Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 12 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ftaö Seele und haben etnen Körper. (Spinozas GvtteSbegriff.j Israels Wüsten Wanderung ist die LebenSreise eines jeden Menschen. Sie findet statt, solange wir Menschen Menschen sind! Wir können den wahren Messias nur in uns erleben! Man darf nicht den Verstand allein zum Kritiker Über Religion macheir. Das rechte Beten erhebt den Menschen auö der Vielheit der Welt in die Einheit des GeisieS. Rechtes Frommsein führt zu Friedfertigkeit und Liebe. — Ohne Antrieb fehlt uns die letzte Vollendung. Das Göttliche in nns will zum Bewußtsein erwachen um» leben! Der Redner flocht hier wunderbare Worte aus „Jakobs Tt'aum" ein und schloß dann nach etwa einstündigem Vortrag. Der begeisterte Dank der Hörer, die seinen gedankenreichen Ausführungen voller Spannung gefolgt waren, gab dem Redner Zeugnis, welch mächtigen Eindruck sein Referat hervorgerufen hat. Aus vollem Herzen gab unser 1. Vorsitzender dann seinem Dank Ausdruck und betonte u. a.. es sei etwas seltenes, wenn der Vortrag daö Thema übertrifft, wie wir eS soeben erlebt hätten. Ratibor. Freitag, den 10. März, veranstaltete der «Alt" eine Purimfeier, die einen sehr netten Verlauf nahm. Der Vorstand der liberalen Ortsgruppe war anwesend. Nach kurzen Begrüßungsworten folgte ein Prolog und dann ein reizendes, auf Purim bezügliches. Singspiel. Tänze und Lautenvorträge folgten« Anschließend war eine gemütliche Kaffeetafel, an der zirka 65 Personen teilnahmen. Mit großer Freude konnte man feststellen, daß der „3IP in Ratibor immer mehr festen Fuß faßt und viele Gönner und Freunde besitzt. DorQuden. Novelle von Heinrich Kurtzig. Wie es eigentlich kam, daß die alte Witwe Gabriel mit ihrem kleinen Aron und der niedlichen Esther in die weltentlcgene Hauländerei vcrschlageu wurde und daß die drei dort als einzige Juden inmitten einer christlichen deutschen Landbevölkerung lebten, weiß ich nicht. Die es mir hätten sagen können, die Gabriel oder der Aron und die Esther, sind tot, und mein Vater und meine Mutter, denen es vielleicht bekannt war, weilen auch nicht mehr unter den Lebenden. Warum war ich nicht früher so neugierig zu fragen und nachzuforschen, was ich jetzt so gerne gewußt hätte. Damals wäre es so leicht gewesen. Nun werden wir es wohl niemals mehr erfahren, denn sie sind wohl alle tot, die ich fragen möchte. Ich denke mir, daß die Gabriel, ehe sie das kleine Häuschen am Rande des Dorfes bezogen hatte, etwas erlebt haben mußte. Vielleicht etwas sehr Interessantes, und ein Dichter könnte sich da eine ganz hübsche Geschichte ersinnen. Ich will euch aber doch kein Märchen erzählen, sondern etwas Wahres. Und da kann ich erst da anfangen, wo die Gabriel schon eine über fünfzig Jahre alte Witwe, Aron zwölf und Esther zehn Jahre waren. So alt waren sie, als Benjamin sie zum erstenmal sah. Da saß die Gabriel vor ihrem Häuschen auf der grünen Bank an der Tür und strickte, die kleine Frau mit dem glatt gescheitelten rötlich-blonden Haar und dem klugen Gesicht, dem man heute noch anmerkte, daß es einmal schön war. Sie war wie die Bäuerinnen gekleidet, ganz einfach aber hübsch sauber. Aks Benjamin sich ihr näherte, fing das Hündchen, das sich bis jetzt neben ihr in der Sonne behaglich streckte und nur mit den Ohren zuckte, wenn ihn eine Fliege oder eine Mücke belästigte, zu bellen an und trabte ihm entgegen. Au dem eifrigen Wedeln des Schweifes konnte man erkennen, daß es sich um eine gastfreundliche Begrüßung handelte. Die Gabriel tief das Tierchen zurück, das sich nun nur noch leise knurrend an ihr Kleid anschmiegte. Und als Benjamin vor ihr stand, fragte sie: „Wer ist da? Ein Mann oder eine Frau?“ Er war weder das eine noch das andere, et war ein Kind, aber die Frage kam ihm doch sehr sonderbar vor, denn daß er ein Knabe war*, erschien ja schon durch seine Kleidung unverkennbar. Ach, er wußte ja nicht, daß die Gabriel blind war. Benjamin, der GymnasiaJ-Quartaner, war mit seinem Vater am ersten Tage der „Großen Ferien4’ aus der Stadt nach dem einsamen Dörfchen gefahren, wo dieser eine kleine Landwirtschaft besaß. Die Fahrstraße, ein mit grünenden Elsen bepflanzter, schattiger Landweg, führte in der Nähe von Frau Gabriels Häuschen vorüber. Benjamins Vater hielt auf dem Wege an. Er fuhr heute, wie so oft, ohne Kutscher. „Benjamin, mein Sohn,44 sagte er, „trag diese Glasbüchse zu der armen Frau dort hinüber, die auf der Bank sitzt; grüße sie von der Mutter, sie schickt ihr diese eingemachten Früchte und sie möchte sie sich gut schmecken lassen.“ Ach ja! Die Gabriel war arm. Wer die Sonne niemals sehen kann, ist ja schon so arm! Aber sie war auch in materieller Beziehung arm. Allerdings zu betteln brauchte sie nicht, so arm war sie denn doch nicht. Das kleine Häuschen gehörte ihr und dazu einige Morgen Land und eine Ziege. Verhungern konnte sie nicht. Sie hatte Milch von der Ziege und Kartoffeln und Gemüse vom Acker. Leider konnte sie ihn wegen ihrer Augen nicht selbst bestellen, aber die mitleidigen Nachbarn steckten ihr im Frühjahr die Kartoffeln und säten die Gemüsekörner und den Leinsamen, und halfen, wo sie konnten, bei der Feldarbeit. Verhungern konnte die Frau nicht. Aber eingemachte Früchte! O, das war eine Delikatesse, die sie nur hin und wieder, besonders zu den Feiertagen, durch die Güte der frommen, wohltätigen, reichen Dame aus der Stadt genießen konnte. Auch die Nachbarsfrauen brachten der Gabriel ab und zu mal einige Birnen. Aepfel und Pflaumen, aber sie kochten sie nicht mit Zucker ein: dazu hatten sie keine Zeit. Aber das hier in der Glaskrause waren sogar eingemachte Pomeranzen. O, war das eine erquickende Götterspeise!- Die Gabriel hatte viel Zeit nachzusiunen. feie dachte 'daran, daß sie nur noch vier Jahre so kümmerlich würde leben müssen. Dann würde, wenn sie alle gesund bleiben, auch Geld ins Haus kommen, und sie würde sieb wohl endlich einen neuen Wintermantel kaufen können. Die nächsten vier Jahre müsse es noch mit dem alten gehen, den ihr Benjamins Mutter vor zwei Jahren geschenkt hatte. Nur noch vier Tab re, und dann hat die Not ein Ende. Aron ist nun bald „Barmizwah*4. Dann soll er beim Meister im Dorfe das Glaserhandwerk erlernen und in etwa vier Jahren ist er Geselle, dann kann er in die Häuser gehen und die »erbrochenen Fensterscheiben ausflicken. Da würde er ganz schon verdienen. Freilich, es war immerhin ein Unternehmen, das da gegründet werden sollte. Etwas Kapital gehörte dazu. Unbedingt notwendig war ein Holzgestell, das auf den Rücken geschnallt werden konnte, einige Tafeln Glas, etwas Kitt aus Schlemmkreide und Leinöl geknetet, und als Handwerkszeug ein kleiner Holzspachtel and vor allem ein Diamant Das würde Aron unter allen Umständen zu seinem Geschäft haben müssen. Wegen des Holzgestells hatte die Gabriel schon mit dem Dorftischler gesprochen. Er wollte es in seinen freien Abendstunden aus Abfällen zusammen* bauen. Sie könnte beruhigt sein. Das wurde zur Zeit schon fertig werden, und sie sollte ihm.dafür nichts bezahlen. Aber Sorgen machte ihr die Beschaffung des Geldes für das Glas und vor allem für den Diamanten. Aron wollte sich den Spachtel selbst schnitzen. Und auch den Glaserkitt wollte er nicht kaufen. Aron hatte sin „jüdisches Köpfchen“. Er sagte zur Mutter: „Den Kitt mache ich mir selbst. Ich will den Profit des Zwischenhandels und der Fabrikation ausschalten. Ich kaufe mir etwas Schlemmkreide und Leinöl und knete mir die Masse, dann habe ich immer billigen frischen Kitt, der das Glas in den Fensterrahmen gut festhält. Und was der Fabrikant und der Kaufmann am Kitt verdienen will, das verdiene ich mir selbst.“ „Liebes Kind,“ bemerkte die Mutter, „ich bin eine einfache Frau, und von solchen Dingen verstehe ich nichts. Aber was du da sagst, scheint mir beachtenswert. Ich kann dir nur den mütterlichen Rat geben: besprich die „Makfle“ mit einem Sachverständigen, vielleicht mit dem Glasermeister, oder wenn der Herr aus der Stadt wieder einmal vorbeifährt, dann frage ihn, was er davon hält. Er ist doch ein Fabrikant und er meint es gut mit uns; er wird dir eine richtige „Eize“ geben.“ Zu der Unterredung bot sich sehr bald Gelegenheit. Aber Avon war arg enttäuscht. $o wie er sich das gedacht hatte, ging es doch nicht. Seine Kalkulation stimmte nicht. „Mein lieber Junge," sagte der Fabrikant, „überlege dir einmal, was du tun willst. Die Kreide und das Oel müßtest du dir bei einem Händler in der Stadt, der etwas verdienen muß, im kleinen einkaufen. Denn ein ganzes Faß Kreide, wie der Kaufmann, kannst du dir von Rügen nicht kommen lassen. Auch ein ganzes Faß Leinöl kannst du nicht beziehen. Dazu gehört Geld. Aber selbst wenn es dir zur Verfügung stände, wäre es auch uoch für dich unpraktisch. Ehe du das ganze Faß Kreide verbraucht hast, würde das Material alt und stückig werden; du müßtest cs immer wieder vor der Verarbeitung zerkleinern und zerdrücken. Das kostet wertvolle Zeit. Ehe du ein Faß verarbeitet haben würdest, hat der Kaufmann schon den Inhalt von zehn, zwanzig,, dreißig Fässern verkauft. Immer wieder öffnet er neue Fässer, immer kann er frische pulverige Kreide abgehen. Die Kreidefässer müssen in einem geeigneten, trockenen Raum lagern. Habt ihr einen solchen? Und die Arbeit des Knctens darfst du nicht unterschätzen. Zeit ist Geld. Wenn du währenddessen däs Unkraut im Gemüseland jäten würdest, ist das viel wichtiger und nutzbringender. Beim Fabrikanten wird der Kitt maschinell in großen Misch- und Knetmaschinen hergestellt. Auf das einzelne Pfund, das du brauchst, macht das nicht viel aus. Nein, knete dir deinen Kitt nicht selbst, kaufe dir deine paar Pfund, wento es geht, aus erster Hand bei einem Fabrikanten, und du kommst dabei besser fort.“ Aron sagte sich: „Es sicht in der Welt doch anders aus, als es mir hier von unserem Dörfchen aus erscheint.“ , Und er wollte hei seinem zukünftigen Kittbedarf den Zwischenhandel nicht ausschalten. Die Gabriel -:artn nach, wo das Geld für Aron horkommen sollte. Sie batte noch nie für sich gebettelt Für andere war sie, als sie noch sehen konnte, in manches Haus gegangen, um für Arme ein Almosen zu erbitten. Betteln wollte sie auch jetzt für sich nicht, trotzdem sie arm und blind war. Sie dachte daran, Benjamins Vater um ein Darlehen für ihren Sohn anzugehen, damit das Handwerkszeug augeschafft werden könnte. Aron könnte es von seinem Verdienst allmählich zurückzahlen, und Zinsen sollten natürlich zugeschlagen werden. Es war Zeit, au diese Projekte jetzt schon zu denken, denn es waren ja nur noch vier Jahre, wo sic verwirklicht werden sollten. Aber etwas Anderes stand noch viel früher bevor. Damit mußte mau sich vor allen Dingen beschäftigen: Die Bannizwak. Aron sollte unter allen Umständen zum „Maftir“ aufgerufen werden. In der Dorfschule lernten Aron und Esther lesen, schreiben, rechnen und Heimatkunde; hebräischen Unterricht gab es da natürlich nicht. „Ob ich einmal den Pfarrer um Rat fragen soll?,“ sann die Gabriel. Hier in der weltabgeschiedenen, einsamen Hauländerei hatte noch keiner der Bauern daran gedacht, daß die Gabriel und Aron und Esther Juden seien. Was wußte man hier von Politik und Rassenunterschieden! Alle, die hier wohnten, waren Menschen. Außpr den Menschen gab es nur noch eine zweite Gattung Lebewesen, das Vieh. O gewiß! Die Hauländer wußten, daß es auch noch Polen, Franzosen und Juden gab. Aber einen Polen konnte man sofort an seiner Sprache und Kleidung erkennen. Die Franzosen, ach, die wohnten weit, weit von hier. Und die Juden lebten in den Städten, standen hinter ihren Ladentischen und verkauften ihre Waren. Alle Dorfbewohner waren Menschen. Deutsche. Auch die Gabriel. Aron und Esther waren Menschen. Deutsche, Der Pfarrer, die beiden Lehrer und der Förster, die Bücher und Zeitungen lasen, die wußten schon von den Juden und sprachen von ihnen. Aber auch sie dachten dabei nie an die Gabriel und ihre zwei Kinder. Die gehörten zum Dorf, seit langen, langen fahren. Nie fiel es ihnen ein. daß die Gabriel eine Jüdin sei. Was ging sie das auch an? Die Gabriel war genau so wie die anderen Dorffrauen, und Aron und Esther genau so wie die anderen Dorfkinder. Die Gabriel ließ sich zum Herrn Pfarrer fuhren. Der war ja so gut und so gelehrt. Viel gelehrter als der Förster und die Lehrer. . Esther in kurzen Röekchen. ohne Strümpfe, in Holzpantinen. geleitete die Blinde durch die lange Dorfstraße. Das Dorf streckte sieh sehr Hag hin. denn um jedes Bauern ffehö ft lag ringsherum der ganze Acker. Die Nachbarn konnten sich nicht in die Fenster gucken. Zwischen einem Gehöft und dem «anderen war immer ein großer Zwischenraum. Es war für die Blinde eine weite Reise zum Herrn Pfarrer. Die Kirche mit des« Pfarrhaus lag an der entgegengesetzten Seite des Dorfes. Die Gabriel mußte hin und wieder in einem Gehöft Einkehr halten, um sich auszuruhen. Wo sie eintrat, freute man sich mit ihr. Man hatte sich solange nicht gesehen! Manche der Bäuerinnen war mit der Gabriel, trotzdem man in derselben Gemeinde lebte, schön mehrere Monate, manche gar einige Jahre nicht zusammengewesen. Die Frauen hatten keine Zeit, sich zu besuchen und nutzlos zu plaudern. Das ganze Jahr gab es der schweren Arbeit so vieles zu leisten; Jede Jahreszeit verlangte das Ihre. Wenn im Frühjahr der, Schnee fortging und das Tauwasser die Gräben überfüllte und den Acker und die Wiesen zu überschwemmen drohte, mußte überall für reichlichen Abfluß gesorgt und mit dem Spaten und der Schaufel nachgeholfen werden. Der Dünger mußte aus den Ställen geschafft, auf die Felder gebracht und ausgebreitet werden. Alles das taten die Frauen mit den Männern gemeinschaftlich. Aber viele Arbeiten wurden von den. Frauen gleichmäßig das ganze Jahr hindurch allein gemacht: das. Melken der Kühe, die Besorgung des Federviehs, der Ziegen und der Schweine. Ach, was gab es da nicht immerfort und immerfort zu tün! Dazwischen kam alle paar Jahre ein Kind; das wollte neben dem Vieh doch auch seine Aufwartung haben. Eine Kuh oder ein Kind wurde doch auch mal krank. Da wußte man gar nicht, wo zuerst hin! Ja, die Frauen hatten keine Zeit, sich zu putzen, Besuche zu machen und zu plaudern, wie die Städterinnen. In der Woche hatte sie Arbeit über Arbeit in der Wirtschaft. Nur am Sonntag nahmen sie ihren Staat aus den Schränken, um in die Kirche zu gehen. Keine bunten Kleider wie drüben die Polinnen. Wie das Leben der Hauländerinnen trübe und einsam . war. .so auch die Kleidung, sogar der Festtagsstaat: dunkel, fast schwarz. Die Hüte waren ein wenig mit bunten Bändern geziert, aber ganz unauffällig, auch sie erschienen beinahe schwarz. So gingen die Hauländerinnen, wenn die Kirchenglocken weit hinaushallten, in das Gotteshaus, wo der alte Lehrer auf der Orgel so wundervoll präludierte, ehe die Choralmelodie einsetzte, und wo det junge Pfarrer so zu Herzen sprach und von der Welt draußen erzählte, und die Jugend ermahnte, nie der Eltern zu vergessen. Dann kamen allen Andächtigen die Tränen in die Augen. Beim alten Pfarrer weinte man nie. Der wetterte und tobte oben auf der Kanzel, daß man beinahe lachen mußte, und mancher trotz des Lärms, den er machte, in einen sanften Schlaf verfiel. Aber beim jetzigen jungen Pfarrer schlief niemand ein oder lachte gar jemand. Nein, er drohte ja gar nicht und war nie zornig, er erzählte eigentlich mehr als er lehrte. Solch ein Pfarrer war noch nie im Dorfe gewesen. Nein! Das sagten alle, auch die Männer und die Kinder empfanden'cs. Die Gabriel war nun auf dem Wege tu diesem Pfarrer. Wie schade, daß sie das poetische, mit grünem Wein ganz umlaubte, Frieden und Zufriedenheit atmende Pfarrhaus nicht sehen konnte. Es staüd^Äfl der Landstraße, hinter ejpeip kleinen Vorgärieben; drei Stufen führten auf eine Veranda, die auch ganz'ivon Griin um rankt waren. Ein weißer Tisch mit weifi<3M Stühlen standen auf ihr. In einem bequemen Sessel saß über eine Handarbeit gebückt eine weißhaarige Dame, eine Tante des Pfarrers, die ihm den Haushalt führte. Sie entstammte, ebenso wie der Pfarrer, einer Danziger Patrizierfamilie. Ihren verstorbenen Mann, der einmal ein reicher Handelsherr war, hatte man regelmäßig um die Mittagszeit am Langen Markt auf der Börse, dem früheren Artushof, sehen können. Ein königlicher Kaufmann! Er hatte den Neffen, der ein Waisenkind war. studieren lassen, dann verlor der Kaufmann sein Vermögen und starb bald darauf. Die Tante zog mit dem Neffen, der seine Universitätsstudien gerade beendet hatte und die erste Pfarrstelle in dem Dorfe in der Hauländerei erhalten hatte, zusammen. Aus dem Schiffbruch hatte sie nur ihre kunstvollen alten Danziger Möbel gerettet, die ihr Haus in der vornehmen Hundegasse geziert hatten. Nun gestalteten sie das einsame Pfarrhaus zu einem kleinen Kunstgewerbemuseum. Ach, wie schade, daß die Gabriel das alles nicht sehen konnte. In dem Hausflur standen die alten geschnitzten großen, schweren Danziger Schränke. Die kunstvollen, messingnen Türbeschläge und Türklopfer waren auch hier angebracht. Im Studierzimmer reihten sich rings an den Wänden die mächtigen Bibliothekregale, gefüllt mit Hunderten von Büchern. Alles wohlgeordnet. Nicht nur die Werke der Theologie, sondern auch der Philosophie, der Naturwissenschaften, der Belletristik, der Politik und Nationalökonomie. Eine ganze Abteilung enthielt hebräische Bücher. Wenn die Gabriel das alles ge* sehen hätte, wäre sie vielleicht kleinmütig geworden iyid hätte keinen Mut gehabt, mit dem gelehrten Manne zu sprechen. Aber es ist doch mal so: Mit gelehrten und klugen Menschen kann man sich besser und leichter verständigen, als mit Halbgebildeten, denen gegenüber man sich oft so dumm vorkommt. Die Gabriel brachte ihr Anliegen ohne Scheu vor, und der gute Pfarrer nahm ihre Hand und sprach mit ihr wie mit einer Mutter und mit Esther vic mit einem Schwesterchen. „Wann wird denn Aron 13 Jahre alt?“, fragte der Geistliche. „Am 30. April des nächsten Jahres.4 „Das wird wohl im Monat Nissan oder Ij-ar sein. Hören Sie, Frau Gabriel. Ich werde mir einen jüdischen Kalender kommen lassen und nachseh entweiche „Siddrah“ an dem auf den 30. April folgenden Sabbat in den Synagogen verlesen wird. Die dazu gehörige Haftarah. kann Aron bei mir lernen. Allerdings kann ich ihn nur das Lesen derselben und die Uebersetzung lehren, die vorgeschriebenn Betonungsarten „Sarko, Segol. Munach“ usw. sind mir nicht geläufig. Aber wir können gleich mal mit dem. alten Sebastian sprechen, der nebenan wohnt Der ist ja ein großer Musiker, vielleicht kennt er auch die jüdischen Melodien. Und wenn nicht, werde ich den Herrn Rnhbiher in der Stadt fragen, ob nicht den Vorschriften Genüge geschieht, wenn Aron die Haftarah verliest statt sie zu singen.44 (Fortsetzung folgt). .