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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-01-06 · 1 (6.1.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
1 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«Ser waren Nachweis eines Wohnortes oder Gewerbes vor-- @rieben. Einheimische Juden dursten nur inländische jüdi- Frauen heiraten, Ausländerinnen nur, wenn diese wenig- 600 Taler Mitgift hatten. Orts- und Wohnungsveränderungen mußten den Be- HLchen angezeigt werden; der Aufenthalt war nicht de- «hränkt, aber Gewerbetreibende sollten nicht auf dem flachen Lande wohnen, denn man wollte den Zug der Handwerker gern nach den Städten lenken. Juden als Hausbesitzer sollten Hier dieselben Rechte und Pflichten haben wie die Christen «Ud ebenso staatliche Beihilfen erhalten wie diese. - Um die Landleute zum Einkauf nach den Städten zu liehen war bestimmt, daß die auf dem Lande wohnenden Jrwen nur mit solchen Waren hausieren durften, die zum landwirtschaftlichen Betriebe gehörten, also nicht mit Kleidern, Seiden- und Wollenstoffen; für Uedertretungen waren Hohe Strafen festgesetzt. Um zu verhindern, daß eine zu große Zahl von Kaufleuten sich unnötigerweise Konkurrenz machte, war bestimmt, daß nur derjenige Kaufmann sein sollte, welcher dieses Gewerbe ohne jede Nebenbeschäftigung, wie Handwerk oder Landwirtschaft, betrieb. Er mußte seine Bücher in deutscher oder polnischer, nicht in hebräischer Sprache führen. Der Jüde durste jedes Handwerk betreiben, hatte natürlich wie auch der Christ Gesellen- und Meisterprüfung abzulegen, durste auch Landwirt sein, wobei verboten war, Grundstücke von den Christen zu kaufen; nur Siedelungen auf Neuland wären gestattet, wobei die jüdischen Siedler die gleichen Beihilfen und Freijahre erhielten wie ihre christlichen Mitbürger. Drei Jahre durste er mit christlichem, von da ab nur mit jüdischem Gesinde wirtschaften. Man hoffte so, Judendie Neigung dazu hatten, zu Landwirten heranzudrlden. Wer nicht für Landwirtschaft, Gewerbe oder Handel war, sollte Arbeiter sein. Leihen von Geld oder Getreide durste nur vor Gericht geschehen; nur in diesem Falle wollte der Staat bei Eintreibung der Schuld behilflich sein; im andern Falle bedrohte er beide Teile mit Bestrafung wegen Wucher. ' Die Religion wurde geschützt und die Störung der Gottesdienste in den Synagogen und Privatschulen war unter ßreüge Strafe gestellt. Weil die zahlreichen Synagogenbeamten den Gemeinden bisher zu hohe Gehälter abgenommen hatten,- wurde für jede nur je ein Rabbiner, ein Vorsänger «nd ein Synagogendiener genehmigt, die aber vom Staat besoldet wurden. Die Regierung übernahm auch die Gerichtsbarkeit über Juden, die bisher von den Rabbinern ausgeübt wurde, Schlächter wurden nur genehmigt, wenn am Orte keine jüdischen Fleischer wohnten. Wenn die Gemeinde auch ihre Synagogenbeamten wählte, so war doch in jedem Falle Bestätigung nötig, und diese wurde Ausländern stets versagt. Für den Schulunterricht wollte der Staat jüdische Lehrer anstellen und besolden, bis zur Ausbildung derselben aber christliche Lehrer verwenden. Lehrbücher sollten ausgearbeitet werden, die auch das Nötigste vom Staat enthalten und die Zustimmung der gebildeten Juden haben mußten. Privatschulen waren nur auf dem Lande gestattet, dagegen mußten die Kinder in den Städten die öffentliche Schule Gesuchen, die, wenn sie jüdisch war, vom Rabbiner geleitet war Und unter der Oberaufsicht des Staates stand. Mädchen .sollten wenigstens nähen, spinnen, stricken usw. lernen, um tüchtige Hausfrauen zu werden. „ Die Juden sollten frei sein vom Militärdienst, und aus diesem Grunde und weil die Regelung ihrer Angelegenheiten dem. Staat einige Arbeit gemacht habe, besondere Steuern zahlen; es waren dies ein Taler jährlich für jeden Schutzjuden vom 14. bis 60. Lebensjahr und l0 Groschen Rekrutengeld. Für nicht zahlungsfähige Kinder oder AMestellte war der Vater oder Dienstherr zahlungspslichtig. Bei" unpünktlicher Zahlung wurde die doppelte oder dreifache Stumme eingezogen. Daneben wurde noch ein besonderer Betrag für die Synagoge erhoben. Eine Haftpflicht der -ganzen Gemeinde für oen Einzelnen, wie sie in anderen preußischen Provinzen bestand, kam in Südpreußen nicht in FEage. Für die Heiratserlaubnis erhielt das Potsdamer ÄkÜitärwaisenhaus je nach Vermögen des Betreffenden einen, dÄ. öder fünf Taler, und dieselbe Summe wurde zur Hälfte an die Kriegs- und Domänenkammer, später Regierung genannt, und an die jüdische Schulkasse gezahlt. Heiraten vor dem 25. Lebensjahr wurden mit 30 Talern besteuert. Das Reglement war zweifellos ein großer Fortschritt für die Juden, aber es war doch noch nötig, durch verschiedene Erlasse an seine Befolgung zu erinnern, so am 2. Dezember 1799 an das Hausieren aus dem Lande und am 18. Mai 1806 an den verbotenen Kauf von christlichen Grundstücken. Die jüdische Bevölkerung nahm alle diese Verordnungen durchaus nicht mit großer Freude auf, denn in der letzten Zett des . polnischen Staates hatte sie sich allzusehr an die Zwangslösigkeft und die ungesetzlichen Zustände gewöhnt, so daß ihr has Preußentum immerhin unbequem wurde. Die Juden gnndtn daher mit den Polen auf Seite Napoleons, weil essen „Code Napoleon" chnen bedeutend mehr Berechtigungen versprach. Das Großherzogtum Warschau schien ihre Wünsche nach völliger Gleichstellung zu erfüllen, der Code Napoleon wurde eingeführt, und mit der Verfassung vom 22. Juli 1807 schien der Traum verwirklicht zu sein. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer, denn schon am 17. November 1808 hob der sächsische Großherzog die Gleichstellung der Juden mit den andern Staatsbürgern wieder auf, zunächst für zehn Jahre, wie es hieß, dann wollte man weiter sehen, was sich tun ließ. Das Polentum fing nun an, den Juden bald dieses, baü> jenes zu verbieten. Erst nach dem Wiener Kongreß nahm die preußische Regierung das Land wieder in Besitz »nd konnte auf dem von ihr bisher beschrittenen Wege fortsahren, der endlich zu der allgemeinen und besonderen Gleichstellung aller Staatsbürger vor dem Gesetz führte. Dunkle Gewalten Dem Totenbuche der Gemeinde Krotoschin nacherzählt. Von Else Cohn. Leib Mendel, der Totengräber, war arm, bitter arm. Eine elende Hütte hart am Friedhof war seine Wohnung; die Kälte des Winters nistete sich in ihre Fugen wie Todesschauer und die Sommerhitze wie schwelender drückender Moder. Eis- und Gluthauch des Todes begleitete den einzigen Lebenden an der Stätte der Verwesung auf Schritt und Tritt, gab seiner kärglichen Speise üble WUrze und seinem unruhigen Schlaf schwere Träume. Da griff Leib Mendel zur Flasche, Ekel und Grauen fortzuspülen; und der Branntwein wurde sein einziger Freund, denn er brachte ihm den Hauch des Lebens. Immer gieriger griff der Wächter des Todes nach der Gäbe des Vergessens und bald wußte es das Städtchen: Leib Mendel tnnkt! Seinem Dienst oblag er bald nunmehr mit umnebelten Sinnen und unsicheren Händen und der Abscheu seines Anblickes verhärtete die Herzen derer, die bisher für den Hüter des Friedensortes stets offene Hand und reiche Gabe bereit hatten. Und wenn die Gier nach dem Branntwein Leib Mendel zwang, die Reichen, die auf den Friedhof kamen, hundischbettelnd zu umwedeln, dann erwachte der harte übermütige Stolz in der Brust der Reichen und verächtlich warfen sie dem Totengräber ein paar elende Groschen zu; sein Bücken und Beugen war ihnen Augenweide und ihre karge Gabe schien ihnen gottgefällig, um das Laster in Leib Mendel zu töten. Und keiner ahnte, daß mit dem Hunger und der Gier, die den Trinker nach den Bettelgaben schnappen ließen, ein anderes immer stärker in ihm wuchs: der Haß. Der Haß gegen die Reichen und Satten, die den Genuß des Lebens hatten und des Todes nur denken mußten, wenn sie wollten. Und der Haß schrie im Herzen des Totengräbers Leib Mendel — nach Vergeltung an denen, die ihn demütigten, nach Macht über sie und nach Geld, das alle Macht gewährt. Schlaflos lag Leib Mendel auf seinem elenden Lager und sann nächtelang; bis er einmal — hell auf lacht: das ist es, alle, alle sind sie in meiner Hand; ich bin ihr Herr in Tod und Leben! Und Geld, wieviel ich mag und wann ich's brauche! Jetzt habe ich sie! Sendet de« fälligen Beitrag für das 1. Quartal 1928 i« Höhe von Ml. 2,50 auf das Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 137059 ein. Der Mond stand hoch am Himmel, voll und klar dem Gewölk entstiegen. Und Leib Mendel schritt mit Hacke und Spaten die Reihen der Gräber ab. Laut, im Kommandoton, las er jeden Namen auf dem Stein. „Reb Meir ben Levi..." „War nicht der schlechteste .. „Josef Wilner..." „Hast mir manchen Schimpf getan, Erinnerung, gute und böse. Doch da, in der vordersten Josef Wilner...“ Weiter, immer weiter; Namen und Reihe — grausamer Haß glühte in Leib Mendels Augen: „Reb Oser Levi!...“ „Reb Oser Levi!" schrie er ins Grab. — „Vor vier Tagen hast Du mich aus dem Haus gejagt wie einen räudigen Hund; weißt Du es noch? Aber jetzt, jetzt bin ich obenauf und Du tief unten! Ha, ha, ha,...! Du hast mich aus Deinem Hause gejagt, ich jage Dich aus Deiner Ruhe! Du...ich nehme Dir Dein Totenhemd! Du..." Mit wilder Hast wühlte Leib Mendels Schaufel die Erde auf, Scholle um Scholle flog krachend empor, bis er das weiße Antlitz des Toten vor sich sah. Hart und sicher griff seine Hand nach dem kalten Körper und bald lag der reiche stolze Reb Oser Levi nackt und bloß, ärmer denn der Aermste, in seinem Grabe. Im Nachtwind aber flatterte wie eine Siegesfahne ein weißes Totenhemd, das Leib Mendel, der Hüter der Toten, in der Hand hielt Bald deckte die Erde wieder das Grab und sie und ein Toter bargen stumm das furchtbare Geheimnis frevlen, sündigen Raubes. Leib Mendel ist in seine Hütte zurückgekehrt. Er fühlt keine Furcht; aber auch die haßerfüllte Freude ist geschwunden. Eine Leere ist in ihm und etwas, was wie Reue beklemmt... ach, was! Es ist gutes reines Leinen; die paar Ellen sind unter Brüdern mindestens einen Taler wert! Einen Taler! Leib Mendel zündet die Lampe an, trennt das Totenhemd sorgsam auseinander und legt es fein säuberlich zusammen. Wilde Gedanken durchjagen ihn; sie lassen sich nicht so leicht ordnen und Zusammenlegen wie das Leinen. Und wie der Morgen graut, sitzt Leib Mendel noch immer an seinem Tisch, das Leinenbündel in einer Hand, in der anderen die leere Flasche, und murmelt wirre Worte vor sich hin. Durst!... Ein Krug Wasser... er hilft nicht! Mit torkelndem Schritt, das Leinenbündel fest an sich gepreßt, geht Leib Mendel stadtwärts. Auf dem Marktplatz.... Wer kommt da, groß, stattlich, den Kopf zurückgeworfen?! Ein Schrei des Entsetzens formt sich in Leib Mendels Kehle, doch kein Ton dringt aus seinem Mund. Wortlos bewegt er die Lippen, der Rücken krümmt sich unter einem verächtlichen Blick wie unter einem Hieb, und Leib Mendel dienert kriecherisch-ergeben: „Nein, Leib Mendel, keine Angst — die Toten stehen nicht auf. Es war nur Levi Osers Sohn, in Wuchs und Haltung dem Vater ähnlich, Aehnlich..." — wild klopft des Totengräbers Herz und kalter Schweiß perlt auf seiner Stirn. Hastig eilt er weiter, hinaus aus dem Städtchen. Da ist die Landstraße... Wer geht dort? Es ist die Trödler-Stascha, ein verrufenes Wett». „Die rechte Hehlerin für einen Leichenschänder"... „Leichenschänder — wer hat das Wort ausgesprochen? Ich?... Ein anderer?" „Guten Tag, Leib Mendel! So früh schon schwer geladen?" — spottet das Weib. „Unsinn, nur die Füße...sie gehorchen nicht'..**." — knurrt er — „könntest mir einen Weg sparen, Stascha! Ich brauche Geld! Da...gutes, weißes Leinen, mindestens zwei Taler wert... Dir laß ich’s für einen... damit ich nach Hause komme!" — Das Weib blickt Leib Mendel lauernd an, hat begriffen: „Meinetwegen einen halben Taler, Leib Mendel; hier... gib her... Nicht einen Pfennig mehr, sei zufrieden, sonst.. Ihr lauernder Blick läßt Leib Mendel erkennen, daß sie etwas ahnt... Den halben Taler in der Tasche torkelt er heimwärts; die Flasche ist voll und Leib Mendel trinkt, bis er bewußtlos, in schwerem, traumlosen 5chlaf auf sein Lager sinkt... Starkes Pochen zerreißt seinen Schlaf. Ein nettes Orab ist zu schaufeln. Völlig wach geht Leib Mendel an seine Arbeit und weiß: sobald es dunkel ist, da treibt es ihn wieder hinaus, zum frischen Orab, am das Stückchen Linnen. Haß und Rache sind geschwunden, nur die Gier nach dem Geld ist geblieben, dem Geld, das sich in das wohltuende Gift verwandeln soll... Und so geht es seither immer wieder, wie Handwerk, wie Zwang der Pflicht... Gitel, des Reb Joschua jungfräuliche Tochter, sei» einziges Kind, ist gestorben, von tückisch - grausamer Krankheit jäh hinweggerafft. Der greise Vater steht an ihrem Grabe; er will, in Ergebung in den Wille» Gottes, das Kaddischgebet sprechen; doch bloß ei» wilder Schrei der Qual entringt sich seinem Mund und starr streckt sich sein Arm aus, wie leblos; alle Auge» folgen der Richtung dieses starren Armes, dessen Hand auf den Totengräber Leib Mendel weist. Der steht da wie immer, doch sein Gesicht ist totenbleich und sein Körper bebt wie im Fieber. „Was hat Leib Mendel heute?" „Er ist erschrocken vor dem Schrei des Reb Joschua." „Freilich... doch er ist doch der Totengräber... Er kann nicht anders.. Er konnte nicht anders — und Reb Joschua hatte den Blick aufgefangen, der aus den Augen des Tote*- gräbers blitzte, einen Blick voll hämischer Freude, zugleich voll Gier und Begehren. Und der Vater, der sein Kind begrub, fürchtete für dieses reine Kind, das i» Grabe lag; er streckte schützend die Hände aus, wie um die Tochter im Tode vor Bösem zu bewahre«. Dann schlug er hin und versank in Fieberphantasieu; mühsam brachten ihn Freunde und Verwandte in sei« Haus... Stockdunkle Nacht Leib Mendel stand an Gitels frischem Grabe. Er setzte den Spaten an una ließ ih» wieder sinken. Er kämpfte einen schweren Kampf. Zum erstenmal, seit er Nacht um Nacht das Werk des Raubes tat; diesmal fühlte er Furcht, die erste lähmende Angst, seit... Wieder hob er den Spaten. Ein Geräusch. Entsetzt hielt Leib Mendel inne und horchte: Nichts! Nur Täuschung! Vorwärts, vor dem Morgengrauen muß die Arbeit getan sein... dann liegt Gitel, die Jungfrau, nackt im Grabe!... Leib Mendel sang wilde, freche Soldate»- lieder und warf hastig mit Spaten und Schaufel die Erde auf von dem Grabe der jungfräulichen Tochter des Reb Joschua... Da lag sie. Leib Mendels erregte Sinne spähte« gierig nach dem jungen Körper. Doch tiefe Finsternis schien einen schützenden Mantel über die Reinheit za breiten, sie vor der Entweihung begehrlichen Blickes zu wahren... ,Fort mit dem Hemd! Wild riß Leib Mendel an dem Totenlinnen, sein Atem ging keuchend, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Er faßt mit beiden Händen nach dem Totenhemd — doch es löste sich nicht vom Leibe des Mädchens; Leib Mendels Finger schmerzten, seine Arme erlahmten und sein Blut kochte: das Hemd muß ich haben, sollte es auch in tausend Fetzen gehen! Fort damit! Warum läßt es sich nicht lösen? Leib Mendel blickte zum Himmel empor; er suchte einen Lichtstrahl, der ihm die hindernde Kraft fegen sein böses Werk erklären würde. Da — eine» urzen Augenblick hob sich der Mond über die Wolkent Und Leib Mendel sah — die starren Augen der tote» Jungfrau waren wie Vorwurf auf ihn gerichtet, und ihre Hände preßten sich krampfhaft an das Totenhemd» keusch ihre Blöße bergend. Mit einem wehen Aufschrei brach Leib Mendel am offenen Grabe zusammen... Faustschläge brachten ihn zur Besinnung. Er blickte wild um sich. Ueber ihm standen die Männer der Chewra. Zorn und Entsetzen zugleich lagen auf ihre» Zügen. Eiserne Hände rissen Leib Mendel empor. Furchtbare Anklage prasselte auf ihn nieder. Leugne» war nutzlos; und Leib Mendel gestand zögernd, stoßweise die Wahrheit. Entsetzt hörten die Männer, daf ihn nicht nur diesmal, durch die Schönheit der tote» Gitel geweckt, sündhafte Verwirrung angewandelt, sondern daß er lange schon an den Gräbern der Tote» gefrevelt und sie beraubt hatte. Die Ungewißheit darüber, welcher ihrer toten Lieben durch Leib Mendels Hand die Ruhe des Grabes verloren, lähmte alle Menschen in der Stadt. Und in jedem Heim wurden die Toten zum zweitenmal beweint. Als Leib Mendel in die Stadt gebracht wurde, hatten die Männer der Chewr« Mühe, ihn vor der Wut der empörten Gemeinde z» schützen. Er wurde dem landesfürstlichen Gericht übergeben. Schwer lastete, was geschehen war, auf der ganze» Gemeinde; jeder gab sich die Schuld, ein schlechter Hüter zu sein, da er die teuren Toten in schlechter Hut gelassen hatte. Und dem Bewußtsein der Schuld folgte die Furcht vor der Strafe für die Sünden, die auf die Gemeinde zurückfiel. In langen, bangen Beratungen» saßen die Vorsteher der Gemeinde und ihr Rabbi, um einen Weg der Sühne zu finden. Und es ward beschlossen, einen Sühnetag festzusetzen. Am 10. Tammus zog die Gemeinde, der Rabbi, die Vorsteher und die Mitglieder der Chewra Kadischa an der Spitze, in feierlichem Zuge zum Friedhof. Die Leute der Chewra trugen brennende Kerzen in den Händen und jeder hatte ein Bündel mit neuem Totenlinnen unterm Arm. In ihrer Mitte schritt Leib Mendel, den das Gericht auf die Bitte der Juden für diesen einen Tag aus dem Gefängnis freigegeben hatte. So schritt der Zug mit dem Rabbi, den Vorstehern der Chewra und Leib Mendel durchs Friedhofstor; die übrige Gemeinde, die nicht Zeuge des folgenden sein durfte, blieb still zurück» stille Gebete murmelnd. Mit zitternder Stimme flehte Rabbi die Toten um Vergebung für das Unrecht, das ihnen durch die Schuld der Gemeinde geschehen war. Dann bezeichnete Leib Mendel jedes Grab, das er geöffnet, und wieder werkten Spaten und Schaufel. Schweigend erfüllten die Männer und Frauen der Chewra die Pflicht der neuen Toteneinkleidung. Als das letzte Grab, das Leib Mendel bezeichnet hatte, wieder geschlossen war, erflehte der Rabbi nochmals Vergebung, sollte ein Toter vergesse» worden sein und der Ruhe nicht teilhaftig werden bis zum Ende der Tage, da die Erlösung Israels sich erfüllt So sühnte die Gemeinde... Leib Mendel aber wurde wenige Tage später durch Spruch des Gerichtes vom Leben zum Tode gebracht...

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