Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 27 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WAch NeraleZMng Organ -er Vereinig««- für -as liberale Ludeninm e. V. B»Mß»prri» durch die vefchöstsfleüe V« jährlich SL 2M EWevmmmer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0^8 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis t« Mitgliededeitrage enthalte». :r rr « Verantweeil. Redakteur: Bruno Wo-da. Die „Jüdisch-liberale Teilung" erscheint jeden Sreitag. Redaktion u. Seschättsftelle: verlin SW, Wilftelmftr« 147. Sarnrukr vofanheive 3358« 3359 Poftfdjwktiottto: Berlin llWT Nr.,»rva» (VtmlnlftiiiB für do» liberal« Juö«titum Nachdruck sämtlicher OriginpMSettrflo« nur mit vorl,«rlg«r S«n»dmlgung der Rttakilon geftottet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene NonvareiUereil« 0,48 Goldmark, die Redlamezeile 3,00 Go'idmark, bei :: s u Wiederholungen Rabatt. u :: :: Anzeigenannahme: »Misch.liberale Zeitung* Inserateuadleilung: Berlin SW 48. DilheSmstratze 147 (Hasenheide: 3358—SS), sowie sämtl. Annoncen-Lyped. Berlin, 8. Juli 1927 7. Jahrgang Jüdische Seelsorge. Gedanken über jüdische Seelsorge. Bon Gemeinderabbiner Dr. Reinhold Lewin, Königsberg i. Pr. fcfi3«ftel)ett, scheint grundsätzlich ausgemacht gu: sein, daß eine jüdische Seelsorge undenkl'ar ist. Ihr strenggenommener Begriff stellt einen Widerspruch in sich selbst dar. Zur Ermöglichung nämlich wären zwei Vorbedingungen notwendig, an welch beiden es mangelt. ., Einmal hätte im Mittelpunkt unseres Glaubens die Seele zu stehen, sie und nichts weiter, wobei sie »rcht so sehr als Kern unseres Wesens, als Prägstempet unserer Persönlichkeit, sondern mit einer gewissen mystischen Gegenständlichkeit zu setzen wäre. IÄ ihre Pflege Bedacht zu nehmen, an ihrer Unbeflecktheit und Vervollkommnung zu arbeiten, hätte all» unser oberstes, wenn nicht ausschließliches An- .lteaen. vor Gott zu gelten. Unter Hintansetzung mtderer Pflichten müßte die Erringung ihres ewigen unser Erstes wie unser Letztes sein. Daß mm m* dieser Einseitigkeit und Zuspitzung das Iirhentum . wenig kennt, braucht nicht ausführlich be- Ietztzwerijen. E-enstgt, ei» paat. HtreifljLter. salleo M ^lass^». Äran dgrf pi <m hie MLsMtEnWWng Unseres Glaubens erinnern, der. von je die Seinen .stärker daran gewöhnte, mit beiden Füßen auf dieser Erde zu stehen als in die Wolken des Himmels zu starren. Man mag des ferneren den Grundzug unserer Sittlichkeit berücksichtigen,-die unbeschadet der Ansprüche, die uns gebühren, Recht und Wohlfahrt des Neüenmenschen auf unsere Schultern bürdet. Wie hieraus' me geschichtliche Folgerung, erwuchs, daß verhältnismäßig spät eine klare, bewußte. Vorstellung vpn. der Unsterblichkeit aufkam, dürfte vollends ver- ^staUAich machen,' daß für uns ausgeprägte Sorge um die Seele nicht im Vordergrund steht. . Ebensowenig, ist die zweite Voraussetzung geliefert, ohne die es schwerlich gehen wird. Zur Seelsorge' gehört gemeinhin eine besondere Menschcngruptze, die, weil der große Durchschnitt in Sorge oder Taumel des Alltags seine ernste Aufgabe vergißt, es ihrerseits als gottgewollte Bestimmung ansieht, die anderen zu überwachen und anzuspornen. Solch Einbringen in das fremde Gewissen, das ausgesucht, erweckt und durchforscht wird, steht ans.die Dauer nur jemand frei, -er sich als den Vertreter eines Höheren weiß, von ihm mit eigener Weihe versehen, irgendwie aus der Menge herausgerisseu und vor ihr begnadet. Daß auch hiervon das Judentum nichts Ständiges annahm, ist unbestritten bekannt und geläufig. Die Bedeutung des Priesters, den es dereinst in seinem Tempel benötigte, beschränkte sich auf die fachmännische Wahrnehmung -es Opferbetriebes. Sie wurde niemals zum überlegenen Mittlertum ausgeweitet. Um keinerlei Mißverständnis zu erlauben, wurde der Höchste des. ganzen Standes im heiligsten Augenblick seines Wirkens, der ihn allem Volk sichtbar preisgab, dazu veranlaßt, bevor er an die Sühne -er Gesamtheit herantrat, seine Sündhaftigkeit zu bekennen. Und als ihn gar der Schriftgelehrte, der Rabbi, verdrängte, blieb dessen Befugnis, in Fragen des gläubigen Wandels zu entscheihen, innerhalb eingeschränkter sachlicher Grenzen. Wer über rein und unrein, über erlaubt und verboten befand, durchsuchte nicht die Gesinnung des anderen. Sie war dem, der sie hegte, anhcirngestellt. Aus eigenem Drange, von Anleitung und Bevormundung frei, hielt er sic wach, wies er sich über sie.vor dem Richterstuhl dessen ays, der keinen Unterschied -es Menschlichen kennt, jed-m Geschöpf das gleiche Wollen und Können, das gleiche Irren und Streben zuerkennt. So machen die Dinge wirklich den Eindruck, geht man von dem herkömmlichen Begriffe aus, als sei eine jüdische Seelsorge unvorstellbar. Man muß sich schon entschließen, will man Aehnliches auf uns Überträgen, den gebräuchlichen Sinn, der an sich damit verknüpft wird,, stark umzubiegen oder zu erweitern. Aus dem Klange, Wr da sonst angeschlagen zu werden pflegt, muß ein; erheblich anderer Ton sich Herausbören und festhalten lasten. Daß er in unserer Mitte irgendwelchen Nachhall finden kann, darf ohne weiteres erwartet werden,' wenn-man bedenkt: die allgemeine Anschauung, die ge.fühls- und willensmäßis aller Seelsorge zugrunde liegt, zählt zu den ursprünglichsten Trieben, den wertvollsten Kräften des Judentums. Auf die Anteilnahme am Nebenmenschen, der aus dem Fernsten zum Nächsten werden soll, restlos als unseresgleichen empfunden nach Anlage, Bedürfnis und Lebensrecht, ist bereits kurz verwiesen worden. Es hat nicht ausbleiben können, daß seine Entwicklung, auch wo er sie von sich aus gestaltete ohne unser Zutun, unabhängig von jenem Eingriff der Umwelt, uns nicht unberührt ließ. Seelische Verantwortlichkeit des einen für den andern mußte im weitesten, verpflichtendsten Umfang sich als sittliche Forderung aufdrängen. Gleich die Ansangsblätter der heiligen Schrift schrieben denn die Mahnung nieder, das eigentlich Böse sei in die Menschenwelt eingebrochen, als man sich dawider verwahrte, seines Bruders Hüter zu sein. Entsprechend schärfte Mose, als er im einzelnen entfaltete, wie man sich Gottes Heiligkeit annähern könne, mit Nachdruck ein, man habe den Nächsten zurechtzmveisen, wolle man nicht ihn oder sich selbst mit Schuld beladen (fo zwiefacher Auslegung ist der begründende Zusatz fähig, der mitunter auch dahin verstanden wird: die Rüge, die jenem ins Gewissen rxde, habe sich einer Form zu befleißigen, die, nicht verletzend und beschämend, auf uns einen Borwurf zurückwerse). In einprägsamer Anschaulichkeit formte der Prophet der Verbannung das Bild, vom Wächter, der auf hohen Turm gestellt ist, um die Bewohner seiner Stadt zu warnen. So fühlt er sich, ein Vorbild dtzs Gläubigen schlechthin, durch Gott vermahnt, das Haus Israel zu berufen. Der Frevler, der unverwarnt stirbt, ohne daß er zu ihm geredet hätte, er möge von seinem Wege umkehren, geht zwar durch eigene Schuld dahin,' dennoch wird sein . Blut von jeüem gefördert. Der' Mann, de'r Diener Gottes, rettet allein seine Seele, wenn er, unbekümmert um Gehör und Erfolg, die warnende Stimme erhebt. Diese wenigen Beispiele unseres Schrifttums mögen hinreichend sein, um die Erkenntnis und die Forderung aus jüdischem Geiste heraus zu vermitteln: die Entscheidung, die der andere in seinem Innern fällt, die Wahl, die er trifft, für rechts oder links, gut oderböse, die Gestaltung und Ausreifung seiner Sittlichkeit, darf nicht gleichgültig sein. Ein starker Teil seiner Verantwortung fällt auf uns, die mit Zuspruch, Mahnung und Rat bereitstehen sollen. Wie bitterernst es gerade das Judentum hiermit nimmt, erweist in späterer Zeit die Vorschrift seiner Gerichtsbarkeit, die einen Verbrecher erst dann der äußersten Strafe überlieferte, falls ihn Zeugen in der Stunde der Tat zutreffend und übereinstimmend verwarnten. Gleichsam nur zur Hälfte steht einer für sich ein; der Rest der Sorge, die er sich um seinetwillen zu machen hat, wird von uns allen mitgetragen. In derart erweitertem, vertieftem Verständnis, jener Einengung abhold, die Anschauungen und Gewohnheiten. eines anderen Glaubens einbiirgerten, würde also jüdische Seelsorge angemessen, ja erforderlich sein. Gleichwohl soll man nicht die Schwierigkeiten unterschätzen, die sich von vornherein, wird ihre Verwirklichung begonnen, in den Weg stellen werden. Es sind unvermeidlich — gleichviel, wer sich nun immer berufen fühlt, in seinem Kreise den Anfang zu wagen (denn nach dem, was bislang aufgezeigt wurde, unterliegt die Verpflichtung dazu, demzufolge auch die Möglichkeit, die davon jeweils Gebrauch macht, keiner Begrenztheit), es ist unvermeidlich, daß ein solcher Versuch in der nüchternen Wirklichkeit aus Bedenken und Mißverständnisse stößt. Er muß einem unangenehmen Verdacht bei jedem Betroffenen begegnen, der sich mit stolzer oder demutsvoller Bewußtheit als Glied in eine Gemeinschaft eingereiht, die seit alters nur die gemeinsame Beichte aller vor ihrem Gottes kennt, mit lauter Stimme, in gleichmäßigem Worlaut abgelegt: keiner schließt sich aus, und jedem ist Gott, wird er in Wahrheit angerufen, so nah wie dem andern. Wie kommt einer dazu, sich etwas herauszunehmen? Verdient er nicht die Abwehr, fordert er sie nicht heraus, auf die er sich, mehr oder minder ungezogen, gefaßt machen muß? ^Aus derlei Gedankengängen, vielleicht sogar aus triebhaften, unterbewußten Regungen, denen immerhin, -mögen sie auch in/ Ueberhebung und Unart sich entladen, nicht jegliche Berechtigung zu bestreiten ist, dürfte sich einigermaßen erklären, weshalb jüdische Seelsorge nach fast allen Richtungen Hw weift" et» frommer Wunsch geblieben ist. Wo ste Anläufe nahm, steckte sie bald in Aeußerlichkeiteu fest, die ste €&«£ Besten und Tiefsten beraubten. Ihr widerfuhr «och ein erträgliches Schicksal, wurde sie mit Fürsorge überhaupt verwechselt, obgleich die Nöte des Leibe-, die dann von ihr behoben wurden, nur höchst mittel* bar Nöten der Seele abhalsen. Wohin sie aber nicht selten sich weiter und weiter verirrte (nicht zuletzt oder gerade bei denen, die sich von Amts wegen damit befaßten), beleuchtet mit besonderer Kraßheit jene» dickausgetragene Kapitel in Gronemanns satirische» Roman, das die Sprechstunde eines gesetzestreueu Rabbiners vorführt. Alle Entstellung und Vergröberung zugute gehalten, die ganze Verzerrung -es grausamen Spottes abgerechnet, wenn alS Gipfel so*, genannter Seelsorge die AuSprobierung -öS Sabbat«, patentes erscheint, das an eigens konstruiertem Gürtel das Tragen -es Hausschlüssels nach Recht und Satzung vorsieht — trotz alledem bleibt der triftige« Wahrheit genug zurück, um nicht bloß den ostjümswen Betrachter verwundert den Kopf schütteln zu lassen. Harmloser, aber deshalb nicht minder bezeichnend (man könnte auch sagen: eben darum noch b^eMmn Vers prangerte HÜrAch-der WohlfahrtsauSweiK Mer mitteldeutschen Grotzgemeinde den Üblichen Bwxifs und den üblichen Betrieb jüdischer Seelsorge an. Mit echt sächsischer Unschuld wurde da eine geldliche Ziffer unter dieser Benennung aufgeführt und zum Vefferen Verständnis dahin erläutert: Hierunter sind Liebesgaben zu verstehen, welche von den Herren. Rabbinern in Gefängniffen und Krankenhäusern, ausgeteilt wurden. Daß eine Seelsorge, von wem auch geübt, an wem auch vollstreckt, hierbei nun und nimmer haltmachen darf, schuldet sie nicht allein der Rechtfertigung ihres Namens. Die Gemeinschaft, in deren Mitte sie geschieht, verlangt es gebieterisch von ihr kraft ihrer sittlichen Bestimmtheit, als deren Ausfluß jene angeboten und empfangen wird. Ste wird uw Me Klippen, die sie bedrohen, herumsteueru, wenn sie einfach sich bemüht (darf dies als Anknüpfung an ihre Bezeichnung, doch nicht als leeres Wortspiel gelten?), sich in die Sorgen einer fremden Seele hineinzuversetzen. Deren Besitzer braucht nicht nach außen hin in Not geraten, sichtbarer, spürbarer Bedrängnis verfallen zu sein; es mag genügen, daß er mit irgendeiner Fraglichkeit dieses Lebens ringt, die auf seine Weltanschauung einstürmt, um eine gläubige Stellungnahme, eine sittliche Rechenschaft aufzuerlegen. Ihm sozusagen die Zunge zu lösen, eine Aussprache zu erleichtern und die eigene Klärung anzubahnen — darauf wird es oft eben um des Judentums willen ankommen, wobei gewiß nicht Kümernisse auch niederer Art, Aufregungen aus dem jeweiligen Schicksal oder dem Familienkreise heraus, von vertraulicher Eröffnung und durch Durchbrechung ausgenommen sein sollen. Sowohl bei dem einen wie bei dem andern wird es wohl auch dahin gelangen, daß jemand, der seine Seele ansschütten, durch gewährten Einblick und nachgesuchtc Musterung entlasten und befreien möchte, sich mit Vorliebe an einen unter den übrigen wendet, bei dessen Beratung er etwas wie ein Berufsgeheimnis annehmen darf. Seines dauernden Vertrauens wird aber nur der gewiß und teilhaft werden, der an ihm Seelsorge treibt im Sinne der chassidischen Legende, die Martin Buber aufzeichnete: Raobi Mosche Leib erzählte: Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt. Der saß mit anderen Bauern in einer Schenke und trank. Lange schwieg er wie die anderen alle; als aber sein Herz vom Wein bewegt war, sprach er feinen Nachbarn au: Sag' du, liebst du mich, oder liebst du mich nicht? Der andere antwortete: Ich liebe -ich' sehr. Aber er sprach wieder: Du sagst: ich liebe -ich, und weißt doch nicht, was mir sohlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen. Der andere vermochte kein Wort zu erwidern, und auch -er Bauer, der gefragt hatte, schwieg wie vorher. Ich aber verstand: das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen. Dies werde, dies sei jüdische Seelsorge fühlend und handelnd: Wisien um -er anderen Bedürfnis, das teilnahmsvoll ihre Unsicherheit hebt und aus eigener Kraft ihnen weiterhilft!