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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-04-08 · 14 (8.4.1927) · page 12

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
14 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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die -roßbeirtsche Partei und ihre Ziele so gut wie völlig e u ledtgt waren. Damals handelte es sich lediglich um die Frage' Kommt es zur Reichsgründung oder nicht?" Wir haben diese Berichtigung unserem Mitarbeiter Dr. Hugo Spiegler, der die beanstandete Glosse verfaßt hatte, eingesandt und von ihm postwendend folgende Erledigung erhalten: St much ich den Borwurf des mir persönlich unbeerfaffers. daß mir an einer „bewußten Entstellung" seines Artikels lag, um „gehässige Schlüsse daraus ziehen zu können", aus das energischste zurückweisen. Ich habe gegen eine einzige Stelle seines umfangreichen Artikels polemisiert und dabei diese Stelle wörtlich zitiert. Daß dort vorkommende Wort „großdeutsch" in einem anderen Sinne als seinem ursprünglichen, heute noch geltenden aufzufassen sei, geht weder aus dieser, noch eineranderen Stelle des Artikels hervor und auch die Nachbarschaft der Vokabel „national" konnte keine so umstürz- Lerische Deutung bewirken, wie Herr Brann meint, denn in Oesterreich nennt sich heute gerade die frühere „deutschnationale" Partei offiziell „großöeutsche Volkspartei", obwohl es dort auch andere großdeutsch (im ursprünglichen Sinne) eingestellte Parteien gibt, und sie hat diese Umtaufe zwecks besonderer Betonung des Anschluß ge danke ns vorgenommen, Herr Brann gibt selbst zu. daß in der Zeit, von der er in seinem Artikel spricht, der großdeutsche Gedanke erledigt war. Wenn er nun daraus für sich die Berechtigung ableitet, den erledigten Begriff willkürlich in einem ganz anderen Sinne anzuwenden, ohne dies ausdrücklich zu betonen, dann überlasse ich dem objektiven Leser die Entscheidung darüber, wer sich eine Fälschung zuschulden kommen ließ: Herr Braun oder ich? Die Kontinuität der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „großdeutsch" war niemals gestört, auch wenn das Wort selbst vorübergehend an politischer Aktualität eingebüßt hatte. Aber sogar dann, wenn in solchen Zeiten das Schlagwort umgedeutet worden wäre, wäre seine heutige Anwendung in der längst überlebten und vergessenen Umwertung ein arger Mißbrauch. Die alten Aegypter haben eine gewisse Sorte Ochsen göttlich verehrt. Trotzdem würde sich Herr Brann wahrscheinlich wenig geehrt fühlen, wenn ich ihn heute in stillschweigender Bezugnahme auf die altägyplische Geschichte einen Ochsen nennen wollte. Er würde dies mindestens für ebenso unpassend finden, wie ich als Oesterreicher die stillschweigende Nmdeutung des Begriffss „großdeutsch" in sein Gegenteil und seine Anwendung auf eine deutsche Geschichtsepoche, in der der großdentsche Gedanke nach dem Geständnis des Umdeutens als erledigt galt. Indem ich die verehrliche Redaktion bitte, diese Erwiderung möglichst prompt zn bringen, damit mich Herr Brann nicht wieder verdächtigt, ich hätte mir sie „drei Wochen lang" ausgeknobelt, verbleibe ich Ihr ergebener Dr. Hugo S p i c g l c r. Phrasen. Die zionistischen Organisationen Deutschlands erlassen anläßlich des bevorstehenden 15. Kongresses einen Ausruf au die deutschen Inden. („Jüdische Nnnöschau" vom 1. April 1927.) Darin heißt es n. a.: „Das Ziel ist groß — es bedeutet die Erlösung der Judenheit aus materieller und seelischer Not. des Judentums aus Erstarrung und Verfall, die Befreiung der Welt vom Druck der Judcufrage." Bei aller Ehrerbietung vor der unentwegten Hingabe an eine Idee und vor dem unerschütterlichen Vertrauen auf die Möglichkeit des Gelingens erlauben wir uns doch immer wieder die Frage: Wie gedenkt Ihr die Welt vom Druck SL't Juöensrage zu befreien? ließet 15 Millionen Juden in der Welt zerstreut, noch nicht zweimal 1(10000 in Palästina, wiö 'denkt Ihr Zionisten Euch die Lösung der Judenfraae? Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. „Die neueste Methode im hebräischen Unterricht". Unter dieser Ueberschrist brachte die pädagogische Beilage des „Israelit" vor kurzem einen Artikel, der sich mit einem Aussatz beschäftigt, den ich in der „Jüdisch-liberalen Zeitung veröffentlicht hatte. Das „Organ des Bundes gesetzestreuer Lehrer" scheint also auch seinerseits die von mir dort aufgestellte These — den Sinn der hebräischen Sprache betreffend — für diskutierbar zu halten, sonst würde sie ihr wohl kaum Beachtung geschenkt, ihr keine Polemik gewidmet haben. Es ist das immerhin ein Zeichen, daß auch die Kollegen im anderen Lager nicht abgeneigt zu sein scheinen, zu religions-pädagogischen Tagesfragen gebührend Stellung zu nehmen. Von untergeordneter Bedeutung erscheint dabet das ironisierende Kolorit des im 'übrigen sachdienlich gehaltenen Artikels. Der Einsender kritisiert die von mir vertretene Ansicht, wonach nufere Kinder nicht mehr im Sinne des Ghettoglaubens und der alten Scholastik erzogen werden, nicht mehr lediglich der hebräischen Sprache zu liebe Hebräisch lernen, hebräisch beten sollen. Er schneidet hier die große bedeutsame Frage an, was beten heißt, sodann — nnd im inneren Zusammenhang damit: Ob Schule und Synagoge im Leben der Gegenwart noch das Recht besitzen, am hebräisch mechanischen Lippenrverke festzuhalten, oder aber, ob sie der Gott suchenden Gemeinde und dem Verlangen der schmachtenden Seele des einzelnen durch Aenderung des Kultus wie durch Freigabe der Muttersprache zn Hilfe kommen wollen. Hier scheiden sich die Geister. Der Einsender selbst weist auf die Unzahl all der Vorschläge hin, die in den letzten Jahren zur Besserung der Methoden im Hebräischen erfolglos gemacht worden sind und fährt dann (persiflierend) fort: „Endlich scheint es einem Kollegen gelungen zn sein, eine Methode zu finden, die alle Schwierigkeiten verblüffend leicht beseitigt. Es ist dies Herr Lehrer Wallach in Aachen, der da schreibt: „Ueberlassen wir die hebräische Sprache den gottesdienstlichen Funktionären, (als Reservat), aus deren Munde sie ähnlich wie die lateinische Messe der katholischen Kirche erklinge,- ihre Erlernung aber ist nicht mehr Sache des jüdischen Publikums, der jüdischen Kiuderrvelt." — Eine viaalcti'kLmnönakedrLilcL, die große Unterrichtslehre also, wohl nicht, mit der mail (nach Amös Comeniuö) allen alles, was man im Hebräischen auch nur immer von uns fordern möge, s i ch e r, s ch n e l l, ergötz l i ch (!) und gediegen zu lehren vermag? Ach nein (meine Herren), das nun gerade nicht. Meine These sollte, ein Vorschlag sein, allerdings auch ein Kculenschlag und ein flammender Protest gegenüber dem hebräischen Wortkultus unserer Tage und der pädagogischen Unnatur in unseren Schulen und Synagogen. — Muß man unbedingt gesetzestreuer Richtung sein? Kann man nicht auch wie ich als liberales Volksschulmeisterlein durchs Leben gehen und sich doch ein eigenes, selbständiges Urteil gebildet haben über die Dinge auf dieser schönen Welt? Eines Comenius gedenken, heißt auch zugleich den Geist Pestalozzis zitieren, der ihm so innig verwandt. Wer von uns jüdischen Lehrern hat denn aber jemals ernsthaft über diese Propheten der Schule nachgedacht, die sie die Ausgabe und Methode auch der religiösen Erziehung gerade aus der seelischen Beschaffenheit der Menschennatur zu entwickeln versuchten? Die konservativen Hebraiker in der Steinbardtschen Monatsschrift und den Bl. f. Erz. u. U. sicherlich nicht. Die Orthodoxie, sie macht es sich freilich leicht; ihr ist das Joch der Thora eine süße Lastl Ihr Grundsatz lautet: „Erst das Gesetz und dann die Menschennatur!" Was soll man dazu sagen. Kommt man ihr dann mit irgendeinem Vorschlag liberaler Art, weist man auf die Entwicklung hin, als auf das o b e r st e Gesetz, dem alles unterworfen ist, versucht man. ihr irgendwie klarzumachen, daß des Menschen Herz auch ein heiliges Recht auf sich selbst besitze (denn seiner Seele Ursprung ist in Gott), und daß er deshalb nicht auf Befehl zu beten brauche und nicht so viel und nicht in einer fremden Zunge: gleich ist sie dabei und hat zur einzigen Antwort nur ihr eisernes Nein! Sie braucht nur „nein" zu sagen und „Es steht geschrieben" — und ihr Wille geschieht im Himmel, also auch auf Erden. — Und doch. Gesetzestreue — in ihrer letzten Konsequenz — man muß sie respektieren. Die lieber untergeht, als in ihren Gedankengängen. wenn ich so sagen darf, auch nur dem kleinsten Fensterlein Raum zu verstatten. Und könnte man nicht selbst dem Zionismus noch ein psychologisches Verständnis entgegenbringen? — Eine religiös sein wollende Partei indessen, wie diese uns im Konservativismus unserer Tage, jenem neuorthodoxen Mischmaschgebilde smit dem Kölner Drachen im Schilde) entgegentritt, sie muß ich bedauern. Diese Zwitterrichtung sucht der jüdischen Menschheit einzureöen. daß das deutsche Judentum nicht religiös genug sein und nicht mehr jüdisch genug, und daß es ohne Ghetto nicht leben könne. Anstatt unsere Jugend in ihrer lebendigen Teilnahme an deutscher Sprache und Kultur zu fördern, sie einzudeutschen, predigt sie Hebraisierung, hebräische Zwangspädagogik und zeremoniellen Heiligendienst, und doch steht geschrieben: „Du sollst keine andern Götter haben!" — Ach, es sind schlechte Propheten, diese ergötzlichen Geisteshelden. Sie gießen Wein in alte Schläuche und verküirden dann, daß er sich so am besten halte. Aber sie sind auch schlechte Psychologen; sie kennen die Belange der Jugend nicht und reichen ihr Steine statt Brot. Enttäuscht, verwirrt, verzweifelt — so steht sie am Wege. Was wird sie beginnen? Dem christlichen Extrem in die Arme sinken? dem Jüdisch-nationalen folgen? — Da erscheint wie ein rettender Engel der Liberalismus, die religiöse Reform, der Jugend getreuer Ekkehard. Ihm ist cs Vorbehalten, der nach höherer Entwicklung drängenden Jngcndseele verständnisinnig zu begegnen, ihr Freiheit und Fortschritt zu bringen, Freiheit des Individuums inmitten des Gemeinschaftslebens und höchste Schönheit des Kults. Hinter hebräischen Mauern enden? Wozu dieses sinnlose Posseuspiel? Entweder sind wir deutsche Juden, so daß wir muttcrsprachlich beten dürfen, wobei die hebräische Teil-Liturgie ein Reservat des Kultnsbeamten bleibt, zugleich auch als Symbol und universelles Charakteristikum der jüdischen Gottesverehrnng, oder aber wir sind es nicht, indem wir als h e b r ä i s ch e I u d e n der alten Romantik den Vorzug geben. Und wenn wir heute einen Moses, einen Jesaias um Rat fragen könnten, ste würden uns mit Bestimmtheit sagen: „Ihr deutschen Juden betet deutsch; denn man darf in jeder Sprache beten! Das steht, ja im Schulchan-arnch geschrieben (Orach Chaiun 101.4) und im Talmud dazu. Selbst das Sch'ma und die Schemonoh-essre. Ihr dürft sie in jeder Sprache sprechen, nur daß ihr sie versteht." (Talmud Beroch. 13a.) Genügt denn aber nicht das Lippenwerk allein, und braucht man in nnserm Gottesdienst Würbe. Verständnis und Andacht? Auf die Frage, warum er ein hebräisches Gebet heruntersage (von dem er kein Wort übersetzen konnte), antwortete einmal ein biederer Handelsmann: „Was brauch ich's zu verstehen. Der liebe Herrgott wird's schon verstehen." — Tableau! Es entsteht nun aber die Frage: Haben — von einzelnen Talmudjüngern abgesehen — unsere Glaubensgenossen zu allen Zeiten Hebräisch gelernt? Ich glaube nein. Haben — von den palästinensischen Juden ganz abgesehen -7wo man sogar dieTüoravorlesung mit einer aramäischen Uebersetzung (Targum) versehen mutzte, haben die alexandrinischen Juden (zur Zeit Philos), von denen wir abstammen, Hebräisch gelernt und beten können? Nein, sie konnten doch nur griechisch sprechen, kannten nur die Septuaginta und die Apokryphe» und hatten keine hebräische Bibel. —■ Und die Juden in Italien vor 1200 Jahren? Haben sie bei dem Fehlen von handschriftlich geschriebenen Büchern und Vervielfältigungen hebräische Gebete besessen? Nein, wie das die erst kürzlich in Rom entdeckten jüdischen Katakomben vermuten lassen, die sämtlich lateinisch-griechische Inschriften tragen. Fromme Pietät hat hier in nichthebräischen Lettern getreu die Verdienste ausgezeichnet. die ein jeder der Verstorbenen sich erworben hatte. Wie man damals wohl gebetet hat? Der Ritus jener Epoche dürfte wohl so zu denken sein: Der Gemeirrde wurden in ihrer Proseucha, dem Bethaus, von einem talmudverständigen Vorbeter Gebete vorgesprochen und ein hebräischer S ch r i f t a b s ch n i t t in der Landessprache erklärt. Uns Menschen der Gegenwart aber trägt man einen Wust von Kapiteln sinnlos vor. Man zwingt uns. zwanzig Psalmen auf einmal herunterznleiern, in einer unverständlichen Sprache, anstatt uns nur wenig davon zn einer wirklich religiösen Erbauung zu bieten. (Nach dem Schulchan-arnch dürfte jene Paraphrase indes nicht die aramäische gewesen sein, „weil die Engel, die das Gebet vermitteln, dieses Idiom nicht verstehen". Vielleicht haben sie es inzwischen durch die „Aufgeschlossene Sprachentür" von I. B. Levy oder die Methode Unikower-Fink gelernt.) Bekannt ist, daß der oströmische Kaiser Justinian (527 n. Ehr.) den aramäischen Targum verboten hatte. Die Schrifterklärung durfte damals nur in der griechischen oder in der lateinischen Uebersetzung gegeben werden, nnd zwar auf Antrag der byzantinischen Juden selber, von denen die einen nur Hebräisch, die anderen nur Aramäisch verstanden, (s. Meinhold, Geschichte des jüdischen Volkes, S. 101.) Ganz ähnlich dürste cs um die deutschen Juden zur Zeit vor Karl dem Großen bestellt gewesen sein, die doch nur selten eine Bibel im hebräischen Urtext zu Gesicht bekamen, dagegen wohl eher die lateinische Vulgata. Haben nun die Inden des Altertums — ohne oren und dawnen zn können — an ihrem Judentum Schaden genommen? Sind wir Juden der Jetztzeit in religiöser Hinsicht glücklicher zn nennen und besser daran? Lernen wir Lehrer von der Geschichte, die. unsere Meisterin ist? In der christlichen Kirche des Mittelalters hat. wie wir sehen, der Kampf der deutschen Muttersprache gegen das Latein 200 Jahre gedauert. Wir sehen ihn mit einem Reformatio ns siege des Deutschen (durch Martin Luther) enden. Und im jüdischen Leben der Gegenwart? Da ist's das hebräische Sprachenproblem, und nur dieses allein, das die Geister streiten macht, sie kulturkämpferisch bewegt und — trennt. Aber der Kamps der Meinungen ist ein ungleich leichterer zu nennen, ja er ist wohl so gut wie entschieden, von der Entwicklung bereits überholt. Kabbalismus und Fetischdienst sind überwunden, der Zionismus von heute paralysiert und die Kette der hebräischsprachlichen Tradition erscheint historisch durchbrochen. Und so bietet meine von allen Seiten bekämpfte These eigentlich gar nichts Neues. Entscheidend vor allem fällt ins Gewicht: Die liberale Gemeinde der Gegenwart steht mit ihrem Herzen längst aus dem Standpunkt der religiösen Reform, und keine Macht der Welt wird ihr innere Liebe und Hingabe zu einem Gottesdienste einflößen können, der wie bisher die Andacht ertötet, anstatt sie zu beleben, sinn- und zwecklos Opfer an Zeit und Kraft verschlingend. — Erst wenn die Kenntnis des Hebräischen uns Lehrern und ÄultuSbeamten allein gehört, erst wenn man bei Eltern und Schülern ausgehört hat. dasselbe zu erlernen, erst wenn die hebräische Sprache das wieder geworden, was sie in Wirklichkeit sein sollte, ein universelles Gut, nnd als solches nur durch den Mund der gottesdienstlichen Funktionäre erklingt: erst dann wird die Zeit der religiösen Wiedergeburt des Judentums gekommen sein. Ist es also eine Utopie zu nennen, oder ist es nicht vielmehr eine konservative Tat, wenn wir das Laienelement um seiner selbst willen in unserem öffentlichen Glaubensleben zurückzndrängen suchen (bei aller Autonomie der Gemeinden), zurück in die Rolle der stillen, andachtsvoll lauschenden Gottesgemeinde? Ihre Beteiligung wird nicht ausgeschalstet. dies wolle man verstehen lernen, nur daß sie in Gebet und G e s a u g b e st i m m t umgrenzt erscheint. Dies ist der springende Punkt. Denn der Gemeindegesang (im Wechsel der Choräle und hebräischen Nesponsen), er muß uns werden und — „automatisch" damit verbunden — das Reservat! Dies ist die gottgewollte Renaissance des Judentums, und nur so hat das hebräische Gebet, hat unser ganzes religiöses Leben Zweck und Sinn! Dem mir vom Einsender frenndlichst gewidmeten Verslern: „Mippi auleliem wejaunekiem jihsadeto aus" bin ich hold. „Schon aus dem Munde der Kleinsten und Säuglinge aründest Du (Anrede an Gott) Dir eine Macht." — Es fragt sich aber, was damit gemeint sein soll. Ist Hebräisch Gottes Lieblingssprache? Und wie ist das Wunder beschaffen, das er damit bewirkt? Ein Golem vielleicht — mit dem „Schemotb" im Munde? Nur Rabbiner, Lehrer und Talmudisten sind des Hebräischen, einer wortarmen Sprache, so mächtig, daß sie sich darin (denkend) zum Allvater erheben können. Wohnt irr hebräischen Zeichen geheime Kraft, ein besonderer Geist, mit dem wir die Gemeinde erfüllen könnten, auf daß ihr, was dunkel ist, hell erscheint, das Unbekannte bekannt, das Entfernte nah, das Zusammengesetzte einfach, das Schwere leicht? Das Wunder versagt an mir selbst. Ich lese den 90. Psalm: „Tephillo lemausche iesch hoelanhiem adaunoi moann atto hoüesso lonu b'öaur wo öaur." Gleich zwei Verse aus einmal. Der Schreiber — wohl nicht der Verfasser — hat hier den Punkt vergessen. (Bei allen übrigen richtige Punktation.) Dies stört mich schon, und ich möchte doch „S ch ö n h e i t und Vorzug des h e ü r ä i sch e u Originaltextes" ans mich wirken lassen. Nun deutsch: „Gebet von Moses, dem Manue Gottes. O, Herr, Zuflucht warst Du uns in allen Geschlechtern." <^Jch mutz gestehn, dies packt mich schon, schon fange ich an zu denken, will sagen zu verstehen, klarer zn sehen. Und mit jedem weiteren Worte der deutschen Uebersetzung ersaßt's mich mit heiligem Schauer, und mit einem Gefühle mysteriöser Andacht bete ich dies wunderbar — geistliche Opus, in seiner sankrosankten Kraftgcmalt. Die Erhaltung der Inden (als Minderheit) liegt in ihrer Zerstreuung begründet. in ihrer Verfolgung und Schicksalsgcschichte, nicht aber in ihrem Gebetstdiom. Gewiß soll und muß die hebräische Sprache unserm Gotteshanse erhalten bleiben, und niemand hat davon gesprochen, sie abzuschaffen. Es mutz aber im Leben der Gegenwart, „im Zeitalter des Kindes", als absolut unpädagogisch und aller Erfahrnngspsychologie zuwider bezeichnet werden, von unsern Kindern zn verlangen. daß sie da aufang en sollen, wo ein Mose, ein David, wo unsere Propheten. Dichter und Sänger ausgehört haben. Wir fordern daher das Reservat! Wir fordern es, indem wir die Idee verkünden, die wir für recht erkannt. Und die Idee, von der Entwicklung getragen, sie wird sich durchzusetzen'wissen. Und wenn die .Träume unserer Zionisten sich erfüllen sollten, werden die Juden im gelobten Lande anfangen, das Hebräische gründlich zu verlernen. kein „Boruch habo". kein „Scholaum alechem" wird man mehr hören, wohl aber das alles gleichmachende „Salem aleiknm!". Was ich mir für die Wiederanfrichtung des jüdischen Glaubenslebens also wünsche — und bliebe es vorläufig auch nur ein frommer Wunsch — ist neben dem Gemeinöcgesaug. der „automatisch" folgen müßte, die Ueberweisung der Hebräischen Gebetssprache an die berufenen Diener der jüdischen Gottesverehrung. Den entgegenstehenden Vorschlag, unseren Äindergottesdienst durch Kinder vollziehen zu lassen, halte ich für vollkommen verfehlt. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist eben nur ein Schritt. Es fehlt nur noch, einen Barmizwahknaben in seinen Tallis zu hüllen und vor die h. Lade zu stellen, damit er die Gemeinde mitsamt dem Rabbiner segne. — Der alten Scholastik zuliebe hinterm Mondo wohnen, oren können, Chumesch lernen, hebräische Grammatik treiben und hebräisch schreiben: ist das Religion? Es ist — um mit Pestalozzi zu reden — „mühselige Abkehr von der Bahn der Natur". Sollen mir daraus für die jüdischliberale Menschheit religiöse Werte schaffen? Mein Judentum steht mir höher. Die hebräische Sprache an sich ist nicht Religion. Man ließe sich noch die Ansicht gefallen, wonach sie als antiquiertes Wissensgebiet zu gelten habe, als integrierender Bestandteil unserer alten Liturgie, oder als nichtobligatorischer Unterrichtsgegenstanö der Schule, aber soll ich beten, danken, geb' ich meine Liebe kund, meine seligsten Gedanken sprcch' ich wie der Mutter Mund" (v. Schenkendors). Die Blicke unserer Konservativen sind nach rückwärts gerichtet. Wohin? „Mit der Binde vor den Augen", so wollen sie durchs Leben! Aber wenn sie in ihrer Verblendung und Herrschsucht und in vollständiger Verkennung jener ungeheuren Problematik unserer Kampfeslage uns deutsche Juden wirklich wieder allesamt hebräisiert, uns Herdenhaft im Ghetto zusammengepfercht haben, was wäre dann damit gewonnen? Wurde damit die Angriffsfläche der deutschen Judenheit nicht geradezu verdoppelt werden? Dann aber ist unsere Zuversicht nur das Ende, unsere Hoffnung — das Grab und die „Hebräopsychvsis" ist der Denkstein darauf. „Und nicht mal Kaddisch soll man sagen." Hören denn aber Owel und Waisenknabe den Borbeter nicht hundertmal das chaldäische Kaddischgebet voll Andacht sprechen? Und die unseren Frauen und Mädchen vorenthaltene» religiösen Menschenrechte? Wer sorgt für sie? Uns fehlt ein Martin Luther. Erzwungener Lippendieust, Perfonenkultus nnd Frömmelei: wir können sie nicht loben. (Ich spreche hier nur zu wirklich liberalen Menschen.) Wahre Pietät ist stumm, der Öffentlichkeit entsagend, und die Seele in ihrer Trauer — wir reichen ihr wahre Tröstung nur durch das gesprochene deutsche Wort. Im übrigen pflegen unsere Liberalen, sobald es sich um Trauergebräuche handelt, plötzlich orthodox zu werden. (Das Sich-zur-Schau-steüenmüssen eines Leidtragenden beim öffentlichen Gottesdienste, das Antretenmüssen desselben, sein „Spießrutenlaufen" (Schurebilden) auf dem Friedhof: ist eine unschöne Sitte.) — „Und Hannah betete in ihrem Herzen. Ihre Lippen (in schmerzvoller Ergriffenheit) schienen sich zu bewegen, ihre Stimme aber ward nicht gehört (1. B. Samuel, 1,13)." Der Ansicht des Artikelschreibers, „daß selbst liberale Lehrer und Rabbiner mehr denn je für den Unterricht in der hebräischen Sprache eintreten. werde ich beipflichten können, wenn er den Nachweis erbringt, daß es in Wirklichkeit liberale Rabbiner und Lehrer gibt. Dies dürfte ihm schwerlich gelingen. Ich bin kein Prophet, doch eines ist sicher: Die Kultusbeamten des Judentums späterer Tage werden anderer Ansicht sein, sie werden mir rechtgeben müssen, denn die Entwicklung — sie wird es bringen. Geist der Propheten, erwache. Sonne Spinozas, 0, leuchte auch uns! Lehrer Hermann Wallach.

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