Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 47 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Gottesdienste der Fugend In der Frankfurter Hauptversammlung wurden Versuche der Jugend, aus eigenen Kräften und nach eigenen Wünschen jüdische Gottesdienste zu gestalten, eifrig erörtert. Der nachstehende Aufsatz, der aus Erfahrungen aus jüdisch-liberalen Jugendvereinen (Jlis) und aus dem Wanderbund und Aelterenbund der Kameraden beruht^ zeugt von dem ernsten und beachtlichen Streben nach Gottesdienst-Reform durch die Jugend. Schon seit Jahrzehnten haben die Gebetordnungen der jüdischen Gemeindegottesdienste, die der Erwachsenen wie die her Jugend, keine wesentliche Veränderung erfahren. Es hat den Anschein, als sei die Kraft zu fruchtbarer religiöser Betätigung erloschen. Die „Reformen", die liberale Gottesdienste im allgemeinen erfahren, sind kleine Verzierungen oder Umbauten zur Vereinfachung der Gebetsordnung. Und der vielfach empfundene Mangel an gemeinschaftlicher Andacht im liberalen und orthodoxen Gottesdienst wird durch eine das Aesthetische mehr betonende Ausgestaltung des Gottesdienstes nicht behoben. Verborgen vor der Oeffentlichkeit haben eine Reihe von Kreisen jüdischer Menschen ganz aus sich heraus Gottesdienste zu schaffen gesucht, die den Kreis der jeweils veranstaltenden jungen Menschen eng zusammenschlossen. Und mit diesen „heimlichen" Gottesdiensten vollzieht sich ohne Rücksicht aus Liberalismus und Orthodoxie eine Revolutionierung des jüdischen Gottesdienstes, die — so hoffen wir — das Judentum von heute aus seiner religiösen Unentschiedenheit reißen wird. Allein die Tatsache ist bedeutsam, daß junge Menschen, die die Gemeindegottesdienste flohen, weil ihnen die dort versammelte Gemeinschaft und der gebotene Inhalt nichts gaben, nicht von jeglicher religiösen Betätigung sich wandten, Andern das Bedürfnis in sich spürten, in einem ihnen gemäßen und vertrauten Kreis die religiöse Tat zu versuchen. Wo liegen die Triebkräfte, die zu diesem Tun führten? Die Gruppen der Jugendbewegung hatten den Sinn der Gemeinschaft neu erlebt. Das in der Gruppe gemeinsame Tun — die Wanderfahrt, die Heimabende — hatte die jungen Menschen unwillkürlich gelehrt, daß manche Tat nur dadurch ihren Sinn empfängt, wenn sie gemeinsam getan wird. Der Drang der Jugendbewegung, aus dem Kreise der einzelnen Gruppe eine Lebensgemeinschaft in neuen Formen mit neuem Inhalt wachsen zu lassen, hat bei vielen jüdischen Jugendgruppen den Wunsch erwachsen lassen, die Lebensgemeinschaft auch auf dem religiösen Gebiete herzustellen. So ist es recht eigentlich das Erlebnis der Gemeinschaft, das die jüdische Jugend dazu führte, sich die Bibel und das ganze jüdische Schrifttum neu zu erobern, und den im Elternhaus verloren gegangenen Sinn für die von den Vätern überkommenen Formen neu zu »eleben. Aber noch etwas Anderes war notwendig, damit die Jugend auf dem „Rückweg" zu jüdisch-religiöser Betätigung über das mehr passive Aufnehmen der vorhandenen „Stoffe" zur aktiven Tat gelangte. Die Jahre nach dem Weltkrieg haben allenthalben die religiöse Sehnsucht erstarken lassen. Junge Menschen haben diese Sehnsucht sicher besonders stark gespürt. Aber die oberste Forderung der Jugendbewegten, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu bleiben, hat allmählich die Erkenntnis durchdringen lassen, daß, wer nur will, wer sich nur sehnt, noch nicht eine „religiöse Erneuerung" herbeiführen kann. Die Gesinnung des Suchenden, so wichtig sie als Voraussetzung religiöser Tat ist, schafft noch nicht die Tat. Und so sehr sich der Ehrliche gegen alles mechanische, formelhaft-sinnlose religiöse Tun auflehntc, so wenig durfte er glauben, nur wegen dieser seiner Ehrlichkeit schon für die Erhaltung der Religion etwas zu leisten. Die Religion aber verlangt für ihren Fortbestand nach der stets erneuerten Tat ihrer Bekenner urü> Träger. Diese Erkenntnis hat in jungen jüdischen Menschen das sichere Gefühl wach gehalten, daß, nur wer den unwägbaren, «nbeschreibbaren, einmaligen oder mehrmals wiederholten Sprung aus dem Reich des Wollens in das des Könnens getan hat, fähig ist, religiös zu handeln. Wer nicht nur Suchender, Fragender, Zweifelnder, sondern wer mit allen Fragen, Zweifeln, Vorwürfen und Dankempfindungm «in „Berufener" wurde, dies alles auszusprochen gegenüber — Gott; wer also im tiefsten Sinn beten kann, der nur ist Träger eines Gottesdienstes der Jugend. Das Betenfömten ist das Allereinfachste nnd das Allerschwerste zugleich. Und so sind denn diese Gottesdienste der Jugend keine Reformversuche für die nach den verschiedenen Ordnungen sprechenden Gebete, sondern sie stellen eine Revolution (vielleicht: Reaktion) des Gottesdienstes dar, well sie nicht zunächst die Aendernng der Gebete, sondern die der Beter wollen. ES soll ganz anders mit dem, was «an vom „Beten" fordert, Ernst gemacht werden, als das sonst irgendwo im jüdischen Gemnndeleben geschieht. Motive wie Pietät, Freude am Ästhetischen, am Sittlichen, am Rührseligen (die stets geforderte „Erbauung", die der Gemeindegottesdienst gewähren soll) werden verworfen. Denn Gottesdienst ist Zwiesprache des Einzelnen und der Gemeinschaft mit Gott und nur diese Zwiesprache in der reinen religiösen Sondersphäre wird gefordert. „ Darum lassen sich diese Gottesdienste jüdischer Jugend auch nicht nach ihrem Inhalt charakterisieren. Denn die geübten Formen sind in ihnen sehr verschieden. Und das, was dem Gottesdienst seinen wirklichen Charakter gibt, kann man schwer beschreiben, im Grunde kann man es nur miterleben, weil das gemeinschaftliche Gebet eine einmalige in sich gültige Tat ist, die, wie ein wirkliches Ereignis, nicht wieder hervorzuzaubern ist. Aber gewisse äußere Gemeinsamkeiten der Gottesdienste, Ausdruck dieser inneren Spannung, sollen zur Verdeutlichung des Gesagten angeführt werden. Träger des Gottesdienstes ist die Gesamtheit, nicht eine nach Tausenden zählende Gesamtheit, sondern eine sich kennende, eine zusammengewachsene Gemeinschaft. Man hat demgegenüber von jugendlicher Seite entgegengehalten: der Gottesdienst müsse jedem Juden Zugang gewähren. Das wird aber auch anerkannt. Nur muß, wer an dem Gottesdienst einer Gemeinschaft teilnehmen will, ohne daß er dieser Gemeinschaft angehörte, sich dem Minhag dieser fügen. Dann wird er selbst zum Glied dieser Gemeinschaft. So wird die Herzlichkeit und Vertrautheit des altjüdischen Gottesdienstes wiederhergeftellt, die aus den Riesensynagogen gebannt war. Die Gesamtheit trägt den Gottesdienst: das bedeutet, daß es keine „Funktionäre" gibt. Wohl kennt man in den Gottesdiensten einen Vorbeter, einen Prediger (keinen Chor!), aber sie sind nur Einer aus der Gemeinschaft, bereit, jederzeit durch einen anderen abgelöst zu werden. Sie sind nur der selbstgewählte Mund der Gemeinschaft, keine „Autorität" oder „religiöser Führer", die zu ihrer „andächtigen Gemeinde" sprechen. Die Gebetfolge ist meist so angeordnet, daß die Gemeinschaft laut oder leise (nicht: still) betet. Urü> auch! bei der Thoravorlesung wird z. B. jeder mit Namen ansgerufen und liest seinen Abschnitt — hebräisch oder deutsch — selbst vor, so die Gemeinde bei der Vorlesung wieder mehr als bisher zur Teilnahme heranziehend. Dem leisen Gebet ist ein viel hervorragenderer Platz eingeräumt als in den Gemeindegottesdiensten, denn dem Ernst der Auffassung vom Gebet entsprechend bedarf man stärker der Gelegenheit zu innerer Sammlung. Die Predigt ist niemals Mittelpunkt des Gottesdienstes (wie man heute vielfach im liberalen Gottesdienst glauben möchte). Denn das Wort eines Predigers, der gleich uns ein schwacher Mensch ist, kann nur in seltenen begnadeten Augenblicken die Worte, die auf den Lippen der Gemeinschaft liegen, zusammenfassen. Aber er kann schlicht von dem sagen, was ihn bei Gelegenheit des Gottesdienstes bewegt, oder — und das ist wohl der ursprüngliche Sinn der jüdischen Predigt — er kann aus dem Schatz seines Wissens von jüdischem Schrifttum den Brüdern Belehrung geben. So ist die Predigt weniger spezifisch religiöse Handlung als vielmehr Ausruhepunkt, nach dem die Seele nach der Spannung, mit der sie das Gebet erfülle, verlangt. — „Betet ihr nun hebräisch oder deutsch?", so höre ich manchen fragen. Daraus kann ich keine Antwort geben. Denn die Frage, wieviel hebräisch, wieviel deutsch, ob traditionell oder liberal-resormiert, tritt in allen Gruppen zurück vor den Erfordernissen, von denen ich oben sprach. Gemäß dem Gebot der inneren Wahrhaftigkeit sind die einzelnen Gruppen nach dem Maße ihres Könnens (d. i. ihres Wissens und ihrer Veranlagung) bald zum rein hebräischen, bald zum mehr deutschen Gottesdienst gelangt. In manchen Dingen ist die Jugend liberaler als die liberalste Gebetordnung: es gibt z. B. keine Wiederholungen. Manche Gebete, die von den Liberalen längst als „unmodern" über den Haufen geworfen worden sind, hat man wiederentdeckt. Und manche Formen haben eine alt-neue Gestattung erfahren. So hat z. B. eine Gruppe sich nicht in der Stadt eine Laubhütte gebaut, sondern ist in den Herbst hinausgezogen und hat dort zwischen einigen alten Bäumen ein Dach aus Zweigen und Laub gefertigt, um im Freien Sukkoth zu feiern. Wir wissen nicht, welche Gestalt die Gottesdienste der Jugend annehmen werden. Aber ich glaube, daß die Tendenz zur Gestaltung eines neuen jüdischen Lebens auch bei der Gestaltung des Gottesdienstes stark zum Ausdruck kommt. Wegen dieser noch «ngekannten Entwicklung, an der so ernster Wille schafft, dürfen Erwachsene niemals gegen irgendwelche Gestaltungen, die diese Gottesdienste haben und die die Erwachsenen vielleicht sonderbar anmuten, zu Felde ziehen. Leider ist das mehrfach in verständnisloser «nd wenig taktvoller Weise geschehen. Man sollte nie vergessen, daß es weit besser ist, mit heiligem Ernst in ungewohnten Formen beu jüdischen Gottesdienst zu suchen, als gedankenlos und mit halbem Herzen der längst eingeführten Gebetordnung zu folgen. Ernst Heinrich Seligsohn. Uebenvindung des völkischen Wahns Von Binjamin Segel. Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens — und nun erst, wenn die Dummheit mit der Böswilligkeit sich paart und beide vereint sich in den Dienst der gewöhnlichen Masseninstinkte stellen, denen sie ein ideales Mäntelchen umhängen! Und trotzdem kommen zuweilen beherzte Männer, die diesen Kampf aufnehmen und den Sieg davontragen. Das gilt von dem Professor Dr. Julius Goldstein, der durch seine soeben erschienene Schrift „Deutsche Volks-Idee und Deutsch-Völkische Idee" (Philo-Verlag, Berlin W., 1927) dem völkischen Wahn den Todesstoß versetzt hat. Es geht durch die Länder deutscher ZuyHe eine Bewegung, die nur in ihren gröbsten Erscheinungsformen unsere Aufmerksamkeit .und Abwehr herausfordert, aber sie wird aus tieferliegendeu Quellen gespeist, die sich dem Blick des alltäglichen Beobachters entziehen. Diese im Verborgenen fließenden Quellen find die gefährlichsten, denn sie liefern das pseudo-wissenschaftliche Grundwasser, aus dem diese ganze, immer üppiger in die Halme schießende Saat ihre befruchtenden Säfte saugt. Diese Quellen aufzugraben und vor der Welt bloßzulegen ist ein ungemein schwieriges Stück Arbeit, erfordert außergewöhnlichen Scharfsinn und gründliches vielseitiges Wissen auf allen Gebieten des geschichtlichen und Kulturlebens. Wenn z. B. einer der völkischen Führer, der Philosophie-Professor Max Wundt, Sohn des großen Wilhelm Wundt, uns versichert, „das Judentum sei die dunkle Macht der Verneinung", der Jude „wirke als Wille zum Bösen in den Bezirken deutschen Geistes, ziehe diesen von seinem reinen Urquell ab, und reiße ihn in den Pfuhl der Gemeinheit herunter", oder: durch „Rassenmischung entwickle sich der jüdische Geist, wie er als eine teuflische Macht unter den germanischen Völkern gehaust hat und bis heute haust, der Geist der Verworfenheit" — und wenn der Herr Professor schließlich salbungsvoll hinzufügt: „Der Geist Gottes ist der Geist der Liebe, wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Ueber dem Judentum aber brütet der Geist des Hasses" — so ist das viel weniger gefährlich, als es aussieht. Denn jeder nicht ganz auf den Kopf gefallene Leser sagt sich, der Verfasser dürfte wohl trotz seines berühmten Namens übertreiben und im Unrecht sein. Ganz anders dagegen verfährt z. B. ein hochangesehener und einflußreicher Autor wie Wilhelm Stapel, Herausgeber der weitverbreiteten Monatsschrift „Deutsches Volkstum", bekannt auch als Kant-Interpret, in seiner Schrift „Antisemitismus?", von der Goldstein sagt, sie sei vornehm und zurückhaltend im Augenblick, sie vermeide nicht nur alle verletzenden Aeußerungen über Juden und Judentum, sondern sage soviel Gutes von den Juden, daß man manchmal vergesse, daß man einen antisemitischen Schriftsteller vor sich habe. Aber da taucht plötzlich der Satz auf: „Es ist mir unerträglich, die Geschichte meines Volkes von Juden geleitet zu sehen." Der oberflächliche Durchschnittsleser könnte sich bei diesem Satz beruhigen: „Ist es weiter nichts?" könnte er sagen. „Meinetwegen!... Ich habe gar nicht den Ehrgeiz, die Geschicke des deutschen Volkes zu leiten. Mögen sich die Rathenau und die Preuß mit Herrn Stapel auseinandersetzen." Und darin, aber nicht darin allein, liegt eben die Gefahr solcher scheinbar bloß theoretischen Propaganda. Der Bürger gibt sich nämlich keine Rechenschaft darüber, daß nicht nur ein Minister des Aeußeren und ein Schöpfer der Reichsverfassung bei der Leitung des Geschickes des deutschen Volkes Mitwirken. Dies gilt auch von den Kapitänen der Industrie und des Handels, überhaupt des wirtschaftlichen Lebens, die noch dazu den Neid in einem sehr hohen Grade auf sich lenken. Ja, jeder Bürger in nner etwas hervorragenderen Stellung, ein Fabrikdirektor, em Gutsbesitzer, sogar ein bescheidener Handwerksmeister, trägt bis M einem gewissen Grade die Verantwortlichkeit für das Geschick des ganzen Volkes und wirkt an dessen Gestaltung Mt. Was Stapel beim Anblick von Rathmau und Preutz empfand, empfinden nach Maßgabe der Ausbreitung seiner Schrift hunderttausende dmtscher Bürger beim Anblick jüdischer Kaufleute, Handwerker, Lehrer, Rechtsanwälte, Apotheker und sonstigen gewöhnlichm Sterblichen, die sich von ihren Nackbarn nur dadurch unterscheiden, daß sie Juden sind. Es ist dm Anhängern Stapels unerträglich, daß diese Leute inmitten des deutschen Volkes existieren, denn sie sind Fremde! Sie sind andern Wesens, unüberbrückbar verschiedm von den Deutschen.