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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchLttAkZeilMg Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e, 1k Bezngsprei» durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. LSV Einzelnummer 0^0 Bei freier Zusendung i. Inland 0^5 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgkedsbeitrage enthalten, ns« Verantwort!. Redakteur: Bruno Doyda. vis „lüdifch-Ndsralv Zeitung" erscheint jeden Freitag. Nedaktton u. Sefchüttsstette: veriln 8W, WUfrelmftr. 147. fernruf: Safenheide 3358, 3359 Poftfd)«fekanto: Dtrfln RW7 Ilr.l 97069 CVfiutgtinfl füg da» llb«ral> Jwftmtam NadjOmcfc sLmtNchvr 0rigtm»I-0»ttrag» nur mit vorl)«rig«r 0»nvhmtgung v,r Refraktion gvstatt»t. Anreiaenpretser DtaVg 0.45 Goldmark, die ReklamezeUe 3.00 Gol r: s s Diederholnugm Rabatt. s 8 n Anzeigenannahme: . Jüdisch, liberale Zeitung- Inseral-rradteUmrg: Berlin SD 48. Vilhelmstraße!47 (Hasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Annoneen-Lzeped. Rr. 16 Berlin, 22. April 1927 7. Jahrgang Palästina Zwei Hauptvorstandsmitglieder des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdische« Glaubens und eifrige Freunde unserer Bewegung, die Herren Staatsrat a. D. J.-R. Dr. Cohn-Desiau nnd R.*A. Dr. Bruno Weil-Berlin, berichteten kürzlich über ihre Reisen nach dem Orient gelegentlich eines Tees, zn dem Herr J.-R. Dr. Brodnitz, der Borfitzende des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, am 9. April einen kleinen Kreis prominenter jüdischer Persönlichkeiten geladen hatte. Wir veröffentlichen im Folgenden ans Grund stenographischer Aufzeichnungen die hochinteressanten Ausführungen der beiden Redner. Die von unvoreingenommenen Persönlichkeiten (J.-R. Dr. Cohn-Deffau gehört bekanntlich dem Keren hajessod au) gemachten Darlegungen werden sicherlich dazu beitragen, Palästina so zu werten, wie es von jüdischen nnd allgemein-politischen Gefichtspnnkten ans allein betrachtet werden kann: als ein Land unserer religiösen Erinnerung, das aber in der Gegenwart Instrument der englischen hohen Politik ist und nicht von entscheidender Bedeutung für die Behebung der materiellen oder geistigen Judennot sein kann. D i e R e d. Die Ausführungen von Dr. Weil-Berlin: Aegypten. Meine Damen und Herren! Aegypten ist seit der Zeit, zu der der große griechische Geschichtsschreiber H e r o d o t seine seltsame Reise dorthin antrat, immer noch ein Land der Rätsel, der Wunder und der Widersprüche, ein Land, in das sich der Reisende, der aus den gesitteten Gefilden Mitteleuropas kommt, nicht ganz leicht einsühlen kann, ein Land, in dem jeder Tag neue Ueberraschungen, bunte Bilder, wechselnde Gestaltungen bietet. Unendlich viel Wunderbares, aber auch viel Anstrengendes bringt die Reise durch Aegypten, und wenn man — da ja doch der Nachdruck des heutigen Nachmittags, wie es die Natur der Veranstaltung bedingt, nicht aus Aegypten, sondern auf Palästina liegt — nach einer langen Reise durch Aegypten noch einmal kurz die Dinge vor dem geistigen Auge oorübergleiten läßt, die man dort in Wirklichkeit sehen konnte, so ist es schwer, aus der Fülle des Gesehenen das herauszugreifen, was das Allereindruckvollste gewesen ist. Wenn ich für meinen bescheidenen Teil die Dinge nennen darf, die dort einen unvergänglichen und überhaupt nicht abzuschwächenden Eindruck auf mich gemacht haben, so ist es einmal der goldene Sarg T u t a n ch a m o n s, den man nach dreitausenddreihunüertjährigem Schlaf aus seiner Felsengruft herausgenommen und den Beschauern im Museum von Cairo dargerboten hat: ein Sarg, dessen künstlerische Qualitäten — neben dem puren Golde, aus dem er, vier Zentner schwer, gearbeitet ist — so verblüffend sein gearbeitet nnd modern wirken, daß auch die neuesten Darstellungsmittel der modernsten Goldschmieöekunst nicht überbieten können, was die Aegypter für ihren toten König um 1350 vor Christus geschaffen haben. Das zweite kaum wiederzugebende Erlebnis ist, wenn der Mensch, mag er Königspaläste in Versailles oder in Madrid, mag er den Vatikan in Rom oder wag er Venedig und Potsdam gesehen haben, vor dem durch die Jahrtausende aufgerichteten gewaltigen Denkmal steht, das König Cheops sich errichtet hat, vor dieser ungeheuren Pyramide, in der er glaubte, den Schlaf in alle Ewigkeit träumen zu können, vor einem Bauwerk, das aus nichts besteht als aus aufeinanüergetürmten Quadern, jede etwas mehr wie einen Kubikmeter groß, aber einem Bauwerk, das aus 21/2 Millionen solcher Quadern besteht und das in der Länge seiner Seiten 230, in der Höhe fast 200 Meter mißt. Niemand, der die Sprache der ewigen Harmonien zu verstehen sich bemüht, kann unberührt an den Geheimnissen und den Rätseln dieses ewigen Grabes vorübergehen. Die Wüste. Wenn es 6000 Jahre her ist, seit hunderttausend Aegypter in Fronarbeit nnd fremde Kriegsgefangene in Sklaverei dem König dieses Denkmal errichten mußten, so ist das dritte und das größte, das man in Aegypten sehen kann, etwas, das weit noch über die 3300 Jahre von Tutanchamon, etwas, das weit über die 6000 Jahre von Cheops zurückreicht, die ewige und unvergängliche W ü st e, diese Wüste, die mit ihrer unendlichen Ausgebreitethert, mit ihrem wellenförmigen Aus und Ab das stärkste Sinnbild des menschlichen Lebens darstellt, des Kommens und des Gehens, des Aneinandergereihtwerdens aller Glieder zu einer Kette, des Auseinanderfolgens der Generationen. Wenn zwischen Luksor und Assuan der ganz europäisch anmutende Schnellzug so dahinfährt, daß auf der einen Seite die arabische, auf der anderen die syrische Wüste sich fast unmittelbar an den Zug herandrängen und dem Menschenwerk nur den schmalen Raum der wenige Meter breiten Eisenschienen gelassen zu haben scheinen, so trägt die gewaltige Unendlichkeit und Erhabenheit der Natur den Triumph selbst über König Cheops und über Tutanchamon davon. Jüdische Geschichte in Aegypten. Es gibt in Aegypten, in diesem so wundersamen Lande, nicht wenige Dinge, die auch im unmittelbaren Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte stehen, die aber auch im Zusammenhang sind mit der Zeit, die vor der liegt, die wir als die „jüdische" bezeichnen können, die also weiter zurück und selbst in die Epochen vor den glorreichen Zeiten König Sauls, Davids und Salomons hineinragt. Am südlichsten Ende Aegyptens, gegenüber dem herrlich gelegenen Assuan, liegen aus der kleinen Insel Elephant i n e, heute noch bunt zerstreut, die Trümmer einer einst großen, mit Tempeln geschmückten Stadt. Ein glücklicher Zufall ist es gewesen, der auf der Insel Elephantine einen deutschen Forscher, Dr. Rubensohn, eine Reihe aramäischer Urkunden hat finden lassen, die beweisen, daß schon im 6. und 5. Jahrhundert vor Christi eine große jüdische Kolonie auf dieser Insel gelebt hat. In heftigen Klagen, die an den Statthalter des damals Aegypten beherrschenden persischen Königs nach Jerusalem gerichtet snrd, beschwert sich das Oberhaupt der jüdischen Gemeinde und beschweren sich die jüdischen Priester dieser Stadt, daß ihr Tempel, der schon aus der Zeit der ältesten Könige Aegyptens herrühre, von ungeweihter Hand zerstört worden sei, und sie bitten um die Ermächtigung, an dieser Stelle einen neuen Tempel aufführen zu dürfen, ebenso kostbar und reich wie der, der vorher seit Jahrhunderten dort gestanden habe. Wenn man einen Moment aus dem archäologischen Empfinden sich ins politische hinüberdenkt: ein ganz seltsamer Vorgang, daß viele hundert Jahre vor der Zerstörung des Tempels, 2000 Kilometer von Jerusalem entfernt, eine große jüdische Kolonie gelebt hat, und daß in den Gesuchen, die diese jüdische Kolonie um die Wiedererrichtung ihres Tempels an den persischen Statthalter richtet, kein Wort des Wunsches der Heimkehr nach Palästina oder in das gelobte Land, kein Wort des Wunsches nach Beteiligung an den jüdischen Dingen in Palästina austaucht, sondern daß sich diese Bewohner der jüdischen Kolonie darauf beschränken, den Wunsch auszusprechen, an dieser ihnen zur Heimat gewordenen Stätte des südlichen Aegptens, wo dieses schon fast anfängt, Sudan zu sein, ihren Tempel wieder zn errichten. Von den anderen Dingen, die mit der jüdischen Geschichte eng Zusammenhängen, darf ich die Stele des Pharao Mer-en-Ptcrh erwähnen, die iw Museum von Cairo steht, die älteste Urkunde, in der der Name Israel überhaupt erwähnt ist. Nach der Meinung nicht weniger Gelehrter ist es ja dieser König, der um 1250 v. Cyr. gelebt hat, unter dem der Auszug der Kinder Israels aus Aegypten stattgefunden hat. Er bezeugt auf seiner Siegesstelle, daß er Askalon und Gezer und die anderen Städte, die im Philisterlaude liegen, niedergeworfen hat, und sagt dann weiter: Israel ist samt seiner Nachkommenschaft zugrunde gerichtet und Palästina ist für Aegypten eine Witwe geworden. ♦ Noch weiter zurück irr die NorzeÄ webend dW Elephantine, weiter als die Stele des Pharao Mer-ew- Ptah seien als Zeugen für die Zusammenhänge zwischen dem biblischen Land und Aegypten die Denkmäler und Darstellungen der Schlachten am großen Amon»-, tempel zu Karnak angeführt, die die großen Könige Sethos 1. und Ramses n. geführt haben, Darstellungen, in denen sie ihre Siege über die Bewohner Palästinas und die Libyer tat den üblichen übertreibenden Worten, wie sie Kriegsberichte zn allen Zette« zu enthalten pflegen, der Ewigkeit überliefert yaberu Am gleichen Tempel verherrlicht eine Sieges^ inschrift Sch 0 schenks I., den die Bibel Sisak nennt, den Sieg des Königs über Rehabeam von Juda, den Sohn Salomos. Die diplomatische Korrespondenz zwischen Aegypten und den Vasallen in Palästina, $te die Grabungen der deutschen Orientgesellschast Lei Tell el Amarna zutage gefördert hat, reicht ins 15. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und hat höchst interessante Schlüffe auf die damaligen Zustände in Palästina gestattet. Es ist ein bedauerliches Zeugnis, auch vielleicht für den jüdischen Sinn für solche Dinge, daß dieses große reiche Material, das in Aegypten an den Wänden der Paläste und Tempel, an den Särgen und in den GraLkammern ausgestapelt ist, und das von den Zusammenhängen zwischen Palästina nnd Aegypten in einer, lange vor der eigentlich jüdischen Zeit liegenden Epoche berichtet, bisher so außerordentlich wenig zur Ver-. arbeitung gekommen ist, zu einer Darstellung wenig-, stens, die auch dem Sinne des gemeinen Mannes saß-t bar gewesen wäre, und daß Las Spezialistentum, das! die Aegyptologen sich auf Aegypten beschränken und die Semitisten sich für nichts weiter interestieren läßt als für rein semitische Dinge, es verhindert, daß diese doch so außerordentlich interessanten Zusammenhänge aus. der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, intensiv bearbeitet worden sind. Ich glaube, hier liegt eine Aufgabe, die Les Schweißes der Edlen und der Mitarbeit auch der deutschen Juden nach jeder Richtung würdig wäre. Bon Aegypten nach Palästina. Es ist eines der für jemanden, der in Tradittouen empfindet, seltsamsten Dinge, daß man in einem Schnellzug, der um sechs Uhr abends Cairo verläßt, wo einem noch das brausende Leben öer größten muselmanischen Stadt umfangen hat, um zehn Uhr mtt einem kleinen Schaudern an den Suez-Kanal gelangt, um 1/2 12 Uhr nachts durch einen Teil der an Norden der Halbinsel Sinai gelegenen Wüste fährt und um 81/2 Uhr morgens in Jerusalem ankommt, daß also Dinge, von denen wir mit öer biblischen Geschichte gelernt haben, daß sie weltenweit auseinanöerliegen, durch die Schnelligkeit des modernen Schlafwagens in kaum einer einzigen Nacht zu verbinden sind. So kommen wir in P a l ä st i n a au. Es ist vielleicht ein Fehler, daß jede Reise wegen der Eigenart der Schiffsverbindungen und des Zugverkehrs zuerst nach Aegypten führt, wo man die Traditionen eines einmal ungeheuer mächtig gewesenen Volkes mit seinen zum Himmel ragenden Bauwerken in sich aufnimmt, um'dann nach Palästina zu kommen, einem Lande, das nach vielen der Richtungen, die in Aegypten den Wanderer und Reisenden locken, naturgemäß nur weniger zu bieten hat. Trotzdem hat wohl jeder, der zum ersten Mal den Suez-Kanal überschreitet und, durch die Wüste des Land Judäa kommend, die Eisenbahn den Weg nach Jerusalem hinaufnehmen steht, ein Gefühl, wie es nicht jede Stuivöe des Lebens bescheren kann: das Gefühl, an einer durch die Tradition nicht nur unserer Religion, sondern durch die Tradition der gesamten Kulturwelt und der drei großen Weltreligionen geheiligten Stätte zu sein, an einer der Stätten, von denen unsere Jugend bereits erfüllt war. Was Palästina in der Vergangenheit gewesen ist, melden die Schriften, die wir alle in uns ausgenommen haben. Was Palästina gegenwärtig ist, darüber herrscht eine Einhelligst nicht, und es ist selbstverständlich, daß -er Reisende, der dieses Land zum ersten Male gesehen hat, auch Ihnen heute nur seine persönlichen Eindrücke wiedergeven kann, aber persönliche Eindrücke, die unbeeinflußt sind von einem politischen Ziel, und

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