Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 39-40 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nirgendswo hat sich der Genius des Judentums herrlicher offenbart als in der Schöpfung des Versöhnungstages. Wohl hat er das Kleid, das er getragen, im Wanoel der Zeiten gewechselt; aus dem großen Sühnetag des Heiligtums ist er zum Verföhnungstag des Menschen geworden. So ist seine innere Bedeutung im Laufe der Jahrtausende gewachsen. Immer aber ist der ragende Gipfel, das bevorzugteste Fest unter den Festen des Jahres gewesen und der Sabbat der Sabbate geblieben. Nicht konnte dieser Tag aus dem Polytheismus geboren werden, der in seinen Höhepunkten wohl den Kultus der schären Form und Mysterien kennt, dem aber die Reinheit der Seele ein Geheimnis bleibt, nicht das Christentum ihn hervorbringen, dem die Sünde zur Naturanlage und daher der Glaube an den Erlöser zum wesentlichsten Bestandteil geworden ist; nicht der Pantheismus ihn dulden, wo es ja kein Zwiespalt gibt zwischen Gott und Mensch, weil ersterer ja immanent gedacht wird in allem, was Natur ist. Von diesem.Pantheismus aber hat — es ist noch nicht lange her — Scheler geurteilt, daß er „überall, wo er in der Geschichte auftritt, nie ein Anfang, stets ein Ende ist, nie das Morgenrot einer neuen Glaubenssonne, stets nur das Abendrot einer untergehenden". Nur aus dem Monotheismus des Judentums konnte der Verföhnungstag entstehen, da es in dem sittlichen Bewußtsein das innerste und tiefste Wesen des Menschen erblickt, da es dein Menschen zutraut, aus eigener Kraft sich zu entscheiden, und chm die aus der Reinheit der Seele quellende Frecheit zuschreibt, die Freiheit, die Pflicht, Last und Adel für den Menschen bedeutet. Wie Gott die Versöhnung der Vielheit zur Einheit ist, so ist es die Ausgabe des Menschen, in sich die Vielheit zur Einheit zu binden; weil Gott der Inbegriff aller Heiligkeit ist und das Judentum im sittlichen Willen des Menschen einen Teil der sittlichen Urkraft Gottes erkennt, kann es an uns die Forderung des Versöhnungstages stellen, in Reue, in Gebet und durch sittliche Tat zu ihm zurückzukehren und diese Umkehr mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft zu vollziehen. Auch das Wesen des Juden kommt dem Versöhnungstag entgegen. Martin Buber hat den Juden als ein polares Phänomen bezeichnet, in dessen Charakter die Gegensätze in größter Spannung nebeneinander sich finden. Gerade darum erwächst aber aus dieser Polarität das Streben nach Ueberwindung dieser Spannung nach einer Einheit und Einung aller Gegensätze, ganz zu sein mit dem Ewigen seinem Gotte. „Einige mein Herz, Deinen Namen zu fürchten", so betet der fromme Sänger und der jüdische Dichter unserer Tage Franz Werfel spricht in einem seiner Gedichte: „Warum gabst Du mir nicht Einheit?" Nichts aber ist falscher und unberechtigter als aus der Art, wie der Versöhnungstag begangen wird, Lebensverneinung oder Geringschätzung des Daseins herauszulesen. Wenn man mit Recht dem Judentum Freude an dieser Welt, Bejahung des Daseins nachsagt, was vermag lebensbejahender zu wirken, als dieser Tag der Versöhnung, der uns nach Ungeteiltheit und Ganzheit unseres Seins streben läßt und uns mit unserem Geschick uns aussöhnen heißt. So verleiht er neue Kraft zum Ertragen des Daseins, neue Reinheit unserem Wollen, neuen Ansporn unserem Lebensweg. So kann der Versöhnungstag zum Stahlbad der menschlichen Seele werden. Und haben wir nicht diese Seelendiätetik dringend notwendig? Betont man in unseren Tagen mit Recht die Wichtigkeit der körperlichen Ruhe und gibt es kaum einen Menschen, der nicht im Lause des Jahres für Wochen seinem Körper Erholung gönnt, was tun wir für unsere Seele? Ist uns nicht bei der Kompliziertheit unseres Lebens jene Einfachheit vollkommen verloren gegangen, die den großen jüdischen Weisen des Altertums sprechen ließ: „Ich habe einen Gast in meinem Hause und muß ihm Liebes erweisen", jene schlichte Erkenntnis, daß auch die Seele der Hut und Pflege, fortwährender Beobachtung und Veredlung bedarf? Nicht Selbstzweck ist der Verföhnungstag, er ist nnseretwegen da, damit wir neben der Pflege des Körpers nicht die Pflege der Seele außer acht lassen, sondern zur Höhe des Guten emporstreben. Fragen wir dagegen trotz der Rührigkeit auf so vielen Gebieten jüdischen Lebens: Sind wir noch Juden?, so wollen wir damit niemandem das Judentum absprechen, aber dennoch die Tatsache beleuchten, daß zwar der Versöhnungstag in unverminderten! Glanz erstrahlt, aber bedauerlicherweise schon weite Kreise den Sinn und die Opferfreudigkeit verloren haben, um selbst diesen einen Tag als Bekenntnistag ihres Judentums, vor allem aber ihrer Seele wegen zu feiern. Und wenn weiter die moderne Zivilisation die Menschen auseinanderreißt und nichts weiter übrig bleibr als eine nüchterne Zweckhaftigkeit, die uns zusammenhält, wie erst wird das Judentum durch Zerissenheit gekennzeichnet! In unserem Sündenbekenntnis vergessen wir eigentlich jene Sünde einzuschalteu, die wir am häufigsten begehen, die Versündigung gegen das im 5. B. M. c. 14,1 stehende Verbot: „Ihr sollt Euch nicht in Parteien spalten." Denken wir doch an unser deutsches Judentum und halten uns dabei den Katholikentag vor Augen, der kürzlich in Dortmund seine Generalversammlung abgehalten hat! Bei uns Gruppen und Grüppchen, Absonderung und Spaltung, trotzdem wir in Deutschland nur ca. 600000 Juden zählen, dort die imponierende Kraft der katholischen Kirche, die viele, viele Millionen um sich schart und die auseinanderstrebenden Kräfte sammelt, um sie in Gemeinsamkeit sich auswirken zu lassen. Der unvergeßliche Emil Lehmann wollte in einem Ausruf an die deutschen Glaubensgenossen das Versöhnungssest zu einem Tage der Generalversammlung aller Juden gestempelt wissen, an dem die Vereine der Gemeinde Rechnung legen und Bericht erstatten, Vorträge aus der Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Anträge und Anregungen zur Fortentwicklung desselben zahlreiche Zuhörer finden würden. Obwohl wir den guten Kern nicht verkennen, können wir uns für den Vorschlag in dieser Form nicht begeistern, weil ja die Seele für sich diesen Tag so notwendig braucht. Aber sollte sich die Wirkung dieses Tages, der ja ein solcher des Bergcssens, der Vergebung und der Versöhnung ist, nur auf die Stunden, die wir im Gotteshaus verweilen, beschränken? Heißt es nicht, daß uns die Versöhnung mit Gott nicht eher zuteil wird, als bis wir uns mit unserem Nächsten ausgesöhnt haben? Wie wäre es, wenn wir, nachdem unser Wille reiner und unser Herz selbstloser geworden ist, dem Vorsatz die Tat folgen ließen! Wie bitter notwendig hätten wir es, daß die Organisationen und Verbände des deutschen Judentums nach dem Vorbild des Katholikentages sich einmal an einem Orte gleichzeitig zusammenfänden und trotz Vertretung gegensätzlicher Anschauungen und einander bekämpfender Standpunkte dennoch Brücken geschlagen würden und ein gemeinsamer Wille sich einstellte, zur Versöhnung und zur Einheit zu gelangen, um das Judentum nach außen wie nach innen würdig vertreten und chm die Stellung zu verschaffen, die ihm nach seinen inneren Werten gebührt! Dann bleibt der Versöhnungstag nicht nur der ewige Jungbrunnen für das „einige Volk", sondern er wird dereinst, um Worte Hermann Cohen's zu gebrauchen, zum Sonnentage der monotheistischen Menschheit. Vom wiederentdeckken Judentum Von Dr. I. Samuel, Essen. Um die Zeit der hohen Feste kommt eine Schrift gelegen, die fast wie eine: Wiedereutdeckung anmutet: „Der Gottesdienst der Synagoge" (Gießen bei Töpelmann 1927) von. ElseSchubert-Christaller. Die Verfasserin, Nichtiüdin, aber Freundin der jüdischen Literatur und des jüdischen Kultus, hat ihr Buch in der Reihe „Aus der Welt der Religion" erscheinen lassen, die Rudolf Otto, Fr. Niebergall und Gustav Mensching herausgeben. Frau Else Schubert- Christaller ist der jüdischen Oessentlichkeit bereits durch ihre köstlichen Nachdichtungen aus der Aggada bekannt; sic entstammt einer protestantischen Theologensamilie. Ihre Mutter ist die bekannte Schriftstellerin Helene Christaller. Liebe zur Bibel und tiefes Eindringen in die hebräische Sprache und Literatur haben ihr tz>en Weg zu jüdischer Art und jüdischem Wesen gebahnt, die sie klaren Blickes beurteilt. Die Vorstudien zu ihrem neuen Buche aber hat sie iu der liberalen Hauptsynagoge in Essen gemacht, und diese kann es sich zur Ehre anrechnen, ein so schmeichelhaftes literarisches Spiegelbild gesunden zu haben. Ter liberale Gedanke selbst hat damit einen ungeahnten aber wohlverdienten Sieg zu verzeichnen. Der herkömmliche orthodoxe Gottesdienst hätte die Verfasserin nicht voll zu befriedigen vermocht, jedenfalls iu ihrem Wunsch, sein Wesen zu erkennen, mehr Hemmungen als Förderungen bereitet. Schon die mangelnde Teilnahme der Frauenwelt auf den Galerien orthodoxer Synagogen hätte ernüchternd auf sie gewirkt; cs gehört ja immer noch zur Strenggläubigkeit, die schroffe Scheidung zwischen Männern und Frauen in der Synagoge hart zu betonen. Auch die Beschäftigung mit Gebetbuch und Machsor, manche wissenschaftliche Frage, manch Geständnis der Besremdung wären bei einer Nichtjüdin mit Achselzucken beantwortet worden. Statt dessen haben wir uns bemühe, das Unternehmen der Verfasserin zu fördern, das übrigens in Anlage und Ausführung als bis ins Einzelne selbständig zu werten ist, nirgends etwa das Echo unserer Meinungen. Gerade diese nicht genug zu betonende Selbständigkeit macht den Wert der Schrift aus. Nur der eigenen selbstgcwonnenen Ueberzeugung folgend, ja innerlich gedrängt von dem Wunsche, Zeugnis zu geben und für die beim Studium gewonnenen erhebenden Eindrücke zu danken, bekundet die Verfasserin ihr Wissen um den Gottesdienst der heutigen, der modernen Synagoge. Was sie aber bekundet, ist nicht Anerkennung für eine bestimmte Richtung im Judentum, sondern für unsere Gesamtheit, für das ganze Israel mitten im Widerstreit der Meinungen und eine bändige Widerlegung absprechender theologisch-philosophischer, rein rassemäßiger Behauptungen. Von böswilliger Seite wird mit dogmatischer Sicherheit verkündet, daß das strenggläubige Judentum wohl eine Häufung ritueller, an bestimmte Zeiten und sonstige Aeußerlichkeiten gebundene Gebetsformeln besitze, also das Plappern wie die Pharisäer noch heute üben, das liberalx aber von aller Religioni und daher von ihrem wichtigsten Ausdruck, eben dem Gebete, völlig gelöst sei, beide also ein eigentliches Gebetsleben nicht oder doch heute nicht mehr kennen. Demgegenüber erschließt die Schrift zunächst der christlichen Gegenwart eine religiöse Welt voll Kraft und Eigenart, voll Innigkeit und Großartigkeit aus dem Geist der Psalmen geboren, gestaltet durch die einzigartigen Schicksale des jüdischen Volkes, und legt chr aus dem reichen Schatze jüdischer Gebete und religiöser Poesien eine Auswahl in Uebersetzung vor. Sie erbringt schlicht und zwingend den Wahrheitsbeweis dafür, daß es nicht nur prunkvolle neue Synagogen in der so materiell gesinnten Judenheit gebe, 'andern darin auch ein betendes Israel, dem einst der Strom inbrünstiger Gebete entströmt ist, das das Feuer der Andacht aber auch heute noch hütet. Als vor nunmchr 10 Jahren Rudolf Otto seine berühmt gewordene Schrift „Das Heilige" zuerst ausgehen ließ, war [ie wie eine Wiederentdeckung des tragenden Grundbegriffes des Judentums, denn sie war vollkommen am prophetischen Begriff des Kadosch Kadausch Kadosch im 6. Kapitel des Jesaja orientiert, eine philosophische Analyse dieses Kapitels Inzwischen legte Friedrich Heiler seine gründlichen Untersuchungen über „Das Gebet" vor und entnahm für alle Formen und Inhalte, alle Typen und Strukturen der im Gebet sich äußernden Frömmigkeit unzählige Beispiele aus dem biblischen Schrifttum, besonders Propheten und Psalmen. Beide Forscher wagten sich nicht in die betende Synagoge der Gegenwart, obwohl sie zweifellos eine Ahnung eines dort zu entdeckenden Neulandes besaßen. Hier setzt die Studie von Else Schubert-Christaller ein. Der Schatz synagogaler Poesien, den Zunz, Geiger, Michael Sachs u. a. angehäuft, konnte in der großen Wissenschaft unbeachtet bleiben, es waren jüdische Verfasser, die den dürren Zweig rabbinischen Judentums nicht zum Blühen bringen konnten. Die klug gewählten Proben unserer Verfasserin mit der feinen Mischung rationaler und irrationaler Elemente, prophetischer und mystischer Frömmigkeit, die sichere Zeichnung und feine Charakteristik des jeweiligen Gedanken- und Stimmengehalts der betr. Gebete und Gebetszeiten können nicht mehr überhört werden; sie werden wie eine ganz neu hergestellte erstaunlich interessante Platte in den Grammophonen der überkonfessionellen Wissenschaft ihre Wirkung üben und eingewurzelte Vorurteile überwinden Helsen. Aber die in Rede stehende Schrift hat auch uns Juden viel zu sagen, obwohl sie den Wissenden unter uns, geschweige den Gelehrten kaum etwas neues zu bieten hat. Den meisten gcht cs aber mit dem Kunstwerk des Gottesdienstes ihrer Synagoge, an dem doch viele Geschlechter gearbeitet habn, und der auch heute noch die Sorge unserer Rabbiner, Kantoren, Litnrgen und Komponisten ist, wie vielen Leuten mit den Sehcnswürdigkeüen ihrer Stadt. Es muß erst Besuch kommen, möglichst von weit her, wohl gar einer, der von den betreffenden Berühmtheiten angelockt ist, damit sie selbst sich daran erinnern, was in ihren Mauern für sie täglich bequem zu erreichen ist, was sie aber jetzt erst würdigen lernen. Unser Gottesdienst ist das Werk vieler Jahrhunderte, ein Widerspiel verschiedener religiöser Epochen und Strömungen, unsere Gebete sind solche aus der Seele der Gesamtheit, aber auch solche überragender religiöser Genien. Eine Führung durch diese Welt muß uns willkommen sein. Es ist nicht so, dnß die religiöse Stimmung, die Sehnsucht nach Gott das Primäre sein müßte, damit wir überhaupt beten; wir dürfen! getrost auch der Mahnung, dem Ruse!, der Zeit des Gebets Die nächste Nummer unserer Zeitung erscheint am 14. Oktober. Verlag und Schristleikung der Jüdisch-liberalen Zeit ing.