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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Dorfjuden. Novelle von Heinrich Kurtzig. (Schluß.) Aron regte bei Marianne einen Waldspaziergang am Feierabend eines der nächsten Tage an. Sie wollten sieh auf halbem Wege treffen, an der romantischen Stelle im Fichtenwalde, wo das Flüßchen die Hügelkette wie eine kleine Porta Westfalica durchbricht. Beide wollten etwa zu gleicher Zeit in ihren Booten abfahren. Aron etwas später, da er doch kräftiger als Marianne ruderte und schneller vorwärts kam, schon deshalb, weil sie ja gegen die Strömung ankämpfen mußte. Aron war zuerst an der verabredeten Stelle. Fr mußte warten. Marianne war nicht da. Er stieg den Hügel hinan, bis zu der Lichtung, wo man den Fluß ziemlich wreit übersehen konnte. Kein Kahn war zu erblicken, kein Ruderschlag zu hören, und es war doch so still. Aron durchbebte sehnsüchtige Erwartung. Einsamkeit. Totenstille. Wo btfeb Marianne? Frauen haben mit ihrem Putz länger zu tun als Männer, da verrechnen sie sich leicht und können. die Zeit nicht so pünktlich innehalten. Schon hatte Marianne das Boot gelöst gehabt und wollte einsteigen. Da mußte sie noch einmal umkehren und in ihr Stübchen hinaufeilen, sie hatte etwas vergessen. Irgend etwas war liegen geblieben. Aber das konnte sie jetzt nicht leicht finden. An der gewohnten Stelle lag es nicht. Nun ging es ans Suchen. Ja, so sind die Frauen: Sie verlegen ein Haudtaschchen, und einem Manne droht das Herz vor banger Erwartung zu zerspringen! Wenn Aron den Grund der Verspätung gekannt hätte, wäre er nicht so ungeduldig und unruhig gewesen. So aber machte er sich finstere Gedanken. Er stieg in sein Boot, uni nach Seedorf zu fahren. Warum kam sie denn nicht? Da! An der scharfen Krümmung hinter dem Schilf ein Ruder. Ein freudiger Zuruf. Ein heiteres Lachen: Wegen eines vergessenen Handtäschchens diese Unruhe, diese Angst?- Sie wunderten zwischen den Bäumen, über die Hügel, durch den kühlen Grund, sie pflückten Waldbeeren und Blumen, sie atmeten den harzigen Duft der Fichten. Sie sprachen und träumten. Sie waren glücklich.- Die Abendschatten senkten sich. Sie bestiegen, ein Abschiedslied singend, die Boote. Marianne begann: „Oh, wie wohl ist mir am Abend“. Und als sie fortsetzte: „Wenn zur Ruh die Glocken läuten“, fiel Aron in den Kanon ein. Sie ruderten nach verschiedenen Richtungen. Immer leiser vernahm einer des andern: „Bim, bam, bim, bam“, bis es ganz verhallte. Aber vom Kirchturm erklangen jetzt, für beide hörbar, die Abendglocken. * * * Die abendlichen Kahnfahrten und Waldwanderungen wiederholten sich jetzt öfter. Frau Lehrer Rosin sah sie nicht gern. Die Erfahrene kannte aus eigenen Erlebnissen die drohenden Gefahren. Sie durfte es fidbi so. weit kommen lassen, daß aus der bisherigen reunaseaart etwa die große Liehe emporwuchs. Selbst der freundschaftliche Verkehr Mariannes mit Aron in der Familie war ihr im Grunde des Herzens picht erwünscht. Ein jüdischer junger Mann paßte nicht in ihr Haus und zu dessen Gästen. Mit dem Pfarrer und seiner Tante, dem Organisten, dem Gendarmen mit seiner Frau, dem Förster und der Frau Försteriu standen Rosins auf Besuchsfuß. Etwas Höheres gab es doch nicht. Freilich, sie, Frau Emerenzia Rosin, war ihnen ja ebenbürtig, sie, die Tochter eines Kaserneninspektors mit dem Kronenorden 4. Klasse. Es wäre ein nicht auszüdenkendes Unglück, wenn Aron etwa ernste Absichten haben sollte und Marianne ihm folgen sollte. Wäre nicht Aron ihr Lebensretter, sie hätte ihn schon längst „hinausgeekelt“. Dem Gendarm mit dem silbernen Portepee war bei den musikalischen Abenden der „Judenjunge" immer schon im Wege. Frau Rosin fühlte sich verpflichtet, energisch einzugreifen und Marianne gegen Aron zu beeinflussen. Der empfand diese Stimmung. Er wollte sich ihr nicht weiter aussetzen. Wohltuend würde wohl eine längere räumliche Trennung sein. Er war jetzt 19 Jahre alt. Ein kräftiger,-gesunder Jüngling. Er würde im nächsten Jahre bestimmt zum Militär genommen werden. Er meldete sieb jetzt schon freiwillig zur Kavallerie — Infanterist wollte er nicht werden —. und er wurde für ein Dragonerregiment in Ostpreußen angesetzt. Aron war ein tüchtiger Reiter, Schwimmer und Turner. Die Jungen auf dem Lande lernen diese Künste spielend. Wenn sie kaum laufen können, sitzen sie schon auf dem Pferde. Aron war wohl der beste Reiter in der Schwadron. Dumm war er auch nicht. Man brauchte sich nur bei seinem Lehrer in Kirchhain, beim Pfarrer und bei dem Glasermeister zu erkundigen. Aber, sein Schwadronschef hielt seine Fähigkeiten doch nicht für ausreichend genug, um ihm rechtzeitig, wie den christlichen Kameraden, die Gefreitenknöpfe zu verleihen. Aron ertrug diese ungerechte Zurücksetzung still. Er hatte draußen in der Welt schon mehrfach die Erfahrung gemacht, daß der Jude, auch der beste und tüchtigste, nur als ein Bürger zweiter Klasse angesehen wird. Er rechnete nicht auf Ehre und Anerkennung seitens seiner christlichen Mitbürger. Er wollte leben und streben nach den Worten, die ihm der Rabbiner am Tage nach seiner Barmizwah ans Herz gelegt hatte: „Erfülle stets mit Liebe und Treue deine staatsbürgerlichen Pflichten, aber gedenke stets der Religion deiner Vater.“ Marianne und Aron standen in lebhaftem Briefwechsel. Zuweilen dauerte es länger wie gewöhnlich, ehe sie antwortete, dann erschienen ihm auch ihre Briefe kühler. Aber vielleicht schien es ihm auch nur so. Aron lernte draußen in der Welt viel, sehr viel. Er sah und hörte vieles, wovon die Bauern im Dorfe keine Ahnung hatten. In ihm erwachte ein höheres Streben. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands. Er wollte nicht Glaser bleiben. Er hatte in Ostpreußen weite Ackerflächen blühenden Leins gesehen. Das fiel ihm auf. Diese großen, großen Felder. Im Heimatdorf eben bauten die Bauern auch Lein an. O ja! Aber nur jeder ein kleines Beet. Aus den geernteten Fasern spannen die Frauen und Mädchen an den langen Winterabenden mit Spindel und Rocken die Flachsfäden für ihr weißes Linnen. Da war es, wo sie auch mal kichern und klatschen konnten. Und wenn im Sommer die Leinwand auf den Wiesen im Sonnenlicht bleichte, dann leuchteten die Augen der Bäuerinnen und sie träumten davon, daß sie die Kostbarkeiten wohlgeglättet in den mit zarten Blumengewinden ach so rührend kunstlos bemalten Truhen sorgsam bergen würden, bis für die sittsame Tochter der liebende Bräutigam erschien. In Ostpreußen wurde der Lein zu anderen Zwecken gesät. Der geerntete Leinsamen kam in die Oelmühlen, da wurde aus ihm das gelbe duftende Leinöl gewonnen. Solches Leinöl brauchte man auch zur Herstellung von Arons Glaserkitt. Aron war von Natur ein kluger, intelligenter Junge, das hatte man schon, als er noch im Dorfe war, gemerkt. Aber das Leben draußen in der großen Welt und die Bücher und Zeitungen, die er las, machten ihn noch klüger und weitschauender.' Im Manöver wurde er in einer kleinen Land-Oelmühle einquartiert. Es war eine primitive Maschinerie, die durch ein an einen Göpel gespanntes, ständig im Kreise trabendes Pferdchen, in Bewegung gesetzt wurde. Durch einfache Keilpressen, wie sie schon in frühesten Zeiten, die Chinesen verwendeten, wurde das Oel hier aus dem erwähnten Samen gedrückt. Aron staunte über dieses Wunder der Technik. So etwas war ihm ganz neu. Das Erschaute und Erdachte verdichtete sich zu einem Plan, den wollte er, wenn er auf Urlaub ins Dorf kam, mit Johann Sebastian Reichel, der ja immer schon kleine Maschinen gebaut hatte, besprechen, und nach seiner Entlassung vom Militär ausführen. Die Bauern müßten mehr Lein anbauen als bisher. In der Heimat sollte durch Aron eine Oelindustrie erblühen. * * * Aron war auf Urlaub gekommen. Wie freute sich die alte Gabriel mit dem Sohn! Sie sah zwar nicht den schmucken Dragoner, aber sie hörte seinen Säbel rasseln und die Sporen klirren. Aron ging durch die Dorfstraße. Die Kinder gafften, die Erwachsenen staunten. Ein Dragoner! Als ob der König selbst durch das Dorf schritte. Aron machte einen Besuch bei Rosins. Er erzählte von seinen großen industriellen Plänen. Marianne strahlte. Frau Rosin stutzte: „Er sieht in der schmucken Uniform gar nicht wie ein Jude aus, aber leider ist er doch einer. Er gehört nicht zu uns.“ Aron fühlte diese Stimmung; sinnend ging er. »*}Vas hast Du gegen Aron, Gabriel?“ fragte Marianne die Mutter. „Er ist doch der beste von «lleu Menschen, die ich kenne. Er ist tapfer und mutig, er hat mir das Leben gerettet. Er ist brav und fleißig und so klug und edel. Mutter, ich liebe ihn.“ „Er ist ein Jude.“ „Ich finde an ihm keinen Unterschied gegen de« Vater. Er ist ein Mensch wie er.“ .„Marianne, Du besitzest keine Lebensauffassung. Wir müssen unsere persönlichen Wünsche und Gefühle unterdrücken. Durch eine Verbindung mit Aron Gabriel mv ürden wir alle unglücklich werden. Wir würden uns hier unmöglich machen. Der Vater würde seine gesellschaftliche Stellung, vielleicht gar sein Amt verlieren. Auf sein Quartett müßte er verzichten, der Gendarm würde sicherlich nicht mehr mit ihm musizieren. Auch Du würdest Dich in Kämpfe begeben, die Du heute noch nicht ahnen kannst.“ Die Mutter hatte recht: Marianne besaß keine ent- wickelte Lebenserfahrung. Sie besaß noch die Kindesseele, wie sie der Schöpfer erschaffen und gebildet und! jedem Menschen einhauchte. Die reine Seele, sie mußte erst vergiftet werden, und die Mutter träufelte dieses Gift ein. Marianne kämpfte. Aron ahnte diese Stürme. Er bat Marianne um ein abendliches Zusammentreffen im Walde» wie einst an der ihnen heiligen Stelle. Am nächsten Abend trafen sie sich. Diesmal war Marianne pünktlich. Sie wanderten wie früher zwischen den Bäumen, über die Hügel, durch den kühlen Grund. Aber sie pflückten keine Waldbeeren und keine Blumen. Sie sprachen, aber sie träumten nicht. Marianne sagte: „Aron, Du weißt nicht, wie groß die Vorurteile in unseren Kreisen gegen euch sind. Sie sind unüberbrückbar. Würdest Du Christ werden?" Aron erwiderte: „Geliebte, das kann ich nicht. Das ist mir bei meiner religiösen Anschauung unmöglich. Ich würde ein Heuchler und Lügner werden, ich kann nicht heucheln und lügen.“ „Du liebst mich nicht,“ weinte Marianne. „Hat Abraham seinen Sohn Isaak nicht geliebt? Und doch wollte er ihn Gott opfern. Meine Marianne, ich liebe Dich wie nichts in der Welt, aber Gott opfere ich mein Liebstes.“ Sie gingen schweigend an den Fluß. Lösten die Gondeln. Marianne saß gebrochen im Boot, sie ließ es von der Strömung heimwärts treiben. Aron fuhr mit kraftlosen Ruderschlägen langsam nach der entgegen-! gesetzten Richtung. Heute sangen sie nicht das Abend* lied. Ihre Stimmen waren im Dunkel der Wasserhahn versunken. Es war eine traurige Stille. Auch die Abendglocken von der Kirche ertönten zum ersten Male nicht. Der Küster hatte, man weiß nicht warum* es unterlassen, sie heute zu läuten. * » Stemennacht.- Der Pfarrer stieg die Anhöhe am Walde hinan, wo er so gerne einsam weilte. Er sann über den heutigen Abschiedsbesuch Arons nach, dessen Urlaub abgelaufen war, und über das bedrückte Gemüt, in das er einen erschütternden Einblick genommen hatte. Wie verstand er den Kummervollen! Auch sein Herz hatte sich ja einmal in unerreichbare Höhen verirrt. Er sprach als ob er predigte: „Wie Arons Mutter körperlich, so sind wir geistig blind. Wir tasten uns durch das Leben wie Blinde. Von sehender Erkenntnis und reiner Wahrheit sind wir weit, weit entfernt.“ Und des Pfarrers Gedanken, erhoben sieb über die Sterne hinaus zu den Ewigkeiten. Kalendarium für die Zeit vom 16.4. d.23.4.1927 April 1957 Riffan 5687 Sonnabend 16 Sonntag 17 Montag 18 Dienstag 19 Mittwoch 30 Donnerstag 21 Freitag 22 Sonnabervb 23 14. Sabbat Hagadol Wochenabschnitt: Achare Mautz Haftarah: Maleachi, Kap. 9,4—24 Sabbat-AuSgang: 7,48 UHr 18. 1. Tag Pestach 16. 2. „ n 17. 1. „ Cholham 18. 2. * 19. 3. . 20. 4. » . 21. 7. „ Peffach Haftarah: Samuel U., Kap. 22 Sabbat-AuSgang: 8,02 Uhr 22. 8. Tag Peffach, Seelenfeier FestauSgang: 8,04 Uhr m Ms« tätoantittrani» BACCARAT 94 '/ruwxu*A$abdk&ri 'dewMucäfofi frisch. Aroma, bekömmlicher Qyaliiax flattern wrißerL Brand-» # GARBATY

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