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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-09-09 · 36 (9.9.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
36 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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er! a-i Der Zauberspruch Legende von Hedwig Hartmann, Breslau. Einst kam ein Rabbi durch ein kleines Dorf, das nur von Nichtjuden bewohnt war. Da strömendes Unwetter, suchte er Unterkunft; er stellte sich an ein Haus, dessen vorspringendes Dach ihn schützte. Es war ein stattliches Haus bei einer Mühle. Der Rabbi stand in Gedanken, als unweit das Haustor geöffnet wurde und ein Mann im Rahmen der Tür erschien. Staunend höret der Rabbi einzelne Worte. „Eoruch ,ato“ hörte er deutlich. War es Sinnestäuschung? Der dort stand, war kein Jude! Da klang es abermals: „Boruch ato — — — aussee maassee — — — — Hier sprach also Einer das Gebet um Schutz vor Unwetter! — Der Rabbi trat einen Schritt näher. Der Sprecher entdeckte ihn und bat ihn, einzutreten. Man bewirtete ihn aufs freundlichste, zu immer größerem Staunen des Rabbi, den solche Aufnahme in nichtjüdischem Hause sonderbar anmutete. Er fragte vorsichtig tastend nach den Worten, die der Besitzer vorerst gesprochen. Da kam die Erzählung vom Zaubcrsprucli: Einst, so erzählte der Müller, habe ein schreckliches Unwetter das Dorf heimgesucht. Blitz zündete, die kleinen Häuser wurden ein Raub der Flammen. Da begehrte just ein alter Jude Einlaß, man bewilligte ihm im Flur Unterkunft. Dort hatte er still in einer Ecke vor sich hin gemurmelt. Mühle und Haus blieben vom Feuer verschont! — Ringsum Trümmer, sie allein unversehrt! Da hätten sie den Alten hoch und heilig beschworen, den „Zauberspruch‘‘ zu verraten, der sie gerettet. Er sagte zwar, es sei kein „Zauberspruch“, — er sei ein alter Jude und seine Worte nur ein Gebet lim Schutz vor Unwetter. Sie aber hätten mit Bitten ihn bestürmt, hätten auch reichlichen Lohn geboten. Da hatte der Aite den Spruch geschrieben. Der Mül.-r holte aus dem Gesangbuch einen abgegriffenen Zettel, — behutsam nahm er ihn hoch. Mit zittriger Schrift stand in deutschen Lettern- „Boruch ato — — — —“, das Gebet um Schutz vor Unwetter! Weiter erzählte der Müller. Jammer und Not der Heimgesuchten waren groß und alles staunte ob der wundersamen Fügung, daß grad Mühle und Haus des Müllers verschont blieben. „Wes das Herz voll ist, dess läuft der Mund über.“ So erzählte auch der Müller von seinem „Zauberspruch“. Man bat, man beschwor ihn, den Spruch zu nennen, bot höchste Summen. Da riet des Müllers Weib, Abschriften zu verkaufen. Man riß sie ihnen aus Händen. Wohlweißlich hatte er dann, als kluger Geschäftsmann, verlauten lassen, nur d i e Sprüche hätten Wirkung, die von der Stätte kamen, da der „Weise“ seinen Zauberspruch gab. Auch müßten sic erst neben der ersten Niederschrift gelegen haben. — So hatte der kluge Müller das Geschäft in festen Händen. Der „Zauberspruch" hatte ihn nicht nur gerettet, nein, auch zu Glück und Wohlstand gebracht. — So erzählte der Müller. Das Unwetter ließ nach. — Lächelnd ging der Rabbi seines Weges. — — — Kurt Isaak Schulze Skizze von Alfred Auerbach. Er sah aus wie sein Name. — Als er zu mir kam, um zu fragen, wie man zur Bühne gelangen könnte, fiel mir die Mischung auf, Nebeneinander von Arroganz und Gehetztheit, von scheuem Auge und lauerndem Blick, von geduckter Haltung und Mühe, sich ein Ansehen zu geben, von energielosen Gesichtszügen und nervösem Aufzucken. — Es war mir peinlich. — Ich bereitete eine ablehnende Antwort vor. Er unterbrach mich, ehe ich den Mund auftat. „Sie haben ein Vorurteil gegen mich, ich weiß es. Schon mein Name stört Sie. — Ich bin grotesk wie er. Er ist mein Fluch. Er zeichnet mir mein Schicksal vor.“ — Sein Ton war flehend, seine Augen bettelten. — Ich hielt meine Antwort zurück. Er fühlte Interesse und war schon dankbar. Er sah verändert aus. Der natürliche Teil seines Wesens streifte autgezwungene Komödie ab, befreite sich, strebte mir zu. — Er löste sich: „Sie haben ein Schicksal, Sie sind Jude und formen Ihr Leben mit Sicherheit von solcher Bestimmtheit aus. Ich bin nichts und bin alles doppelt. — Mein Vater ließ mich taufen. Er war Judenabkömmling, schon der getaufte Großvater hatte die Namensänderung durchgesetzt. Er war ein toller Streber. Mein Vater, wegen seines Aeußeren in den Kreisen abgelehnt, in die er hineinstrebte, heiratete eine reiche Jüdin, um trotzdem etwas zu bedeuten. Meine Mutter ist, ich muß es sagen, keine gütige Frau. Sie setzte aus Widerspruchsfreude den zweiten Vornamen Isaak für mich durch. Sie bestand darauf als Erinnerung an ihren Vater Isaak. Meine Eltern zankten sich damals, erzählte mir meine Mutter, bis sie siegte. Der Besitz, über dessen Verfügung sie entscheiden konnte, gab ihr die Macht. So nannte man mich Kurt Isaak.“ — Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich mußte lachen. Und ich weiß wieder nicht, wie es kam, aber der traurige Gezeichnete lachte mit. — In solchem Stimmungsumschlag, der wohl aus der Ueberreiztheit, aus der unwahrscheinlichen Zuspitzung von fatalen Lächerlichkeiten herausbrach, fanden wir uns. Ich fragte ihn, ob er zum Judentum zurück wolle. Er erschrak und schwieg. — Ich kehrte zu seiner ersten Frage zurück. „Sie wollen zur Bühne? Warum? Haben Sie denn je Spieltrieb, den Zwang, sich in darstellerisch gestalteten Menschen auszuleben, gefühlt?“ — „Oh nein, ich habe nur das Empfinden, als ob ich da etwas leisten könnte “ — Ich sah ihn ernst an. Scheue Arroganz wich vor meinem Blick zurück. Ich begriff, daß er glaubte, seine arme Lebenskomödie auf der Bühne verwendbar machen zu können, er hielt sie für Talent. Ich sagte ihm das unumwunden. Er veränderte sich wieder und hatte einen bösen Ausdruck. Es war, als ob er mir alle seine verkrachten Versuche, sich irgendwo anzubauen, als Vorwurf zuschleudere. Jetzt galt sein Haß dem Juden. Ich hielt den Angriff mit Ruhe aus. Seine Wut stieg, er suchte hinter meiner Ablehnung und meinem Zureden tückische Feindschaft. — Ich stand auf. Er bereute seine Unvorsichtigkeit. Er nahm seine alte Maske vor, sah gehetzt, ermüdet, energielos aus. — Es war mir wieder peinlich, wie beim ersten Anblick und doch tat er mir leid. Ich sah, da spielt sich ein Unheil ab, das niemand wenden kann. — Ich reichte ihm die Hand, er nahm sic lässig, fast widerwillig, es schillerte in seinen Augen, er sagte nichts und doch las ich in seinem Blick ein Gemisch vom Erkennen meiner Mitleidsregung und von Unbehagen. In seinem Auge las ich böses Gekritzel mit markloser Schrift: „Jude!“ Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands üilillllll lUillilllllllllllllllllllllllllllillllllllllllliillllllllllllllllllllllllllilllllllllllllililllllllltilllll! *: j BÜCHERSCHAU : : * vis Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1873— 1890) von Dr. Kurt Wawrzinek, Historische Studien unter Mitwirkung der Universitätsprofessoren G. Beckmann, G. v. Below usw. herausgegeben von Dr. E. Ebering, Heft 168, Berlin, Verlag von Emil Ehering 1927. In knapp gedrängter Form wird in diesem Heft die Ge* schichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland dargelegt, seit den ersteh Aexißerungen antisemitischer Gedanken im ncuentstandenen Kaiserreich bis zur Bildung der ersten „Fraktion der Antisemiten“ im Juni 1890 im Reichstag, die damals aus 4 Mitgliedern bestand: BöckeI, Zimmermann, Werner und Pickenbach. Als Vorzug der mit reicher Literaturangabe versehenen Schrift ist anzusehen, daß der Verf. sich der Bewertung des Antisemitismus enthält und sich nur auf die geschichtliche Darstellung der Bewegung beschränkt. Auf diese Weise gelang es ihm, keine Parteischrift für oder wider den Antisemitismus zu schreiben, deren es ja schon unzählige gibt, sondern, sich jenseits der Politik haltend, eine wirklich objektive Darstellung des Entwicklungsganges der antisemitischen Bewegung zu geben. Er hat es ferner verstanden, die verschiedenen Richtungen innerhalb des Antisemitismus sehr scharf gegeneinander hervorzuheben und voneinander zu unterscheiden. Das macht die Schrift gerade jüdischen Lesern besonders nützlich, weil man in jüdischen Kreisen oft diese Richtungen nicht genügend klar auseinanderhält, die untereinander divergierenden, ja manchmal direkt einander widersprechenden Schattierungen im Lager des Antisemitismus vermied und alles, was in diesem Lager vorgeht, auf die einzige Formel des Antisemitismus überhaupt zurückführt. Infolge dieser Vermengung der oft sehr heterogenen Formen des Antisemitismus wird auch die Bekämpfung desselben nicht immer zweckmäßig geführt. Verf. zeigt, wie sich unter verschiedenen Einflüssen im Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts antisemitische Aeußerungen bemerkbar machen. Infolge des Börsenkraches von 1873 entsteht eine Strömung, 2ie in den Schriften von Otto Glagau zum Ausdruck kommt, den ganzen „Börsen- und Gründungsschwindel“ in Berlin „auf die Juden zurückzur führen“, obwohl der Kampf gegen das „Gründertum“ gerade durch die berühmten Reden von Lasker im preußischen Abgeordnetenhaus am 14. 1. und 7. II. 1873 einsetzte. Gleichzeitig wird im Kampf der Konservativen gegen Bismarck, gegen die „liberale Aera“, die damals noch andauerte, von der „Kreuz-Zeitung“ in den bekannten „Aeraartikeln“ 1875 der Versuch gemacht, die ganze Politik Bismarcks auf den Einfluß von Lasker, Bamberger, Bleichröder usw. zurückzuführen. In Zentrumskreisen wird im selben Jahr versucht, den „Kulturkampf“ ebenfalls darauf zurückzuführen, daß die nationalliberale Partei unter der Führung des Juden Lasker steht und in der „Germania“ lind anderen katholischen Organen erscheint 1875 eine Reihe von Artikeln, deren Grundtendenz darin besteht, daß der Kulturkampf eine Folge der „JudenWirtschaft“ ist. Eine andere Note wird in diese Stimmung hereingebracht durch die immer schwerer werdende Notlage der Handwerker und kleinen Kaufleute, die sich nicht gegen „die aufkorninenden großen Warenhäuser und Bazare, deren Inhaber großenteils Juden waren“, verteidigen können. „Wer von allen diesen bedrängten Kleinbürgern und Bauern vermochte zu erkennen, sagt der Verf., daß sein Stand und Wohlstand einer unaufhaltsamen Wirtschaftsentwicklung zum Opfer fiel? Wer etwa von den Handwerkern mochte gar einsehen, daß eigene Unfähigkeit an dem Nichtmehrmitkommen zum guten Teil Schuld war?“ Die Bewegung erhält einen größeren Umfang, als Hofprediger Stöcker auf die politische Bühne tritt, wobei aber beachtet werden muß, daß bei Stöcker die antijüdische Tendenz, jedenfalls in der ersten Periode seines Auftretens, durchaus nicht in der vordersten Reihe stand. Stöcker suchte eine christlich-soziale Arbeiterpartei zu gründen im Kampf gegen die Sozialdemokratie und den religiösen Freisinn. Der Umstand, daß in den 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin 2/3 aller Ehen nicht kirchlich getraut waren und nur etwa 50 °/o der Kinder getauft wurden, veranlaßte Stöcker, gegen die dem Christentum feindseligen, oder ihm gegenüber jedenfalls gleichgültigen Sozialdemokratie und Freisinn den Kampf zu beginnen. Solange Stöcker die Schaffung einer vom christlichen Geist durchdrungenen Arbeiterpartei erhoffte, stand bei ihm der Antisemitismus im Hintergrund. Erst als es sich erwies, daß die Sozialdemokratie zu stark ist, um eine Konkurrenzarbeiterpärtei auf christlich-sozialer Grundlage aufbauen zu können und die christlich Sozialen immer stärkeren Zulauf aus den kleinbürgerlichen Schichten erhielten, wurde die Richtung Stöckers zur „kleinbürgerlichen Reformpartei, deren Kampf sich gegen Liberalismus, Manchestertum und Judentum richten mußte“. Immerhin bekämpfte aber Stöcker die antisemitische Rassentheorie, für ihn blieb das Judentum eine Konfession: „Ich gebe auf eine bloß antijüdische Bewegung garnichts.“ „Der christliche Geist dringt durch die Rasse und wenn die Israeliten getauft sind, so sind sie unsere Brüder“ — heißt es in den Reden Stöckers. Je weiter sich die Bewegung ausdehnt, desto verschiedenere Tone erklingen in ihr. So hat man es bei Liebermann von Sonnenberg mit einer romantisch-konservativen Weltanschauung zu tun. „Es hilft garnichts, sagt er in einer Rede, wenn wir reine Antisemiten sein wollen. Wir wollen etwas mehr sein: wir wollen der negativen die positive Seite liinzufügeu, d. n. an der Beseitigung der sozialen Nöte milarbeiten.“ Das Parlament, die „Quelle alles Unheils“, müsse durch „eine auf verfassungsmäßigem Wege beschlossene vorübergehende kaiserliche Diktatur“ unschädlich gemacht werden und die Neuorganisation des Staates mit „einer wirklich praktischen deutschen Volksvertretung“ sei vorzubereiten. Liebermann erstrebte also die Wiedergeburt des alten Ständestaates im neuen Gewände mit einer möglichst starken Gewalt der Krone. Ein ganz entgegengesetztes Programm vertritt dagegen Böcke!, für welchen Stöcker ein „falscher Antisemit“, ein Unglück der ganzen antisemitischen Bewegung ist, weil Stöcker nicht die Aufhebung der Judenemanzipation und die Stellung der Juden unter Frerhdenrecht forderte. Böckel erklärt: „Das allgemeine Wahlrecht ist uns heilig, wir erstreben dasselbe auch für den Landtag. Adelsprivilegien kennen wir nicht, Pressefreiheit und Redefreiheit sollen dem deutschen Volk nicht geschmälert werden, wie die Konservativen wünschen“, er verlangt weiter Diäten für die Reichstagsabgeordneten, setzt sich für die von den Freisinnigen verlangte Reicb.seinkommensteuer ein usw. Mau hat es also mit durch den Antisemitismus vereinigten, an sich aber ganz verschiedenen politischen Richtungen zu tun. Indem er die von ihm geschilderte Periode resümiert, sagt der Verfasser, daß trotz des Erfolges, der sich dahin äußerte, daß die Antisemiten 1300 a!s Fraktion, wenn auch eine kleine, im Parlament erschien, „der parlamentarischen Tätigkeit einer Gruppe nur mit starker Skepsis entgegengesehen werden konnte“, da sie an „Unklarheiten prinzipieller Art litt. Es war nicht eindeutig festzustellen, wer als Jude angesehen wurde“, denn wenn man „in dem Juden nicht mehr den Bekenner des jüdischen Glaubens sehe, sondern den Angehörigen einer fremden, mit der germanischen unvereinbaren Rasse, so war die Durchführung der Forderung von Maßnahmen gegen das Vordringen des Semitentums in Justiz und Verwaltung, Beschränkung der jüdischen Freizügigkeit usw. einfach unmöglich“. „Wenn auch die Nachkommen des getauften Juden Juden blieben, — welches eindeutige Kriterium bietet sich, Juden und Deutsche zu scheiden? Es ist das eine Schicksalsfrage der Antisemitenpartei. Sie führte zu ihren Spaltungen, sie mußte schließlich zu ihrer Unfruchtbarkeit führen“ (Seite 32). „Nachdem die Taufe als statistisches Merkmal gefallen war, schwankte der Begriff des Gegners völlig“ (Seite 83). Diese Unfruchtbarkeit und Unklarheit kennzeichnen die antisemitische Bewegung auch jetzt, trotzdem ihre parlamentarische Stärke gegenwärtig beträchtlich größer ist als im Jahre, mit welchem der Verf. seine Studie abschließt. Und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß trotz des momentanen Erfolges des Antisemitismus, namentlich des Rassenantisemitismus, die Bewegung, ganz abgesehen von ihrer ethischen und rechtlichen Unzulässigkeit, aber infolge dieser Unklarheit und Unfruchtbarkeit abflauen wird, sobald die vorübergehenden Gründe zu existieren auf hören, welche ihre Ueberhandnahme in den Nachkriegsjahren hervorgerufen haben. J. L e w i n. Luach, jüdischer Kalender für das Jahr 5688 (27. September 1927—14. September 1928). Herausgegeben von der „Gesellschaft für jüdische Volksbildung e. V.“, Frankfurt a. M. Bearbeitet von Rabbiner Dr. G. Salzberger, Frankfurt a. M. Die „Gesellschaft für jüdische Volksbildung e. V.“ in Frankfurt a. M. hat sich zur Aufgabe gemacht, jüdisches Wissen verbreiten und jüdisches Leben wecken und fördern zu helfen. In diesem Sinne veröffentlicht die Gesellschaft den vorliegenden jüdischen Kalender, dessen hebräischer Text dem bekannten Hermon-Luach entnommen ist, und dessen Verdeutschung und Erläuterung dem Wunsche zahlreicher Juden entsprechen will, die des Hebräischen unkundig sind. Man muß sagen, daß der von der Gesellschaft herausgegebene Kalender ihren Tendenzen in bester Weise entspricht. Es ist dafür Sorge getragen, daß derjenige, der an Hand des Kalenders das religiöse jüdische Jahr verfolgt, auf jedes Fest, auch auf die unbekannten kleinen Halbfeste und auf manchen sinnreichen Brauch aufmerksam gemacht wird. Eine recht instruktive Vorbesprechung gibt außerdem über die jüdischen Feste, ihre historische und ihre religiöse Bedeutung Aufschluß. Daß der Kalender in diesem kleinen und billigen Format (er kostet nur 40 Pfennig und ist also erfreulicher Weise für jedermann erschwingbar) in seinem erläuternden Teil nicht vollständig sein kann, wird in einem Vorwort von Professor Dr. M. Werner bereits ausdrücklich gesagt. Nichtsdestoweniger wären kleine Mängel, die sich bei flüchtiger Lektüre zeigen, ohne weiteres zu beseitigen. Der Thora- Abschnitt am ersten Neujahrstag behandelt nicht so sehr Isaaks Geburt, als vielmehr Ismaels Errettung; ebenso ist das Kernstück des Propheten-Abschnitts nicht Samuels Geburt, sondern vielmehr Hannas Gebet. Ueberhaupt ist die Inhaltsbezeichnung der zur Verlesung gelangenden Abschnitte oft nicht glücklich. Das Kol Nidre wird merkwürdiger Weise als ein altes berühmtes Lied bezeichnet. Während wir gewohnt sind, das Fest Schmini Azeretfr Schlußfest (was auch die, allerdings umstrittene, Uebersetzung ist), und den daraut folgenden Tag (hebräisch Simchath-Thora) das Thora- Freudenfest oder auch, unrichtig, Gesetzes-Freude zu nennen, wird in diesem Kalender merkwürdiger Weise Schmini Azereth nur bei seinem hebräischen Namen und Simchath-Thora fälschlich als Schlußfest bezeichnet. Diese und ähnliche Irrtümer bezw. Ungenauigkeiten sollten in zukünftigen Ausgaben richtiggestellt werden. Kleine Ergänzungen und Erweiterungen würden zweifellos auch ohne Vergrößerung des Formats und damit verbundene Verteuerung möglich sein. Im ganzen muß man die Herausgabe des Kalenders dankend und erfreut anerkennen. Er dient, wie die Gesellschaft, die ihn herausgibt, der Volksbildung, und wer nur ernstlich will, kann durch aufmerksamen und regelmäßigen Vergleich des religiösen Jahres mit diesem Kalender den Grundstock zu jüdischem Wissen legen. Mit Recht ist daher im Vorwort gesagt, er gehöre in das Pult des Synagogen-Platzes und daheim zum jederzeit gegenwärtigen Hausinventar. Hoffen wir, daß sich nun auch innerhalb der jüdischen Volkskreise Menschen finden, die sich bilden wollen und mit dem Unterricht anfangen, den sie durch diesen Kalender, man möchte fast sagen, in spielender, amüsierender und doch ernster Weise empfangen können. George Goetz. Werbt neue Mitglieder!

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