Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(^MchllberaleZeidma Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich Al. 2.50 Einzelnummer v.2l> Bei freier Zu»endrmg i. Inland 0,25 fftr die Mitglieder c er Sereimgung ist der Bezugsp.cis m Mitgliedsbeitrage enthalten.. :: :: :: Verantworte Redakieur Brunc, Wop^a vie „Jüdifch-Udsralv Zeitung" erscheint Zeven Srettag. Redaktion u. SsschüttsslsUs: verlin S>V, XVUHslmftr. 147. §srnrul: lZafonftelds 3358» 3359! kiachvrurtt sämtNttier Original-Veitrüge oostschsckkonto: vsriin!1W7 Ilr.157069 I nur mit vorheriger Genehmigung der (Bereinigung filrC-ce liberale Ju&entum I_ReDafctlon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparettle-eUe 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, -ei :: r a Wiederholungen Rabatt. :: » :: Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin SD 48. Dilhelmstratze 147 (Hasenheide: 3358—59). sowie samtl. Annoncen-Exped. Rr. 36 Verlin, 9. September 1927 7. Jahrgang Wische Siedlungen in SeuWland Tie vorliegende Nummer unseres Blattes ist dem in erster Linie vom Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten propagierten Gedanken einer jüdischen Siedlungsbewegung in Deutschland gewidmet. Auch wir nehmen seit langem tätigen Anteil an dieser Bewegung, die dararrs hinzielt, uns deutsche Juden noch fester mit unsrem Heimatboden zu verbinden und den ungewollt Untätigen eine produktive .Existenz innerhalb unseres Volkes zu schaffen. Die Emanzipation der Juden in ihren Heimatländern — das scheint uns der Weg zu sein, der allein auch zur endgültigen Emanzipationdcs Judentums, zur Fruchtbarmachung jüdischer Arbeit und jüdischen Geistes „für alle Völker der Erde" im Sinne der prophetischen Verheißungen führt. — Die hier veröffentlichten Aussätze werden hoffentlich dazu beitragen, diese Bewegung zu fördern und eine gemeinsame Arbeit aller jüdischen Organisationen in die Wege zu teilen. Wir würden begrüßen, wenn 'unsere Leser, jeder nach Maßgabe seiner Kraft, sich in den Dienst dieser großen Aufgabe stellen wollten; auch bitten wir die Leser, diese Ausgabe unserer Zeitung und das ihr beigegebene Flugblatt in weitesten Kreisen zu verbreiten. Zugleich sagen wir dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten für die fteundliche Unterstützung bei der Herausgabe dieser Zeitung unfern besonderen Dank. Die Schristleitung der Jüdisch-liberalen Zeiinng Wische SauemfiedluW im deutschen Vaterland Wir deutsche Juden hatten Jahrhunderte hindurch am Rhein, Main und an der Donau von Landeshienen. Bi- Mfen und Bott hochgeachtet, auf eigenem Boden gesessen, bis uns der Fanatismus der Kreuzzüge und der darauf folgenden Jahrhunderte von der eigenen Scholle vertrieb und in das stickige städtische Ghetto sperrte. Eine Türe aus diesem heraus zum Körper und Seele erstarkende» steien weiten Lande ist die Mion, zu der der Reichs-und jüdischer Frontsoldaten heute die deutschen Jude» aufruft. Wir molken am deutschen Boden, für den die deutschen Juden ihren Mann gestanden haben mir jeder audere deutsche Volksgenosse, auch den uns Mstehenben Anteil haben. Es ist eine schmierig.' und nicht schnell lösbare Aufgabe, an die mir Herangehen. Aber es ist die wichtigste Aufgabe, die heute dem deutschen Judentum gestellt ist, und darum werden wir sie lösen, wir deutsche Juden, zum Wöhle unserer kommende» Generationen, ans datz sie immer tiefer wurzeln im deutschen Vaterland und immer fester ihm verknüpft sind auf Leben und Tod. Dr. Leo Löwen stein, Vorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und der Siedlungsgedanke Bon Professor Dr. Franz Oppenheimer. Der Reichsbund jüdischer Fronssoldaten hat sich bekanntlich entschlossen, seine bisherige Tätigkeit nach einer bedeutsamen Richtung hin zu erweitern: er will nicht nur die Erinnerung an die schwere opferreiche Zeit des Weltkrieges und die Kameradschaft seiner Kämpfer pflegen, will nicht nur mehr die niederträchtigen Angriffe abwehren, die der Judenhaß trotz unserer zwölftausend Toten auf uns zu schleudern nicht müde wird, sondern er will siedeln. Die Gründe sind zunächst allgemein deutscher, vaterländischer Natur. Deutschlands ganzes Schicksal beruht darauf, daß es aus zwei Gebieten zusammengeschweißt ist, die nach ihrer kulturlichen Entwicklung, ihrer wirtschaftlichen Gestaltung und schließlich auch nach der Rasse ihrer Bevölkerung vollkommen verschieden sind: dem sogenannten „Stammlande" westlich, und dem „Kolonisationsgebiet" östlich von Elbe und Saale. Die Kultur des Stammlandes beginnt mit den Römerzeiten; viele Städte im Gebiet von Rhein und Donau sind römischen Ursprungs und sind, wie Dopsch neuerdings nachgewiesen bat, von der Zeit der römischen Kaiser an bis auf den heutigen Tag ununterbrochen bewohnt gewesen. Hier haben sich römische Volksteile, denen sich die in den Militärlagern überall zahlreich vorhandenen Juden assimiliert hatten (in dieser ganzen Gegend waren also die Juden eher da als die Germanen), gemischt mit Abkömmlingen der dinarischen Rasse und namentlich mit Kelten, die in vorgermanischer Zeit die dort herrschende Bevölkerungsschicht gebildet hatten: und in diese schon verhältnismäßig hoch kultivierte Masse sind dann die Germanen eingeflossen und sind mit ihr zu einem Volkstum zusammengeschmolzen, dessen Antlitz sozusagen nach Westen schaut. Im Stammlande hat sich ferner die alte feudale Großgrundherrschaft fast überall in bäuerliche Betriebe aufgelöst, und die Kaufkraft dieser stolzen, freien und wohlhabenden Bauern hat überall ein reiches Wesen blühender Mittel- und Kleinstädte erwachsen lassen. Ganz anders im Kolonisationsgebiet. Hier war die Bevölkerung, auf die die erobernde Rückwanderung der Germanen vom 11. Jahrhundert an stieß, wesentlich slavischer Rasse. Die viel geringere germanisch-slavische Kultur, die hier enfftand, enthält infolgedessen kaum noch Züge klassischer Bildung und Verwaltungskunst, und, was vor allem entscheidet, hier hat die Auflösung der feudalen Groß g r u n d - Herrschaft nicht stattgesunden; sie hat sich im Gegenteil zur Groß g u t Herrschaft, „dem ersten kapitalistischen Betrieb der Neuzeit" (Knapp), ausgeweitet, indem sie allmählich die freien Bauern dieses Gebietes, auch die deutschen, verschlang und in hörige Erbuntertancn verwandelte. Hier herrscht infolgedessen eine ganz andere soziale Psychologie, die Mentalität von „Herren", die über Knechte herrschen, während im Westen aus der Grundlage eines freien, wirtschaftlich und politisch eng verbundenen Bauern- und Städtertums von jeher, trotz aller Ueberlagerung durch ein absolutes Fürstentum, die Gesinnung der Demokratie bestanden hat. Diese zwiespälttge Beschaffenheit des deutschen Reiches hat, wie wir schon sagten, von jeher sein politisches und wirtschaftliches Geschick bestimmt. Ihr ist es zuzuschreiben, daß Deutschland im Nordwesten das Mündungsgebiet von Rhein und Maas und im Südosten die starke Felsenburg des alten Bojerheims, Böhmen, einbüßte, und derart die unglückliche politische Gestalt erhielt, die es militärisch-strategisch schwächte: die ungeheure Ausdehnung seiner südwest-nordöstlichen Grenze bei unverhättnismäßiger Schmalheit, sozusagen der Wespentaille, von Bodenbach bis nach Essen. Ihr ist ferner zuzuschreiben die mangelnde Einheitlichkeit der Kultur und daber des nationalen Bewußtseins, die uns gegenüber den geschlossenen Nationalstaaten so schwer benachteiligt. Und ihr ist vor allem zuzuschreiben die verhängnisvolle Entwicklung des letzten Jahrhunderts zu einem extremen Kapitalismus, der uns zu allen anderen Spaltungen auch noch die klaffende Klassenspaltung bescherte, an der wir heute so furchtbar leiden, die Spaltung zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft; des Kapitalismus, der uns außerdem in den Kamps um die Weltmärkte und zuletzt in den verheerenden Weltkrieg verstrickte. Es besteht nämlich, wie Professor Freiherr von der Goltz! 1893 entdeckte, ein gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen der i Bodenverteilung und der Wanderbewegung: vom Großgrundeigentum fließt die Bevölkerung in Strömen ab, während sie vom Bauernbezirk aus nur in schwachen Rinnsalen sickert. (Marx starb 1883. Er konnte das Gesetz also nicht kennen, Aber seine Erkenntnis wälzt die gesamte Theorie der Volkswirtschaft um.) Mit der Aushebung der Leibeigenschaft durch Stein und Hardenberg begann die Wanderung vom ostelbischen Lande, die aber erst seit etwa 1850 ihre volle Höhe erreichte. Die Folge war, daß das platte Land im Osten sozusagen verblutete, während die deusschen Jndustriebezirke durch die Zuwanderung ungeheuerlich anschwollen. Schon damit war ein verhängnisvolles Mißverhältnis gegeben zwischen der Kaufkraft des deutschen Binnenmarktes und der Erzeugungsi kraft der deutschen Gewerbe, deren Hauptmarkt, die Landwirsschast, im ganzen Osten nicht nur nicht proportional anwuchs, sondern sich sogar absolut verminderte. Dieses Mißverhältnis aber wurde noch ins Kolossale gesteigert dadurch, daß die Kaufkraft auch der Hauptmasse der städtischen Bevölkerung, der Arbeiterschaft, allzu tief stand: denn es ist klar, daß unter diesem gewaltigen Zustrom auf die Arbeitsmärkte die Löhne nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage tiefftehen mußten. Mit anderen Worten: der ganze Komplex des extremen Kapitalismus mußte sich yerausbilden:! Not der Arbeiterschaft, Klassenkarnpf, Wirtschaftskrisen und! jener Exportindustrialismus, der gezwungen ist, die im Jn-; lande nicht absetzbare Warenmasse, koste es was es koste, ins . Ausland abzuschieben und derart im Kampfe um die Welt- I markte in unheilbare Konflikte mit den anderen kapitalistischen j Mächten hineinzutreiben. | So stammen alle unsere Uebel aus einer einzigen Wurzel.! und alle staatsmännische Kunst kann nur darauf gerichtet . sein, diese Wurzel auszuroden, d. h. durch innere Kolonisation,! durch Siedlung, jene verhängnisvolle Erbschaft aus kriegv-! rischer Vorzeit zu liquidieren, das Kolonisationsgebiet in! seinem wirtschaftlichen Ausbau dem Stammlande anzugleichen,! in ihm freie Bauern und als deren Märkte wohlhabende Städte zu entwickeln, als einen Unterbau, auf dem allein der Oberbau demokrattscher Gesinnung dauernd stehen kann. Wie einer unserer führenden Politiker kürzlich sagte: „Die Siedlung ist nicht eine, sondern die Ausgabe der Gegenwart." An dieser Aufgabe praktisch mitzuwirken, haben die deutschen Juden nicht nur als Deussche, sondern auch als Juden die wichtigsten Gründe. Sie dienen dem Vaterlande, wenn sie sich selbst dienen. Es braucht kaum angedeutet zu werden, daß der Antisemitismus, der uns als Bürger beleidigt und als Wirtschafter schädigt, aus derselben bösen Wurzel wächst: er ist spezifisches Produkt ostelbischer Mentalität, und findet denn ja auch in dem führenden Stande des Kolonisationsgebietes seine Führer und Förderer, geradeso, wie auch alle Kriegsbegeisterung und aller Antt-Europäismus in diesen Kreisen seine Hauptvertreter hat: jene verhängnisvolle Verblendung, an der Europa zugrunde gehen wird, wenn es sich nicht rechtzeitig zu einer Einheit zusammenfaßt, die den großen Imperien der Welt militärisch und vor allem wirtschaftlich die Wage zu halten vermag. Wenn es uns nicht gelingt, diesen feudalen Fremdkörper des Großgrundeigentums aus unserem Wirtschastsorganismus auszurotten, so wird, wie ich schon im November 1914 gedruckt habe, „Europa ein vergrößerter Balkan werden, ans dem vor den erstaunten Augen Ameriürs eine Anzahl interessanter Völkerschaften sich um verblaßter Ideen willen chronisch die Gurgel , abschneiden." i Aber es gibt noch andere Gründe deutsch-jüdischer Politik, j die den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten veranlassen, sich ' praktisch an dieser höchsten Ausgabe der Gegenwart zu be-! tciligen. Zunächst gilt es, dem Judenhaß eines seiner stärksten; Argumente zu nehmen: die Behauptung, daß der Jude nur i imstande ist, parasitär Menschen, aber nicht die Natur selbst j zu bewirtschaften; daß er körperlich zu schwach und seelisch , zu träge ist, um das Leben des Landmanns zu führen, i Ein paar Tausend gedeihender jüdischer Bauern in Deuffchj land bedeuten mehr für die Abwehr des Antisemitismus als i alle Arbeit des Centralvereins und des „Bundes". Dazu kommt ein anderes und nicht minder Wichtiges. Unsere Gemeinschaft schmilzt reißend zusammen. Das nervenzerrüttende Leben des Städters, namentlich des Großstädters, und vor allem des großstädtischen Geschäftmannes, vernichtet allmählich die zähe Rassenkraft, die uns zwei Jahrtausende hindurch treu geblieben war. In diesem Leben ist auch der Wille zum Volkstum mehr und mehr zum Erlöschen gekommen: die Juden marschieren leider heute an der Spitze derjenigen Gruppen, die es gelernt haben, ihre Geburtenziffer bis unter das Minimum zu drücken, bei dem auch nur der Fortbestand der Zahl möglich ist; beim Zweikindersystem muß jÄe Gruppe in kurzer Zeit aussterben; sie kann sich nur in ihrem Bestände erhalten, wenn aus die stehende Ehe zwischen drei und vier Kindern aufgezogen werden. Und schließlich ist es das gleiche städtisch-kapüalistische Leben, das gerade die gehobensten und wohlhabendsten Elemente durch die Taufe der Gemeinschaft