Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 38 (24.9.1927)
- Date
- 1927-09-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2. Tag: sochrenu b'sichrauntauw Seite Schlußgesang. (deutsch) .159 Zarrm Zttppur. V orab end (kol nidre): Aus der Tiese (Ps. 130) ... . 185 W'nisslach — kidworecho . . . 186 Bor'chu .188 Ahawas aulom (deutsch) . . . 188 Schma, 1. Abschnitt . . . 189 Schluß des 3. Abschnitts . . . 191 Mi chomauchu — goal jisroel ... 192 Haschkiwenu . 193 Ki wajjaum hasse . 193 — Predigt — Jaäleh .203 Owinu malkenu 1. Hälfte (1—14) 217—218 Borspruch des Predigers. Kaddisch der Leidtragenden. Bor mittag: Wie schön sind deine Zelte .... 33 Ps. 24 3-5 (deutsch) Hammelech — tischkaddosch ... 223 Bor'chu .. 224 Ahawo rabbo (deutsch) .... 227 Schma, 1. Abschnitt.228 Schluß des 3. Abschnitts . . 231 Mi chomaucho — goal jisroel . 232—233 Ausheben: waj'hi binssaua .285 adaunoj, adaunoj (Gemeinde) . 285 Deutsches Gebet .286 Schma — elauhenu .... 287 Thora-Vorlesung: 3. Bch. M. 19 1 18 .... 375 3. Bch. M. 23 23-26 .... 294 Hastara: Jesaja K. 57 58 (gekürzt) . 295 Predigtlied .( . 301 — Predigt — Seelenseier: Vorspiel — Ps. 99 (deutsch) . . 47 Deutsches Gebet Stilles Gebet: jiskaur . . . 304 Ps. 16 (deutsch) Kaddisch der Leidtragenden Nachspiel Einheben .309 Tesilla — mechajje hammeßim. 310—311 U'n'ssanne taukef.332 Deutsches Gebet U'ss'schuwo .333 Keduscha 335 Uw'chen ten (deutsch) .... 339 Olenu . 343-344 Ki onu.363 onno towau .364 Schlußgebei: mechal (deutsch) . . 369 Schlußgesang: w'hojo adaunoj t'melech Nachmittag (N e, l a): Vorlesung: Jona ..377 Aschre (Kantor und Gemeinde) . . 416 Predigtlied — Predigt — Tesilla — mechajje hammeßim. 423—424 Keduscha . . ..435 Atto naußen jod (deutsch) . . . 430 Kodausch atto — hammelech Hakkodausch .438 P'ssach lonu fchaar: Deutsches Gebet ...... 439 p'ssach — hajjaum — onno el no adaunoj — rachem no ... 444 Ki onu . . ..446 onno towau .447 Ps. 3 (deutsch) .364 Owinu malkenu 2. Hälfte (15-28) 454—455 Schlußbekenntnis 456 Kaddisch der Leidtragenden. Die Jugend und die Gemeinde Wille zu Gemeinschaft und Erziehung (gleich Selbsterziehung) zeichnen die Jugendbewegung aus, auch wenn in der Praxis diese beiden Faktoren leider nicht immer so klar in lÄscheinung getreten sind. Wer einigermaßen die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland kennt, der weiß, daß sie eben durch ihren Gemeinschaftswillen trotz vieler Parleikampse und inneren Zwistigkeiten ein gut Teil dazu beigetragen haben, die Krisen, in denen sich das deutsche Judentum befunden hat, zu überwinden. Sie hat sich jüdischer Lebensfragen aufs energischste angenommen, hat Liebe und Stolz zum Judentum, Klarheit und Geradheit der Lebensgestattung, hat durch Gemeinschaftswillen innerhalb einer bedenklich kühlen und „zivilisierten" deutschen Judenheit Gemeinschaft wieder Wirklichkeit werden lassen. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem schon 1909 mit verständnisvoller Unterstützung der Logen gegründeten Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands zu, besonders deshalb, weil man sich hier, nicht parteimäßig gebunden, zu sachlicher Mischer Erziehungsarbeit zusammengefunden hat. Tie viel verschrieene, weil falsch verstandene „Neutralität" des Verbandes ist die wahre Ursache für seine trotz aller Hindernisse große Entwicklung. Bei ihm! tritt zum ersten Mal jüdische Gemeinschaft schlechthin, Einigkeit trotz größter individueller Differenzierung in Erscheinung, eine „Achduth", die größte Möglichkeiten für das jüdische Leben in sich! birgt. Bor allem in den mittleren und kleineren Gemeinden haben sich die Jugendvereine, die Ortsgruppe des Verbandes, zu geistigen Mittelpunkten des Gemeindelebens entwickelt dank ihrer dienenden Haltung gegenüber einem Judentum, das nicht durch die Parteibrille gesehen ist/ Allerorts haben die jüdischen Jugendverckne zu einer Wiederbelebung und Erstarkung des GemeindelMns beigetragen. Wille zu Gemeinschaft und Erziehung. — Wenn heute allgemein die Bedeutung der Jugenderziehung richtig gewürdigt wird, die größten Tageszeitungen dem Thema spalten- . lange Artikel widmen, so ist es nicht zuletzt das Verdienst der Jugendbewegung gewesen, die Oessentlichkeit auf das Erzichirngsproblem hingewiesen zu haben. Auch das deutsche Judentum beginnt die Bedeutung des jErziehungsproblems für die Zukunft seiner Jugend zu erkennen. Wenn eS Nicht w gelingt, eine neue Generation heranzuziehen, di« mit ganz Danderen Augen die Welt ansieht und ganz anders Judentum lebt und erlebt als das bei den früheren Geneyationen der Fall gewesen ist, dann braucht man von einer -Zukunft des deutschen Judentums nicht mehr zu reden. Diese aus den Tatsachen erwachsene Erkenntnis hat dazu geführt, daß man in großzügiger Weise sich heute um die Heranbildung von Lehrern und Rabbinern bemüht (nachdem man die Seminare hat eingchen lassen) und die Erziehung der jüdischen Schuljugend intensiviert, ja in einzelnen Städten die noch nicht schulpflichtige Jugend in diese erzieherischen Bemühungen durch Errichtung jüdischer Kinderhorte usw. einbezieht. Doch die schulentlassene jüdische Jugend etwa bis zum 23. Lebensjahr, die der direkten Einwirkung von Schule und Haus entzogen ist, dafür aber allen Einflüssen — besonders den schlechten — des beruflichen und öffentlichen Lebens ausgesetzt ist, kämpft schwer in sich und mit sich um menschliche und jüdische Dinge. Und in dieser wichtigsten Periode ihres Lebens, vor der Entscheidung, ist die jüdische Jugend fast ausschließlich auf die jüdischen Jugendbünde als Helfer angewiesen. Sie kümmern um seelische Nöte des Jugendgenossen, richten ihn ans, bilden ihn fort, machen ihn zur Persönlichkeit. Wieviel wertvolle Kleinarbeit in den Heim- und Arbeitsabenden geleistet wird, kann nur der ermessen, der solche Abende einmal erlebt Hat und Jugendvereine nicht nur von den großen, für die Oeffentlichkeit bestimmten Vortragsabenden kennt. Und gerade diese Bünde müssen leider dauernd schwere Kämpfe um ihre geistige und noch viel mehr um ihre materielle Existenz führen. Das rührt daher, daß man bedauerlicherweise die jüdischen Jugendbünde irgend welchen überflüssigen Vereinen und Clubs noch immer gleich setzt und ihnen deshalb nur geringe oder gar keine Daseinsberechtigung zuerkennt. Die geistige Existenz erscheint erfreulicherweise durch die neuerdings stark aktive Mitarbeit von Rabbinern und Lehrern gesichert (wo bleiben allerdings unsere jüdischen Akademiker??), leider aber nicht die materielle. Den Leistungen vieler Gemeinden fehlt immer noch das Verständnis für die außerordentliche Bedeutung der Arbeit der jüdischen Jugendbünde. Man hat noch nicht erkannt, daß man um der Fortexistenz der Gemeinden willen mit allerlebendigster Anteilnahme die Bemühungen der Jugendbewegung unterstützen müßte. Da Jugendliche in der Hauptsache die Beiträge aufbringen müssen, sind die Budgets der einzelnen Bünde naturgemäß sehr begrenzt. Der geistiger! Bedeutung der Jugendbünde entspricht leider in keiner Weise die materielle Unterstützung, deren sie von den Gemeinden teilhastig werden. Vielerorts sind die Bünde gezwungen — und das muß offen heraus gesagt werden — um Unterstützung zu schnorren, Man speist die Bünde mit geradezu lächerlichen Summen ab, die in keinem zahlenmäßig ausdrückbaren Verhältnis zu der Gesamthöhe des Gemeindeetats stehen. Man sollte sich doch endlich daran gewöhnen, die jüdische Gemeinde als einen leberwigen Organismus mit gleichwertigen Gliedern, die gleicher Pflege bedürfen, zu betrachten und nicht als einen statistischen Begriff Die Leitungen sollten sich klar darüber seich, rcch sie nicht nur für' die rechnerische Balanzierung der Einnahmen und Ausgaben, sondern auch für eine befriedigende geistige Bilanz ihrer t Gemeinden verantwortlich sind. Es geht wirklich nicht an, i daß jüdische Jugend in den Hinterstuben von Cafes und i Wirtshäusern ihre Veranstaltungen abzuhalten gezwungen ist, weil die Gemeinde ihr keine Räume zur Verfügung stellt.! Deshalb muß den Gemeinen mtb ihren Leitern, die > bisher sich wenig oder garnicht um Wohl und Wehe der Juj gend gekümmert haben, ganz eindringlich ans Herz gelegt! werden, daß es eine ihrer vornehmsten Aufgaben ist, eine j Jugend heranzuziehen und zu pflegen, die in Zukunft das I „Gemeindeleben" bilden, mehr noch: zukünftige deutsche Ju- - denheit sein soll.! Die Angriffe aus Judenheit und Judentum sind schärfer! denn je und erheischen starke, von Selbstbewußtsein und Liebe j zum Judentum erfüllte Persönlichkeiten zur Abwehr. Wir I dürfen Hoffnung haben, daß das deutsche Judentum wie i schon so oft auch dieses Mal aus diesen Kämpfen stark hervor- I acht. Wäre es nicht tragischstes Schicksal, wenn das deutsche j Judentum mit seiner herrlichen Tradition seinen Niedergang ] aus innerenUr fachen heraus entgegensetzen müßte, weil!man der Jugend nicht achtete und so kurzsichtig | war, die elementar st en Gebote der Stunde nicht! z u erfüllen? Kurt B a ch r a ch , Kreuznach I im Verband der jüd. Jugendvereine Deutschlands. Jüdisches keinsiadlmilieu! Jahrzchnte des Friedens gab uns die Zeit nach der Einigung des Deutschen Reiches; kaum glaublich scheint es unserer heutigen Jugend, welche durch die Schmerzen des letzten Jahrzehnts bewußt gegangen ist, daß ein halbes Jahrhundert Friede in unserm deutschen Lande geherrscht, daß unserss Alten vorgesorgt, aufgebaut haben und Vorsorgen konnten für kommende Zeiten.- Von diesen friedlichen Zeiten, die damit beginnen, daß in jedem Städtchen ein Kriegerverein gegründet, eine Friedensfäule errichret wurde, ein Platz nach Kaiser Wilhelm oder Bismarck genannt wurde, will ich sprechen, von irgend einem kleinen Städtchen, wo die Juden gemütlich und behaglich lebten. — Da erscheine,; tief eingegrifselt vor meinen Augen die Typen derer, deren kleine Sonderlichkeiten in meinen Erinnerungen weiterleben. Die verwandtschaftlichen Bande sind ja in kleinen Städten besonders eng, die jüdischen Häuser und versippt und verschwägert, meist hatte Elternliebe dazu beigetragen, Ehen untereinander zu stiften; Liebe und Religion ließ Zusammengehörigkeit entstehen. Durch dieses Milieu zichen sich wie rote Fäden die Erinnerungen an die lieben und eigenartigen Eigenschaften der verschiedenen Personen. Zwischen Lachen und Weinen, in Erheiterung und in Treue gedenken wir derer, die jetzt ausrnhen am guten Ort. Noch! dünn gesät waren die Anpflanzungen um die Säule des Germaniaplatzes, aber deutlich stehen die kleinen einstöckigen Häuser vor mir. Der Laden mit seinen Nebenräumen parterre, zwei bis drei Wohnraume im ersten Stock und in den Giebelstuben die buen retiros, die die Großmütter und Großväter bewohnten. Dann ging es auch von dort aus in die geheimnisvolle Ecke der Obstkammer und in die Rumpelkammer, das Paradies der Kinderspiele. Hier blickte man auch durch eine Luke in das Höschen, wo manchmal ein Pferdestall lag; und auch eine Leiter führte zum Hühnerstall. Aber dies ist nur der äußere Umriß; ob die Häuschen so oder so sich präsentieren, die Insassen neben den Eltern und Großeltern, die Basen, Vettern, Tanten — sie gaben dem Ganzen den Stempel. Sie sind eingegraben in unsere Erinnerung und mit ihnen die jüdische Erziehung zur Pietät, die so eingewurzelt ist, daß sie unausrottbar zu uns gehört, unser Fleisch und Blut ist. Heute lächeln unsere Jungen, welche Wichtigkeit Geburtstage von Onkeln und Tanten für uns hatten; daß es für uns Kinder selbstverständlich war, wochenlang vorher unsere freie Zeit für eine Geburtstagsarbeit zu benützen, während heute fünf Minuten vorher schnell etwas getauft wird. Welche Selbstverständlichkeit tager früher darin, aber auch welche Pietät, an jedes Familienmitglied denken zu wollen! Doch es war nicht nur Pflicht, Freude zu Geburrs- und Festtagen zu machen; die täglichen Besuche, das stete Interesse (was machen die und die?) gehörte ebenso dazu, besonders das für die Kranken und Gebrechlichen. Gerade aus dieser Sorge um die ans Haus Gefesselten empfing man oft reichen Lohn in Gestalt von geistigen Anregungen, die man heimbrachte. Eine ganz besondere Type des kleinen Milieus war der mit einem mächtigen Schmerbauch behaftete Onkel Daniel. Er stand vor seinem Häuschen, behaglich eine meterlange Pfeife schmauchend, die ihn nie verließ. Wir Kinder, wenn wir zu Besuch kamen, mußten sofort Fidibusse falten. Ich weiß nicht, ob damals die Streichhölzer noch nicht in Gebrauch waren; jedenfalls mußten wir Kinder auf Vorrat arbeiten, und immer stand ein Teil bereit, um an dem eisernen Ofen, der lange Zeit im Jphr hindurch im Lädcheu brannte, angesteckt zu werden. Des Onkels Lieblingsredensart war: „oder, aber", und es war eigentümlich, wie diese Redensart immer paßte, wenn er sie gebrauchte. Vis ä vis lag das Häuschen seiner verheirateten Schwester, rechts davon wohnte Onkel Abraham mit seiner Frau Rosel. Diese Ehe war kinderlos, deshalb hatten sie eine Pflegetochter aus einer kinderreichen Familie angenommen. Onkel Abraham war schlank und behende. Er spazierte mit seiner Pfeife hin und her und hatte scheinbar in der chm doch so vertrauten Umgebung immer etwas zu beobachten. Neben der Eingangstür stand eine Bank, auf welcher seine Frau Rosel, die ein chronisches Hüftleiden hatte, bei günstiger Witterung Cercle hielt. Uns Kindern wurde von der Pflegetochter Malchen rasch ein gezuckerter Ingwer oder ein Mürbekuchen durch das geöffnete Fenster gereicht, damit wir nicht störend in die Unterhaltung fielen, sondern ruhig blieben. Zwischen den drei Familien herrschte meistens, trotz aller Liebe, irgend eine kleine Unstimmigkeit. Irgend jemand hatte stets etwas übel genommen. Natürlich spielte auch zarte Liebesbande hin und her, die dann nicht von allen geöMgt wurden und zu den kleinen Feindseligkeiten den Anlaß gaben. Ja, die Kinder. Der Sohn von Onkel Daniel sollte die Cousine heiraten, aber diese liebte einen Vetter ans einem anderen Städtchen. Trotzdem kam aus Wunsch der Eltern, begünstigt durch die Neigung Emils für die Cousine, die Verlobung zustande. Aber leider küßte die Braut bei einem Besuch den auswärtigen Vetter zu verwandtschaftlich, und so wurde die Verlobung gelöst. Emil wurde zum Prost und Vergnügen zum Babel Berlin geschickt, allwo er sein Geld an der Börse verspielte und einen großen Packen Schulden noch außerdem machte. Da mußte Onkel David mächtig blechen. Sämtliche Sparbüchsen, für die verschiedensten Zwecke gesammelt, waren auf einmal geleert. Aber doch wurde der unglückliche Sohn sehnlich erwartet, getröstet — und bald darauf mit einem jungen Mädchen verheiratet, damtt er solide werde. Seine Frau Fanny war klein und zierlich, schwer fügte sie sich den im Hause herrschenden Schwiegereltern. Dem Mann war sie wohl eine Gefährtin geworden;, aber der seelische Zusammenklang fehlte. Ein wenig neidisch sahen Onkel und Tante zum Schwesternsohn hinüber, der eine große, stattliche Frau sich gewählt, eine Juditherscheinung, die durch Eleganz und Auftreten auf dem Chewraball glänzte. Onkel David sagte: „Oder, aber Fanny ist niedlich." Die Ehe der ungetreuen Cousine war auch keine beneidenswerte. Die wohl zu nahe Verwandtschaft hatte den Kindern eine geistige Minderwertigkeit gegeben, unter der das Lebensschicksal der Eltern naturgemäß litt. Auch eine der bekamtten Romanfigur Oukel Jason aus Jettchen Gebert gleichende Erscheinung befand sich in dem Kreise. Ein alter Junggeselle saß in seinem Giebelstübchen; von ihm wurde flüsternd erzählt, er habe unglücklich gelickt. Sonst wehte uns ein Gemisch von Lavendel und Tabak an, wenn wir ihn besuchten. Er saß in. einem tiefen Lehnstuhl, dessen glänzende Einfassung von Porzellanknöpfen uns entgegenleuchtete. Dann öffnete er manchmal den geheimnisvollen Schreibtisch mit dem Rolladen und den vielen kleinen Schüben. Da sahen wir seltsame Dosen, Uhren, Halbedelsteine, Silhuetten, kleine bunte Papierschächtelchen mit goldgezackten Rändchen beklebt. Die enthielten Bciefbündelchen mit blaßblauen Bändchen gebunden, die er sorgsam mit seinen feingegliederten Fingern streichelte, aber schweigend zurücklegte. Wir wagten aus Scheu nicht zu fragen. Später erfuhr ich ' fein Schicksal. Es trug sich im österreichischen Lande Lu, wo vor dem Jahre 1848 ein Gesetz existierte, daß nur der älteste Sohn eines Juden Heiratserlaubnis bekam. Er war der zweite. Als das Gesetz ausgehoben ward, war es wohl zu spät für ihn gelvorden. Eine kleine rührende Begebenheit aus diesem Kreise ereignete sich beim Truppenauszug 1870 71. Da marschierten dje Soldaten los, vorbei am Hause Onkel Abrahams. Vor der Tür stand der Onkel unv die leidende Tante Rosel mtt einer Tasse Bouillon in der Hand. Winken, Abschiedsgrüße! „Emil, ich will dir noch etwas zur Stärkung reichen", winkte und ruft die Tante. „Das Ganze halt" erschallt ein Kommando. Und wohl oder übel, wenn auch etwas geniert, mußte Emil sich stärken lassen. Wer ein Verständnis hat für das damalige Leben in der kleinen Stadt, wird aus diesem Milieu heraus verstehen, wie Güte, Wohltun. Zusammengehörigkeit dort wohnte, wird lächelnd kleine Schwächen begreifen und verzeihen. Wir aber, denen diese Erinnerungsbilder die hervorzaubern, die unsere Kindheit begleiteten, gedenken dankbar und wehmutsvoll friedlich er,g eruhsamer Zeiten. Gisela Knopf. Kalendarium für die Zeit v.24.9. b. 1.10.1927 September 1927 <g(u(5687 Tischri 5688 Sonnabend 24 27. Wochenabschnitt: Nizzowim Hastarah: Jesaia 61.10-61,11; 62,1 bis 62,12; 63,1—63,9 Sabbat-Ausgang: 6.44 Uhr Sonntag 25 28. 7. Tag Selichauß Montag 26 29. Rüsttag des Neujahres 5688 Dienstag 27 1. 1. Tag Rausch haschonoh Mittwoch 28 Donnerstag 29 Fest-Ausg. 6.35 Uhr Freitag 3V 3. Fasten tziedaliah Nacht 6.32 Uhr Oktober 1927 4. Sonnabend 1 5. Wochcnabschnitt: Wajelech; Sabbat: Schuwoh hastarah: Hosen 14,2—14,10; Micha 7,18—7,20; Joel 2,15—2,27 Sabbai-Auegano: 6.27 Uhr