General-Versammlung Vortrag des HerrL George Goetz: „Natur- und Rechtsverhältnis zwischen Eltern und Kindern." Druckfehlerberichtigung. In dem Aufsatz „Jüdisches Eherecht und jüdische Ehe" vo» Rabbiner Dr. Samuel sind, wie unsere Leser wohl schon bemerkt haben, einige Druckfehler stehen geblieben. Im 5. Absatz muß et statt Lehrer „Leser", im 7. Absatz statt: ein schemenhaftes Dasei» führte „führt" heißen. Die gegenwärtige Form wird mit einem Mummenschwanz verglichen, es muß selbstverständlich „Mummenschanz" heißen.