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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-14 · 41 (14.10.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
41 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Solo Adler zum Gedächtnis Am 26. September ds. Js. märe Geheimrat Direktor Dr. Salo Adler 70 Jahre alt geworden. Ein herbes Geschick hat ihn zu früh, im 62. Lebensjahre, aus unserer Mitte gerissen und aus einer Tätigkeit, die ihn bis zuletzt aufs engste verknüpft hielt nicht nur mit der Stätte seiner engeren Wirksamkeit, der von ihm geleiteten Schule, sondern mit der Gesamtheit der deutschen Juden. Noch steht sein Bild lebendig vor uns, seine gedrungene Gestalt, seine feste und doch natürliche Haltung, sein schöner Kopf mit der freien Stirn, der kühnen, geschwungenen Nase, dem energischen Mund, den hellen, blitzenden Augen und dem sonnigen Leuchten über dem Antlitz. Noch tönt uns sein sonores Organ, seine warme, volle Stimme, seine schwungvolle Rede, getragen von einem schlichten Pathos, dar. aus echtem Herzen 'kam - in Allem eine Persönlichkeit, die gewinnende Herzlichkeit ausströmte und daruin so viel Sympathie sich erwarb, ein Mann, der mit ungemindertem Optimismus allen Schwierigkeiten entgegentra't und sie sieghaft überwand. Er war Schulmann. Ein Lehrer von natürlicher, ur sprünglichster Begabung. Die hinreißende Kraft seines Unterrichts hat Schüler und Schülerinnen in seinen Bann ge zwangen, hat ihm eine mit Zuneigung gepaarte Autoritär gesichert, so daß er anderer Mittel kaum noch bedurfte. Man spürte die Fnhrcrpersöulichleit, die er im Grunde doch war, und so wird er in jungen Jahren schon, mir 32, Leiter der jüdischen Mädchenschule in Berlin. Noch ist der älteren Generation in Eriuneruug. was er hier geleistet, wie er in einem Jahrzehnt aus der bescheidenen Gemeinde-Schule eine große moderne Bildungsanstalt ge schassen, und die Abschiedsfeicr im Frühjahr 1900 offenbarte, wie viel Liebe und Verehrung er sich liier erworben, nicht nur im engen Bezirk der Schule, sondern in der gesamten südischen Gemeinde Berlins. Denn von Anbeginn trug ihn fein Schaffensdrang hinaus über die Schulwcinde, über den Bereich von Unterricht und Erziehung. In der Erkenntnis, daß der Schulmann in der Schule nur daun für das Leben bilden rönne, wenn er selbst mit dem Leben engstens sich verbunden fühlt, wenn er selber auch unmittelbar für das Leben mittätig ist, wid^ mete er ein gut Teil seiner Arbeit all den Institutionen und Organisationen, die sich die materielle und geistige Förderung der Glaubensgenossen zur Aufgabe gemacht haben. Und er war nicht etwa nur Mitglied — bald gelangte er überall zu bestimmendem Einfluß. Ja, manche Organisation, manche Anstalt ist seine persönliche Schöpfung. Das jüdische Lehrerinnenheim in Steglitz (später in Groß-Lichterfeldc) hat er ins Leben gerufen, die Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner Berlins ist seine Gründung, der Zusammenschluß der jüdischen Lehrerinnen Deutschlands ist sein Werk. Er war wohl der bekannteste jüdische Schulmann in Deutschland, als ihn im April 1900 der Schulrat des Philanthropins nach Frankfurt am Main berief, damit er die Leitung der altberühmten Bildungsstätte übernehme, die so viel zur Blüte der Frankfurter Gemeinde beigetragen hatte. Man konnte damals in Berlin den Entschluß Adlers nicht recht begreifen, die Residenz mit der Provinzstadt zu vertauschen. Aber er sah wohl, daß sein Wirkungskreis als Schulmann in Frankfurt ungleich größer war, daß sein Tätigkeitsbereich auf allen anderen Gebieten, den organisatorischen, sozialen und kulturellen, nicht kleiner werden brauchte. Und so war es in der Tat! Wie er 1904 die Jahrhundertfeier der Anstalt organisierte, wie er 4 Jahre später — allen Widerständen zum Trotz — ihr einen mächtigen Neubau schuf, wie er die Schule selbst mit modernem Geiste erfüllte und doch ihre geheiligten Traditionen wahrte, wie er alle äußeren und inneren Schwierigkeiten meisterte, wie er sich die freudige Mitarbeit eines großen Kollegiums und die Unterstützung einflußreicher und vermögender Persönlichkeiten zu sichern verstand — das alles verriet seine tiefe Menschenkenntnis, seinen klaren Blick für das Notwendige, seinen gesunden Sinn für das. Erreichbare, es offenbarte sein meisterliches Organisationstalent, sein diplomatisches Geschick und seinen natürlichen Takt, Eigenschaften-und Fähigkeiten, die aus einem schlichten, gütigen Herzen kamen. Hier noch mehr als in Berlin war er Pädagoge im modernen Sinne, d. h. ein Schulmann, dem die Schule nicht Selbstzweck ist, sondern Teil eines großen Ganzen. Denn die Vielseitigkeit seiner Interessen war aus der Ueberzeugung geboren, daß die Schule für die Gemeinschaft und darum auch die Gemeinschaft für die Schule wirken muß, daß die Schule als wesentlicher Kultursaktor den Anspruch erheben darf, in die Kulturpolitik mitbestimmend einzugreisen, wie umgekehrt jede wahre Kulturpolitik zur Erreichung ihrer Ziele sich der Schule als eines wichtigen Mittels bedienen und ihr darum jede mögliche Förderung angedeihen lassen muß. So dürste es für ihn, den Kulturpolitiker, kaum eine jüdische Organisation zur Förderung materieller und geistiger Güter geben, der er nicht an leitender Stelle angehörte. Aber damit allein war nicht die Zukunft gesichert. Die ruhte nach seiner Ueberzeugung in der Hand des jüdischen Lehrers. Ihm mußte die große Verantwortung aufgebürdet werden. Würde er sie tragen können? War doch sein eigenes Dasein nicht gesichert! So erklärt sich Adlers rastloser Eifer zur Hebung des jüdischen Lehrerstandes. Es galt, dessen unsichere materielle Lage zu beheben und zugleich auch der geistigen Not zu steuern, unter der viele Lehrer besonders in den kleineren Gemeinden zu leiden hatten. Durch Stiftung von Kassen, durch Gründung von Vereinen, durch Zusammenschluß kleiner Vereinigungen zu einer machtvollen Organisation, die — von ihm unterstützt — ihr Recht auch bei amtlichen Stellen zur Geltung bringen konnte, durch gründliche Vor- und Weiterbildung für die religiöse Unterweisung der Jugend mußte der ganze Stand zu größerem Ansehen und stärkerem Einfluß gelangen. Und wie viele verdanken ihm außerdem persönliche Förderung durch freundschaftlichen Rat und tatkräftige Hilfe! Denn über die Rechtsansprüche hinaus wirkte er durch Wohlfahrtseinrichtungen. Noch an seinem 60. Geburtstage rief er eine „Stiftung für berufliche Ausbildung jüdischer Lehrer- und Beamtentöchter" ins Leben. Es darf nie vergessen werden, was Adler für den jüdischen Lehrerstand in Deutschland getan hat, ebensowenig wie das, was er für den Religionsunterricht geleistet. Man muß wissen, wie traurig es vor etwa 30 Jahren noch um diesen Unterricht an den öffentlichen Schulen bestellt war. Schon in Berlin hat er bei der Organisation mitgewirkt, hat im Anstrage der Gemeinde selber eine Religionsschule aufgebaut und sie zeitweise geleitet, in Frankfurt aber hat er in konsequenter Arbeit den gesamten Religionsunterricht — an den höheren Lehranstalten wie an den Volksschulen — organi siert, an manchen Schulen ihn neu eingeführt und gleicherzeit für Anstellung jüdischer Lehrkräfte an städtischen Schulen sich eingesetzt und dabei schöne Erfolge erzielt. Auch hier hat er eine Vereinigung jüdischer Lehrer gegründet, an deren Arbeiten er stets lebhaften Anteil genommen. Er war kein großer Theoretiker, aber ein Mann der praktischen Tat. So war auch seine gesamte Einstellung zum Judentum. Er übte ein praktisches Judentum und war von Herzensgrund aufrichtig religiös-liberal. Er vertrat den positiven Liberalismus, der an die besten Traditionen der großen schöpferischen Epoche des jüdischen Liberalismus anknüpfte, den Liberalismus, der nicht gedankenlos Unbequemes über Bord warf, sondern alles Lebendige, alles religiös Wertvolle rettete, der aber auch den Mut besaß, wertlose, abgestorbene Formen abzustreifen und neue, zeitgemäße anzunehmen, den Liberalismus, der aus der Zeit der Aufklärung hervorgegangcn, mit der .Humanität sich verbunden und durch die jüdisch-historische Wissenschaft und die religionsgeschichtliche Forschung seine tiefere Begründung erfahren hatte, jenen Liberalismus, der im Judentum selbst, aber auch zugleich im Deutschtum wurzelt. Es gab in dieser Beziehung keinen Konflikt in Adlers Persönlichkeit. Sein Wesen war von geschlossener Einheit. Wie er mit ganzem Herzen Jude war, so war er mit Leib uub_ -reele auch Deutscher. Darum war er in allem Tun so selbstsicher, darum auch konnte er mit der ganzen hinreißenden Kraft seiner Persönlichkeit eintreten für das gleiche Recht der deutschen Staatsbürger jüdischen' Glaubens; er hat es oft genug und wohl immer mit gutem Erfolge getan. So durfte er an seinem 60. Geburtstag sich der ver dienten Anerkennung freuen, die ihm aus allen Teilen Deutschlands, von all den vielen jüdischen Organisationen und Instituten, von zahlreichen Freunden und Verehrern zuteil wurde, und nicht nur von Glaubensgenossen. Auch der Staat hat ihm Ehrungen erwiesen, ihm Titel und Orden verliehen, die er gern entgegennahm, weil er darin eine Bestätigung der Gleichberechtigung erblickte, für die er allezeit sich eingesetzt hatte. Er ist der schlichte, aufrechte Mann geblieben, demokratisch und liberal, ist unermüdlich gewesen - seine Arbeitskraft war erstaunlich auch als schweres Leid ihn traf, da sein Sohn als Fliegerleutnant im Felde fiel, als ihn selber ernste Krankheit ans Bett fesselte. Sein .Herz ein echt jüdisches Herz - schlug bis zuletzt für die Schule, für das Judentum, für das deutsche Vaterland. Dr. A r t h u r G a l l i n e r, Frankfurt a. M. Lleisis Beziehungen zu Juden Zum 150. Geburtstag von Heinrich von Kleist. Von S. M e i s e l s. Im Gegensatz zu andern deutschen Klassikern wie Herder, Goethe, Schiller, Wieland, Jean Paul, die fast alle mehr oder minder eingehend, wenngleich nicht immer ganz vorurteilsfrei über Bibel, Judaismus, Juden geurteilt haben, ist in den Werken .Heinrich von Kleists keine einzige Aeuße rung über Judentum oder Inden enthalten. Der Dichter der „Penthesilea" brachte offenbar dem Judentum als Geisteserscheinung nicht einmal ein geringes Interesse entgegen, und zu Juden trat der in einer gewissen Abgeschlossenheit erzogene Sproß eines alten preußischen Adelsgeschlechtes erst spät in Beziehung. In seinen Studienjahren wird wohl Heinrich von Kleist, wie viele seines Standes, auch das Alte Testament in der Lutherischen Uebersetzung mit Eifer gelesen, haben; es scheint sogar, daß er in seiner Jugend ein wenig Hebräisch gelernt habe, jedenfalls waren ihm die hebräischen Schriftzeichen vertraut. In seinen Gedichten kommt ein hebräisches Wort in hebräischer Lettern, allerdings in inkorrekter Schreibung vor. In den zwei Distichen, die an „Die Susannen" gerichtet sind, heißt es: Euch aber dort, euch kenu' ich! Seht, schreib ich dies Wort euch: (folgt der Name „Susanns" auf hebräisch) Schwarz auf weiß hin: was gilt's? denkt ihr — ich sag' nur nicht, was. Nichtig! Da gehen sie schon, so wahr ich lebe, und schlagen (Hält' ich's doch gleich nur gesagt) griechische Lexica nach. Es mag in diesem Zusammenhang der Hinweis nicht unangebracht erscheinen, daß unter den großen Dichtern des deutschen Volkes Heinrich v. Kleist und Annette v. Droste- Hülshoff die einzigen sind, in deren Werken die hebräische Quadratschrift vorkommt. Die Droste schreibt in der Judenbuche einen hebräischen Satz, der syntaktisch unmöglich ist und gar keinen Sinn ergibt. Kleist hinwieder läßt den Namen „Susanns" in solch fehlerhafter Schreibung drucken, daß uns das Wort wie eine verstümmelte Sphinx erscheint. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Kleist mit Absicht eine falsche Schreibform gewählt habe, um das Namenrätsel noch rätselhafter zu gestalten. Während seines Aufenthaltes in Berlin im Jahre 1801 knüpfte Kleist zum erstenmal gesellschaftliche Beziehungen zu Juden an. Sehr gern verkehrte er da im .Hanse des Fabrikanten Cohen, eines nach Berlin eingewanderten reichen Juden aus Holland, der in der damaligen Berliner Gesellschaft sich großen Ansehens erfreute. Das Cohensche Haus war damals der Sammelpunkt einer geistigen Elite. Biele junge Talente, Dichter, Schriftsteller, auch Offiziere und Aristokraten versammelten sich bei Cohens zu geselligem Verein. Adelbert v. Chamisso, Eduard Hitzig, Henriette Herz, Rahel Levin, die spätere Gattin Varhagens, ihr Bruder Ludwig Robert verkehrten in diesem Hause. Varnhagen von Ense, der dort die Stelle eines Hofmeisters bekleidete, gibt in seinem Buche „Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens" eine anschauliche Schilderung vom gesellschaftlichen Leben im Cohensckien Hause. Fabrikant Cohen bewohnte in der Münzstraße das große schöne Hotel des Ministers von Zedlitz; ein Teil des Hauses war zu einer Baumwollfabrik eingerichtet. In diesem Hause fand Varnhagen alles beisammen, was sein geistiges Streben fördern konnte: „eine gebildete Geselligkeit, Musikliebhaberei, fremde Sprachen im Gauge, deutsche, französische und englische Bücher, kurz, eine wahre Bildungsschule, zugleich genußreiches Leben und nützliche Tätigkeit". Herr Cohen zeigte sich als ein freundlicher Weltmann, der auch in Wissenschaften und Künsten wohl bewandert schien; Madame Cohen, eine Berlinerin, sprach durch sanftes und verständiges Wesen an, „wenn sie sprach, vernahm man Wahrhaftes nnd Herzliches." Kein Wunder also, daß auch Kleist die Gesellschaft dieser trefflichen Leute vor allen andern bevorzugte. In einem Briese vom 8. Februar 1601 schreibt Kleist au seine Schwester Ulrike: „In Gesellschaften komme ich selten. Die jüdischen würden mir die liebsten sein, wenn sie nicht so vretiös! mit ihrer <v,‘ 'tug täten. An dem Juden Cohen habe ich eine interessante Bekanntschaft gemacht..." Diese Briefstelle erinnert unwillkürlich an Fontanes launiges Geburtstagsgedicht, das mit der Aufforderung schließt: „Kommen Sie, Cohn!" Kleist sowohl als Fontane haben sich in der Gesellschaft der Cohens wohler gefühlt als in der der Jtzenplitze. Im Jahre 1809 kam Kleist auch mit einem Juden geschäftlich in Berührung. Vor seiner Abreise ins Oesterreichische nahm er in Dresden bei dem Kaufmann Salomo« Ascher einen größeren Geldbetrag als Darlehen auf. Kleist schreibt darüber in einem aus Tepitz) den 3. Mai 1809, datierten Briefe an seine Schwester: „Inzwischen habe ich von Dresden nicht Weggehen können, ohne einige Schulden daselbst zurückzulassen, die zu Johanny zahlbar sind. Ich beschwöre dich, meine teuerste Ulrike, für diesmal noch mit deiner Forderung zurückzustehen, und mir das Geld zu Bezahlung jener Schuld zukommen zu lassen. Ich bitte dich, das Geld dem Kaufmann Salomon Ascher, Dresden, Große Büttelgasse Nr. 472, gegen Rückgabe der Schuldverschreibungen, zuzustellen. Um den Kaufmann, wegen dieses Umstands, sicher zu stellen, hast du toohl die Gefälligkeit, ihm mit wenig Worten, unter der besagten Adresse, zu melden, daß dies zu Johanny geschehen werde." In diesem Briefe ist eine (von Kleist selbst herrührende) kleine Korrektur für die Gesinnungsart des Dichters recht bezeichnend: Kleist schrieb ursprünglich „beit Juden" (Ascher), strich aber das Worst und setzte darüber „den Kaufmann". Kleist empfand es offenbar als unfair und wie eine versteckte Anzüglichkeit, die Glaubenszugchörigkcit des Herrn Ascher in diesem Zusammenhänge besonders zu betonen. Noch in einem zweiten Briefe wird Salomon Ascher erwähnt. Am 13. Juni 1809 berichtet Kleist Ulriken, er habe „den Kaufmann Ascher in Dresden um Prolongation des Termins" ersucht, und bittet sie, das Geld, das zur Bezahlung der Schuld bestimmt war, ihm nach Prag (wo der Dichter sich damals aufhielt) zu chicken; er tue dies ungern, versichert er seiner Schwester, aber die große Not, in der er sich befinde, zwinge ihn, „um Prolongatiou zu bitten". Aufrichtibe Freundschaft verband Kleist mit Rahel Levin. Er hatte sie im Cohenschen Hause kennen gelernt und zählte wrtan zu ihrem vertrautesten Freundschaftskreise. Er fühlte Ich zu dieser geistvollen Frau hingezogen und verkehrte gern in ihrem Hause. Bon Kleists Briefen an Rahel Levin und uns nur zwei erhalten geblieben; in beiden schwingt der warme Ton echter Freundschaft. Nach Kleists tragischem Ende widmete die Rahel ihrem Freunde — in einem Brief an Alexander von der Marwitz — die nachstehenden ebenso trefflichen wie erschütternden Worte: „Es läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel... Ich freue mich, daß mein edler Freund — denn Freund ruf' ich ihm bitter und mit Tränen nach — das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. - Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätte ihm zehn Taler gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt' er sich ihm nur zerstört zeigen können." Vom Hilfsverein der Deutschen Juden Wir geben nachstehend den Bericht über einen Presseempfang des Hilssvereins der Deutschen Juden wieder. Wir müssen hierbei jedoch! ttnserer Empfindung Ausdruck geben, daß das jüdische Hilfswerk für die Juden Osteuropas unnötig zersplittert werden würde, wenn der Hilssverein die beabsichtigte Aktion aussühren würde. Die Gesellschaft Ort hat eS verstanden, in den letzten Jahren in Deutschland weite Kreise für ihre Arbeit zu interessieren. Daß nunmehr der Hilssverein und der Ort sich aus dem gleichen Gebiete betätigen sollen, scheint uns verfehlt. Daß sie für den gleichen Zweck Gelder sammeln, schadet tun der Sache. Es dürfte unbedingt geboten sein, daß die maßgebenden, doch ttur an der Sache interessierten Persönlichkeiten beider Organisationen schnellstens über die gegenseitige Abgrenzung ihrer Arbeitsgebiete beraten. Tie Red. Ter Präsident des Hilssvereitrs der Deutschen Juden, Herr Tr. James Simon, hat die Vertreter der Presse für Donnerstag, den 29. September, 5 Uhr nachmittags, zu einem Tee in das gastfreie Heim von Herrn und Frau Norbert Israel geladen. Es erschienen Vertreter der großen deutschen Presse, der Presse des Auslandes, utrd der jüdischen Presse. Herr Tr. James Simon berichtete aus der Geschichte des Hrlfsv-ereins seit dessen Gründung im Jahre 1901. Er verweilte läu.ger öer den auswärtigen politischen Aktionen des Hilssvercnis und bei oem umfassenden Hitfswerk in der Knegszeit, das von dem verstorbenen Herrn Tr. Paul Nathan unter Mitwirkung von Herrn Tr. Bernhard Kahn, dem jetzigen Leiter des Eltropawerkes des Joittt Distribution Committee, geleitet wurde. Er zeichnete ein Bild von dem einst mustergültigen Schulwerk des Hilssvereins im Orient mid schilderte die Gegenwartsarbeit des Hilssvereins, die jetzt vornehmlich rn der ausgedehnten Emigrantkuhilfe, der Waisenerzichung, der Hrise an ausländischen Studierenden nsw. besteht. Er kündigte.an, daß der Hilssverein nunmehr darangehen will, ferne Hitss- und Wiederaufbautätigkeit zugunsten der Juden in den osteuropäischeii Ländern, zum Teil auch im Onent, wieder aufzunehmen und erbat sich für diese erneiiten Aktionen die Unterstützung der Preist. Herr Tr. Mark Wisch nitzer, der Generalsekretär des Hilssvereins, der Tr. Paul Nathan auf dessen letzter Nußlandreise begleitet hatte und vor kurzem im Aufträge des Hilssvererns wiederum eine Reise durch die jüdischen Kolonien und Städte in Rußland unternommen hat,' gab in fesselnder Form Bericht über seine Eindrücke auf dieser Reise und zeichnete ernorucksvoll das dort vor sich gehende Wiederausbauwert. In den Grenzen der Sowjetrepubliken ist an Stelle der Auswanderung nach dem Westen und dem überseeischen Ländern die Binnenwanderung getreten: ein Prozeß, der die einschneidende wirtschaftliche Umwälzung zum Ausdruck bringt, die die Juden durchmachen. Mit der Verstaatlichung von Handel und Gewerbe wurde der jüdischen Bevölkerung die ökonomische Grundlage entzogen, die sie sich nun zu schaffen sucht in der Landwirtschaft, in der Industrie und in einigen Kleingewerben. Diese Umstellung ist für die russischen Juden eine Existenzfrage. Tie Sowjetregierung unterstützt die Landansiedlung der Juden durch Ueberlassung von Grund uiid Boden. Ter Agro-Joinl, eine Zweigorganisation des American Jornt Distribution Committee, die Jewish Colonisatton Association und verschiedene andere Wohlfahrtsgesellschaften leihen ihre Mithilfe bei der Finanzierung und Durchsübrung der Kolonisatton.

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