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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ci« Pessach neuen Geistes. Festbetrachtung von Rabbiner Dr. Samuel, Essen. Nichts ist so bezeichnend sür den vorwärts stürmenden Geist des Judentums, als daß er jeden Hoffnungsstrahl für den Anfang besserer Zeiten hält, ja mit Ueberspringung aller Mittelglieder sich gern am Zielpunkt aller Verheißungen glaubt. Wie oft haben wir deswegen manche Schritte wieder rückwärts tun müssen; denn es gibt keinen sprungweisen Fortschritt; jede Zwischenstufe will durchmessen, jeder Schrittbreit erobert sein. „In diesem Jahre Knechte" — schon im nächsten freie Männer? Ach nein,- es kann auch das übernächste und das darauffolgende werden. Dürfen wir darum jemals stille stehen und wanken? Es ist uns, als müßten wir gerade jetzt, gerade diesmal ein Pessach neuenGei st es feiern, uns indem Glauben ben stärken, daß der Gott, der unsere Väter einst aus Aegypten befreit, vor allem keine Geistesknechtung Sollen wir einen Namen nennen, an den wir zu diesem Zwecke anknüpfen können, so ist es der Name Hillel. Er trat hervor, als einmal in der gleichen Konstellation wie in diesem Jahre, der Rüsttag des Pessach auf Sabbat fiel. ÄenastUche Gemüter hatten damals das Volk im Lehrhause eiugefchüchtert, daß man das Pessachlamm nickt nach der Vorschrift gegen Abend werde bringen können, weil man dabei, ja den Sabbat verletzen müsse. Da trat der jugendliche Hillel auf und mit feiner neuen, ihm schon in Babylonien geläufigen, logischen Methode bewies er siegreich, daß auch das Pessachlamm ein Gemeindeopfer sei, also wie dieses, alle Sabbatverbote verdränge. Die Graubärte traten zurück, das Gestirn Hillels begann seine Bahn. Sollte es nicht auch uns leuchten? Mit Hillel verbindet sich der Gedanke wahren Fortschritts, denn er brachte in einer Zeit, da das Religionsgesetz sich versteifen wollte, die Wahrheit zur Geltung, daß der menschliche Verstand auch dem göttlich geoffenbarten Willen erst Sinn und Meinung verleihen könne. Es blieb nicht bei jene rPessachentscheidung; Hillel ging seine gerade Bahn; von ihm stammt z. B. die Einführung des sogenannten Prosbul, d. h. eine Reform der Schemittasatzung; von ihm eine ganze Kette von Erleichterungen, zu denen er sich um so mehr gedrängt sehen mochte, als er die Gefahr einer fast hemmungslosen Erschwerungssucht bei seinen Widerpart Schamai erkannte. Die Entscheidung fiel zugunsten Hillels, der die Milde verkörperte. Auf die Frage, woraus diese Entscheidung sich ergab, weiß der Talmud nur eine Baskol, eine Himmelsstimme anzugeben, und fügt hier, wie in ähnlichen Fällen, hinzu: Auf Leiden Seiten wurden Worte lebendiger Religion gesprochen. Wie weit sind wir heute von diesem Geist entfernt! Welchen Verdächtigungen ist jeder ausgesetzt, der heute logischen Erwägungen in der religiösen Uebnng Geltung verschaffen will, wie es Hillel an die Hand gab; oder historischen und philologischen, wie sie Hillel, lebte er jetzt, unzweifelhaft anerkennen würde. Wir leben in einer Epoche der Verketzerungen, der Sucht, dem Andersdenkenden sein Recht im Judentum abznsprechen. Ja, es züngeln fast allerorten Flammen des Fanatismus in unserer Glaubensgemeinschaft empor, wo man sie nie vermutet hätte. Die beschämende Farce des großen Bannes, die jüngst der Rabbi Spira in Muncacevo aufführte, überraschte vielleicht nicht so sehr wie die Fanfaren zu einem ähnlichen Banne, die zu Köln a. Rh. ertönten. Es war aber im März zu Berlin nicht viel besser, und es kann morgen in Frankfurt ähnlich sein. Darrmr Peffach in einem neuen, in einem Hillel-Geist. Was diesen Mann unterschied, war sein Glaube an die innere Kraft des Judentums, die nach immer neuer Entfaltung strebt, sich in immer neue Formen ergießt, ein immer reicheres Menschentum erzeugt. Unsere heutigen Glaubenshüter erzittern bei jeder Bewegung, statt denen zu helfen, die dem im Morgenrot der Zeiten errichteten Bau des Judentums neue Fundamente bereiten. In Hillel verkörpert sich zudem der Glaube an die Werbekraft des Judentums nach außen. Er war es bekanntlich, der den Proselyten freundlich entgegenkam, Sie sein Genoffe Schamar von sich stieß. Die Sage hat den berechtigten Kern aufbewahrt, der in all jenen Anekdoten ruht: Israel ist nicht für sich, sondern für die Welt befreit worden. Die Erinnerung an Hillel an unserm sogenannten nationalsten Feste bedeutet daher für uns, daß er bereits „aus diesen Steinen hier dem Abraham Kinder erweckte", weil er im Judentum keine eigentlich volksmäßige, nationale oder Blutsgemeinschaft erblickte, sondern eine Gemeinde von Gläubigen, die dem Einig-einzigen dienten. Dies und nichts anderes war ihm die höchste Idee des Judentums; sie hat er wahrscheinlich bereits in Babylonien ergriffen, aber auch in Jerusalem nicht verleugnet. Er war noch frei von dem Wahne, daß im jüdischen Gesetz alles auf gleicher Linie stehe, und der Grundsatz: „Alles oder Nichts" herrschen müsse. Jene Geistesfreiheit muß ihn aber auch zur Schätzung alles menschlich Guten und Wahren geführt haben, das außerhalb des Judentums entstanden war, oder sich dort entwickelt hatte. Der Maler Lilien durfte in seinem Glasgemälde zu Hamburg den von Hillel belehrten Heiden wie einen Halbwilden mit kriegerischem Blick und drohendem Knebelbart darstellen, um der Kontrastwirkung willen. Wir wissen heute, daß es Menschen feiner Bildung waren, die damals an die PforteÜ des Judentums pochten, und niemand, der nicht mindestens auf der Höhe ihrer Kultur und Gesittung stand, auf sie Eindruck gemacht hätte. Wenn aber heute jüdische Gelehrte sich bewogen fühlen, etwa ein Wort der Anerkennung über Ideen des Urchristentums auszusprechen und manche derselben wohl gar eine „Verinnerlichung und Vertiefung des Thorawortes" nennen, dann gilt das Judentum als verraten und entehrt. Religiöser Chauvinismus regiert, der nicht besser ist, als nationaler. Die politischen Ghettoschranken mußte man fallen lassen, die religiösen meint man desto höher bauen zu sollen. Die Furcht vor Assimilation entfremdet uns manch edles Gemüt in seiner Sorge um die Reinhaltung des Judentums. Wer aber die Tore nach außen verrammelt, wie Schamai, wie will der Gäste, Freunde, Brüder einladen und bei sich ausnehmen — wie Hillel? " Der große Name ist auch ein Schibolat der sozialen Verständigung. Wir denken nicht einmal an sein Wort des Ausgleichs zwischen unfern und den berechtigten Ansprüchen des Mitmenschen, das er dem Heiden zurief, der in ungeduldiger Raschheit den Inhalt des ganzen Judentums kennenlernen wollte. Wir denken an seine praktische, durch ein ganzes Leben geübte Auslegung und Anwendung eines Satzes, wie 6. B. M. 16,8, der den Bedürftigen fast über den Geber stellt. Was mag sich selbst Goethe darauf zugute getan haben, gerade in seiner Religion jene letzte Ehrfurcht, die gegen das, was unter uns ist, entdeckt zu haben, aus der soviel Hingabe und Selbstverleugnung geflossen sei und der menschliche Hochmut so gründlich entfernt war. Aber Hillel hatte diese Ehrfurcht längst entdeckt, und demgemäß jeden Bedürftigen behandelnder seine Hilfe suchte. Er sah in ihm nicht nur den gleichgeordneten Menschen und Bruder; er prüfte vielmehr, ob er nicht sozial genau betrachtet über ihm stünde, und nur das Rad des Schicksals ihn in seine augenblickliche Notlage versetzt habe. Er strengte sich an, ihm zu helfen nicht nach dem eignen Vermögen, sondern nach Maßgabe der wirklichen Bedürftigkeit, die sich ihm öarbot. — Pessach erinnert uns daran, daß unsere Väter einst allesamt das Brot des Elends aßen. Seitdem sind die Lose gar verschieden geworden, und zwischen reich und arm haben sich unendliche Stufen ausgetan. Der Gedanke an Hillel kann sie alle überbrücken! — Seht, die Tafel ist gedeckt, der Sedertisch blinkt. Der erste Becher ist getrunken. Da wird die Schüssel mit den Mazzot von allen Tischgenossen emporgehoben und das „Ho lachmo anjo" angestimmt. Wer hat es versaßt? Es steht kein Autorname dabei. Aber eine Vermutung ist erlaubt: Kein anderer, als Hillel, der Babylonier. „Jeder der hungrig ist, komme und effe mit, jeder, der bedürftig, komme und feiere Pessach. Das kann kaum ein anderer gesagt haben, als jener Edle. * * Im Höhepunkt der Feier, vor dem Festumhl, wird sein Name selbst in der Haggada cmfgeführt: „Eine Erinnerung an das Heiligtum und die Gewohnheit unseres Weisen." Es war eine schönere Zeit, als ein Mann wie Hillel unter den Mauern des Tempels im Judentum den Ton angab; ein Mann der religiösen Milde, der Völkerfreundschaft und der Nächstenliebe. Ein Passah in neuem Geiste kann daher nur ein solches im Sinne Hillels sein. Die Steine zum äußern Heiligtum fehlen noch; bauen wir aus seinen Tugenden das unsichtbare, innere! Freiheit. Bon Dr. K. Rosenthal. Prediger der Jüdischen Resorm^emetnde zu Berlin. I. Was dem Pasfa-Fest seine überragende Stellung unter unseren Feiertagen gegeben hat. ist neben seinen vielen alten Symbolen die dreifache gedankenreiche Ausdeutung seines materiellen Inhalts. Die religionsgeschichtliche Entwicklung dieses Festes wird wohl die gewesen sein, daß in ältester Zeit der n a t u r h a f t e Charakter allein vorhanden war; Passa war das Frühlingsfest, das der langen Winterszeit ein Ende machte und den erwachenden Frühling feierte. Diese rein natürliche Bedeutung wurde in einer späteren Periode ersetzt durch die h i st o r i s ch e Begründung, die dem Frühjahr-fest unterlegt wurde: es wurde zur Geh für die Befreiung des jungen israelitischen BoltA-g^-,^.» Sklavenjoch Aegyptens. Gott, der einst als die allwakterk Kraft des Naturgeschehens gefeiert wurde, er offenbart seilt Wirken und Wesen nun in der Geschichte seines auserkorenen Volkes. Aber auch bei dieser Ausdeutung bleibt bas Judentum nicht stehen. Indem Gott sein erwähltes Volk erlöst aus den Sklavenketten Mizrajirns, wird nicht nur die Befreiung in diesem Einzelfalle als die gewaltige Gottestat erkannt, sondern die Freiheit selber, das Prinzip der Freiheit, als ein religiöser Bewußtseinsinhalt mitausgenommen. So erscheint uns Heutigen Passa zugleich als das Fretheitsfest der Natur, der Geschichte und der menschlichen Persönlichkeit. Wir grüßen in ihm den Frühlingskünder, der nach der rauhen Zeit der unwirtlichen Monate die Menschen zu frischem Werk aufatmen läßt und sie mit neuer Lebenslust erfüllt. Wir feiern in ihm die Offenbarung Gottes in der Menschheitsgeschichte, das Wirken eines gerechten und gütigen Weltenlenkers, dessen Wesen höchste Sittlichkeit ist. Und endlich begehen wir Passa als die Erlösung der Menschheit aus der Nacht geistigen Druckes, als ein Fest der Glaubens-. Gewissens- und menschlichen Handlungsfreiheit. Diese Idee der geistig-sittlichen Befreiuna bedeutet uns den höchsten Gedanken des Passa-FesteS. Denn worin anders vermöchte die vom Judentum verkündete Gottesebenvtlblichkeit des Menschen in Erscheinung zu treten als in dessen Auffassung als eines vernunftbegabten, mU sittlicher Wahlfreiheit und Verantwortlichkeit ausgestatteten Wesens! Nicht nur in tiefster Abhängigkeit, wie bei Schleiermacher, nicht in ohnmächtigem „Kroaturaesühl" wandelt der Mensch vor seinem Schöpfer. Er hat die Freiheit der sittlichen Wahl, und das heißt zugleich: die Pflicht zur freien Wahl des Sittlichen. „Leben und Tod lege ich vor dich hin, den Segen und den Fluch: wähle das Leben." Die Forderung zur sittlichen Wahl ist unsre höchste Freiheit; wir haben die freie Entscheidung, die freie Wichl des Sittlichen. „Ol malchuth schamajim". das Joch der göttlichen Herrschaft aus uns zu nehmen aus eigener, williger Entschließung — das ist unsre Freiheit. So kündet uns Passa tn seiner dreifachen Bedeutung den Begriff der Freiheit als unser Höchstes und Schönstes. Er gibt dem Menschen das Bewußtsein seines hohen und unvergleichlichen Wertes. Nur eine Grenze gibt es sür solche Freiheit, nur eine Schranke, die der gottersüllte Mensch selber sich gezogen: das e t h i s ch e G e s e tz. Das ist der höchste Sinn menschlicher Freiheit, daß sie selber die Grenzen zieht, die nicht überschritten werden dürfen. Passa verkündet die Synthese zwischen individualistischer Freiheit und ethischer Gebundenheit. Innerhalb der durch Recht und Sittlichkeit gesetzten Grenze soll -er Mensch das Glück genießen, als ein freies, unabhängiges, über sich selbst bestimmendes Wesen leben und wirken zu dürfen. ll. Der Freiheitsgedanke des Paffasestes wird aber im Judentum nicht nur als ein hohes und ganz allgemein empfundenes Prinzip, als ein fernes und unerreichbares Ideal empfunden; er ist vielmehr auch zugleich praktische Aufgabe und individuelles Bedürfnis. Wie ja das Judentum sich immer mit seiner Forderung unmittelbar dem Einzelmenschen zuwendet. So hat der Passa-Ge-ank« neben seiner historischen und allgemein-menschlichen Bedeutung joderzeiteine ungeheuere Aktualität. Denn nicht nur einmal im Saufe der Geschichte ist man gegen Israel aufgestawben, und nicht nnr in einer einzelnen Epoche hat Gott uns erlöst, sondern Immer sogen wir uns, nach dem Wort der Haggada, so empfinden. alS ob wir selber aus Aegypten befreit worden wären. Die „Befreiung" soll uns ein stets gegenwärtige- und immer wirksames .Erlebnis fein. Wir stehen alle immer

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