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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-11 · 45 (11.11.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
45 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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SRditU. (Vortra g.) Vor einer zahlreichen Zuhörerschaft sprach am 24. Oktober der Generalsekretär der Gesellschaft „Ort", Abt. Deutschland E. B., Dr. Michael Traub, in der Rhenus-Loge über „Umbau des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa". Der Redner betonte einleitend, daß die Tendenz und Formen des modernen jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa nicht nur durch die Ereignisse der letzten Jahre, sondern vielmehr auch durch die jahrzehntelange Entwicklung des ostjüdischen Wirtschaftskörpers vor dem Kriege bedingt sei. Man könne daher Bedeutung und Tragweite des gegenwärtig sich vollziehenden Umbaus nur dann verstehen, wenn man ihn auch in seinem geschichtlichen Werdegang erfaßt. Das Eindringen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nach Osteuropa hat bereits in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die wirtschaftlichen Grundlagen der vom Bermittlertum lebenden jüdischen Kleinstadt untergraben und vielen ehemaligen jüdischen Händlern jede Existenzmöglichkeit genommen. Gleichzeitig mit der Abwanderung der jüdischen Bevölkerung aus der absterbenden Kleinstadt in die Großstadt wandt« sich die jüdische Masse spontan physisch-manuellen Berufen zu. Dieser seit Jahrzehnten durch den „Ort" geförderte Prodnktivierungs-Prozeß der jüdischen Bevölkerung Osteuropas ist durch den Krieg unterbrochen und um viele Jahre zurückgeworsen worden. Mit der eingetretenen Konsolidierung der osteuropäischen Wirtschaftsverhältnisse setzt« die Ueberführung der Juden zum Handwerk und zur Landwirtschaft wieder ein. Sie ist angesichts der während des Krieges und oer darauffolgenden Nachkriegsjahre erfolgten Vermehrung der jüdischen Luftmenschenarmee und der schwindenden Bedeutung des Vermittlertums im osteuropäischen Wirtschaftsleben zum dringendsten und akutesten Problem der jüdischen Gegenwart geworden. — Die Ausführungen des Redners fanden in der aus den Vertretern verschiedener Richtungen zusammengesetzten Versammlung ungeteilten Beifall. Das unter dem Vorsitz von R.-A. Dr. Paul Simon gebildete Komitee, dem die Herren Jacob Deutsch, Frau Ludwig Gebhardt, Dr. Fritz Kronenberger, Studienrat Dr. Lorge, Kommerzienrat B. A. Mayer, Frau Sanitätsrat Dr. Metzger, Henry Meyer, Frau Theo Weil, Zacharias Weis u. A. beigetreten sind, wird die begonnene „Ort"-Aktion in Mainz fortsetzen. Rieder-Ohme« (Oberhessrns. (Synagogenjubiläum.) Die hiesige kleine Gemeinde begeht in diesen Tagen die Feier des 100jährigen Bestehens ihrer Synagoge. In bescheidenem Rahmen soll jdieses Ereignisses feierlich gedacht werden. lamar Ein biblisches Bild von Else Dahlberg. Wenn Tamar über ihr vergangenes Leben nachdachte, so wurde sie traurig. Und Tamar hatte Zeit, über diese gewesenen Dinge zu sinnen. — Sie saß in ihres Vaters Haus wie in den Zeiten ihres Mädchentums. Nur war sie damals irgendwie nötig im Haushalt gewesen, hatte ihr Teil Arbeit zu erledigen gehabt. Jetzt aber waren so viel mehr Leute da und die Frauen ihrer Brüder, daß sie sich stets überflüssig fühlte. Nicht daß ihr irgend jemand ein häßliches Wort gegeben hätte, nein — das hätten sie nicht gewagt, denn sie, Tamar, war die Lieblingstochter des Vaters, des Gebieters! Und ihre Witwenkleider redeten für sie von all der Trauer, welche das junge Weib erlitten. Zweimal war sie verheiratet worden, zweimal ward der Gatte ihr entrissen! Die Leute hatten Mitleid mit ihr, der Gatten- und Kinderlosen. Und wenn sie still mit einer Arbeit beschäftigt war, mußte sie an die kurze £eit denken, da auch sie Hausfrau und Gattin gewesen. War sie damals glücklich? Ach, das wußte sie nicht! Nur: es war jeder Tag eine Summe fleißiger Arbeitsstunden gewesen, jede Nacht — Leben! Sie hatte in jeder Stunde sich selbst gespürt, hatte trotz Leid und Enttäuschung immer wach auf das Glück gehofft und sich gefreut, wenn es nur ein klein wenig zulächelte. Und all die heißen und zarten Sehnsüchte, die durch ihre Seele und ihren Körper flogen ... Damals! Sie wußte nicht viel von sich aus ihrer Mädchenzeit! Erst als Juda um sie bei ihrem Vater freite, sie zur Frau für seinen ältesten Sohn begehrte, \var sie wach geworden! Ihr Vater hatte sie gerufen und sie war ein wenig erschreckt vor den fremden großen Mann getreten. Sie wagte zuerst nicht, ihn richtig anzusehen. Was konnte der Fremde von ihr wollen? Da horte sie in ihrer Verwirrung eine gute Stimme — sie schien ihr seltsam weich, wenn sie. an die wuchtige Kraft des Mannes dachte —: „Das ist also die kleine Tamar!“ Jetzt erst faßte sie Mut, in des Großen Gesicht zu sehen und konnte sich dann nicht mehr von den ütigen Augen losreißen! Er fragte: „Kleine Tamar. attest du Lust in mein Haus zu kommen?“ Mein ältester Sohn Her möchte eine Frau. Und du willst doch sicher auch einen Mann und später — Kinder, kleine Tamar?“ Ein wenig zuckte sie doch zurück, als diese Frage kam, aber sie wußte sofort, daß sie „ja" sagen würde. Es müßte gut sein, in dieses Mannes Haus zu wohnen. Und sein Sohn. — Es konnte kein schlechter Mensch sein, da er solch einen Vater hatte! So kam es, daß sie ihre Zusage gab und ihre kleine Hand fest in die große des Mannes legte. „Kleine Tamar“, lächelte er und ihr Vater strich über ihre braunen Zöpfe: „Meine kleine Tamar!" Ihr Mann war so groß wie sein Vater. Aber Her war nicht wie Juda. Nein, er hatte seine Kraft, doch nicht seine Güte. Sie würde nie vergessen, wie er sie genommen! Sie konnte all die Schmerzen kaum verbergen — und es gab doch so viel still zu tragen — da, sie sich so allein in dem fremden Hauswesen zurechtfinden sollte! Ab und zu freilich kam Juda zu ihr: „Wie gehts, Tamar?" Sie lächelte tapfer: „Es geht schon, Vater!" Allmählich wurde es besser. Tamar lernte sich selbst kennen und wußte zugleich, daß sie den Gatten am besten durch ihre Schönheit fessele. — Sie stellte deshalb an ihre Glieder die größten Ansprüche, umgab sich ( mit den kostbarsten Gewändern, um ihn zu locken. Und der Mann erlag immer ihrer Verführung! $ie war stolz darauf, den Starken so gezähmt zu haben und aus ihrem Stolz wuchs seltsamer Weise die Liebe. Ihre Seele legte in des Gatten Kraft all jene schützende Ueberlegenhejit, welche sein Vater besaß. Sobald sie jedoch ihn mit dem Vater zusammen sah, wußte sie wieder, wie anders geartet Her war. Und dennoch: er war ein wichtiges Glied der häuslichen Gemeinschaft, war der Schutz des Heimes. Alle anderen Angelegenheiten ordnete der Vater mit Onan, dem zweiten Sohne. Aus dessen Blicken schaute ein klarer Verstand, und seinen Mund umzitterte feine Güte. Er war nicht so groß wie Vater und Bruder; schon zeigte die Gestalt des Jüngsten, Halberwachsenen die gleiche Höhe! Nur um Haupteslänge überragte er ihre eigene Figur. Doch Juda hatte einmal geäußert: „Onan ist stärker als Her — in der Tiefe!" Es mochte wahr sein, aber Tamar hatte nur Augen für ihren Mann und dessen Vater. Sie sehnte sich in Hers starken Armen nach einem feinen Worte, das ihr verraten sollte, daß er seines Vaters würdiger Sohn sei! Und sie sehnte sich in ihrem Körper ein Kind zu tragen. Manchmal meinte sie schon beidem nahe zu sein. Sie blickte geduldig in die Zukunft. — Da brachten sie ihr Her, den Gatten, tot. Sie wußte nicht, wie es so plötzlich gekommen und sie hatte nicht die Kraft, vor heftigstem Entsetzen zu fragen, wie er gestorben. Später hielt sie die starke Hand seines Vaters, Juda stand ihr zur Seite. Als sie fassungslos in ihrer Stube stand und alles ansah, was noch den Stempel seines Lebens trug, konnte sie weinen. — Doch Juda kam nach kurzen Tagen zu ihr: „Schwiegertochter, dein Mann, Her, ist tot! Onan wird an seine Stelle treten. Du wirst Kinder haben, Tamar —1“ Sie nahm die Nachricht entgegen, ohne sehr zu staunen. Gewiß, es war selbstverständlich so. Die Schwagerehe. — Sie sah nicht, daß Onan immer stiller wurde, je mehr sich der Tag der Hochzeit näherte. Sein Mund hatte sich wie in großem Kummer gesenkt, seine Stirne Falten bekommen. Erst als sie im Hochzeitsgemach waren, begriff sie alles. Onan sagte: „Ich wollte später einmal das Weib meiner Liebe zur Frau haben, Tamar. Du mußt das verstehen. Man sehnt sich die ganze Jünglingszeit hindurch nach der Einen, der unberührten Geliebten! Und als Frucht aus zwei solchen zusammenströmenden, sich liebenden Seelen soll das Kind erzeugt werden! Du warst das Weib meines Bruders. — Du kannst nicht meines werden! Die Sitte zwingt uns zusammen, Tamar. Wir wollen einander gute Geschwister sein, nicht wahr?" Tamar gab keine Antwort. Zuerst wurde wilder Zorn in ihr wach, daß er sie verschmähte. Dann bohrte in ihr eine spitze Nadel, die von dem unerfüllten Muttertraum sprach. Aber der Zorn blieb Herr! Wie zu Anfang ihrer ersten Ehe beobachete sie wieder sich selbst, schmückte sich wieder. Sie war noch schön, sie konnte den Mann locken. — In der Nacht aber war sie einem schlimmen Feinde ausgeliefert. Da kamen all die Nächte zu ihr, welche sie mit Her verbracht. Ihr Körper war damals erweckt worden, nun forderte er sein Recht. Im Nebenbett lag der Mann, unerreichbar für sie. Sie wußte, seinen Willen zwang sie nicht. Der Sommer kam. In einer Nacht, in der alles Duft und schwere Süßigkeit atmete, umschlang sie ihn: „Onan, liebst du mich denn nicht?" Da sah er ihre zarte Gestalt an und auch ihn überwältigte der Rausch. Doch als Tamar wieder allein war, wußte sie: sie zwang ihn wohl zu sich, aber nie bis zum völligen Vergessen seines Ichs in ihrer Umarmung. Und so blieb es: er umfing sie wohl in heißem innigen Anschmiegen, doch er vermählte sich nicht mit ihr. Es wurde Herbst. Mit den kalten Winden schien auch die zarte Zuneigung des Mannes zu erfrieren. Seine Lippen preßten einander in scharfem Weh, seine Gestalt sank in sich zusammen. Er begann die stille Hausarbeit zu meiden, er nahm lieber die letzten Feldarbeiten auf sich. Seine Hände wurden schwielig. Er achtete es nicht. Tamar dachte oft, er verliere sich selbst. Sie ging in ihrer Not zu Juda, dem Vater. Aber der gesunde Mann, welcher dem Tag lebte, welcher die Gegenwart genoß, ohne ganz der nächsten Zukunft zu vergessen — er, der so ganz war, daß er diese Zersplitterungen nie begreifen konnte, wie sollte er helfen? Onan wurde immer stiller, immer lautloser. Er schlich aus dem Haus, hielt sich stets allein. So war auch in Tamafs Brust eine große Stille, ein tiefes Schweigen, als sie Onan heimbrachten: tot. Tagelang bohrte in ihr nur der eine Gedanke: „Zwei Männer, zwei Männer!" Was würde Juda sagen? Wie würde er es tragen? Sie zitterte in tiefer Angst. Und Juda kam. — Wie ehemals nahm er ihre kalten Hände, seine Stimme war ruhig: „Kleine Tamar, du wirst dun zu deinem Vater heimgehen und warten bis Schela, der Jüngste, erwachsen ist! Meine Söhne werden nicht mehr erwachen, Tamar. Du wirst sehr allein sein, Tamar, wie ich — Schwer war sie aus dem Haus gegangen, das ihr so viel bedeutet hatte. Aber sie durfte wiederkommen. — An all dies mußte Tamar denken und ihr kleines Gesicht neigte sich der Arbeit zu, welche die Hände hielten! Warten. — Ach, so lange schon. Schela mußte bereits groß sein. — Doch er kam nicht. Juda hatte wohl sein Versprechen vergessen! Oder er fürchtete bei ihr, der Verführerin, seinen dritten und letzten Sohn zu verlieren. Sie selbst bangte auch darum und litt deshalb nicht, daß der Vater zu Juda. ging, um ihn nach der Hochzeit zu fragen. In diesen einsamen Stunden wehrte sie sich tapfer, um über all die trüben Gedanken Herr zu werden. Die Zeit half ihr auch im Vergessen. Manchmal schien es ihr unendlich lange her zu sein, daß sie Braut und Gattin gewesen. Die Glut Hers und die Kälte Onans verschmolzen sich zu einem Wesen. — Ihr war, als ob erst durch all die trübe Erfahrung ihre Sehnsucht bewußt geworden wäre, so daß ihre Träume und Gedanken feste Gestalt annahmen. Doch wenn die Stunden kamen, in denen sie verlassen und frierend nach dem Manne jammerte, nahm sie alle Kraft ihres Verstandes zu Hilfe, um sich der dunkeln Gefühle zu erwehren. Sie sagte sich dann, daß sie nicht so viel erwarten dürfe von der Zukunft. Der Mann. — Es war immer anders, als man es sich ersehnte. Ihr Leben war erfüllt gewesen von den stillen, aber bitteren Kämpfen der Geschlechter. Und gerade dieser Kampf gab Erleben, machte jede Stunde zu einer lebensvollen, jeden Gedanken und jedes Glied zu einem bewußten. Was jetzt kommen konnte, war entweder Fortsetzung dieses Kampfes, und dazu war sie zu müde, oder ein ruhiges sattes Glück, eine dumpfe Zufriedenheit und nach dieser sehnte sie sich nicht. Und trotzdem: in diesem Erinnern vermochte sie jetzt dankbar auf ihr leidvolles Leben zurücksehen, weil damals selbst jedes Unglück noch ein Zeichen des Lebens war. Mit dieser Dankbarkeit beschwichtigte sie ihren Körper, der so herrisch um seine Rechte schrie. Es gelang ihr auch zeitweise, doch plötzlich begehrte er wieder auf. Und er hatte sein Lied geändert. Er sang es so durchdringend, daß die Seele erschauernd mit einstimmte! Oder hatte die Seele diese Melodie begonnen? Genug, in ihr wirbelten alle Gefühle und alles Begehren um das Eine: das Kind! Sie sehnte sich nach ihm, sie lebte nur noch dieser einen Sehnsucht: ein Kind zu haben. — Dieses Glück mußte sie noch dem Leben abjagen, diesem häßlichen Leben, das über sie wegschritt. Dann mochte der Tod kommen. — Sie wollte Liebe geben ohne die qualvolle Beherrschung, welche der Mann forderte. Jeder Teil ihres Körpers durfte dem Kinde dienen, alle Gefäße der Güte sich ihm Öffnen! Es müßte so gut sein, ein unbeholfenes Wesen an sich zu pressen, seinen süßen, feuchten Mund suchend am Halse zu spüren. Aber diese Freuden des sicheren Beieinander-Seins wollte sie nicht zif sehr erhoffen! Nur ein Kind zu tragen, es zu gebären, wäre schon genug der Wonne! Es wäre der Schmerzen wert. — \ Da kam es, daß sie, nicht wie sonst, bei ihrer Arbeit nur träumte, sie suchte fest und hartnäckig eine Möglichkeit, ein Kind zu empfangen. Nicht jeder war ihr wert, sein Vater zu sein — und wie sollte sie es verheimlichen während der Schwangerschaft? Der Dirne drohte ein schmachvoller Tod. Fragen konnte sie keinen, weder Frau noch Mann. Ja, wenn Juda käme. — So glitten ihr die Stunden und Tage dahin, bis sie durch die Nachricht erschreckt wurde, daß ihre Schwiegermutter, Judas Frau, gestorben sei. Im ersten heftigsten Mitleid wollte sie zu ihm, ihn trösten. Doch sie konnte sich nicht frei machen. Einen Augenblick nur sah sie ihn — sah ihn gebeugt und traurig: ein alter Mann. Doch als ihre Augen sich trafen, fühlte sie, daß dieser Mensch nicht alt werden konnte, weil seine Kraft und Güte ihn jung erhielt. Als sie in die alte Ordnung zurückkehrte, konnte sie nicht mehr so ruhig sein wie zuvor. Vor ihren Träumen stand Juda, der Mann! Und sie nannte ihn in sich: meines Kindes Vater. Wenn sie ihn gewinnen konnte, dann war alles gut. — Sie faßte ihren Plan und rüstete sich langsam, ihn auszuführen. Und dennoch zitterte sie, als sie erfuhr, daß Juda zur Schafschur nach Timna gehe. „Nun ist es Zeit!" sagte die Stimme in ihr. An dem Tag, da er zurückkommen sollte, schmückte sie sich. Sie reckte den Körper in den Prachtgewändern, etliche Armreifen klingelten — nun den Schleier um das Gesicht! So wollte sie sich an den Weg setzen, gleich eine der Mädchen, welche sich verkaufen. — Oh, sie bangte, er möchte sie verschmähen! Wie sie am Wegrande saß in zuckender Erwartung, dachte sie an ihn und sein Bild wandelte sich unmerkbar in ihr. Der Vater ihres Mannes Her würde zu ihr kommen — er, der die Leiden Onans nicht begreifen konnte! Er würde seinem Leib Erquickung schaffen durch das Weib. Sie wollte ihn beglücken, wie ein Weib der Straße würde sie ihm Genuß sein! Da kam Juda. — Und er neigte sich zu ihr, sie fragend, ob sie ihn empfangen wolle. Sie sah in seine Augen, die seltsam verschleiert waren. Sie fühlte eine Seligkeit in sich emporwachsen, daß ihr Herz drohte, still zu stehen. Nicht ein einziges Mal dachte sie in den folgenden Stunden an ihr zukünftiges Leben, an ihr Kind. Da war der Mann und mit ihm die Erlösung von Warten und Sehnen. Er ließ ihr ein Pfand zurück, daß er später zahlen werde! Als sie dieses Wort hörte, erwachte sie aus dem Traum, der ihr Liebe und Erfüllung vorgegaukelt hatte. Ach, sie war nicht Weib, liebend und geliebt, sie war nur — eine Buhle vom Weg! Erst nach Tagen konnte sie den tiefen Schmerz jener letzten Minute so weit überwinden, daß sie klar zu denken vermochte. In Leid und gekränktem Stolz begriff sie, daß jene Stunde ihr etwas geraubt, das sie als die Beute langer Jahre betrachtet hatte: ihre Sicherheit des Lebens. Der Name des Mannes allein genügte, um in ihr alle Gefühle in Aufruhr zu bringen. Sie sehnte sich nach ihm und seinem aufrechten Sinn, seinem warmen Körper, daß sie in der Nacht an ihren Tränen erwachte. Sie vergaß in diesem Strudel, daß sie sich ihm nicht um ihretwillen hingegeben. Das Kind. — Aber es erinnerte sie selbst daran, sie fühlte, wie es ihren Körper umwandelte. Und endlich sahen es auch die andern, der Vater, das Gesinde. Sie schlossen sie ein. „Du hast gebuhlt, nun zahle dafür; zahl' mit dem Leben!" Was sollte sie tun? Sie sah die Leute zu Juda eilen: „Tamar, die Dirne, ist schwanger!" Und er würde sie zum Tode verurteilen. Vielleicht hatte er sie gesucht, um ihr sein Pfand einzulösen. Wenn er sie verurteilte, würde er nie wissen, daß er sie in seinen Armen gehalten, daß er ihr eine Stunde Glück verdankte. Dennoch hätte sie verzichtet, wenn nicht das Kind gewesen wäre. Ihm zuliebe mußte sie versuchen zu leben. Sie zog Judas Pfand, den Ring, aus seinem warmen Versteck — er hatte zwischen ihren Brüsten geruht: „Bringt ihn meinem Schwiegervater Juda!" Juda suchte sie auf. — Sie erschrak, als sie ihn sah. „Ich glaube, wir müssen zusammen reden, Tamar!" „Ja —" „Du hast ein Kind von mir, Tamar. Das war dein Recht, weil ich dir Schela vorenthielt. Ich werde dich eiraten,Tamar. Aber, siehst du, ich kann dennoch nicht de inMann sein. Du hast dich weggeworfen, Tamar. Und wenn auch ich es war — ich komme nie darüber weg. — Dann sind da meine Söhne, deine Gatten, Tamar —". Tamar neigte den Kopf und die Tränen fielen auf ihre Hände. Sie verstand den Mann, weil sie einst — Onan gekannt. Vater und Sohn, Sohn und Vater. Ein aufrechtes Geschlecht, das keine Zarten und Gebeugten begreifen wollte. Die blieben sich treu und führten ihre Vorsätze aus, ob durch das Leben oder den Tod. Eine große Liebe und Bewunderung stieg in ihr auf, die in lauter Sehnsucht gerne den Mann umarmen wollte, der hoch und stark vor ihr stand, und hatte doch nur Mut, mit leiser Hand über die Formen zu streichen, welche die Judasfrucht ihrem Körper gab .... Es waren zwei Söhne, welche das Leben der Mutter an sich rissen und also Tamars Wandelungen und Wanderungen zu Ende brachten. Sie schloß gerne die Augen, die kleine Tamar. Juda aber und die Judassöhne lebten weiter, lebten ein Leben voll Gerechtigkeit. Doch ob sie ein Leben der Liebe führten — darüber schweigt die Legende.

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