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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-26 · 34 (26.8.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
34 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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noch unbekannt. Erblicket also auch die Zukunft, bis in die fernsten Zeiten, und nun überleget und antwortet mir auf die Frage: mit welchem von euch soll ich die Thora beginnen?“ „Beginne sie mir mir!“ sagte das Aleph. „Adonaj, auch dein Name beginnt mit einem Aleph, und auch dein zweiter Name: El, aber auch echod, daß du der Einzige bist, beginnt mit einem Aleph. Und auch das Wort Emes, dein erhabenes Attribut, daß du wahrhaftig bist. Aber auch der Name Adams beginnt damit, den du nach deinem Ebenbilde erschaffen hast, und der Name Abrahams, der als erster deinen Namen verkündet hat, der Name Ahrons, der der erste Priester deines Priestervolkes sein wird. Und, o Herr und Schöpfer, die Liebe, welche der Grundpfeiler der Welt ist, das Wort Aha wo beginnt ebenfalls mit einem Aleph. So möge denn auch die Thora mit einem Aleph beginnen.“ „Ahawo!“ murmelte Gott und drückte die Welt an sich. Dann sprach er zum Aleph: „Ich werde schon sehen.“ „Nein, mit mir beginne sie“, flehte der Buchstabe Jod. „Ich habe triftigere und stärkere Argumente als das Aleph. Dein furchtbarer heiliger Name, den auch der jeweilige Oberpriester nur unter Todesbeben aussprechen wird, dein wahrer Name beginnt gleichfalls mit einem Jod: Jehowah! Ich bin der kleinste Buchstabe und du bist der größte Name, erhebe mich denn zu dir empor und beginne mit mir die Thora, mit mir. Der Name deines Volkes Israel, welchem du deine ewig heilige Lehre zugedacht hast, beginnt ebenfalls mit mir, und die Namen der Großen Israels beginnen auch mit mir, mit dem kleinsten der Buchstaben: Jizchak und Jakob, die Urväter, Josef, der Jugendhafte und Reine, Josua, der Führer deines Volkes, Jiftach, der charakterstarke Richter, Jesajas und Jeremias, die Namen der großen Propheten deines Volkes. Und auch der Name deiner zukünftigen heiligen Stadt, der Name deines irdischen Wohnortes, der Name Jeruscholajim. Alldies sind Argumente, um die Thora mit mir zu beginnen.“ „Jeruscholajim!“ murmelte der Herr und seinen Lippen entschwebte ein schmerzlicher Seufzer. „Mit mir beginne die Thora“', sprach selbstbewußt der Buchstabe Mem. „Denn der Name Moschc’s, in dessen Hände du die Thora geben wirst, um sie als unschätzbares Kleinod dem Volke Israel zu überreichen: auch Mosche’s Name beginnt mit einem Mem, o Herr. Und auch das Wort Mizwah beginnt mit diesem Buchstaben, so sei er denn auch der Beginn der Thora. I Die Beschäftigung mit der Thora ist doch die bedeuj tungsvollste Mizwah unter allen. Misrach und Maarivv, Ost und West, beginnen mit einem Mem. Ich habe aber noch ein Argument, triftiger als anderen, o Herr! ■Jenes Wort, welches deinem Versprechen einen Namen gibt, jenem Versprechen, das Israels Seele und Hoffnung sein wird inmitten aller Höllen: der Name deines Versprechens, das Wort Moschiach, beginnt mit dem Buchstaben meines Harnisches. So möge denn auch die Thora mit einem Mem beginnen; es möge auch schon der erste Buchstabe der Thora dein Volk Israel an dein beseeligendes Versprechen, an Moschiach erinnern." „Allmächtiger“, bat das Taph, „wenn schon das Wort Thora mit einem Taph beginnt, dann möge es doch auch sie selbst. Der Inbegriff der Thora, der Tarjag, beginnt ebenfalls mit diesem Buchstaben.“ „Nein, mit mir beginne sie“, ließ sich mit Tränen in den Augen der Buchstabe Resch vernehmen. „Nicht wegen der Verdienste der Urmutter Rifka und Rahel, sondern wegen etwas anderem. Dein dankbares Volk wird dich, seinen Gott, mit dreizehn Attributen bekleiden und das erste dieser Attribute wird das Rachum sein, daß du ein barmherziger, Mitleid empfindender Gott bist. Adonaj, Adonaj, el rachum: so wird es von den Lippen der Söhne Israels erklingen... möge denn auch die Thora mit dem Buchstaben dieses deines erhabensten Attributes beginnen.“ „Erhabener Gott“, war jetzt die Stimme des Gimmel zu hören, „mit mir beginne die Thora. Dein Attribut, daß du groß bist, daß: godaul ato, beginnt mit einem Gimmel. Mit demselben Buchstaben auch deine Zusicherung, zu was du Israel machen wirst. Zu einem Gaj godaul, zu einem großen Volk wirst du es machen. Es ist wohl wahr, daß ein unendlich trauriges Wort: Golus auch mit einem Gimmel beginnt, damit beginnt aber auch das göulo, dein Versprechen der Erlösung aus dem Golus. Israels Los, seine schlechte und gute Zukunft, ist im Gimmel enthalten, o Gott, möge denn auch die Thora mit einem Gimmel beginnen. Möge Israel schon aus dem ersten Buchstaben der Thora ersehen, daß es — und möge ihm auch noch soviel Schlechtes zustoßen — der Thora nie untreu werden darf. Denn nach dem Golus kommt ganz bestimmt das Göulo, nach dem Gehinom sicher das Gan — Eden..." Das waren bisher sechs Buchstaben und es sprachen der Reihe nach auch alle anderen. Nach diesen sechs Buchstaben noch fünfzehn andere. Bloß ein einziger Buchstabe stand bescheiden und wagte nicht den Mund zu öffnen. Jeder von ihnen kämpfte um sein eigenes Recht; der Buchstabe Dalied führte zum Beweis David an, den Psalmen dichtenden König, und Daniel und Deborah; der Buchstabe Schijen aber Schabas und Samuel, Schilo und den Tempel bauenden Salomon, Gottes Liebling; der Buchstabe Zadi betonte den Kern der jüdischen Seele, die Zedoko, das Wohltun. Ohne Zedoko ist der Jude gar kein Jude; er kann sich mit der Thora sein ganzes Leben hindurch beschäftigen: wenn er keine Wohltaten ausübt, hat er nur ein halbes Leben gelebt, oder vielleicht überhaupt keines. Nicht die Thora, sondern die Wohltätigkeiten erretten einen vor dem Tode. Einundzwanzig Engel erhoben so nacheinander ihre Stimmen; bloß ein einziger war noch übrig, dieser wollte aber nicht sprechen. Er stand nur bescheiden und es war ihm anzusehen, daß er sich fürchtet vor dem Herrn zu sprechen. Dieser zweiundzwanzigste Engel war der Buchstabe Beth. „Und du, warum schweigst du auch jetzt noch?“ fragte ihn freundlich der Herr. „Du hättest doch gleich nach dem Aleph sprechen sollen, und du schweigst auch noch jetzt... du hast keine Argumente?“ Der Buchstabe Beth warf sich vor Gott zu Boden. „Herr des Himmels, der Erde und des Weltalls“, begann er mit kaum hörbarer Stimme, „ich bin arm, was soll ich als Argument Vorbringen? Ich kenne nichts aus deinem erhabenen Wesen, das ich mit meinem Buchstaben in Verbindung bringen könnte, auch nichts aus Israels Vergangenheit und Zukunft, das ich neben mir auf die Wagschale legen könnte. Die Thora kann doch nicht wegen Bileam oder Balak mit mir beginnen! Ich bin arm, mein Herr und Gott. Ich kenne nur ein einziges Wort, das mit mir beginnt, das Wort: Brocho. Der Segen, der göttliche Segen. Meine einundzwanzig Geschwister haben jetzt vor dir viel gewichtigere Argumente aufmarschieren lassen und so will ich es denn gar nicht versuchen, o Herr, auch meine Stimme vernehmen zu lassen. Beginne mit welchem immer von ihnen, du beginnst die Thora mit einem Würdigeren als mit mir.“ Da umarmte Gott den Engel Beth und sprach zu ihm mit großer Liebe und Freude: „Mit dir werde ich die Thora beginnen, sogar zweimal mit dir, du Buchstabe Beth. Bereschis boro... so werde ich die Thora beginnen. Damit beim Anblick des Buchstaben Beth vor allem die Zuversicht der Brocho, meines Segens, die Welt vom Erdboden erhebe. Denn nur die Brocho, mein väterlicher, göttlicher Segen erhält die Welt. Sie würde ohne diesen Zusammenstürzen, wie eine aus dem Sande der Wüste errichtete Säule. Und wem unter den Menschen wird mein Segen, mein Brocho, zuteil werden? Nur jenem, dessen Tugend die durch meine Thora ziehende Moral sein wird. Der den Nächsten liebt, wie sich selbst, der den Witwen und Waisen hilft, der dem Hungernden gerne von seinem Brote gibt und den Nackten liebevoll bekleidet. Der Trost spendet den nach Trost Dürstenden, den Kranken und Trauernden besucht, und den Armen in seinem Hause aufsucht, um ihm die Qual des Bittens zu ersparen. Der mit gerechter Wage wägt, von seinen Gefährten keine Zinsen nimmt, aber dem Schuldner das Pfand zurückgibt, bevor sich noch der Tag zu Ende neigt. Der niemanden beschämt, der die ihm zugefügte Beleidigung verzeiht und um Verzeihung bittet jenen, den er beleidigt hat. Und der keine Feindschaft säet, sondern unter Feinden Frieden stiftet. Diesen soll mein Segen zukommen, mein verzweifachter göttlicher Segen. Bereschis.. boro: diese zwei Beth nacheinander sollen eben nur auf dieses hindeuten, nur auf dieses: Brocho, brocho ...“ Die Engel lauschten, lauschten bezaubert dem Schöpfer, dann aber brach aus ihnen die Begeisterung hervor: „So sei es, wie du sagst, einziger Gott. Wir treten beiseite und auch wir selbst bitten dich: mit dem Buchstaben Beth beginne die Thora. Denn ohne deine Brocho wäre ja auch die Thora selbst nur ein vergängliches Ding. Und bis dorthin, bis du sie dem Mosche gibst, wollen wir dich lobpreisen, du unser Gott, und auch diese unsere Lobpreisung möge mit dem Buchstaben Beth beginnen: Boruch.... boruch ato adonaj!“ Heinrich Kurtzig: Ostdeutsches Judentum. Tradition einer Familie. Mit einem Vorwort von Erdmann Graeser. Eulitz Verlag, Stolp. 1927. Heinrich Kurtzig, den Lesern dieser Zeitung nicht unbekannt, gibt in diesem Buch eine Geschichte seiner Familie, bereichert durch Anekdoten aus dem elterlichen Haus und Erinnerungen aus der eigenen Jugend. Von dem in mystischen Nebel gehüllten Urahn vernehmen wir, dem jüdischen Eintagskönig von Polen, Saul Wahl, von Salomon Alexander, der einst in Schönlanke als jüdischer Lehrer und später, nach dre Errichtung des Jerusalemer Bistums, dort als Bischof wirkte, von dem Onkel des Verfassers, der Finanzminister des Königs Kala-Kana von Hawaii auf den Sandwich- Inseln wurde, und von vielem, vielem Anderen mehr. Den Kern des Buches aber bildet die Lebensgeschichte des Vaters, der die Oel-, Zucker- und Cichorien-Industrie in der Ostmark heimisch machte. Und wir bewundern mit dem von Stolz erfüllten Sohn die Energie und Zähigkeit dieses Mannes, den Naturgewalten nicht zum Verzweifeln bringen konnten und der rechtzeitig technische Neuerungen für sich zu nutzen verstand, der deshalb mit Recht als Industriepionier bezeichnet wird. Doch nicht nur von seinem Werk, auch von dem Manne hören wir, der sich jüdischen Geist in der modernen Zeit bewahrte, in dem sich Ernst und Humor paarten und der die Erkenntnis vom technischen Fortschritt mit der Beschaulichkeit des vorigen Jahrhunderts verband. In dem Vorwort sagt Erdmann Graeser: „Jede Familie sollte ihren Chronisten haben, der Persönlichkeit und Schicksal der Vorfahren schildert, Abstammung und Verzweigung festlegt.“ Sollte...! Diese Familie aber hat ihren Chronisten; und seine Chronik sollte in weitesten Kreisen gelesen werden. Bruno Woyda. Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster. Roman, Ganzl. 8,50 M. Verlag Grethlein & Co., Leipzig. „Es war mir, als verlängerte sich jeder meiner Nerven zu einem ungeheuren, Millionen von Jahren zurückreichenden Gespinst von Empfindungen, und als dränge dieses unermeßliche Gewebe mit allen seinen zitternden Fäden aus den Abgründen der Vergangenheit in mein Bewußtsein, ein namenloses Grauen, zu entsetzlich, um von einem Menschenhirn erfaßt zu werden. Denn wie ich so zurückblickte, sah ich, wie ich mich verdoppelte, vervierfachte, vervielfältigte in arithmetischer Progression — ich wurde zu Hunderten und Tausenden und fürchtete mit dem Entsetzen von Tausenden!“ — So Lafcadio Hearn in seinem „Buddha“. Aehnlicher Art mögen die Empfihdungen gewesen sein, die Meyrink in seinem neuen Roman, der an Okkultem, Mystischem, Phantastischem, zugleich aber auch an visionärer Kraft den „Golem“ und das „Grüne Gesicht“ übertrifft, seine Hauptfigur empfinden läßt. Dem, der sich mit dem Studium des Uebersinniichen beschäftigt hat, dem alles mit Magie Zusammenhängende nicht gänzlich fremd ist, der den buddhistischen Wiedergeburts- und Inkarnationsgedanken in seinen Grundsteinen erfaßt hat, wird dieses Buch viel geben, dem Laien bleibt es der überaus spannende, phantastische, in der Durchführung der Motive fast verwirrende Roman. — Der letzte, im Zeitalter des Flugzeugs lebende Nachfahr eines schottischen Geschlechts, erlebt beim Lesen des Nachlasses eines seiner im Zeitalter der Königin Elisabeth lebenden und mit ihr durch Liebesbande verknüpften Vorfahren, der sich vielfach mit Geheimwissenschaften beschäftigt hat, dessen wechselvolles, an grausigen Ereignissen reiches Leben nach. Mehr als das, er erlebt nicht nur nach, er erlebt selbst ein fast gleiches Schicksal, der Nachkomme wird zum Vorfahr, er ist „Ich“ und zugleich ein anderer. — Das ist das Problem des Romans mit dem eigenartigen Titel; es ganz herauszuschälen, hieße zu weitläufig werden und dem Leser vorgreifen. C i 11 i Marx. Eduard König, Der doppelte Wellhausianismus im Lichte meiner Quellenforschungen. Ein Rückblick auf meine Mitarbeit im Gebiete der Sprach- und Religionswissenschaft. (Verlag von C. Bertelsmann in Gütersloh, 1927, 52 Seiten. Broschiert, Preis 2 M.) Eine Rückschau auf das Leben eines Gelehrten offenbart sich uns. Eduard König, der bereits das achte Jahrzehnt überschritten, erzählt von seinem eigenen Leben, von seinem Wachsen und Werden. Einem Testament möchte man die Schrift gleichwertig halten, das die Jetzigen und Späteren übernehmen sollen, um neue Bausteine dem Lebenswerk des Altmeisters einzufügen. Aus Königs Untersuchungen erweist sich ein doppelter Wellhausianismus: 1. der literarische, der sich nur auf verschiedene Schichten der israelitischen Ueberliefen ir.gen beziehend, hauptsächlich sprachliche und inhaltliche Differenzen' der Berichterstattung betont; 2. der religionsgeschichtliche, zu dem Wellhausen durch die Anschauungen des Hegelianers Wilhelm - Vatke kam. Das Selbständige in Königs Forschung liegt darin, daß er wohl der erste war, der die Doppelstellung des Weilhausianismus erkannt hat. Interessant ist cer Abschnitt über den organischen Zusammenhang seiner literarischen Tätigkeit. Rabbiner Dr. Arthur R o s e n t h a 1 , Berlin-Lichtenberg. Chanocii Albeek, Untersuchungen über die haüokischen Midraschim (Akademie-Verlag, Berlin 1927). Die rührige Akademie für die Wissenschaft des Judentums legt hier ein drittes Bändchen ihrer Talmud-Sektion vor. Eine wissenschaftliche Besprechung, wie sie das Buch verdient, liegt außerhalb des Rahmens dieser Wochenschrift. Ueber den Inhalt sei folgendes skizziert: Die Thora enthält wie alle Gesetzbücher nur einen kleinen Teil der Vorschriften, die das tausendgestahige Leben erfordert. Diese setzten in frühtalmudischcr Zeit die Schriftgelehrten in loser Anlehnung an die Thoravorschriften fest. Allmählich wurde die Anlehnung inniger, prinzipieller, wissenschaftlicher. Man suchte und fand in scheinbar unbedeutenden Feinheiten ejer Thora-Ausdrücke die neuen sogenannten mündlichen Lehren angedeutet. Solche Schriftdeutung heißt Midrasch; wenn sie sich auf den zu gehenden Weg, d. h. die religiöse Praxis bezieht, Halacha. Hillel, kurz vor unserer Zeitrechnung, und später R. Ismaei und andere, stellten Regeln für das Deuumgsverfahren auf. Die Deutungen selbst wurden in verschiedenen Werken zusnmmengestcilt, und zwar zuerst wie es scheint in der Ordnung der gedeuteten Thoraverse, in den sogenannten halachischen Midraschim, die den ältesten Kommentar zur Thora bilden, wenn man von den Taegum-Uebersetzungen absieht, die freilich oft gleichfalls in Kommentar ausarteten. Die bekanntesten der halachischen Midrasche sind: Meehiita (zu il. B. M. 12 ff.), Sifra (zum 3. B. M.) und Sifre (zum 4. und 5. B. M.). Der Inhalt dieser Werke ist großenteils sehr alt; manches mag aus dem 2. Jahrh. v. stammen. Redigiert aber sind sie erst später. Wann und von wem, ist unbekannt. Einen Beitrag zur Lösung dieses Problems will Albeck geben. Er vergleicht zu diesem Zweck die Einleitungsformeln der Deutungen in den Midraschim untereinander, ihre Vorschriften mit denen dir Gesetzeslehrer usw. und kommt zu dem Resultat: Der Taimud hat die halachischen Midraschim nicht gekannt; ihre Reduktion ist also wahrscheinlich nachtahnudisch, mindestens spättalmudifcn. Ihr Lehrgut ist allerdings oft frühtalmudisch; die einzelnen Midraschwerke aber bestimmten Schulen zugewiesen, etwa Meehiita der des Rabbi lsmael, Sifra der des R. Akiba, wie David Hoffmann u. a. tun, geht nicht an. Man kann geradezu in jedem Midraschwerk mehrere Quellen unterscheiden, von denen allerdings die eine in dem einen, die andere in dem andern stärker fließt. Dabei steht Meehiita und Sifre zu Numeri einander näher, Sifra aber dem Sifre zu Deuteronomium, wie schon Frankel z. T. erkannt hat. V*. bekämpft und vervollständigt die Ansichten seiner Vorgänger, David Hoffmann, J. H. Weiß, Theodor, Fried mann, und kommt zu einigen neuer. Resultaten. Besonders wohltuend berührt die Form der Darbietung: die systematische möglichst umfassende Untersuchung, der Aufbau des Ganzen und die tadellose deutsche Ausdrucksweise für die Talmudzitate und die schwierigen Deduktionen.!m Ganzen also: eine gute Studie, voll Scharfsinn, Wissen und Fleiß, die der Akademie Ehre macht. Wert hat sie allerdings nur als Vorarbeit für ein zusammenfassendes Werk über die Midraschim, das auf Grund der literargeschichtlichen Erkenntnisse die religionsgeschichtlichen Zusammenhänge, die persönlichen Anschauungen und den geistigen Charakter der zitierten Gelehrten und Redaktoren, die lebendige Religiosität in ihnen und die treibenden Kräfte des Judentums ihrer Zeit, ihre poetische Kraft und Art und ihre Moral Nachweisen und in ihrer Besonderheit darstellen müßte. So allein gewönne die Wissenschaft vom Midrasch Beziehung zu uns. Und nur, soweit sie Beziehung zur Gegenwart und zu unserm persönlichen Innenleben hat, können wir noch Historie vertragen! Zu einer Wissenschaft für die Wissenschaft, als Selbstzweck, hat unsre vorwärts drängende Zeit keine Einstellung inehr! Eine moderne Akademie darf nicht im Akademischen stecken bleiben. H. F. Prophetisches und rabbinisches Judentum (Ein Beitrag zur Einheit der jüdischen Lehre) von Dr. A. Posner, Rabbiner in Kiel; Schriften des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums. Der Verfasser kämpft einen Kampf gegen Windmühlen. Weil das liberale Judentum eine Erneuerung des prophetischen Judentums sein will und dem rabbinischen Judentum nur geringe Bedeutung beimißt, soll die Broschüre zeigen, daß Thora, Prophetie und Rabbinismus ein einheitliches Ganzes sind. Dabei geht der Verfasser von der unrichtigen Voraussetzung aus, -daß der Liberalismus die Thora geringer achte als die prophetischen Schriften, Thora und Talmud als Bücher des Gesetzes, vornehmlich des Zeremoniaigesetzes, sollen dem liberalen Juden geringer gelten als die Bücher der Propheten! Und nun wird uns des Langen und Breiten gezeigt: a) daß die Propheten oft an die Thora anknüpfen; b) daß sie keineswegs nur reine Ethik predigen, sondern recht oft auch den Wert der Zeremonie rühmen; c) daß die Rabbinen an die Thora und an die Propheten anknüpfen; d) daß sie keineswegs nur reines Zeremonialgesctz predigen, sondern recht oft auch den Wert der Ethik rühmen. Fürwahr: eine Sensation! — Es soll damit bewiesen werden, daß es im ganzen jüdischen Schrifttum nach Mose keinen einzigen neuen Gedanken gibt, da alles schon in der Thora angelegt ist. Schlußfolgerung: „Wie das prophetische Judentum kein neues gegenüber dem Thorajudentum sein kann, so wird auch das rabbinische Judentum nicht etwa eine dritte Phase der jüdisch-religiösen Entwicklung bedeuten, sondern sich seinen Vorgängern, der Thora und den Propheten anschließen (S. 49).“ Die religiösen Lehren und ethischen Gebote der Propheten seien für die nichtisraelitischen Völker, „aber es ist nicht die prophetische Religion, die zu Israel sprechen will (S. 48)“, für Israel kommt noch das Zeremonialgesetz dazu: „Gesetzesform und sittliches Denken, sie müssen sich die Hand reichen, sie müssen beide erfüllt sein (S. 48).“ — Es ist in der Tat nicht die prophetische Religion, die aus dieser Broschüre zu Israel spricht. Sie ist obendrein in einem niederträchtigen Deutsch abgefaßt und unordentlich gearbeitet. George Goetz.

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