Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wisch werakZlMmg Organ der Verelnlgung für das «Krale Ludentum e. D. Pch»ß-Pwd »an» bk(Nf<W*fMk V<Mferttt «. tBO WWlmmnner a.ro Bel freier Ankenduvg i. Saland stS 9t* die «Wieder der Verelnlgnng ist der Dezngeprei» l» «ttgKed»Leltrage enthette«. » , « VerLnrwerll. Redadte»« Bruno Deyd«. Vis „JfldifdMibcroto Sailung" •rfdielnt jeden Rrettag. NvVaktton ii. Sefcftüttsftelle: Berlin 9 W, Wllbelmftr. 147. «•rnraift vofenhnid« 335S, 3359 Poftfd>«dtftoiitoi BerlinnWTIlr.uro« (VfhXoima für da» Hbtwio luftittaiw Nad»ftnidt fSrntUd)« Orfetnat-tottrAg« nur mit vort>«rtaoc Omol)ffll0«iig de» «•OaKtton BOftatto«.?Z'k'lg*!*1!?' F^rrgefvevene RonpareUKreVr W Bsldnmrk. die « UamqeUe 3,00 voldmark. del aus Dieder-eümgea SladaU. u z r. : »Jüdisch-liberaleZettmtg" t 6048, wilhelmstrahe 147 Anzeigenannahme: Fnseralenabieilnngr Berlin <_,_______ ltzasenhetde: 3388—Sv), sowie sämtl Annoneen-ikryetz. Nr. 20 Berlin, 20. Mai 1927 7. Jahrgang Deutsche:-" f f ~ ~ ' ' ' MM ' ' ' Bedeutung. DaS der Uebersetzung rührt an dir Grundfrage des menschlichen Gemeinschaftslebens. ES hanoelt sich um das Verstehen anderer seelischer Art. Jeder Mensch ist eine Besonderheit, ein Einmaliges und Ursprüngliches mit einer bestimmten psychischen Originalttüt und Einstellung zum Leben, zur Natur und ru den Mitmenschen. Er setzt seine Empfindungen und Gefühle, seine Gedanken und Willensregungen aus sich heraus und will sich durch die Sprache den anderen verständlich machen, um aus der Vereinzelung in die Gemeinschaft zu gelangen. Und wenn auch jeder Mensch seine eigene Sprache redet, so sind doch alle Besonderheiten Abbilder des Allgemeinmenschlichen, dessen wesentlichste Funktion die Sprache ist. So ist schließlich alles Leben der Gesellschaft ein dauerndes Uebersetzen und die Sprache der Grundfaktor aller menschlichen Beziehungen. Uebertragen wir die seelische Art anderer rn unsere Auffassungsweise falsch, so entsteht die Dissonanz^ übersetzen wir gleichsam wortgetreu, so ergibt sich die Verständigung; bringen wir die verschiedenen Individualitäten in Harmonie durch innere, gegenseitige Einfühlung, so erreichen wir das Verstehen. Dieses Verstehen ist ein ethisches Ideal und geht in die Tiefe, Verständigung liegt an Ser Oberfläche und ist auch bei den Tieren zu finden. Unendlich schwerer noch ist das seelische Begreifen zwischen Menschen erreichbar, die nicht derselben Sprachgemeinschaft angehören. Und dennoch bleibt es das Höchstziel: die Menschheit, die Nationen und verschiedenartige Kulturgemeinschaften zum gegenseitigen Verstehen zu erziehen. Her ist die Uebersetzung Ser Literaturerzeugniffe der Völker die bedeutsamste Brücke. Die Uebersetzungen werden zu den wertvollsten Kulturaufgaben, weil sie nach einem Worte von Moritz Lazarus eine „Vermählung der Bolksgeister" darstellen. Jede gute Uebertragung eines großen Buches fördert die friedlichen Neigungen der Menschen. Je mehr ein Bolk non den Geistesprodukten anderer Nationen umschafft und sich damit in die Psyche der übrigen Nationen vertieft, desto mehr gelangt es zum Universalismus. Uebersetzen wird eine sittliche Tat, die die Schranken unter den Menschen niederleal und ihnen den Geist der Einheit des Menschengeschlechts nahe bringt. Uebersetzen heißt in diesem Sinne: die Nationalitäten versöhnen und sich durch die Psyche der anderen Völker innerlich bereichern. Das eigene Dprachgut erweitert sich, und der Volksgeist wird universell; er geht aus seiner Beschränktheit heraus und wird zum Allgeist. Am Anfang war eine Sprache und ein Verstehen und am Ende der Tage, das die Propheten die messianische Zeit nennen, wird die Erde von der allgemeinen verständnisvollen Einfühlung, die der Menschheitsfriede ist, erfüllt sein. Das erste Buch der gesamten Weltliteratur, das eine Uebersetzung gesunden hat, ist unsere Bibel. Als die griechische Sprache durch Alexander den Großen und seine Nachfolger zur Sprache der Völker um das Mittelmeer herum geworden war, ist die S e p t u a g i n t a, die Uebertragung der Heiligen Schrift ins Griechische angeblich durch 70 oder 72 Gelehrte, entstanden. Die Sage hat sich früh mit diesem Buch beschäftigt wie mit der Jugendgeschichte der Helden der Menschheit, als wollte sie auf die Bedeutung der griechischen Bibelübersetzung Hinweisen. Und in der Tat ist der Einfluß dieser griechischen Bibel unermeßlich. An diesem Ereignis hängt nicht mehr und nicht weniger als die Grundlage der ganzen Weltkultur bis heute und gewiß bis in die fernste Zukunft. Auf ein doppeltes Motiv ist öle Entstehung der Septuaginta zurückzusühpen. Die Inden im heidnischen griechischen Weltreich wollten, da die Kenntnis der hebräischen Sprache bereits vor 2000 Jahren in der Diaspora bedenklich zurückhegangen war, ihres jüdischen Schatzes und Urkleinods wieder inne «erben, und dazu brauchten sie, die griechisch Redenden, eine Uebersetzung der Bibel in die damalige Weltsprache. Andererseits wollten sie hm Heidentum die Bvllwertiakeit des Judentums dadurch beweisen, daß sie den Griechen die hebräische Rationallißeratur erschlossen. Zugleich sollte die griechische Bibelübersetzung eine dankbare Gegengabe des jüdischen an den Hellenische» Geist sein für alles reiche Kulturgut, das die Juden der Diaspora vom Griechentum empfangen hatten. Der Erfolg war beispiellos. Die «eite griechische Welt lernte eine non Grund aus andersartige Wett- und Lebensauffassung kennen unallmählich achten, da über dies der Geist des alten Hellenentums immer mehr versickerte, -er griechische Götterglaube durch die Bekanntschaft mit den asiatischen Religionskulten inS Wanken geriet und durch die Begründung und den Ausbau des römischen Weltreichs langsam, aber folgerichtig die Moral der Gesellschaft und damit zugleich der Lebenshalt des Einzelnen brüchig wurde. Da ward der jüdische Monotheismus mit seiner tiefsten Wahrheit von der GotteSebenbildlichkeit des Menschen und mit seiner universalen Menschenliebe das Rettunastau, das das morsche Heidentum ergriff. Mit Stolz sahen die Diasporajuden den Sieg des jüdischen Gedankens in der Welt und beförderten ihn durch eifrige Propaganda in der heidnischen Menschheit. Die griechische Bibelübersetzung hatte dieses Werk vollbracht, und als das funge Christentum seinen Gang antrat, fand es den Boden im Heidentum wohl vorbereitet für feine Lehren, die im Judentum wurzelten. So ist der Sieg der neuen Wettreligion, die das Erbe des römischen Reiches übernahm, bedingt durch die Uebertragung der Heiligen Schrift in die griechische Sprache. Seitdem hat sich die Bibel mit den verschiedensten BolkSgeistern vermählt; es gibt heute Saum eine beachtenswerte Sprache, in die dieses Buch nicht übersetzt wäre. Wer könnte diese zahllosen Uebertragungen charakterisieren und ihren unendlichen Wert für die geistig-sittliche Kultur der Völker aller Erdteile abfchätzen und in dem rechten Ausmaß würdigen? ES muß ohne Uebertreibung gesagt werden, -atz der geistig-sittliche Zustand der Menschheit ohne die Bibelübersetzungen in den tiefften Grundlagen nicht gedacht und verstanden werden kann. Aber einer Uebertragung müssen wir uns noch erinnern, bevor wir uns nach Deutschland wenden: tausend Jahre etwa nach der Entstehung der Septuaginta hat der große Gaon S aad i a, das berühmte Schuloberhaupt der jüdischen Akademie von Sura in Babylonien, die Bibel in die damalige Weltsprache, das Arabische, übersetzt und damit der starken, weiten Welt des Islam den Ursprung ihrer Wahrheiten aus dem Judentum gezeigt, sowie zur gerechten Würdigung des jüdischen Geistes beigetragen, während er den Juden die noch intensivere Einfühlung in die tiefere, geistige Art der Mohammedaner ermöglichte. Juden und Mohammedaner waren ja im Mittelalter die Kenner und Vermittler der Antike für das christliche Abendland, und Saadias arabische Bibelübersetzung hat die arabisch redenden Ju-den befähigt, sich in starkem Matze an dieser wertvollen Ausgabe für die Weltkultur zu beteiligen. Nachdem auf diese Weise der griechische und arabische Geist durch die Uebersetzung der Bibel aufs stärkste beeinflußt und zur reichsten Entfaltung gebracht war, sollte die Heilige Schrift in das dritte Reich eingehen und auch hier von der machtvollen Schönheit und ehrfurchtgebietenden Erhabenheit zeugen: in das Weltreich des deutschen Geistes. Dies war die Tat Martin Luthers. Geschichte. 1. Martin Luther. Goethes Wort an Eckermann hat eine vorausschauen.de Wahrheit: „Luther ist ein Genie sehr bedeutender Art! er wirkt nun schon manchen guten Tag, und die " chl der Tage, wo er in fernen Jahrhunderten auf- >ren wird produktiv zu sein, ist nicht abzusehen." echt man an dieses Bekenntnis des deutschen Christen, des «großen Heiden", den Satz des deutschen Juden Hermann Cohen: „Wir deutschen Juden müssen es mit dankbarer Genugtuung erkennen, daß dieser deutsche GeisteSheld als religiöser Genius, als deutscher Dichter und als Stilist, der er im größten Stile war, an unserer Bibel, an der Uebersetzung der Propheten und der Psalmen zu seiner Höhe emporgewachfen ist", so ist die Bedeutung Luthers kurz und treffend aufäezeigt. Die Reformation des Christentums vollzieht sich du«h das Zurückgehen auf di« Duelle des jüdischen Monotheismus, unsere Heilige Schrift. ES gab deutsche Bibelübersetzungen vor Luther, aber sie waren aus der offiziellen, noch heute von der katholischen Kirche allein anerkannten lateinischen Uebertragung deS Hieronymus, der sogenannte B u lga ta, entstanden, stammten also aus zweiter Hand, waren Uebersetzung aus Ueberfetzung. Archer ging in der Religion ans die Ursprünge zurüch wie er eS bei den Humanisten gegenüber Lem klassischen Altertum sah. Und diese Duelle sollte M all« fließen. Nicht mehr sollte LaS Studium der BideL, wie die Kirche es anordnete, nur den Geistlichen Vorbehalten fein. So ging denn Luther an das Werk heran, das die unsäglichsten Schwierigkeiten ihm bereitete: er mußte hebräisch lernen und die deutsche Sprache erst schaffen. Mit regstem Eifer und mit erstaunlichem Erfolge verschaffte er sich allmählich die Kenntnis der Sprache des Originals. Mit Hilfe von Johann Reuchlins Wörterbuch und Grammatik und mit Unterstützung seiner Freunde Melanchthon und Aurogallus, des Professors oer hebräischen Sprache, erlangte er schnell eine starke Beherrschung des Hebräischen. Und als er im Jahre 1511/12 in Rom einen jüdischen Arzt kennen lernte, bot ihm diese Bekanntschaft einen willkommenen Anlaß, seine Kenntnisse in der heiligen Sprache zu erweitern und zu vertiefen. Aber jedes Genie geht feine eigenen Wege, fernab von der breiten, geebneten Heerstraße, wo die große Menge sich bewegt. So hatte auch Sucher seine besondere, sel'bftgeschaffene Methode, um jenseits des Formalen in den Geist der biblischen Sprache einzudringen. Um hinter den Sinn einer Stelle zu kommen, wandte er die Sprachvergleichung mit einer ähnlichen Stelle an. „Ich habe", sagt er, „mehr Hebräisch gelernt, wenn ich im Lesen einen Ort und Spruch gegen den andern gehalten habe, denn wen« ich'S mir gegen die Grammatik gerichtet habe. Ich bin kein Hebräer nach der Grammatik und Regeln, denn ich lasse mich niMnd anbinden, sondern ich gehe frei hindurch." Trotzdem schätzte man früher feine Kenntnisse im Hebräischen nicht hoch. Jetzt Een wir cmS aufgefundenen Verhandlungen, die er mit seinen Freunden zur Verbefferung seiner Bibelübertragung führte, ihn gerechter zu würdigen. Darum verdienen seine Urteile über das Hebräische besondere Beachtung: „Die hebräische Sprache hat ihre eigene, sie von der griechischen, lateinischen und deutschen unterscheidende Farbe, sie ist die allerbeste und reichste in Worten", „sie drückt ein jedes Ding mit seinem eigenen, besonderen Wort aus." Sie verwendet keine zusammengesetzten Wörter, d. h. sie „bettelt nicht. „Sie ist einfältig! majestätisch und herrlich, schlicht und wenig von Worten, aber da viel hinter ift". das Griechische hingegen ist „wohl freundlich und holdselig, aber begnügt sich mit guten unlieblichen Worten." Von den griechischen Bibelübersetzern und Hieronymus läßt er sich wenig beeinflussen, weil er ihre Kenntnis der hebräischen Sprache und ihre NebersetzunoSkunst für höchst mangelhaft hält. Starke Wirkung übt auf ihn der bedeutende Bibelerklärer Nikolaus von Lyra, der die Auslegung der mittelalterlichen jüdischen Exegeten sich oft zu eigen macht und durch den Luther indirekt mit den rabbinischen Deutungen bekannt wurde. Diese Abhängigkeit von Lyra wurde später in das Scherzwort gekleidet: „Si Lyra non lyrasset, Lutherus non saltasset" fhätt' Lyra Nicht geleiert, hätt' Sucher kein Tanzfeft gefeiert; oder: wenn Lyra nicht hätte aufgespielt, hatte Sucher nicht aufgewühlt). Aber alle diese mühevollen Vorarbeiten zur Uebersetzung waren nutzlos geblieben, wäre nicht Luther ein wundersames Sprachgenie gewesen. Es gab keine einheitliche deutsche Sprache, sondern zahllose Mundarten, die so verschieden waren, daß man damals einander schwer verstand, wenn man, wie Luther, ausgedehnte Reisen im deutschen Reiche unternahm. Unter Zugrundelegung der sogenannten sächsischen Kanzleisprache, „welcher Nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland," hat Luther erst, nne allgemein bekannt ist, schöpferisch die deutsche Sprache gerade durch seine Bibelübersetzung zur allgemeinen Nationalsprache durchgcbildet. Er hat Wort und Ton und Rhythmus dem lebendigen Treiben des Volkes in allen seinen Schichten und Berufen ans allen Gegenden Deutschlands entlehnt und mit dem feinsten Sprachempfinden zu einer Einheit irmgegofftiL die im Lause der Entwicklung zur politischen Einheit führte, nachdem in der deutschen Klassik als Brücke und Bindeglied die Kultureinheit geschaffen war. Er hat den gemeinen Mann durch feine meisterhafte Bijbelübertraguna an den Quell der lebendigen Religion herangebracht, hat des deutschen Volkes Gemüt durch die glutvolle Innerlichkeit Ser Psalmen vertieft und durch seine klare und durchsichtige, eindringliche und kraftvolle, dichterisch nachernrpfiwdende und feierlich-erhabene Uebersetzung 7869030954