Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWchOeraleZeidmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Stpspptti» durch di- Geschäftsstelle jährlich Sk. Lvv Liyzelnummer 0.20 Bei freier Zusendung i. Inland 0SS Für die Mitglieder ver Vereinigung ist der Bezugaprei» im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: s :: Varantworil. Redakteur: Bruno Doyda. Die „lüdisch-Udsrols Leitung'* erscheint jeden Sreitag. Nedoktion u. osschüttsstsile: verlin 6W, Wllbelmftr« 147. Sernntf: kasvnheids 3358, 3359 Poftfcftecfel'onto: Berlin n\V7 nr.137009 (Vereinigung fOr da» liberale Judentum NacDOntcft f Amtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der ReDaMlon gestattet. Anreigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillejeile 0,45 Boldmark, die RrklunezeUe 3.00 Soldmark, bei :: 8 :r Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: ^Jüdisch, liberale Zeitung' Inserateuadteilung: Berlin SD 48. Dilhelmstrahe 147 (Hasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Anno«een.Egped. Nr. 26 Berlin, 1. Juli 1927 7. Jahrgang Zur StalW der deutschen Wen. Die Lehren der Statistik. Die vom statistischen Reichsamt herausgogeben« Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik" veröffentlicht als Ergebnis der Volkszählung von 1925 die Religionsgliederung im Deutschen Reiche 1925. Diese Veröffentlichung bildet eine recht pikante Illustration der „Berjudun g", der Deutschland nach dem Jammer der Antisemiten aller Schattierungen in permanent steigendem Matze verfallen sein soll. Die volle „Größe" dieser Gefahr macht folgende Tabelle schon dem flüchtigen Blicke sinnfällig. Ein dem unbewaffneten Auge zwischen den mächtigen Kolonnen der anderen Konfessionen fast entgehendes Strichfeld kennzeichnet die schreckenerregende „Vormachtstellung" des deutschen Judentums.... Die Groteske wird noch deutlicher, wenn wir die nüchterne Sprache der Zahlen auf uns einwirken lassen, die an anderer Stelle dieser Nummer veröffentlicht sind. AuS alledem ergibt sich die Tatsache. daß die Zahl der Inden bloß ln vier Ländern gestiegen ist: in Preußen. Sachsen. Hamburg und Lübeck. Wenn aber die amtliche Zeitschrift, der wir die zitierte Tabelle entnehmen, feststellt, daß „die in 14 Ländern zutage getretene absolute Abnahme der Israeliten ihren Ausgleich schon durch die Zunahme ln Preußen findet", so muß beachtet rverdtn. daß das Ansteigen der jüdischen Bewohner in den meisten preußischen Großstädten — nicht in allen und gar nicht aus dem flachen Lande'. — nur aus die Einwanderung von Inden aus anderen Provinzen und dem Ausland zurückzuführen ist und nicht auf natürlichen Bevölkerungszuwachs, da in Preußen in der Zeit von 1911—1924 16191 Inden mehr gestorben sind als geboren wurden. Die Wirkung dieser Zähluugsergebirisse in jüdischen Kreisen war eine zweifache: die einen blinzelten zu den Hakenkreuzlern hinüber und riesen im Tone Ser gekränkten Unschuld: Was will man von uns'? Sind wir nicht ohnehin brav, so brav, daß wir unseren Todfeinden den Gefallen tun. systematisch zugrunde zu gehen? Die anderen schrien van einem Menetekel („Gezählt. gewogen und zu leicht gefunden") und priesen als einzigen Weg zur Rettung: Rückkehr zur altjüdischen Frömmigkeit. Das orthodoxe Blatt, dem wir diesen Rat verdanken („Israelit" Nr. 18), hat aber rechtes Vertrauen zur heutigen Generation der deutschen Juden, und deshalb empfiehlt es diesen einen ^HeilungSprozetz durch Blutzufnhr von außen", nämlich durch Verschmelzung mit den eingewanderten Ostjuden. Das „östliche Element" wird als das eigentliche Lebenselement der jüdischen Gemeinden in Deutschland gualifiziert. und den bodenständigen Juden empfohlen, es darnach zu behandeln. Tatsächlich har das Ostjudentnm. im Gegensatz zum deutschen Judentum eine ganz enorme natürliche Entwick- ^ungsfHlgkeit gezeigt: In den letzten 80 Jahren sind 2% Millionen polnische und russische Juden nach den Ver- "nigten Staaten ausgewandert, und heute, wo diese 3V& Millionen fort sind, sitzen durch den natürlichen Bevöl- Lerungszuwachs mehr Juden in Rußland und Polen, als vorher dort gewesen waren! Aber gerade Liese Tatsache erhellt nur den tiefen Äulturunterschiod zwischen dem Ost- und dom deutschen Westjudentxm. Im Osten, wo sich die Traditionen des Ghettos stärker und länger erhalten haben, ist immer noch eine erschreckend große Zahl von „Luftmenschen" auf die Tafelabfälle einer Minorität nützlicher Kulturelemente angewiesen, die als solche zu einigem bürgerlichen Wohlstand gelangt sind. Die Luftmenschen studieren fleißig Talmud und kümmern sich wenig um die realen Forderungen des profanen Lebens. Trotzdem sorgen sie für die Zukunft — nicht für die eigene, sondern für die des Judentums.... Der deutsche Jude aber ist kein Luftmensch. Er wartet nickt auf Almosen, sondern auf Arbeit. Und wenn diese auSVleibt oder ihm nicht so viel einbringt, wie er brauG. um Weib und Kind zu ernähren, dann bleibt er entweder unbeweibt oder er nimmt sich eine Frau, -i« ihm. statt Nutterpflichten auf sich zu nehmen. Geld verdienen hilft. Der Eintritt der'jüdischen Frau ins moderne Erwerbsleben entfremdet aber nickt nur sie selbst ihrem natürlichen Beruf, dem der Mutter, sondern er verschlechtert auch durch die Vergrößerung der Konkurrenz die Erwerbsmöglichkeite» der Männer, wodurch einem immer weiteren Kreise die Chancen der Famil'iengründung im altjüdischen Geiste verringert werden. Den Ausweg aus dieser katastrophalen Situation sehen auch wir Liberalen von der jüdischen Religion vorgezeichnet. Aber in anderem Sinne als die Orthodoxie, die die Assimilation an die westliche Kultur als den Quell allen Uebels ansieht. Wir halten es im Gegenteil auch noch für notwendig. den sozialen Geist, -er aus den jüdischen WEREU6I0N56UEDERUNG IM DEUTSCHEN REICH UNO IN DEN DEUTSCHEN LÄNDERN IN HUNDERTTEILEN 1925 U.1910 tethol.sch» ay//aazy//i VAjrfttmbtrg Thunrofcn na tc uro MaeWbg.-Sch*. Oldenburg Braunschv/etg Sehmncf.-lWt Die Parität an den öffentliche« höhere» Lehranstalten in Preuße«. Das Reichsschulgesetz wird in kurzer Zeit -ie breite Oeffentlichkeit beschäftigen. Das Zentrum tritt .geschloffen für die Konfessionsschule ein, die radikal links eingestellte» Kreise wollen die weltliche Schule, andere die Gimultanschnle. der jüdische Bevölkerungsteil ist, wie das deutsche Volk t# seiner Gesamtheit, durchaus geteilter Meinung. So dürsten die Zahlen über die konfessionelle Zusammensetzung der öffentlichen höheren Lehranstalten in Preußen, unter gleich, zeitiger Berücksichtigung der Schüler und Schülerinnen, der Aktualität nicht entbehren. Me sieht es also in Preußen a» den höheren LehranstMen aus'? Die staatlichen höheren Lehranstalten für die «Snnliche Jugend zeigen nach dem Stand vom 1. Februar 1826 folgendes Bild: Staatliche höhere Lehranstalten für die männliche Jugeud. Schüler: evangel. kathol. jüdisch dissid. Preußen 49 464 28 844 1 700 308 Prozent 62 33,5 2,1 0,4 Fe st an ge st eilte Lehrer: evangel. kathol. jüdisch dissid. 2104 1 088 8 4 65.8 38.9 0,2 0,1 7^811 100 100 Au „WlrtMhaft ud Statistik”, heraasgegeben vom Statistisches Reichsamt. Verlag Reimer Hobblng, Berlin 8 61 Ritualgesetzcn spricht, dem modernen Wirtschaftsleben zu assimilieren. Dieser soziale Geist hat im mittelalterlichen Ghetto vorbildliche soziale Institutionen geschaffen, die das Elend der Armen und Bedrückten linderten. Aber er hat die Anpassung an die Freiheit nach dem Fall der Ghetto« mauern versäumt. Seitdem den Juden alle Gebiete des Wirtschaftslebens zur aktiven Beteiligung durch das Gesetz zugänglich gemacht sind, ist es die vornehmste soziale Ausgabe des Judentums, dafür zu sorgen, daß dieses Gesetz nicht bloß auf dem Papier steht, sondern wirklich zur wirtschaftlichen Verwurzelung der Juden im deutschen Heimatlande führt. Hier ist noch sehr viel zu tun. Am besten geht es verhältnismäßig noch den selbständigen jüdischen Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden. obwohl auch sie unter der wachsenden Verhetzung der Andersgläubigen und — was noch trauriger ist — der Indolenz der eigenen Glaubensgenossen zu leiben haben. Die allgemeine Wirtschaftslage erschwert aber heute eine selbständige Etablierung immer mehr. ' Daher muß es für das Judentum katastrophal wirken, wenn sich der Arbeitsmarkt brutal dem iüdischen Arbeitnehmer verschließt. Selbst so demokratische Stadtverwaltungen wie die Berliner haben einen fast judenreinen Beamtenkörper. Von den Privatunternehmern sind die christlichen zu unduldsam, um Juden auzustellen. die jüdischen wiederum so tolerant, daß sie — lieber Christen beschäftigen. Das gilt nicht bloß in den geschäftlichen Betrieben der Stadt, sondern auch von den landwirtschaftlichen, woran die vielfach als Heilmittel gepriesene Uebersührung der Juden von der kaufmännischen zur agrarischen Betättgung scheitern muß. Zwischen der Skylla öeS Antisemitismus und der Cbarvbdis der sträflichen jüdischen Indolenz ist der jüdische Arbeiter deS Kopfes und der Hand zum Untergang verurteilt. Die von uns veröffentlichte Statistik ist nichts anderes als die offizielle Formulierung dieses Urteils. Dr. Hug o Svteg le r. Preußen Prozent Preußen Prozent Preußen Prozent Die Zahlen sind interessant. Sie offenbaren' unzwei^ deutig. daß die festangestellten jüdischen Lehrer an ben staatlichen höheren Lehranstalten erheblich geringer als die «ntsprechende Schülerzahl sind. ja. daß sie nicht einmql tte jüdische Prozentnorm in Preußen erreichen (1900 1(04 Prozent). Außer in Berlin, wo vier jüdische festangestellte Lehrer amtieren (2,5 Prozent unter 7,1 Prozent jüdische» Schülern (287) und je einer im übrigen Brandenburg, t» Oberschlesien. Hessen-Nassau und Rheinprovinz, sind, die übrigen Provinzen trotz teilweise erheblicher jüdischer Schülerzahl ohne jüdischen Lehrer. Die jüdische Lehrerin ist sowohl absolut wie relativ »och viel geringer an den höheren Lehranstalten vertreten alS ihr männlicher Kollege. Staatliche höhere Lehranstalten für die weibliche Jugend. Schülerinnen: evangel. kathol. jüdisch dissid. zus. 9188 1 874 551 40 11858 78,9 16,1 4,7 0,8 100 Festangest ellte Lehrerinnen. evangel. kathol. jüdisch dissid. -us. 427 77 2 1 807 _ 84,2 15,2 0,4 0,2 100 Es gibt tu ganz Preußen nur zwei festangestellte jüdische Lehrerinnen an staatlichen höheren Lehranstalten und zwar je eine in Niederschlesien und Hannover, obgleich beispielsweise der Anteil jüdischer Schülerinnen an der Gesamtzahl in Berlin 9,9 und Oberschlesien 6,6 Prozent beträgt. An den nichtstaatlichen öffentlichen höheren Lehranstalten für die männliche Jugend sieht das Bild folgendermaßen aus: Nichtstaatliche öffentliche höhere Lehranstalten für die männliche Jugend. Schüler: evangel. kathol. jüdisch dissid. zus. Preußen 155 647 52862 8 441 2444 218884 Prozent 71.1 23.9 3.0 1.1 100 Fe st an ge st ellte Lehrer: Preußen 6546 1885 91 26 8 548 Prozent 76,5 22,1 1,1 0,8 100 Auch bei den nichtstaatlichen öffentlichen höheren Lehranstalten ist das Verhältnis jüdischer Lehrer zu jüdischen Schülern durchaus nicht gewahrt (siehe evangelische und katholische Lehrer und Schüler!), immerhin etwas günstiger als bei den staatlichen Anstalten. Di« Hauptmaste jüdischer Lehrkräfte und Schüler entfällt auf Berlin (62 und 8887 — 2,4 und 7,6 Prozent) und Hessen-Nassau (35 und 1338 5,9 und 9,8 Prozent). Aus Niederschlesien kommen 2--0,4 Prozent (715 jüdische Schüler 5,0 Prozent). Oberschlesien 1 1,1 Prozent (99 3,8 Prozent) und Rheinprovivz 1 -- 0,1 Prozent (1109---2,4 Prozent). Das Bild der nichtstaatlichen höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend ist in bezug auf die jüdischen Lehrkräfte ebenfalls durchaus befriedigend. Nichtstaatliche öffentliche höhere Lehranstalten für die weibliche Jugend: Schülerinnen: evangel. kathol. jüdisch dissid. zus. 89 489 16 622 6 290 1164 118 568 78,9 14,6 5,5 1,0 100 Festangestellte Lehrerinnen: evangel. kachol. jüdisch dissid. zus. 8918 641 46 12 4 617 84.4 18,9 1,0 0,8 100 verlin zählt von den 46 jüdischen Lehrerinnen allein 21. Während das Verhältnis zu de» nichtjüdischen Lehrkräften 1L Prozent beträgt, ist das zu den nichtjübifchen Schülerinnen 10,5 Prozent. In Hessen-Nassau amtieren 15 jüdische Lehrerinnen — 5,1 Prozent (1109 jüdische Schülerinnen 15,9 Prozent). Preuße» Prozent Preußen Prozent >