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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-05 · 31 (5.8.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
31 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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« Entdeckung ab, dgß die Repräsentanten und Stellvertreter gesondert gewählt wurden« Brr behalten uns vor, auf die mehr als fadenscheinige Argumentation der Jüdischen Volkspartei noch näher einuj>&. ■&&&. m de» «ichtttde»»l«n..-jüdisch«« Presse ein großzügiger demagogischer Feldzug gegen die Liberalen geführt, weil sie wegen der offensichtlichen Verstöße, die sich bei den Berliner Gemeindewahlen der zionistische Wahlkommissar zu Schulden kommen ließ, Protest eingelegt haben. Darüber, daß das Vorliegen solcher Verstöße von amtlicher Stelle bestätigt und gerügt worden ist, haben die Zionisten schamhaft geschwiegen. Wir haben von Anfang an den Standpunkt vertreten, daß es das Recht und die Pflicht jeder Partei ist, gegen Wahlverstöße zu protestieren. Wir haben auch immer offen erklärt, daß es keinen Eindruck auf uns gemacht hat, wenn die Zionisten angesichts des Berliner Wahlprotestes die Moraltrompete geblasen und die Parole ausgegeben haben, es wäre doch „unjüdisch" von den Liberalen gehandelt, daß sic durch den Berliner Protest „nichtjüdische" Behörden veranlassen, sich in innerjüdische Angelegenheiten einzumischen usw. Tie Art und Weise, wie nunmehr in Gelsenkirchen die Zionistische Volkspartei vorgeht, zeigt uns, daß tvir die zionistische Mentalität richtig beurteilt haben. Aber freilich, wir sind es nachgerade gewohnt geworden: wenn zwei dasselbe tun... Die Red.) Hannover. (T e m p e l s ch ä » d e r an der Arbeit.) Zu dieser Notiz in der vorigen Nummer unserer Zeitung ist nachzulragen, daß inzwischen die Angelegenheit der Polizei übergeben wurde. Diese gibt in der Tagespresse bekannt, daß außer an der Synagoge in der letzten Zeit an verschiedenen Stellen der Innenstadt Bürgersteige, Hauswände und Planken, Schaufensterscheiben ustv. mit .Hakenkreuzen und Inschriften beschmiert worden sind. Für die Uebermittlung und Ueberführung der Kirchenschänder ist eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt. Karlsruhe. (Vom badischen Landesverband der jüdischen I u g e n d v e r e i n e.) Sonntag, den 24. Juli, trafen sich in Triberg fast sämtliche jüdische Jugendvereine Badens. Der dortige Bürgermeister, Herr Keil, trat es sich nicht nehmen lassen, die Vereine offiziell in dem kunstvoll holzgeschnitzten Rathaussaal zu begrüßen. Er führte unter anderem aus, daß er unsere Organisation als ein Glied desjenigen Bolksteiles ansähe, der durch körperliche und geistige Ertüchtigung a» dem Wiederaufbau Deutschlands mitarbeite. Ter Vorsitzende oes badischen Landesverbandes, Fritz Hagetberg-Konstanz, sprach in seiner Gegenrede, daß wir diese Mitarbeit innerhalb der Volksgemeinschaft - was ja zugleich eine Arbeit an der gesamten Menschheit bedeute - umso eher leisten können, je weniger mir gegen den Rassen- und Klassenhaß ankämpsen müssen, der uns noch von vielen Seiten entgegengesetzt wird. Nach dieser Begrüßung wandelten die 140 Jungens und Mädels die herrlichen Wasserfälle empor, >vo dann die sportlichen Veranstaltungen stattfanden. Bei dem 4x100 Meter Stassettenlaui errang Freiburg den Sieg (U’.tD Wanderpreis. Am Nachmittag sprach der Rcichsverbandsvorsitzeude, Rabbiner Tr. Klein-Düsseldorf, über „Sinn und Ziele des Verbandes". Anschließend daran fand eine Aussprache sämtlicher anwesenden Vorstandsmitglieder der verschiedenen Vereine statt, di? verschiedene neue Anregungen ergab. So hat dieser Tag gezeigt, daß auch in Baden der ernste Wille zur gemeinsamen Jugendarbeit vorhanden ist. Köln. (F r i e d h o f s s ch ä n d u n g.) W.T.B. teilt mit: In der Nacku vom Donnerstag zu Freitag sind aus dem jüdischen Friedhof in Köln-Liudeuthal 71 Grabdenkmäler beschädigt und uingeworfen worden. Die Polizei hat die Ermittlungen nach den Tätern ausgenommen. Königsberg. (Der U e b e r f a l l aus den russischen Konsul in der Berufungs-Verhandlung.) Vor der L» ruiungsstraskammer wurde der Fall des national-sozialistischen Hauslehrers Lechcl verhandelt, der aus antisemitischen Motiven den Konsul der Sotvjet-Republiken Ezechiel Kantor, jetzt Generalkonsul in Hamburg, zu nächtlicher Stunde auf der Straße überfallen hatte. Das Köuizsberger Schöffengericht hatte Lochet zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten und einer Woche verurteilt, dabei aber noch zum Ausdruck gebracht, daß der Angeklagte bedingte Begnadigung zu gewärtigen habe. Gegen dieses lächerlich milde Urteil hatte der Oberstaatsanwalt Berufung eingelegt. Diese wurde jedoch vertvorfen mit der Begründung, daß der Angeklagte nicht gewußt habe, daß er den russischen Konsul vor sich habe. Der Angeklagte hatte sich damit verteidigt, daß er in Kantor den Juden habe treffen wollen.^ Hierbei darf wohl einmal die Frage aufgeworfen werden, ob die Sicherheit für Leib und Leben eines Juden mit anderem Maße bewertet werden muß als die eines Konsuls. München. (Zum Ableben von Albert L a n d a u e r.) Mit Albert Landauer, der am letzten Sonntag in seiner Heimat Krumbach, wo er sich zur Erholung aufhielt, verschieden ist, ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die aus alle, die mit ihm in Berührung gekommen, von nachhaltigem Eindruck gewesen ist.» Der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde München gehörte er feit dem Jahre 1890 an, feit 1913 war er ihr Kassierer und seit 1926 stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes. Wegen seiner großen Verdienste um die Gemeinde hat ihn diese anläßlich seines 75. Geburtstages im Jahre 1924 zum Ehrenmitglied ernannt. Albert Landauer hat insbesondere auf charitativem Gebiete Vorbildliches geschaffen. Das israelitische Pensionat in der Kaulbachstraßc ist vor allem sein Werk. Aber auch den übrigen Wohltätigkeitsanstalten, der Israelitischen Waifenstistung, sowie dem Israelitischen Schwesternheim und dem Aussteueroerein galt seine unermüdliche Tätigkeit. Ungezählt sind die Einzelpersonen, denen er seine Fürsorge hat zuteil werden lassen. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der das Beste der „alten Zeit" wie kein anderer verkörpert hat. Zur Beisetzung versammelte sich eine außerordentlich große Trauergemcinde auf dem alten israelitischen Friedhof an der Thalkirchnerstraße. Nach der zu .Herzen gehenden Trauerrede von Rabbiner Dr. Baerwaldt widmete im Namen des Vorstandes und der Gemeindevertretung der Israelitischen Kultusgemeinde München Obeclandesgerichtsrat Dr. Neumeyer dem Gestorbenen herzliche Worte des Dankes. Dann sprach Justizrat Leo Oppenheimer und für die Münchner Loge Bankier Krämer. Auf Wunsch war von allen Kranzspenden Abstand genommen worden. Di« schönen Kleider der Frau Kommerzienrat Von Else Cohn. Es gibt Menschen, die haben einen sechsten Sinn, und das ist der Erwerbssinn. Chaim Markus gehörte zu diesen nicht, nein, ganz und gar nicht, vielmehr zu jenen, die über das Geld, das bekanntlich auf der Straße liegen soll, stolpern "können und seihst dann noch vergessen, es aufzuheben. Oft schon hatte ihm ein freundliches Schicksal wohlwollend ein Glückstöpfchen in die Hand gedrückt, aber ebenso oft war es ihm entglitten und lag in Scherben zerbrochen am Boden. Der Mensch gewöhnt sich an alles, und so war es bei ihm schon eine selbstverständliche Gewohnheit, daß Schmalhans bei ihm Küchenmeister war. Viele andere hätten ihrem Schicksal gegrollt, er aber tröstete sich mit den Schätzen, die ihm das Leben beschert hatte: seiner Frau und seinem Palast. Sein Palast war zwar nur ih den Augen seines Besitzers ein solcher. Jeder andere hielt ihn für ein winziges, unscheinbares Häuschen, das eng eingeklemmt zwischen zwei riesenhaften Häusern stand, die es fast zu erdrücken suchten. Man konnte die Straße fünf, sechs Mal auf- und abgehen, und übersah es doch immer wieder. Das wurmte Chaim Markus; und einmal, ^"' v , y " ‘ *r \ ■* Hinter tioiöiÄl die Hangt böt, Imd ihm M Qestajt eipiQr, kiMmakt eia .paar Täter ifk das -Haus regneten, da kaufte er sich einen mächtigen .Facblhpf . liftd strlfch sein HäüfsCften Von oben bis'unten mit leucn-' tend grüner Farbe an. Nun übersah es niemand mehr, im Gegenteil, es war der heitere Farbfleck der düstergrauen Straße, und alle Gesichter wurden froh, wenn sie das hoffnungsgrüne Wunder erblickten. Seine zweite Kostbarkeit, seine Frau, bedurfte sogar nicht erst eines neuen Anstrichs, damit man von ihr sprach. Das geschah schon ohnedies. Denn welch ein Wunder! Chaim Markus, der zeitlebens ein armer Schlucker war, der als Minjanmann und Chewradiener sein Leben fristete, besaß die zweiteleganteste Frau des ganzen Städtchens. Das kam nämlich so: die ersteleganteste Frau der Stadt war die Frau Kommerzienrat H. Weil nun die Frau Kommerzienrat nur die allerneueste Mode trug, und außerdem eine großzügig angelegte Dame war, so wanderte ihr Garderobenschatz immer noch als Nouveautee zu Frau Chaim Markus, die mit Grandezza den Geschmack und den Wohltätigkeitssinn der Frau Kommerzienrat spazieren trug. Kleider machen Leute. Und so nahm Frau Chaim Markus zugleich mit den feinen Kleidern auch die Allüren einer feinen Dame an. Chaim Markus war ein einsichtiger Mann und so sah er auch vollständig ein, daß eine so feine Frau, die selbst des Wochentags in Seide daherrauschte, nie und nimmer einen Besen in die Hand nehmen durfte, und ebensowenig konnte -man ja verlangen, daß sie die kostbaren Pariser Roben am Kochherd beschmutzte. So ergab es sich denn als ganz selbstverständlich, daß Frau Chaim Markus sich morgens wohlig in den Federn dehnte, während ihres Daseins Herr und Gebieter die Rollen wechselte und ihr die Mühseligkeiten des Alltags abnahm. Erst wenn sie die Kaffeemühle rasseln hörte, erhob sie sich, um festlich geschmückt am wohlgeordneten Frühstückstisch zu erscheinen. Und, wie des Tages Beginn, so war sein Verlauf, und so reihte sich Tag an Tag, und beide waren in ihr Schicksal ergeben und meinten, ihr Leben könne nur so und nicht anders sein. Aber weniger zufrieden waren die, welche eigentlich die unbeteiligten Zuschauer ihres Daseins waren. Die entrüsteten sich und empörten sich und wünschten die kommerzienrätlichen Kleider zum Teufel. Allerdings geschah dies nur ganz leise, denn die Frau Kommerzierrrat war eine recht einflußreiche Dame. Und so begnügte man sich, Chaim Markus von Herzen zu bedauern, bis man schließlich fand, es müsse für ihn eine einträglichere Beschäftigung geben, als am Hungertuche zu nagen. So cutsann man sich, daß er eigentlich Schneider war, und man versprach ihm goldene Berge, wenn er sein Handwerkszeug und seine vergessenen Künste wieder hervorhole. Man tat sogar ein Uebriges, kaufte für Frau Chaim Markus ein schlichtes Arbeitskleid und zwei derbe Schürzen und glaubte damit die kommerzienrätlichen Kleider beseitigt und sie selbst ihren hausfraulichen Pflichten zurückerobert zu haben, Frau Chaim Markus nahm Kleid und Schürze dankend in Empfang, hängte sie in den hinteren Winkel ihres Kleiderschrankes, und wenn sie nicht die Motten gefressen haben, so hängen sie noch heute dort. Und alles blieb beim alten. Nur Chaim Markus verdoppelte seine Kräfte, nähte, stichelte und schnitt in jeder freien Minute, die ihm seine Frau ließ. Aber, er wußte selbst nicht, woher es kam, immer stimmte etwas nicht; einmal waren die Aermel zu lang, einmal die Beine zu kurz; plötzlich war in dem guten Anzug von Pinkus Meyer ein großer Fettfleck; und gerade Pinkus Meyer war so furchtbar penible. Dann wieder waren die Knöpfe fort, die er dem alten Wolf an den Ueberzieher nähen wollte; spurlos verschwunden, und er hatte sie doch eben noch selbst auf den Tisch gelegt. Kurzum: Haushalt und Schneiderei ließen sich nicht vereinigen. So viel Aarger und Verdruß hatte er in seinem ganzen Leben nicht gehabt, wie in dieser Schneiderepoche. Seine gute Laune ging dahin und ebenso sein Körpergewicht, und er wäre bald ein richtiges Schneiderlein geworden. Aber noch bevor er dazu kam, packte er kurz entschlossen Nadel und Schere wieder ein und war ein freier Mann. Seine Gönner rauften sich die Haare und fanden schließlich, man müsse ihm eben auf eine andere Weise eine Existenz gründen. Dieses Mal brachte man ein Opfer, man griff tief in den Geldbeutel und kaufte für Chaim Markus — Pferd und Wagen. Das war, so fand man, das einzig Richtige. Ein jüdischer Droschkenkutscher fehlte längst am Orte. Die anderen taten ja gerade, als ob sie einem etwas schenkten. Und welch ein schönes Gefühl, wenn bei Freud und Leid, bei Hochzeit oder Begräbnis, selbst auf dem Kutschbock ein mitfühlendes Herz schlug! Außerdem war Chaim Markus wie geschaffen für den Posten. Er war ein guter Mensch, und so wird er auch zu dem Tier gut sein; er war ein sauberer Mensch, folglich wird er auch den Wagen sauber halten, und er war ein brauchbarer und anstelliger Mensch, und so wird schon alles gut werden. Man setzte ihm nun des längeren und des breiteren auseinander, welch ein Glück und eine Freude dieses Geschenk für ihn sein müsse. Es bedurfte gar nicht so vieler Worte, denn Chaim Markus wußte ganz allein, was dieses Geschenk für ihn bedeutete, Pferd und Wagen! Sein gutes Gesicht strahlte vor Glück. Seine aulgepeitschten Gedanken rannten im Galopp und schon sah er sich im Geiste peitscheknallend auf dem Kutscherbock. Vorausschauend sah er sich zum Bahnhof sausen, und alle Fremden rissen sich um seinen, gerade um seinen Wagen. Und wenn der Sonntag kommt, dann wird die halbe Stadt vor seiner Tür stehen, und alle werden um seine Gunst bitten und betteln, denn alle wollen gerade von ihm ins Wäldchen gefahren werden. Und die Bestellungen werden sich häufen, und die Geldscheine werden in sein Haus fliegen, und Chaim Markus wird gar nicht mehr wissen, was er sich für das viele Geld kaufen soll, Und der Tag kam wirklich, an dem Pferd und Wagen in seinem Hofe standen. Aber nicht ganz so schnell kam die Kundschaft. Herr und Frau Markus saßen in ihrem Stübchen und beratschlagten, wer woh der erste sein würde, aber als die Kundschaft immer noch nicht kam, da sah Frau Markus Herrn Markus an und Herr Markus Frau Markus, und wie so oft «ti ihrem Leben Waren sie sich wieder einig. Es dauerte tage» * Ew. CJttan -Miufcu* . in. ihre« allerschonsten Kleide, dem lilaseidenen, das sie sonst nur am Jom Kippiir nach Schul trug, vor ihm, und bald darauf fuhr sie hüldvöllst wie eine Königin grüßend, durch die ganze Stadt, Vorn auf dem Kutscherbock thronte ihr Mann, strahlend vor Glück und Stolz. Es hätte eine Fahrt des Kaisers von China durch K. nicht soviel Aufsehen erregen können wie diese erste Fahrt von Frau Chaim Markus im eigenen Gespann. Die Gönner schämten sich in Grund und Boden über das, was sie angerichtet hatten, fluchten, schimpften, zeterten und schwuren in allen Tonarten, sich nie wieder, aber auch ganz bestimmt nie wieder um Chaim Markus zu bekümmern, und steckten trotzalledem die Köpfe zusammen, um zu beraten, was weiter geschehen soll. Chaim Markus Kutscherlaufbahn war gerichtet Man machte sich ja geradezu lächerlich, wenn man dieses Gefährt bestieg. Es hätte sich ja auch keine von den Frauen des Städtchens mit so viel Würde, so viel Hoheit, so viel Eleganz im Wagensitz zurücklehnen können wie Frau Chaim Markus. Da setzte man sich lieber gar nicht erst einem Vergleich aus. Und auch die Fremden ließen ihn im Stich. Ob die Bahnhofsuhr falsch ging, ob die Züge sich nicht nach dem Fahrplan richteten, er wußte nicht woher es kam; aber immer wenn er im schärfsten Galopp zum Bahnhof trabte, waren der Zug und die Fremden auf und davon, und er konnte gemütlichst heimwärts lenken. So hatte sich alles gegen ihn verschworen: die Einheimischen und die Fremden. Ein Pferd lebt leider nicht von freundlichen Worten allein, sondern ds braucht auch Futter, und Futter kostet Geld. Seufzend sah das Chaim Markus von Tag zu Tag mehr ein. Und je mehr Geldbeutel und Pferd zusammenschrumpften, desto mehr fiel seine lichterlohe Freude zusammen, bis schließlich nur ein stumpfes, trauriges Aschenrestlein übrig blieb. Schönstes Sommerwetter und hellster Sonnenschein wetteiferten, Frau Chaim Markus Kleiderpracht zu beleuchten, und doch konnten sie die heimlichen Tränen nicht trocknen, die nach jeder Fahrt aut die seidenen Roben fielen. Und doch konnten sie das Gesicht des jetzt sehr grämlichen Kutschers nicht wieder froh machen. Schließlich hatten die Gönner ein Einsehen und erschienen mit einem neuen Plan in Chaim Markus Palast. Pferd und Wagen sollten ihren Auszug und statt dessen eine Wäscherolle ihren Einzug halten; denn eine Wäscherolle ist ein lukrativeres Geschäft, so fand man. Sie braucht zu ihrem Bestehen kein Futter, sondern nur zwei gesunde Arme, und die hatte Chaim Markus. Frau Chaim Markus weinte noch schnell ein Abschiedstränchen dem entschwindenden Glanze nach. Und daher rührt der mißfarbene Fleck in dem hellseidenen Kleide, der noch heute zu sehen ist. Herr Chaim Markus gab sich Mühe, der Menschheit zu grollen, die ihn vom Kutscherbock herab wieder auf eigene Füße stellte. Aber schließlich waren beide Lebenskünstler, und so fanden sie, auch eine Wäscherolle könne ihre guten Seiten haben; man kann sie sogar, wenn man es richtig anfängt, zu einer großen Annehmlichkeit des Daseins machen. Und sie fingen es richtig an. Das Geschäft blühte. Chaim Markus drehte die Rolle mit munterem Schwung, rannte geschäftig und allzeit gefällig, den Mägden die Körbe heimwärts zu tragen; er hatte zu tun von früh bis spät. Und auch Frau Chaim Markus genoß ihr Leben in vollen Zügen. Sie hatte sich einen Sessel, den rotsamtenen, in dem schon ihr sei. Großvater mütterlicherseits den Nachmittagsschlaf gehalten hatte, ins Rollzimmer tragen lassen. Dort ließ sie von den Mägden ihre Kleider bestaunen, hielt selbst die Lorgnette aus Fensterglas vor die adlerscharfen Augen und kritisierte mit noch schärferer Zunge jedes Wäschestück, das die Rolle passierte. Prüfend ließ sie es durch die Finger gleiten, begutachtete Schnitt und Aufmachung, fand hier etwas zu tadeln und dort etwas auszusetzen und unterhielt sich köstlich. Spannender als jeder Roman war, was hier die Mägde im wahren Sinne des Wortes vor ihren Blicken entrollten. Das hätte man doch nicht gedacht, daß die Frau Sanitätsrat, die stets so tadellos aussah, so schäbige Wäsche trug, und daß die junge Frau M., die doch erst so kurze Zeit verheiratet war, die schöne Aussteuer so zugerichtet hatte, und daß der Herr Rechtsanwalt so arg geflickte Unterwäsche trug. Ja, ja, es ist nicht alles Gold was glänzt! Und was die Wäsche nicht verriet, das verriet der geschwätzige Mund der Mägde, freudig, eine so dankbare Zuhörerin zu finden. Und so kam man vom Hundertsten zum Tausendsten, und schließlich stand die Wäscherolle still, dafür schwang sich die Unterhaltung um so schneller, und keine noch so gut glättende Rolle konnte je wieder ebnen, was hier an Namen und an gutem Ruf zerknittert und zerdrückt wurde. Die Hausfrauen weinten, weil ihre Mädchen Zeit und Stunde vergaßen, wenn sie auf der Rolle waren; die Mägde weinten, weil die interessantesten Szenen, die sie in Frau Chaim Markus Rollstube hörten, stets mit einem häuslichen Krach endigten. Und die ganze Gemeinde war kleinlaut und betreten, weil jeder dem andern am Gesicht ansah, daß er nun alle seine Geheimnisse, auch die intimsten und bestgehütetsten kannte. Es gab nur eine Stimme: „Die Rolle muß verschwinden, und zwar auf schnellstem Wege." Aber guter Rat konnte jetzt sehr teuer werden. Man überlegte und beratschlagte wieder einmal. Aber man konnte nichts Rechtes entdecken, um Chaim Markus zu freiwilligem Verzicht zu bewegen. Das Geschäft war zu einträglich. Schließlich bot der HÄnmel einen Ausweg und nahm den Schammes des Städtchens, der 40 Jahre sein Amt getreulich verwaltet hatte, in seinen Höhen auf. Und auf Erden war also der Posten des Schammes von K. Vakant. Und da sich ohnedies kein geeigneter Bewerber fand, so bot man, zwar etwas kleinlaut, Chaim Markus den Posten als Aequivalent für die Wäscherolle an. Chaim Markus, der erfahren hatte, daß die Vorschläge seiner Gönner, einer immer amüsanter und besser als der andere waren, griff zu. Und so glitt nun in Zukunft sein Lebensschifflein, gelenkt von den erfahrenen Führern der Gemeinde, glatt und unversehrt an allen Klippen und Strudeln des Lebens vorbei, um voraussichtlich, falls nicht wieder unvorhergesehene Zwischenfälle passieren sollten, dereinstens in dem Hafen zu enden, in dem wir alle landen werden.

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