Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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davor, so in das Blaue hinein zu bewilligen. Nachdem sich Frau Forchheimer (lib.) für den Antrag der Finanzkom- Mission eingesetzt hat, werden 150 000 Mark mit Stimmenureyrheit Verbilligt. Dr. Frank (kons.) tritt für eine Erhöhung des mit 7000 M. eingesetzten Zuschußpostens für die Jeschiwah ein. Da aber dieser Beitrag schon eine lOOprozentige Erhöhung gegenüber dem vorjährigen Zuschuß bedeutet, da außerdem otese Unterstützung der Lehranstalt ursprünglich als einmalige Zuwendung gedacht war, hält es die liberale Fraktion bei der angespannten Finanzlage der Gemeinde und Lei der Möglichkeit, daß der nenanfgeuvmmene profane Unterricht auch auf andere, billigere Weise in schon bereits bestehenden Institutionen zugänglich gemacht werden kann, für unbillig, diesem Antrag beizutreten. Mit 14 gegen 12 Stimmen wird die neuerliche Erhöhung, die aus der Mitte des Plenums von dem konservativen Redner beantragt wurde, abgelchnt. Alnh ein Antrag der jüdischen Bolkspartei 3000 Mark für den Keren Hajessod einzustellen, wird mit den Stimmen der liberalen Fraktion, die der Ansicht ist, daß die Frankfurter Gemeinde zuerst den notleidenden Inden und Institutionen innerhalb Deutschlands zu helfen habe, gegen die Stimmen der Konservativen und jüdischen Volksparteiler abgelehut. Schließlich werden dann noch die Kapitel, Schulden und Zinsendienst, Verschiedenes, Unvorhergesehenes, Knltusitener, Etatausgleich wie außerordentlicher Etat gemäß den Vorschlägen des Borstandes und der Finauzkvunnisslou angenommen. Der Vorsitzende Dr. Merzbach schließt dann die Gemeindesitzung. , Gießen. lR i t n e 11 c Spcisu n g in den Univer« s i t ä t s k l i u i k e nj. Zur Verpflegung der jüdischen KliN'ikinsasseu. die hier aus allen Teilen Hessens zusammenkommen, soll eine rituelle Küche eingerichtet werden. Der -Oberrat des hessischen Gemeindeverbandes bewilligte im Zusammenhang mit diesem Projekt die Mittel zur Besoldung einer Köchin und trat mit einem entsprechenden Antrag an das Landesamt für das Bildnngsrvefen in Darmstadt heran. Hamburg. lRabbinerwahl der Tempelgerueinde.j Wie uns mitgeteilt wird, ist an die Tempelgemeinde als Nachfolger des nach Bamberg gegangenen Herrn Rabbiner Dr. Rülf Herr Rabbiner Dr. Italiener aus Darmstadt berufen worden. Hannover. lDelegierten tag Israelitischer Fra u e n v e r e i n e.) Die 0. Delegierten- und Mitglieberversammlnng des Prvvinzialverbandes Israelitischer Frauenvereine Hannovers und angrenzender Gebiete, fand am 24. Mai iu Hannover statt. Am Vorabend versammelten sich die Delegierten sowie zahlreiche Angehörige der Synagogengemeinde. insgesamt annähernd 500 Personen, zu einer würdigen Begrüßungsfeier. Ansprachen hielten Frau Hete Jacobson, die Vorsitzende des Hannoverschen Frauen-vere-ins. Herr Landrabbincr Dr. Freund, für den Gemeindevorstand Herr Dr. Schlcisner. für die Zentralwohl fahrtsstclle nnd die Chewra Kadi sch a Herr Alfred Fuerst. für die Zionloge Herr Walter Buchholz, für den Schwesternbund der Zionloge Frau Gertrud Heller, für den Borstand des jüdischen Frauenbundes Frau Bettina Brenner-Leipzig. Herr OVcrkantvr Alter fand mit seinen Gesängen „Hallelujah". „Gralserzählung" und „Ach io fromm" aus „Martha" begeisterten Beifall. Die Festrede hielt Frau Paula Ollendorf über das Thema: „Als deutsche Jüdin in Amerika". Die geistvollen Ausführungen fanden ein andächtig lauschendes Publikum, das die Rednerin zum Schluß mit starkem Beifall belohnte. Ein gemeinsames Abendbrot beschloß die schöne Feier. — Die Verhandlungen am 24. Mai brachten die Vorlage und Genehmigung des Geschäftsberichtes des Verbandsvorstandes und der Jahresrechnuug für 1926, sowie die Festsetzung der Mitglieds- -bej^räge für das Jahr 1927. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes und des Ausschusses wurden wiedergewählt. Zur Berbandsvorsitzenden für das Jahr 1927 wurde Frau Martha Fischer-Hannover einstimmig .wivöergewählt. Nach Erledigung der übrigen Regularien erfolgten die Berichte der Borstaudsdamcu des jüdischen Frauenbundes über die einzelnen Arbeitsgebiete deS Bunins. Frau Brenner sprach über Tuberkulosenfürsorge. Frau Paula Ollendorf über Gesährdetenfürsorge. Frl. Karminsky über das Heim des Frauenbundes in Isenburg, Frau Helene Meyer über das jüdische Frauenwahlrecht, Frau Samuel über Adoptivu. Gemeinsames Mittagessen m den Räumen der Zionloge unterbrach die Tagung Den Nachmittag füllten zwei Referate aus. Frau Dr. de Haas-Oldcnburg sprach über: „Arbeit eines örtlichen Frauenvereins". Frau Olga Baruch-Harburg brachte die »Berichterstattung über die Arbeit der an geschlossenen Bereue". Es folgte die Generaldebatte. Besonders erfreulich E Tatsache, daß der Provinzialverband sich immer mehr auSbreitet und zur Zeit 53 Vereine umfaßt, daß auch die Geldeiugängc im Jahr 1927 geregelter sind als im Vorjahre. Frau Olga Baruch-Harburg trat mit aller Entschiedenheit dafür em, daß Tournees für Wanderreönerinnen zusammengestelltwevden. so daß jeder anqefchlossene Berein im Jcchre mmsestens zwei Vorträge hören kann. Die Versammlung stimmte ijicier Anregung zu und beauftragte Frau Baruch mit der Bildung einer entsprechenden Kommission mit dem Sitz rn -varburg. — Anschließend fanden Besichtigungen der J,r. Gartenbaufchnle in Ahlem, des Martha Fischer. Kindergarten und des Kinderhorts, sowie des Waisenhauses statt. , _ HOdorf. . lA n s l v s u n g der j ü d i [ ch c lt Volk sschule.) Mit der Znrrrchcsctzung des Oberlehrers S. Anf^nger, der bei seinem Scheiden aus dem Amte von dcr Gemeinde und der Ingengefeiert und geehrt wurde, wobei seitens beider Teile das gegenseitige Freundschaftsverhälturs besondcre Erwähnung fand, hat die hiesige jüdisch« Bolksschule ihre Pforten wegen zu geringer Schülerzah schließen muffen. Bemerkenswert ist. daß die Anstalt über 100 Jahre bestand. Karlsruhe. sJ ü d i s ch e Gr a binalku u st.) In Schuren emer »Ausstellung für Friedhofskunst" in Karls ruhe lBaden) befindet sich — wie schon mitgeteilt — in Ausstellungsgebäude eine Koje mit Abbildungen jüdischer Grabmalkunst. Dieser besondere Einbau ist veranlaßt von paorschen vberrat der Israeliten im Benehmen mit der Ge rellschaft zur Erforschung jüdischer Kunst in Frankfurt a.R Die prächtigen Bilder aus den schönsten und ältester badrschen Friedhöfen, wie Waibstadt, Külsheim. Unter grombach usw. bilden wertvolle Zeugnisse für den emincn künsilerlschen Charakter der jüdischen Grabmäler. Di, »Badliche Preße", ein führendes Organ Badens, schreibt ir BLUÄiV'A^/TELLUNG BERLIN-WCö LL MAUERSTR. 7Q FERNRUF: ZENTRUM 20L2 u. 5024 BLUMENSPENDEN - TRAUERSPENDEN - TAFEL¬ SCHMUCK. INNENDEKORATION IN KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG. 12 ERSTE PREISE einer Besprechung folgendes: Just durchweg nt man von der tiefen Verinnerlichung und Stimmung dieser Grabstätten in ihrer Gesamtheit wie in Einzelheiten überrascht, die stets unter Einhaltung schlichtester Grund- und Umrißformen doch die jeweilige Zeit ihres Entstehens in unaufdringlicher Weise erkennen lassen. Hoffentlich gibt die Sammlung für die Glanbensangehörigen und Grabsteinbilbhauer Anlaß, wieder mehr zur Grabmalkunst früherer Zeiten zurückzukehren, deren Schönheit und Würde ist Gegenüberstellung der heutigen Leistungen und Geschmack auf dem israelitischen Friedhof in Külsheim besonders überzeugend zu sehen ist." % _ Königsberg. lA ns dem Gemeinöelebe n). Der Verband der Synagogengemeindeu Ostpreußens hielt in der hiesigen Kantlvgc seine diesjährige Hauptversammlung ab, die von dem Vorsitzenden des Verbandes. Justizrat Holz, sowie von dem Vertreter der Synagogengemeinde Königsberg. Sanitätsrat D r. Stein. ..begrüßt lvnrde. Justizrat Holz erstattete zunächst den Geschäftsbericht. Daun hielt der Hauptredner des Abends, Rabbiner Dr. Jsmar Freund-Berlin, ein Referat über „Landesverband, Provinzialverband und Gemeinde". Der Redner gab zunächst einen Ausblick über die Lage der Juden als Staatsbürger vor der Gründung des Landesverbandes und stellte fest, daß der im Jahre 1808 einsetzende Kampf der jüdischen Bevölkerung um ihre Gleichberechtigung von Königsberg auSgegangen sei. Die Bildung des Landesverbandes preußischer Synagogengemeinden sei von größter Bedeutung gewesen. Genau so wie die Vertretungen der protestantischen und katholischen Bürger vom Staate pekuniär unterstützt würden, erhalte auch der Landesverband eine Beihilfe, die zum ersten Male im Jahre 1922 gegeben wurde und inzwischen bedeutend erhöht wurde. Aber auch dre Provinzialverbände seien nach wie vor von Wichtigkeit. Notwendig sei auch die Schaffung von Bezirken, um den kleinen Gemeinden die Möglichkeit zu geben, einen Kultusbeamten zu erhalten. Dann ging Dr. Freund näher auf die Revision der Judengesetzgebung ein. Professor Rudolf Cohy regte die Gründung einer Pensionskafse für die Hinterbliebenen der Kultusbeamten an. Dann gab Herr Wolfs den Kassenbericht, nnd man stellte den Etat für 1627 ans. Zum Schluß wurde die Wahl des Verbandsausschusses vorgenommen und Justizrat Holz als Verbandsvorsteher wiedergewahlt. . .. , Rorbhimferr. (Das 1000 jährige Stadtjubiläu m.) i Wie aus den Tageszeitungen bekannt sein dürste, beging in diesen Tagen die Stadt Nordhausen am Harz das Fest ihres 1000jührigen Bestehens. Am Sonnabend, den 28. Mai, wurden in allen Gotteshäusern Festgottesdieuste veranstaltet. Die Synagogengemeinde Nordhausen hatte den Sohn ihres unvergeßlichen Rabbiners Dr. Philipp Schönberger, Rabbiner Dr. Davin Schönberger-Aachen, berufen, die Festpredigt zu halten. Bor einer andachterfüllten Gemeinde sprach Rabbiner Dr. Schönberger von den Fragen ausgehend: „Wie stehen wir Jndeii zu der IlMjährigen Jubelfeier unserer Stadt? Ist diese Feier für uns nur eine Geste des höflichen Nebeneinanderlebens? Haben wir Juden das moralische Recht und damit die moralische Pflicht zur Feier oder, anders gefragt: Wie lösen mir das Problem Glaube und Heimat?" Dem Textrvort des Wochenabschnittes folgend „Ein jeder bei seiner Fahne und im Zeichen seines Vaterhauses sollen lagern die Kinder Israels rings um das Stiftszelt", wies der Redner aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Nordhausens nach, daß die Juden allzeits ihrer Fahne, ihrer Aufiaffung von Welt. Menschheit und Gottesidee, treu geblieben find, im Zeichen ihres Vaterhauses, d. h. im Zeichen, in der Aufnahme der Kulturwerke ihrer Heimat. Sie haben sich assimiliert im wissenschaftlichen Sinne des Wortes, nämlich die Kultur ihrer Umwelt ausgenommen oder zu organisch Neuem ihrer Idee verarbeitet. Die Kraft zu dieser Arbeit konnten sie nur immer wieder schöpfeil, weil sie lagerten rings um das Sttftszelt, weil sie eingedenk blieben der heiligen Aufgabe des Judentums, Menschheitsiüeen zu verbreiten. So ist das Problem Glaube und Heimat kein Gegensatz, ist zu lösen, wird nur Aufgabe. Die vom heiligen Feuer der Gotteöbegeisternng getragene Predigt beendete Rabbiner Dr. Schönberger mit dem Dichterwort: « Der ist ein wahrer Jude, der beseele Von Ueberzeugungstrene, Recht und Heimatliebe, Besiegt, was schmerzt und quält, Den Glauben an der Menschheit edlen Triebe, Des Rechtes Fackel hoch in das Dunkel hält. Nur rastend auf dem weiten Weg zum Gotteszelt. Während der abendlichen Festesfcier der Gemeinde fand der Vorsitzende des Vorstandes, Sanitätsrat Dr. Stern, tiefgefühlte Worte des Dankes für die zn Herzen gehende Predigt und eindringliche Ermahnungsworte an die Gemeinde. Anläßlich der lOM-Jahrfeier hat übrigens der Sohn des Vorsitzenden, Rechtsanwalt Dr. H. Stern, wie wir bereits berichteten, die Geschichte der Juden Noröhansens in dankenswerter Weise im Selbstverläge herausgegeben. Was der rumänische Flüchtling erzählt. Von El ee Be e r m a n n - Heilbronn. Fast sclie ich ihn noch vor mir sitzen, jenen jungen, rumänischen Juden, dem die Not und die Verzweiflung aus den Augen leuchtete, der aus Angst und Schrecken geflohen war. Schon Wochen war er unterwegs; streckenv«? eise wauderie er zu Fuß. In größeren Städten bat er die Glaubensgenossen um Hilfe. Man gab ihm kleinere Geldbeträge, doch oft langte es kaum für die Eisenbahnfahrt zum nächsten, größeren Ort. Aber er war ja noch jung, und die Furcht, doch noch den Verfolgern iu die Hände zu fallen, beschleunigte seine Schritte, trieb ihn rastlos vorwärts. Nach Holland wollte er, dort hatte er Verwandte, dort hoffte er Arbeit zu finden und unterzutauchen. — Ich fragte ihn nach seiner Geschichte, und in schlechtem Deutsch, und in immer größer werdender Erregung, berichtete er: Ich wer bei den rumänischen Soldaten, ich mußte mein Jahr abdienen. Es ging mir nicht gerade schlecht dort. Ich sehe nicht wie ein Jude aus, hin groß und kräftig, erfüllte meine Pflicht und wurde sogar bald befördert. — Bei mir in der Kaserne war jedoch noch ein anderer Jude. Er war klein und schwächlich, jede körperliche Anstrengung fiel ihm schwer. Die Soldaten foppten diesen schwachen Juden, der zwar geistig allen überlegen war, der viele Bücher kannte und Bildung hatte, aber bei den Übungen oft versagte, wo sic konnten. Sie zwangen ihn Schweinefleisch zu essen und belachten ihre rohen Späße, und wenn der arme, schwache Moritz schrie und klagte, so amüsierten sich seine Quäler am besten. — „Einmal“, so berichtete er. „kam Moritz zu mir, einen Brief in der Hand haltend. Sein Gesichtsausdruck zeigte Verzweiflung und Trauer. „Jakob,“ sagte er zu mir, „hilf mir um Gotteswillen. Ich habe einen Brief bekommen, meine Mutter liegt im Sterben, jakob, meine gute Mutter, die ihr letztes für mich bergab, will mich sehen, — verlangt nach mir —. Ich kann nicht zu ihr konimen.“ Er brach in Tränen aus. Ergriffen richtete ich ihn auf und sagte: „Moritz versuch doch einmal Urlaub zu bekommen. Nimm den Brief und bitte darum, wenn sie Menschen sind, können sie es dir nicht abschlagen.“ „Und wenn sic es doch tun? klagte er, „Jakob, was dann?“ Dann werde ich dir helfen, ich verspreche cs dir, wie weiß ich zwar noch selber nicht. — Halb getröstet zog er ab, doch gebrochen kam er wieder. „Was haben sie denn gesagt.” forschte ich. Er rang verzweifelt die Hände und stöhnend erwiderte er. Sie lachten über mich und sagten: „Und wenn du zehn Mütter hättest, Jude, die alle sterben würden, wir ließen dich nicht fort.“ Ich ballte die Hände in ohnmächtigem Zorn. Ich versuchte ihn zu trösten; er war ganz fassungslos und stammelte nur immer: „jakob, hilf doch, — meine Mutter — ich seh’ sie nie wieder“. Ich nahm ihm den Brief aus der Hand und las. Es war ein Schrei aus gequältem Herzen, die Frau wußte, daß sie Todeskandidatin war, und die Sehnsucht nach ihren Kindern war stark in ihr. ..Jakob, hilf mir,“ sagte er immer wieder und klammerte sich an mich. Mir war ein Gedanke gekommen. Ich arbeitete in dem Zimmer, wo die Urlaubsformulare lagen. Es war eine Kleinigkeit einen Schein zu entwenden und auszufüllen. Was ich dabei aufs Spiel setzte, war mir klar. Ich tröstete Moritz und versprach ihm zu helfen. — Den Urlaubsschein zu nehmen, war nicht schwer für mich, ihn unbemerkt zu stempeln ebenfalls nicht. Ich füllte ihn selbst aus, daß Moritz zwei Tage Urlaub hätte und nach Ablauf dieser Frist wieder in der Kaserne sein müßte. Ohne gehindert zu werden, kam er bei den Posten damit durch und eilte zu seiner Mutter. Die Tage vergingen. Ich zitterte vor Erregung, Moritz kam nicht wieder. Man hatte sein Fehlen in der Kaserne gemerkt. Man suchte alles ab, man dachte der kleine Jude hätte sich vielleicht das Leben genommen. Man telegraphierte mit dem Heimatdörfchen aus dem Moritz stammte. Da kam die Nachricht, er sei dort. Die Mutter war inzwischen gestorben, Moritz saß Schiwe. — Man brachte ihn mit Gewalt in die Kaserne, man zwang ihn, den Urlaubschein zu zeigen, mit dem er die Posten getäuscht hatte. A or die 2 hatte der Unglückliche noch eine 1 gemalt: nach 12 Tagen wollte er wiederkommen. — Sie schlugen auf ihn ein; sie quälten ihn entsetzlich, nur so hatten sic cs fertig gebracht, er wollte es ja nicht sagen, wer ihm zur Flucht verhelfen, wer den Urlaubschein gestohlen hatte. Doch dann mußte er wohl schwach geworden sein, mußte sein Körper die Qualen nicht mehr ausgehalten haben, er hatte meinen Namen genannt. — Man hat ihn wohl iotgeschlagen; ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. — Mich band man und schleppte man ins Gefängnis, froh, wieder einem Juden etwas antun zu können. Sic schlugen und traten mich, denn ich war ja wehrlos. Nachdem ich einige Wochen im Kerker gelegen hatte, kam die Verhandlung. Ich sollte 5 Jahre schweren Kerker bekommen. Ich wußte, was das bedeutet. „Lebend komme ich da nicht mehr heraus," dachte, i<^i, „ich würde siechen und sterben.“ Es war ein trüber, regnerischer Tag, neblig und grau. Ich war wenig bewacht, da unternahm ich meinen Fluchtversuch. Er gelang. Tags versteckte ich mich in den Wäldern, des nachts wanderte ich. Die Angst, daß sie mich finden könnten, beschleunigte meine Schritte. Zu betteln wagte ich noch nicht, aus Furcht erkannt zu werden, so hungerte ich viele Tage. — Doch ich hatte Glück. Das Ausland war erreicht. Bei Nacht und Nebel war ich über clie Grenze geschlichen, die Gefahr war jetzt nicht mehr so groß. Ich konnte mich auch wieder am Tage zeigen. In Deutschland besuchte ich verschiedene Rabbiner. Mau half mir weiter und jetzt will ich nach Holland in eine ungewisse Zukunft, in ein fremde* Land, ein heimatloser Jude.“ Beim Anhören dieser Geschichte kam mir da« Dichterwort in den Sinn: „Der Menschheit ganzer Jammer packt mich an“. Richtigstellung. STtt bie TchristleNnng der liberalen Zeitung. Berlin 52?. 48. Söilljclmftvaßn liT. oi> Icfctcu Xr. 21 re>kflc'rfiühtm Platte* turnt 27. ‘.'.Hai 1027 unterlief dem Scfccr ein reefti r-öfer (Vhu'v. der mir sehr u:t<mqcnci;;u ist imb auf den ick» schon lwu bcrfduebnini Seiteit aufmerksam gemacht wurde, weil er redfit störend zum Ganzen de- Besprechung sich ausnimmt. Unter „Bückerschau" bei Rezension »cm „Scüaarc - 5c bei" siebt am Schiltst isequcnz anstatt vivst sequens mit $. 2Ü-S JUtpfiilölogea stört das nur r.iait mich allein, sondern fiele, weil das Partizip sequeus nachlässig so oft mit e, gesprochen Wirb, eine grammatische U n m ö g I i ch 1 c i t. Sie täten mir einen Gefallen, in der nächsten Nummer diesen Rebler zn fei ichtigen >,nt der glückliche'., ü'egründung des nochmaligen Hinweises aus das pädagogisch,' lleroorrageude Buch ,■ Säi-aarc zedcl". Mit Dank im voraus ergebenst Rabbiner Tr. Arthur ü 0 i e n t T> <t\. Geschäftliches. Außer int Zoo. Liehertseepark. Kreuzverg, und im No^öseebad Norderney findet vom 1. Juni ein Ausschank sämtlicher uatürktcheu Heilbrnnuen in Quellentempevaiur durch die Brunaenvertrichbs.Altiengesellfchast vormals Dr. M. Lehmann & I. F. Heyl & Co. auch im Lunapark steckt. Kalenvariumsür GeZettv»m4.«.b.li.«. 1927 Juni 1927 Siwan 3687 Sonnabend 4 Sonntag 5 Montag « Dienstag 7 Mittwoch 8 Donnerstag 9 Freitag 19 Sonnabend ii 4. Wochenabschnitt: Noffau Haftarah: Richter Kap. 13,2—25 Sabbat-Ausgang: 6.19 Uhr 5. 6. 1. Tag Schabuoth 7 2. Tag SchaVnotl, 8. 9. 10. IL Wochenabschnitt: Bchaaloßcho ' Haftarah: Zacharias 2,14—17 8,1—10 Sabbat-Ausgang: 9.28 Uhr