Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchMeraleZeilmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. durch t\t Gr^chäs'-tsjeüe ' Ehrlich M. 2.50 Kxzetnnmmer 0.2S. Bel kreier 3« «ti&ucta L Inland 0.?5 ffc die Mitglieder der ver^n?stn«g ist der Bezugspreis im MtgUed-dettraL« earyattett. '>«ra»tw-rN. Redakteur: Bruno woyda. Oie „Jüdisch-liberale ZeUungerscheint jeden JreUag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin LW 48, Wtthelmstr. 147 ‘vetrncaf: Bergmann 334), 3359 l>o: )<t}edtonto: Äer'm NL?. 13/ 059 O'errmigting für das liberale Zudentumj Raddruck sämtlicher Vrigmat-Bettrag« nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Oie 12gejpat!ene RoaparatUezeit« 0.45 Gotdmark, die Retlan^eze»le 3.60 Gotdmark, det Medrryotuagea Rabatt. Anzeigenannahme: jüdisch-liberale AeUung' Injeratenabteilung: Lerlin Stv 46. Wllyetmstrage 14? (Bergmann: 335S-5S), sowie sämtt. Aanoncen-LMeditioa. Ar. 5 Berlin, 3. Februar 192S S. Jahrgang Innere Konflikte Landesverband in Gefahr! Der Berliner Gemeindevorstand gegen dev Preußischen Landesverband Weshalb ist der Preußische Landesverband jüdischer l»e* «etnden ge chajftn worden? Dreifach r Art s.n) die Gründe: Den leistungsschwachen Kleingemeindcn, ihren jüdischen Leh' rer« und Beamten sollte durch die Zusammenfassung und j durch die alsdann zu erwartende^ inzwischen ja auch mehrfach zur Auszcch'ung gelangte 'Smboentivn der preußischen Staatsregierung geholfen werden; Llufgaben der jüdischen Gemeinden, die über den Rahmen einer Einzelgemeinde hinausgehen, sollten in gemeinsamer Beratung jüdischer Vertreter ganz Preußens geklärt und einer Lösung zngeführt werden; and nicht zuletzt erfolgte die Gründung, damit jüdische Angelegenheiten von nun an nicht durch außenstehende Instanzen, sondern durch die gewählten Vertreter der preußischen Indenhett selbst geregelt werden können, damit insbesondere die Inden Preußens gegenüber der Staatsregierung ihren Willen -u« Ausdruck zu bringen vermögend. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat « der kurzen Zeit seines Bestehens nicht alles, was von ihm erwartet toerden konnte, nicht altes, was wir Liberalen geiMnfcht hatten, geleistet. Dennoch verdient sein Tun Anerkennung. Zahlreiche jüdische Gemeinden verdanken die Erhaltung ihrer Existenz nur dem Landesverband, zahlreichen jüdischen Lehrern ist erst durch den Landesverband ihr Dasein «« einem menschenwürdigen gemacht worden, die Fragen der jüdischen Beeölkernngspolitik erfahren gründliche B hrnrlang, das liberale Einheitsgebetbuch ist im Druck, das überalterte Judengesctz von 1847 soll entsprechend einem vom Landesverband ausgearbeiteten Entwurf geändert werden, der Reichsverband aller jiidischen Gemeinden Deutschlands dürfte nun ««blich Wirklichkeit werden. Die Arbeit geht, insbesondere auf den beiven zuletzt genannten Gebieten, leider langsamer vorwärts, als wir es wünschten: doch wir freuen uns, daß diese Arbeiten überhaupt in Angriff genommen sind, und trösten uns in der .Hoffnung, daß wer langsam geht, ja auch M« Ziele kommt. ' Nur auf einem, und zwar dem wichtigsten Gebiete, scheinen die auf den Landesverband gesetzten .Hoffnungen restlos illusorisch zu fein. Trotzdem die Liberalen, die in den Organen des Landesverbandes die Mehrheit besitzen, Toleranz und Entgegenkommen in ganz besonderem Maße üben, scheint doch von der in der Minderheit befindlichen Jüdischen Volks Partei die Willensbildung der preußischen Iudenheit nicht respektiert zu werden. Als der Entwurf eines neuen Juden- Sesetzes vom Landesverband angenommen war. kündigte die Jüdische Volksparlei Sabotage seiner Beschlüsse durch die Erklärung an, sie werde sich nicht mit der Opposition im Landesverbände selbst begnügen, sondern gegen seine Beschlüsse bei den staatlichen Instanzen ankämpfen. Ter Wille der preußischen Iudenheit wird also nicht einmal von den Juden selbst respektiert, gegen ihn werden von Juden staatliche Instanzen mobil gemacht! Dem von der Jüdischen Volkspartei am Schluß der Beratungen über das Judengesetz gegebenen schlechten Beispiel folgt nun ein zweites. Das Preußische Kultusministerium ha: die zweckmäßige und lobenswerte Einrichtung zweier jüdischer Berater geschaffen; der eine ist der orthodoxe Rabbiner Dr. Munk, der andere war der leider vor kurzem verstorbene Justizrar LUienthal, ein Liberaler. Für ihn muß, so gut es geht, Ersatz geschaffen werden. Ist eS da nicht selbstverständlich, daß der Preußische Landesverband der Staatsregierung einen Vorschlag unterbreitet, ist da nicht setbstverstänblich, daß hierfür wieder nur ein Liberaler neben dem bereits vorhandenen orthodoxen Sachverständigen in Frage kommt, und schließlich, ist es nicht selbstverständlich, daß dieser Vorschlag alsdann von allen Juden Preußens unterstützt wird? Hier ist nichts selbstverständlich. Tic Berliner Gemeinde befindet sich in einer schweren lkrise. Das offen auszusprechcn ist die Pflicht aller, die eine Gesundung des jüdischen Lebens ernsthaft herbeisehnen. Derartige Krankheiten werden ja nicht geheilt dadurch, daß man »icht über sie spricht, oder daß man sich vorgaukelt, es gehe immer besser und besser. In der Berliner Jüdischen Gemeinde herrscht ein Block §egen die Liberalen, der aus der zionistischen Indischen Volkspartei, den (oder richtiger: dem) Konservativen xi* der Mittelpartei besteht. In der Repräsentantenversammlnng herrscht dieser Block mü 11 gegen 10, im Gemeixdevorstand mit 4 gegen 3 Stimmen. Diese Mehrheit von nur einer Stimme wird nun mit einer Rücksichtslosigkii ausgenutzt, die den Liberalen ein sachliches Arbeiten unmöglich macht. Das Recht der Liberalen ist Nebensache, die > Macht des Blocks, richtiger die Macht seiner Drahtzieher, j bestimmt die Entscheidungen. In der Repräsentantenversammlung bildet das Vorhandensein der Oeffcntlichkeit noch einen Tamm gegen die zionistische Blockwillkür. Im Gemeindevorstand jedoch, wo dieser Tamm fehlt, wird auf das Vorhandensein liberaler Juden Rücksicht überhaupt nicht mehr genommen. Hinzu kommt, daß die Verhandlungen Formen angenommen haben, die, solange die Liberalen in der Mehrheit waren, erfreulicherweise in jüdischen Grenien nicht üblich waren. Der Ton, der mit den Berliner Volksparteilern in jüdische Zusammenkünfte Einzug gehalten har, ist einer religiösen Gemeinschaft unwürdig. Als beispielsweise der Gemeindevorstand die Dezernate bestimmte, erklärte er, der bisherige liberale Dezernent dürfe in Zukunft von den zwei Waisenhäusern höchstens eins weiterverwaltcn, da von ihm nicht zu erwarten sei, daß er dort den richtigen jüdischen Geist pflegen werde. So macht der Block jüdische Waisenhäuser zum Spielball seiner Parteipolüik! Und als es galt, für zwei Liberale in den Rat des Landesverbands Ersatzwahlen vorzunehmen, beschloß der Gemeindevorstand die Wahl eines Bolksparteilers und eines Mittelparleilers, sodaß ihm in der Repräsentantenversammlnng sogar von seinen eigenen Freunden nich: mehr Gefolgschaft geleistet werden konnte. Ein Vollsparteiler und ein Liberaler wurden schließlich gewähl: - und der der Mittelpartei angehörende Vorsitzende des Gemeirckevorstandes erklärte sich eurverstanden, er habe vorher nur nicht gewußt, daß Herr Dr. Freund der Mittelpartei angehöre! Derartige Beispiele gibt es, trotzdem die neue Mehrheit noch nicht ein halbes Jahr am Ruder ist, wohl schon lein gutes Dutzend. Tie Mehrheit regelt eben die Dinge nicht mehr nach sachlichen Momenten, sondern nach geheimen Blockabkommen. Diese brutale Vergewaltigung, die ihresgleichen in parlamentarischen Körperschaften sucht, zeigt, daß jede Stimme der Vernunft, jede Rechtlichkeit aushört, wenn es sich! darum handelt, den Willen des Blocks und der in ihm herrschenden Jüdischen Volkspartei durchzusetzen. Diese Krise in der Berliner Jüdischen Gemeinde droht nun zu einer Krise im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden zu werden. Im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ist die Mehrheit sich klar, daß als Nachfolger für Justizrat Lilienthal als Berater im Preuß. Kultusministerium Dr. Jsmar Freund nicht geeignet ist. Einmal, weil selbstverständlich neben dem erwähnten orthodoxen Berater nur ein Liberaler in Frage kommt und Dr. Freund nicht der liberalen Richtung angehört; dann aber vor allem, weil seine sonstigen Eigenschaften von der Mehrheit im Landesverband nicht so bewertet werden, daß er ihr für diese Position der Gegebene zu sein scheint! Herr Dr. Freund denkt über sich anders. Darauf dürfte es zurückzuführen sein, daß der ihm nahestehende Block im Berliner Gemeindevorstand einen Beschluß gegen die liberalen Vorstandsmitglieder faßte, der zu folgendem Brief des Vorstandes der Berliner Gemeinde an den Rat des Preußischen Landesverbarllns führte: Vorstand der Jüdischen Gemeinde. Berlin, den 19. Januar 1928. Aus Grund eines am 16. Februar 1926 von uns gefaßten Beschlusses I>abcn mir vor nahezu 2 Jahren an den Landesverband das Ersuchen gerichtet, bei dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, falls die Anstellung eines besonderen jüdischen Dezernenten zur Zeit nicht möglich sein sollte, den Antrag zu stellen, für jede der verschiedenen Richtungen einen besonderen Sachverständigen zu berufen. Bisher ist die Angelegenheit nichc erledigt worden. Inzwischen ist durch das Hinscheiden des Herrn Justizrat Lilienthal eine neue Situation geschaffen worden. Wir haben deshalb erneut eingehend zu der Angelegenheit Stellung genommen und sind dabei zu der Uebcrzeugung gelangt, daß es sich empfiehlt, nur einen einzigen Kandidaten in Vorschlag zu bringen, für dessen Auswahl allein die sachliche Eignung maßgebend sein darf. Das Tezernenten-Kollegium des Landesverbandes hat einstimmig den folgenden Beschluß gefaßt: „Für die Tätigkeit kann nur eine Persönlichkeit in Frage kommen, die mit den Verhältnissen der Gemeinden und den Arbeiten des Landesverbandes auf das Engste vertraut und dauernd mit ihnen in Fühlung ist und die staatskirchenrechtlichen Lerhältnifse im Reich, in Alt-Preußen und den neuen Provinzen sowie die jeweiligen politischen Probleme völlig beherrscht." In Uebereinstimmung hiermit haben wir beschlossen, dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung von uns aus Herrn Dr. Freund vorzuschlagen, und richten an den Rat des Preußischen Landesverbandes das ergebene Ersuchen, in gleichem Sinne beschließen zu wollen. Unter der Voraussetzung, daß der Rat diesem Antrag znstimmi, ziehen wir unseren früheren Antrag Vorstand der Jüdischen Gemeinde, gez. Simon. Ein Meisterstück der Demagogie. Tr. Jsmar Freund, Treiber des Blocks in der Berliner Jüdischen Gemeinde, beschwert sich in Sachen Dr. Jsmar Freund über die Untätigkeit von Dr. Jsmar Freund, bis April 192? Geschäftsführer des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden! Er läßt durch den Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin dem Landesverband milteilen, daß die frühere Anre gung, für jede der verschiedenen Richtungen einen besonderen Sachverständigen zu berufen, nur solange von Bedeutung war, als der Sachverständige Leo Lilienthal und nicht Jsmar Freund hieß. Und er läßt schließlich, natürlich unter dem Deckmantel des Vorstandes, dem Landesverband mitteilen, daß der Gemeindevorstand „von sich aus" dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung Herrn Dr. Freund Vorschläge. Obendrein dann noch an den Rat des Preußischen Landesverbandes das ergebene Ersuchen, in gleichem Sinne beschließen zu wollen. Der Rat des Preußischen Landesverbandes trat am 22. Januar zu einer Sitzung zusammen. Mait ist über das Verhalten der Berliner Gemeinde empört. Mit demselben Recht könnre die Gemeinde Frankfurt a. M. oder die Gemeinde Breslau dem Kultusministerium einen Vorschlag unterbreiten. Wozu ist dann der Landesverband da? Man richtet also schriftlich an den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde die Bitte, von dem geplanten selbständigen Vorgehen absehen zu wollen, und setzt einen Ausschuß; aus 5 Mitgliedern ein, der den geeigneten Kandidaten namhaft machen soll. Einigt sich die Kommission auf einen Kandidaten, so soll dieser vom Landesverband vorgeschlagen werden. Kommt sie nicht zu einem einstimmigen Votum, so soll der Rat des Landesver bandes am 25. Februar erneut beraten und über einen Vorschlag des Landesverbandes beschließen. Tic Kommission, die aus den Herren Tr. Mee, M. A. Loeb, Tr. Baeck, Prof. Tr. Türk und Dr. H erz feld-Essen bestand, tagte am vergangenen Sonntag. Da sie zu keinem einmütigen Ergebnis kam, wird der Rat des Landesverbandes am 25. Februar definitiv zu beschließen haben. Tr. Jsmar Freund ist dieser Entscheidung zuvorgekom men. Ter Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hat am 1. Februar von sich aus dem Kultusministerium (ent gegen der ausdrücklichen Bitte des Landesverbandes) als Nach folger von Lev Lilienthal Dr. Jsmar Freund zum Sachver ständigen vorgeschlagen. Diese Tatsache ist ein Eingriff -schlimmster Art in d-ic Rechte des Landesverbandes. Das Vorgehen der Berliner Gemeinde muß, wenn ihm nicht vom Landesverband entschieden widersprochen wird, die Zusammenfassung der preußischen Iudenheit unterhöhlen. Ter Lanoesverband soll die gemeinsamen Angelegenheiten aller jüdischen Gemeinden Preußens regeln und gleichsam die Zentralstelle der gesamten Iudenheit Preußens gegenüber den preußischen Staatsbehörden sein. Es widerspricht seinem Sinn, daß einzelne der in ihm zusammengeschlossenen Gemeinden Extraritte unternehmen. In solcher Art des Verfahrens liegt eine bedauerliche Disziplinlosigkeit und darüber hinaus auch ein Mangel an demokratischem Empfinden, der umso schwerer wiegt, als es sich in diesem Falle um die größte Mitgliedsgemeinde des Landesverbandes handelt. Mit dem Wesen des Landesverbandes ist eine Vorherrschaft der Berliner Jüdischen Gemeinde nicht zu vereinbaren; sein Sinn ist gerade, daß die Provinzgemeinden, natürlich entsprechend ihrer Stärke, das gleiche Recht besitzen sotten wie die Berliner Gemeinde. Tie jetzigen Herren in der Berliner Jüdischen Gemeinde aber, die sich immer dann gern demokratisch gebärden, wenn sie glauben, damit politische Geschäfte machen zu können, offenbaren sich nun als Freunde der Diktatur Berlins, wenn diese ihren parteipolitischen Zwecken zu dienen geeignet ist. In der Berliner Gemeinde werden die Liberalen zu beschließen haben, wie sich die Zusammenarbeit mll dem Block nach dieser neuesten Vergewaltigung gestalten soll. Insbesondere werden sich die liberalen Mitglieder des Gemeindevorstandes überlegen müssen, welche Konsequenzen sich für ihr weiteres Verhalten ergeben. Ter Landesverband aber wird dem Kultusministerium noch im Laufe dieses Monats für die Bestellung des Sachverständigen einen Vorschlag machen müssen. Es wäre im Interesse der Sache erwünscht, daß das Kultusministerium vor der Stellungnahme des Landesverban des keine Entscheidung trifft. B. W.