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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-15 · 28 (15.7.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
28 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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HMchMeraleZeituM Organ -er Vereinigung für das liberale Zudentum e. V. Bezugspreis durch die vefchästssielle jährlich w. LSS Edyelmrmmer 0L0. Bei freier Zusendung i. Stckmd v^S Für die Mitglieder -er Vereinigung ist der Be-ugeprei» ü» Mitgliedsbeitrage enthalte«. « s s Verantwort!. Redakteur: Bruno Doyd-a. Vis „Jüdifch-Nvorals 3eitung“ erfchsinl Zodsn freltog. Redaktion u. Ssschüttsftslie: verlin S>V, ^ilhslmftr. 147. fentvnf: vofanheldo 33SS, 3359 PoftTdwfcHonto: Berlin tlW? Ne.,»ross (VmMMmfl für bot liberal* Invsntum Nadprtsdt f Amtlldpr Origtiml-Bcttras« mir mit «orl)*tia*r 0*n*f)mignne b*r IteftaMton g*flott*t. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile V.4S Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: r u Wiederholungen Rabatt. :: :: Anzeigenannahme: »Jüdisch. liberale Zeitung" Änseratonabteilung: Berlin SD 48, Wilhelmftratze147 (Hafenheide: 3388—5V). sowie sämtl. Annoncen-kpped. Rr. 28 Berlin, lS. Znli 1927 7. Jahrgang Konferenzen. Am» erste« Jahrestag -er Londoner Konferenz. Bon Rabbiner Dr. Sam uel (Wen). Es gehört wohl m den größten Geschenken -er Vorsehung füT den Menschen» wenn sie es ihm vergönnt, historische Momente mit vollem Bewußtsein mttzuerleben. Die Teilnehmer der ersten Internationalen Konferenz jtiit Liberales Judentum in London am 10. bis 12. Juli vorigen Jlchres hatten dies Ge- S; und sie werden es dankbar im Herzen bewahren. s wirkte zusammen, um das Erlebnis einer geschichtlichen Wende in taghelles Licht zu stellen. De r S ch a u p l a tz. Auch nach der meerumspülten Provinz Britannia, -es einsttgen Rmn, waren Juden gekommen, die Väter der alten Gemeinden bis auf Edward VI. Ihre Schicksale weichen nicht sonderlich von denen der festländischen ab. Gin Großer in Israel war noch nicht aus ihrer Mitte vor ihrer Vertrevbung hervovgegangen, ein Großer Spaniens aber hat sie besucht: Abraham ibn Esra, und dort seine köstliche Sabbat-Botschaft (Jggeret haschabbes) versaßt, die heut in einer schönen Ausgabe der Monumenta Oxoniensia neues Leben gewonnen hat. Ueber 350 Jahre muß der Jude alsdann das Jnselreich meiden; bis Manasse b. Israel seine Wiederzulassung bei Oliver Cromwell erkämpft. R. David Meto ragt allein im 18. Jahrhundert weit über den Durchschnitt empor; der Denker, Prediger, Sänger und Künstler. Um die Wende des 19. Jahrhunderts entsteht eine Krise, die uns Familien wie die D'Jsraelis und Ricardos entfremdet. Ader schon fließen literarische Schätze des Festlands in Mille dem aufstrebenden Weltreich, dem neuen Rom und der Bodleiana inr ehrwürdigen Oxford zu; und sic bleiben nicht verborgen, sondern entzünden das Licht des Glaubens wie des Wissens in den aufblühenden englischen Gemeinden. Die Namen der Rothschilds Solomon, Möses Montesiori werden bald mit Ehren, z. T. mit Enthusiasmus, in der ganzen Judenheit genannt. Der erste Chics, Rabbi Dr. Hermann Adler, ist der Herkunft nach ein Deutscher; dem Nachfolger Dr. Hertz entsendet schon ein Dominion; sie sind das, was wir Anhänger der Gemeinde-Orthodoxie nennen würden. Daneben keimt durch Claude G. Montefiore, Sal. Schechter, I. Mrahams, Lady Montagne u. a. der Liberalismus empor, der m drei Stadtbezirken Londons und auch im Reiche seine Gemeinden bat, wahrend die ostjüöische Landsmannschaft ein Gefolge für die zionistische Zentralleitmig mit CH. Weizman und Nahum Sokolow inr Lande der Bälsour- Deklaration stellt. Der Schauplatz London, noch ohne große jüdisch-geschichtliche Erinnerungen, desto mehr wie geschaffen, eine neue, mächtige Entwicklung einzuleiten. Dorthin gehörte fürwahr die -erste JnternattomUc Konferenz für Liberales Judentum. Die Teilnehmer. Bedenken wir: die Beweanng, deren Träger in großer Zahl sich einfanden, ist in ihrem Mutterlande Deutschland vor gut 15V Jahren entstanden; auch in Amerika fast 100 Jahre alt; sie hat ihre Ausstrahlungen nach allen Ländern der Welt entsandt und überall mehr oder minder zahlreiche Anhänger und Verkünder gefunden. Nur eines hatte ihr bis zur Londoner Konferenz gefehlt: ein Kongreß, ein Parlament, ein Forum. Ein solches tat sich in London auf. Gewiß, es mußten Redner bestimmt werden, deren Namen allein schon ein Programm bedeuteten; es mußten vor allem die drei großen Sprachbezirke zu Worte kommen, in denen liberales Judentum bedeutende Vertreter besitzt; aber die Hauptsache war dies nicht. Das Zusaimnontresfen allein von jüdischen Menschen einer ausgeprägten, über die ganze Welt zerstreuten, religiösen Richtung war das Wertvollste; denn sie kamen zu keinem anderen als einem idealen Zwecke, von den reinsten Absichten erfüllt, nur nm dem Juöentume eine Huldigung zu erweisen und für die unverminderte Lebenskraft seiner Ideen Zeugnis abzulegen. Und siehe da: Zahlreiche Männer und Frauen von Ost und West, aus zwei Erdhälften, von Kanada und von Indien trafen sich mit Deutschen, Schweden, Franzosen; aber bas Umgekehrte, wie bei der Sprachenverwirrung vom Turmbau» trat ein: sie verständigten sich wunderbar und jeder wurde durch die Rede des anderen in seiner Meinung bestärkt und gehoben. Denn von Unwichtigem und Äußerlichem. rftgen des Taktes und des Tempos abgesehen, waren eines Geistes, einer Äberein-stimmendenüberzeugnng! Es zeigte sich, wie sehr auch Religion, diese tiefste Angelegenheit des Herzens, und Judentum, ihre älteste, noch Lebensfrische Ausprägung in die gesanite Zenttage hineinverivoben sind. Wir hätten uns nicht mit Esra, nicht mit Maimuni, nicht einmal mit Moses Mendelssohn verständigen können: als Zeitgenoffen verstanden wir uns alle; denn nur als solche beschäftigten uns die gleichen Fragen, Sorgen, Hoffnungen, Probleme. Die Menschen, die auf der Londoner Konferenz ihre Gedanken austauschten, waren mit verschwindenden Ausnahmen gewohnt, ins Tageslicht zu schauen, die Gespenster der Nacht nicht zu fürchten, statt allein rückwärts zu blicken, die kommenden Tage hoffnungsfreudig zu begrüßen. Liberales Judentum. Mit diesem Namen geschmückt kam es nach London, und er wurde ihm dort sanktioniert. Nach einer stundenlangen Debatte, Re zuletzt nur allein um das eine Wort, die bleibende Bezeichnung, ging, in der aber wie um Fahne und Symbol gekämpft und gerungen wurde. Den einen war es zu freigeistig, nur verneinend, also zerstörend; den anderen war es zu matt, eine erste Stufe; sie hatten den Liberalismus historisch überwunden durch religiöse Reform. Es blieb beim ersteren. Wer denkt nicht an das kostbare Wort von den übernatürlich eingegrabenen Worten: lies nicht eingegraben, lies Freiheit, cherut, libertas. Der Weg Gottes führt von der Bindung zur Freiheit; alle Überlieferung muß mit selbständigem Geiste erfaßt, gegrüßt und in ihrem ewigen Gehalt jedem Zeitalter neu geschenkt werden. Nach dieser Richtung ist auf der Londoner Tagung manch unschätzbarer Beitrag, manch neues Stichwort geliefert worden. Die Berichte unserer Zeitungen ließen es erkennen; doch ist leider bis heute, ein Jahr nach der Konferenz, das ausführliche Protokoll mit den Begrüßungsreden, Referaten und Diskusiionen noch immer nicht als dreisprachiges Werk, wie geplant war, erschienen. In England und Amerika sollten die Kosten für diese so notwendige Veröffentlichung wohl aufzubringen sein! Sie ist nm so dringender, als ihr Fehlen schon der Legendenbildung Vorschub geleistet hat und, wie man weiß-der Geist der Konferenz von übelwollenden, ängstlichen Zionswächtern angeklagt und verdächtigt worden ist. Auch dies gehört zum Bilde; es war vorauszusehen. Denn es war immer so; noch zuletzt beim Richtlinienstreit: Die unzähligen offenen und versteckten Gegner des religiösen Liberalismus dulden diesen, solange er in einzelnen Geistern wirkt und webt, aber keinen Zusammenschluß Gleichgesinnter wagt, solange er vor allem hübsch theoretisch bleibt, und sich mit literarischen Auseinandersetzungen oder platonischen Erklärungen begnügt. Als Gefahr erscheint er ihnen und verfolgt muß er werden, wenn er als Welt- und Lebensansicht Anhänger wirbt, in die Praxis strebt, Wirklichkeit annimmt, Zukunft formt. Das aber war der Sinn der ersten Londoner Konferenz. Möchte ihr Geist lebendig bleiben und Heilsames zeugen. Der Kirchentag. Bon Konsistorialrat Dr. Alfred Fischer, Pfarrer in Berlin. Den folgenden Aussatz en-twehmen wir wit freundlicher GenehrwiMna deS geschätzten Verfassers der BoWschen Zeitung vom 26. Juni Wir glauben, dah die interessanten Ausführungen trotz der Glauben svevschioöenheit auch bei unseren Lesern Beachtung finden werden. Die Aed. Die Deutsch-Evangelischen Kirchentage, die alle drei Jahre auf Grund der Verfassung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes aller Landeskirchen Deutschlands zusammen treten, haben kein Borbild in der Kirchengeschichte. Zum erstenmal geschieht es hier, daß 210 Männer und Frauen, zu zwei Drittel aus dem Laienstande, 150 von den höchsten Landessynoden gewählt, 8 von den -evangelischen Fakultäten entsiandt, 12 -Religionslehrer, 15 von den großen christlichen Vereinen und Verbänden, 25 vom Deutschen Evangelischen KiochenauSschuß ernannt, als legitimierte Bertvetvk der 39,6 Millionen evangelischen Kirchenglieder Wh zw amtlichem Handeln zuscanmensinden. Das ist ganz etwas anderes als ein Kongreß, ob er aus Anhängern einer Idee ober Bewegung oder aus Abgeordneten von vereinsnräßig organisierten Verbänden besteht. Hier ist eine Stelle, von der aus Parolen, Ratschläge, Kritiken, Wiillensanstötze bis in das letzte Doch in den Bergen und an der See weitevgegeben und zur Wirkung gebracht werden. Nicht blinden Gehorsam, aber einem sich immer stärker regenden Willen der Evangelischen zur Leistung und Geltung begegnen Worte von dieser Stelle. Die Oeffentlichkeit wie die amtlichen Stellen haben mit diesem neuen Faktor zur Gesinnungs- und Willensbildung im evangelischen Kirchenvolk, das 03,2h v. H. 'der Bevölkerung des Reiches ausmacht, zu rechnen. Es entsprach dem wachsenden Selbstbomußtsern dieser Kirchentage, daß man in Königsberg den Tätigkeitsbericht des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses, der die Geschäfte des Kirchenbundes zwischen den Tagungen weiterführt, seines Präsidenten Mid des Kirchenbundesamtes zum Gegenstand eingehender Beratung in Ausschüssen und in einer Bollsitzrmg erhob. Die an diesen Stellen gefallenen Aeußerungen der Anerkennung oder der Kritik zu Maßnahmen der Regierung und der Gesetzgebung, zur öffentlichen Meinung und zur Haltung der Gesellschaft, wie etwa zum Reichsschulgesetz, zur Sicherung der Jugend vor der Alkoholnot, zum Geburtenrückgang und zum Verfall) der Geschlechtsmoral haben mehr Gewicht als Kowgreßresolutionen und Vereinsbeschlüsse. Sie sind niW klerikale Exklaniationen, nicht Proteste weltfremder Verstiegenheit irgendeines fanatischen Kreises, nicht Musterungen irgend eines Standes oder einer Gesellschaftsschicht, sondern Erkenntnisse und Willensäußerungen von im Weltleben erfahrenen und im Lebew der Gemeinden tätigen Männern und >Fvauen aller Parteien -der Staatspolitik und aller Gaue Deutschlands. Uw so bedeutsamer sind die Kundgebungen' der Kirchentage, zu denen nach der Entschließung zur Schulfrage in Stuttgart und zur ,-Sozialen Botschaft" in Bethel-Bielefeld nun die Vaterländische Kn ndgebnng des Königsberger Kirchentags kommt. Sie ist entstanden in selbständiger Fortführung der Gedanken, die die Vortröge von Professor Althaus^Erlangen über „Kirche und Volkstunt" und von Professor Kahl-Berliu über „Kirche und Vaterland boten. Beide zeigten die ernste, ja erschreckende Wirklichkeit der Gefahren einer innerlichen Zerreißung des geschichtlich gewordenen, weil im Wesen des Volkes geknüpften Bandes von Kirche und Volk, beide warnten vor Versäumnissen und wiesjen die Ausgaben den Kirchengliedern und Bürgern zn neuer und tieferer Erf-affung der innerlichen Einheit als einer gottgewollten. Beide stellten — und das war ihre packende Wirkung — religiöse und sittliche Forderungen an jeden einzelnen, an die Gemeinden und Kirchen wie an die Bürger des Landes und an die Träger der staatlichen Organisation. In gleichem Ernst wendet sich die Kundgebung an die Gemeinden. Gegen die Verengung des Gottesgedankens zur Rode vom „deutschen Gott", die zur Verwerfung des Alten Testaments mit seiner grundlegenden Bedeutung für die religiöse Kultur der Menschheit führen soll, steht die Kundgebung zu der Erkenntnis: Gott ist der Gott aller Völker. Gegen ein Weltbüraertmtt, das dem einzelnen VE sein Recht auf Eigenleben nehmen will, zeigt sie die engste Verbindung des Christentums und 'des Deutschtums in beider Geschichte und beider Eigenart. Daraus folgert sie für den Christen die Heimatliebe als relMöft Pflicht Me die Forderung nach Zuständen im^Vött, -die ohne Unterschied allen die Heimat wert mache«. Sie stellt die Kirche über die Parteien -des jetzt bis zn den sittlichen Grundlagen der Staats- und Rechtsordnung hin zerspaltenen Voltes und spricht die Pflicht der Kirche aus: „Sie dient allen ihren Gliedern, gleichviel welcher Partei sie Mvachöreu, mit gleicher Liebe und gibt allen die gleichen Rechte in ihrer Mitte." Sie läßt und gibt dem Staate, was «des Staates ist. Der Staat ist uns eine Gottesordnung urtt eigenem, wich»

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