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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-29 · 17 (29.4.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
17 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WjschMraleZejtillm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e.D. Bezugspreis durch die Keschästssielle V. jährlich Sk. 2.50 Eiüzelnummer 0.20 Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 9te die Mitglieder f er Vereinigung ist der Bezugspreis i« Mttgliedsdeitrage enthaUen. s s verantwortl. Redakteur Bruno Doyda vlo „IüVlfcHUVsrate Sottung* orfchoint jetten Sr eitag« Redaktion u. OefcDäftsfteHe: Berlin SW, Wllhe!mftf. 147. fernruf: Hafengelde 3358. 3359 Poftfd)«<kfconto: Berlin I1WT nr.irrosv (Vereinigung für vae llbr rate Jubentum Nad7brucfc t&mt lieber Original-Beiträge nur mit vorheriger Oenefymigung Oer NeOaN ion gestattet. Anzeigenpreise: 5ie 12gespaltene RonparMezette 0.43 Goldmark, die R klamezeile 3,00 Goldmark, bei :: ü :: Wiederholungen Rabatt. RUN Anzeige nannab me: «jüdisch - liberale Zeitung" Inser atenableilung: Berlin <LW48. Wilhelmstraße 147 (Hascnheide: 3358-59). sowie fämtl. Annoneen-Epped. Ar. 17 Berlin. 29. April 1927 7. Jahrgang mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmBmsmmmsmmssmsmsmmsmBBssmmmmmmassmmm Die deutschen Mbiuersemiume. , Während andere Religionen fanatische Bersolgungsrriebe geführt haben, um in krasser Verkennung mesfianrschen Erlüsertums mit Feuer und Schwert oder unter dem Banner des angeblich göttlichen Ausrufs eines kirchlichen Würdenträgers, geschmückt mit dein - Lrtbeszeichen des Kreuzes, für ihre Glaubensgüter! , eintraten, hat das Judentum stets das Mittel echt ' »oealer Zielstrebigkeit im Sinne pro - p H e t.t sch e r F r i e d e n s h o f f n u n g e n zur Erfüllung seiner Aufgabe in großzügigster Meise angewandt. — So recht bezeichnend für das Abrücken von Aeußerlichkeiten, die den Tochterreligionen so häufig anhaften, sprecht sprechend für die wahrhaftige Vertiefung jüdischer Auffassung ist das Bekenntnis in den Sprüchen über die Thora, worin wir die Auserwählung Israels in dem himmlischen Gnadengeschenk der unsere Gemeinschaft lebensfähig und lebensstarl erhaltenden Gotteslehre erblicken. In Zeiten der Not oder Zersplitterung errichtete das Judentum seine Schulen. So machte es um das Jahr 70 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung Simon ben Ochetach. Vorsitzender deS Synhedriums, rndem er in jedem Kreise des heiligen Landes eine Schule als Zentralpüpkt der Umgegend gründete,' ober im Jahre 60 unserer bürgerlichen Zählung der Hohepriester Josua bLtt Ga mala, der jeder Stadt Palästinas feine Schule gab. Diese vnterrichltzstätten sollten dem pharisäischen Judentum gegen sadduzäische Verflachung und das Zersetzende Treiben des Zeloteutnms eine wertvolle Stühe bedeuten. Was bereits in früheren Zeiten als ein Bedürfnis erachtet wurde, das erwies sich in Deutschland in der Zeit nach Moses Mendelssohn als unabweisbare und schreiende Notwendigkeit. Talmudische Gelehrsamkeit wurde immer seltener, die Talmudsünger wandten sich ausschließlich dem Studium der Profanwissenschaften Zu, die Uebertritte häuften sich, die Lehrhänser wurden schließlich — geschlossen. Um nicht den letzten Todeszuckungeu kraftlos zu erliegen, ging mau daran, R ab b i n e r s e nr i n a r e Iris Leben zu rufen. Sie sollten die alten Lehrhänser ersetzen helfen, die früher in jeder noch so kleinen jüdischen Gemeinde zu finden waren und nicht nur Bildungsstätten für zukünftige Rabbiner darstellten, fon- Lertt Leu meisten G e m e i n d e m i t g l i e d e r n ben „Quell lebendigen Wassers" erschlossen. Drei solcher Anstalten, von denen eine fast dreimiertel Jahrhundert und zwei Wer ein halbes Jahrhundert zur Ehre des Judentums seine geistigen Führer heranbilden und als Nährstätten höchster Knltnrrverte eine bedeutende Rolle spielen, haben in unserem Vaterlande ihren Sitz. Um der breiteren Oefsentlichkeit einen Einblick in ihre Geisteswerkstatt zu gewähren, soll im folgenden von ihrem Werden die Rede sein. 1. Rabbinerseminar (zu Berlin) für das orthodoxe Judentum. In ihrer Gewissensnot scharten sich Jünglinge um den berühmten Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer. Im bloßen „Lernen und Lehren" konnten sie keine Befriedigung finden. Hierin erblickten sie vielmehr eine große Gefahr, der sie in Berlin, der Stadt des Wissens und Forschcns, völlig erliegen zu müssen glaubten. Hildesheimer sollte ihnen den Weg weisen für das „Halten, Vollftthren und Bestätigen aller Worte der heiligen Lehre". Sie fürchteten, ohne den wahrhaft religiösen Führer den lockenden Stimmen der Entgleisung und des Unglaubens nicht standhalten zu können. Von der Notwendigkeit der Schaffung einer orthodoxen Pflanzstätte jüdischen Geistes durchdrungen, rief Hil- ' desheimer die Hilfe von zehn prominenten Persönlichkeiten an, um seine Ziele zur Verwirklichung zu bringen. Es bildete sich ein Zentralkomitee, welches das Vertrauen eines Teiles der deutschen, aber auch der autzerdeutschen Judenheit gewann. Opferfreudigkeit für die Ideale der heiligen Thora ließ beträchtliche materielle Mittel zusammenflietzen: man erwarb das Grundstück Gipsstraße 12a. Das Statut des Seminars änderte die Bezeichnung Zentralkomitee in Kuratorium um. Die rechten Lehrer wurden gleich gewonnen. Man berief als Dozenten die Herren Dr. Hossmann und Dr. Berliner, die der Richtung Hildesheimers an^ehörteii. Hosftnarm, einem langjährigen Hörer Hildesheimers, wurden die Vorlesungen in Talmud kursorisch, die „glossatorische Disziplin" und Bibelexegese anvertraut. Dr. Berliner erhielt den Lehrstuhl rn Literaturgeschichte, Midrasch, Responsen und halachischen Dezisoren des Mittelalters. Bald wurde das Kollegium erweitert durch den wertvollen Zuwachs des Herrn Dr. Barth. — Am 22. Oktober des Jahres 1873 schritt man wohl vorbereitet zur Eröffnung des Seminars. Die Feier fand im großen Saal der „Gesellschaft der Freunde" statt. Der Rektor Dr. Hildesheimer übernahm die Festrede. Aus dem Lektionsverzeichnis des Jahrganges 3634 (1873/74) möchte ich einiges herausareifen, da hieraus die aroken Aufgaben des Rabbinerseminars klar hervorleuchten. Der Rektor trug vor: Im Wintersemester Talmud, Auswahl aus Traktat Jebamvth, im Sommerfemester Auswahl aus Traktat Ketuboth. Die Hörer wurden zur Verfolgung der talmndischen Quellen bis zn den Festlegungen der Errtscheidungsschriften bei Bestimmung einer Satzung angeleitet. Religionsphilosophie: Auswahl des Buches Kufari (Juda Halevi) mit Hinzu nähme der einschlägigen Stellen im More. Geschichte: WS, Untersuchung der von der neueren Bibelkritik in die vorliegende Zeit verlegten größeren Abschnitte und Einzelstellen der Propheten und Hvgtographen.; •> - ... S. S.. Eigentliche Geschichte vom Exil bis zum ersten Makkabäersürsten. Bemerkung: Homiletische und hclachifche Hebungen unter Leitung der Dozenten nach einem gewissen Turnus. — Dr. Hoffmann las: Talmud kursorisch, Auswahl aus Traktat Sabbath mit allen Kommentatoren. Dazu das gleiche Gebiet Schulchan Aruch Orach chajim mit Kommentaren und späteren Dezisoren. Pentateuch: W. S., die Opfergesetze Leviticus 1—10, S. S. die Festgesetze mit Zugrundelegung von Leviticus 23 und Parallel- I stellen. Exegetische U ebu nge n : Vorträge und Ausarbeitungen nach gegebenen Themen. Dr. Berliner dozierte Literaturgeschichte: W. S.: Abschluß des Talmud bis Ende der Geonim. Begriff der Hagada. Die älteren Midraschim. — S. S.: Die großen Halachoth und die Scheeltot, Responsen der Geonim. — Bemerkung: Dr. Barth dozierte seinerzeit noch nicht. Er war bewunderswert als Exeget und fand seinesgleichen nicht in Deutschland und weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus. Wie er als Arabist in Deutschland unerreicht war, so bedeutete auch seine Dozentur in hebräischer Grammatik eine bis ins feinste gesteigerte Kunst. Ich hatte das große Glück, mehrere Jahre sein Hörer zu sein, was zu meinen tiefsten Erlebnissen gehört. BarthwarderMann der freien Forschung. Professor Dieterici trug vor: Arabisch; W.-S., Koran, ausgewählte, Stücke aus dem Jbn Jakuth. Ueberblick über die arabische Kulturgeschichte. Professor Dr. Wetzstein las über das Leben und die Gebräuche der heiligen Bewohner Palästinas. Im Geiste des großen Organisators Rabbiner Tr. Israel Hildesheimer, der als ausgleichende Persönlichkeit stets alle Härten und Verketzerungen innerhalb des Judentums mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Autorität auf das entschiedenste bekämpfte, versucht das Rabbinerseminar auch heute seine Arbeit zu leisten. Neue Männer, die sich der hohen Verantwortung der früheren Lehrer des Seminars bewußt sind, arbeiten mit ihren Jüngern in den Disziplinen jüdischer Geistesschütze nach den Grundsätzen unverrückbaren Ueberkomm en seins. Von Dozenten, deren Wirken schon in frühere Jahre zurückreicht, möchte ich Dr. Wohlgemnth, den Talmudisten und Religionsphilcsopheu, bekannt in der Getehrteuwelt. erwähnen. — Nicht vergessen kann ich den seltenen Menschen Dr. Hirsch Hildesheimer, berühmt als einer der besten Kenner des heiligen Landes, Dozent für Geographie Palästinas. Er starb zu früh. Seine sonnige Menschenliebe, die ihm bei allen Richtungen eine Unzahl von Freunden erwarb, soll für das Seminar stets Richtschnur der Großzügigkeit b l e i L e n. 2. Jüdisch theologisches Seminar zu Breslau. „Fränckelsche Stiftunq." Die Wahlkämpfe innerhalb der deutschen Judenbeit während der letzten Jahre haben mit Stentorstimme die Parole von der Daseinsnotweudiokeit einer sogenannt ten Mittelpartei erneut in die Welt hinansgetvagen. Das Breslauer Seminar steht in dem Ruh seine Entstehung dem Gedanken dieser mittleren Rrchtung zu verdanken. Ob jedoch die Wege, die Breslau ging» wirklich durchaus und durchum die Praxis dieser neutralen Linien verfolgt haben, und inwieweit nur von einer Theorie die Rede sein kann, soll dem forschenden Leser zur Beurteilung osfeubleiben. Der Eröffnnngsbcrlcht des Breslauer Seminars betont den richtigen Grundsatz, daß nicht der äußere Gegner der wahre Feind unseres I u de n t u m s sei, sondern die g e f a h r b r i n g e n ye Gegnerschaft des versiegelten Buches jüdischer Wissenszweige. Der trostlose Zustand der derzeitigen Tage rief mit Dounerklang zur Gründung der Breslauer Schule ans. — Aus dem Testament des Kommerzienrats Fränckel geht hervor, daß sein nur wohltätigen Zwecken dienender Nachlaß auch zur Gründung eines Seminars verwendet iverden sollte. Das Kuratorium war dazu bevollmächtigt, den Willen zur Ausführung zu bringen. Die grundlegenden Ideen, nach denen sich das Seminar ferne Ziele steckte, finden meines Erachtens in der Formel rhren Ansdruck, die Stiftungen „vor unheilvylleA S t t önt unge n d e r P a r t e i l e i d e u schck f te n w t e v o r ~ starrem Formalismus -Pst schützen". Das Seminar sollte das Judentum aus dem Chaos der Schwankungen und Spaltungen auff festes Land retten. Zwei Faktoren sollten das Produkt der Arbeit dieser Anstalt ergeben: Gebundenheit an unverrückbare Bausteine, die eine Jahrtausende alte Geschichte in das Gebäude jüdischen Glaubens erugesügt, aus der anderen Seite wissenschaftliche Forschung und Feststellung ihrer Ergebnisse. Es sollten Rabbiner mit wirklichem Lehrberuf und der entsprechenden Lehrbefähignng herangebildet werden. In einer zweiten -lbteilung sollten ReligionSlehrer für den Unterricht der Jugend ertüchtigt werden. — Herr Obervabbmer Dr. Frankel aus Dresden war der Mann, der neben seinem hervorragenden organisatorischen Talent alle die Qualitäten eines Pädagogen von Ruf und Namen in sich vereinigte, wie man ihn sich erträumte. Er wurde zum Direktor des Seminars ernannt. Ein Cyklus von drei Jahren war für die Ausbildung des Religionslehrers und eine solche von sieben Jahren für die wissenschaftliche Ausreifung zum Nabbinat in Aussicht genommen. Am 10. August 1834 wurde das jüdischtheologische Seminar eröffnet. Es wurde beschlossen, alljährlich am 27. Januar, dem Todestag des Stifters, eine religiöse Feier zu veranstalten. — Das Lehrerkollegium bestand aus den Herren Direktor Dr.Frankel und den ordentlichen Lehrern Dr. Bernays und Dr. Graetz. Von ihrer Lehrfähigtcit wird rühmend gesagt, sie sei „in so bcfriediaender Weise belegt worden, daß über dieselbe nicht der mindeste Zweifel obwalten kann". — Der Eröffnungsbericht des Jahres 1834 enthält kein übersichtliches Vorlesungsverzeichnis. Daher will ich beispielsweise aus dem Bericht des Jahres 1858 einiges über die einstige Arbeit des Seminars sagen. 1. Iiabbinerseminar. Dr. Frankel las in der oberen Abteilung: Pentateuch Levit. ab Kap. 15 mitAiascht und Ramb-an (Kantmentatoren). Talmud: sta La risch GitLin von Abschnitt 4 bis Eride des Traktats. Talmud kursorisch Traktat Megillah ab Fol. 23 bis zu Ende. Traktat Succot bis Fol. 42. 31ituallehre: Eben HaLser Gittin. Schriftliche Ausarbeitung ties-erliegender Themata. Misch'na: Ordnung Seraim. Einleitung des Rambam zur Ordnung Taharot. Dr. G r a e tz las in der o b e r e n Abteilung Bibelexegese: Hiob Kap. 10 bis Ende. Die Propheten Hofe«, Joel, Amos und dazu Einleitung zu den Propheten. Apokryphen: erstes Makkabäerbuch Kap. 5 bis Ende. Sirach Kap. 24 laudatio sapientiae und andere ausgewählte Teile. Die Apokryphen wurden mündlich aus dem Griechischen ins Hebräische übersetzt. Hebr. Grammatik: Die Syntax. Zur Uebnng Exerzitien und Extemporalien. Jüdische Geschichte: Bon der Makkabäerherrschast bis zum Abschluß des Talmud, verbunden mit Literaturgeschichte. — Er las in der zweiten Abteilung Bibclcxe^ese: Denker, statorisch, Wvchenperikopen kursorisch. Sprüche Salomv Kap. 10 bis Ende, Josua.

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