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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-03-04 · 9 (4.3.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
9 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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I ') Stadtrat Gchneider statt. Die verschiedenen Fraaeu der augrichlostenen Gemeinde« wurden eingehend im Anschluß an einen Bericht von Herr» Dr.Rosenzweig erörtert. Ueber die BerhanLLungen im Preußische» LandeSverband jüdischer Gemeinden berichtete Jufttzrat Soldin. «ui Antrag von Dr. RÄenzweig wurde beschlossen, die MUteiluug über den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden der Grenzmark zu einem Verbände, in Gemäßheit des Art. 187 Abs. 8 der RetchSoersastung vom 11. August ISIS, der hiesigen Regte-« rnug zur Kenntnis -n bringen, wodurch der Verband eine Körperschaft deS öffentlichen Rechts wird. Aus der DewegMg Kerli«. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V.) Die BezirkSgruppe« Charlottenburg Ost und West veranstalteten am 21. Februar einen Vortragsabend. Nachdem Herr Kantor Berttzolb Friedman», begleitet von Frau Luli Goetz die Arie aus „TUaS". J&o ihr mich von ganzem Herze» suchet" von Mendelssohn sowie «Dem Unendlichen" von Schubert -um Vortrag gebracht hatte, begrüßte Herr Dr. Alfred Caro-Westend die Anwesende» und wies daraus hin. daß der liberale Verein de» Willen zu positiver Aufbauarbeit hat. Eine seiner vornehmsten, aktuellen Ausgaben ist die Befriedigung des hervorgetreteneu Bedürfnisses nach einem liberale» Gottesdienst in Char» lotten Bortrage über das Thema «Braucht der moderne Mensch einen Gottesdienst", ging Herr Seminar- Oberlehrer Hermann Falkenberg von der grundlegende» Frage aus, ob der moderne Mensch überhaupt beten könne. Südendige Frömmigkeit und modernes Denken scheint heute vielen im Gegensatz zu einander zu stehen. Religion ist in erster Linie kein ErkeuntniSprovlem, sondern ein Wertproblem. Eingehend setzt sich der Redner dann mit der Mittelrichtung auseinander, für die daS Judentum eine Jomkippur-Religion tft. Diese Richtung überläßt die Religion denen, di« von BerufSwegen dazu bestimmt feien, den Rabbiner» und Lehrer». Eine derartige Veräußerlichung der Religion zum Ritus fei nur dadurch möglich geworden, daß die Religion als Urkraft nun nicht mehr Allgemeingut fei. Die Erscheinungsform der Religion wird mit dieser selbst verwechselt. Die Herrschaft deS Rituellen habe eine GeisteSknechtschaft hervorgebracht, indem man das. was unsere Vater geschaffen haben, zu einer Richtschnur für das gegenwärtige Geschlecht machen wolle. Man solle die Religion aus dem Gewächshaus wieder in das lebendige, freie Leben treten lasten. , _ Leben muß die Religio» in erster Linie für unsere Jugend. Gt« braucht positivere Werte, die sie zum Gegenstand ihrer BegetsterungSfähiakett machen kann, sie wendet sich ab vom Religiösen zum Nationalen. Sobald aber die Jugend zum vermeintlich nationalen Ideal gelangt, ist sie in religiöser Hinsicht verloren. Wir brauchen deshalb einen Gottesdienst, um di« Jugend zur lebendigen Betätigung der Religion zu erziehe». Religiöser JudifferenttSmuS führt zum Nationalismus. Biele Zionistensührer kommen ans Kreisen, die sich vom Religiösen abgewandt haben. Wir brauchen die liberale Idee und Ken liberalen Gottesdienst, um die Jugend beim religiösen Judentum sestzuhalten, um so die Zukunft unserer Gemeinschaft zu sichern. Religion und Gottesdienst verhalten sich scheinbar wie Leben und Atmen zueinander. Der Gottesdienst stellt die Beziehungen zwischen Gott und Menschen her. ist aber noch nicht Religion. Sein Ziel ist. Religion zu schaffen. Wenn wir aber den Gottesdienst brauchen, so mutz er so gelegt werde», daß ihn jeder besuchen kann. Bon der Gewöhnung an Gottesdienst im gemeinsame« Gotteshaus erhofft der Referent auch etu Wtebereinziehen des Gottesdienstes in die Löhnungen, besonders in Gestalt LeS Freitagabend und ^Wenu der Gottesdienst diese seelische Kraft anSübe» soll, muß er sich auch der Gegenwart anpassen. Seit dem Tode Abraham Geigers hat eine Entwicklung des liberalen Gottesdienstenicht mehr stattgefundeu. Diese Passivität muß gebrochen werden. Der liberale Gottesdienst im Auerbachs chen Waisenhause, «tue Schöpfung des Liberalen Sgnagogen-BereinS Norde«, ist ein lebendes Beispiel für die Durchführung der Forderung deS Redners. Er ist auS der Gehnsucht der Masten nach modernem Gottesdienst entstanden und beruht auf der aktiven Mitwirkung der Gemrind«. Ueberall, wo religiöses Leben zu wecken fei. wüste eS geweckt «erden. Dan» würde heute auch noch bei de» indifferente» Menschen das religiöse Bedürfnis der Seele geweckt werden. Die autbesuchte Versammlung dankte dem Redner mit lautem Beifall. In der anfchließeden Aussprache beschäftigten sich die Redner hauptsächlich mit der Frage, wie der im Berliner Norden so erfolgreich ins Leben gerufene liberale Gottesdienst in den anderen Teilen Berlins, wo ein gleiches Bedürfnis vorhanden sei. vervielfältigt werden könne. Nach, dem Herr Dr. Caro festgestellt hatte, daß besonders in Charlottenburg dieses Bedürfnis vorhanden foi, befaßte sich Herr Dr. Wiener in längeren Darstellungen mit der grundsätzliche» Frage, wie das in der Reich-Hauptstadt heute fehlende Gemeindeleben geschaffen werben könne. An der weiteren Aussprache beteiligten sich noch die Herren Isaak PineuS. JauluS und Dr. Löwenberg. In einem kurzen Schlußwort faßte Herr Falkenberg die Meinung der Anwesenden dahin zusammen, daß mit der Errichtung großer Prunkspnagogeu Schluß gemacht und der Gottesdienst wieder zum Mittelpunkt aktiver religiöser Betätigung gemacht werden müsse. Irak Schulhof: Eine historische Erzählung von Walter Kahn, Dortmund. Im Ghetto zu Ofen herrschte eine unbeschreibliche Erregung. Eine bewegte, wie von einem Krampf geschüttelte Menge drängte sich um einen einzelnen Mann. Von Schweiß und Schmutz bedeckt, lehnte er sich an die Wand eines Hauses. JEtedet!“ „So sprecht doch!“ „Gebt Auskunft!“ „Es kann nicht sein! —- Unmöglich!"' Erregte Worte trafen sein Ohr. „Es ist, wie ich euch sage,“ sprach der Mann mit müder, erschöpfter Stimme. „Gäbe Gott, daß ich nicht der Bringer einer solchen Schreckenskunde wäre: das türkische Heer flüchtet in voller Auflösung hierher. Graf Rüdiger von Stahremberg hat es mit blutigen Köpfen von den Wällen Wiens getrieben. Unglück ÄWr uns!“ JDie Zeichen trügen nicht,“ sagte einer. „Saht ihr nicht, daß alles Wasser, selbst der mächtige Donauström, voll rotem Gewürm war? Achtetet ihr nicht der fremden ungewöhnlichen Vögel, welche die heimischen Bewohner der Luft aus ihren Genisten vertrieben? Wehe über Israel! Welch dunkles Verhängnis schwebt schon drohend über unseren Häuptern?“ Io der Christenheit schrieb man den 12. September 1683, als die Kunde von der Niederlage des türkischen Heeres nach Öfen gebracht wurde. Bangnis zog in aller Herzen; denn jetzt kam der Krieg mit Semen Schrecknissen ins Land. Doppelt lähmend und Entsetzen verbreitend wirkte die Nachricht im luden« viertel von Ofen. Wie es auch kommen würde, der Jude war der Sündenbock, auf dessen armen Bücken ie Schläge niederprasselten. Ein jeder sah schwarz in die Zukunft und war auf das Schlimmste gefaßt. In der Ofener jüdischen Gemeinde lebte in dieser Zeit ein Manu, der trotz der schweren Tage seine innere Heiterkeit und seinen Glauben an Israel und die Zukunft nicht verlor. Das war Isak Schulhof, ein Mann, den der Heilige, gelobt sei er, sichtbar geführt hat and dessen Geschichte daher wohl wert ist, in diesen Blättern aufgezeichnet zu werden. Isak Schulhof stand zu Beginn der Ereignisse, welche so namenloses Leid über ihn und sein Haus bringen sollten, im 43. Lebensjahre, Er war ein statt- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands. lieber Mann, aus dessen von dunklem Bart umrahmten Gesicht wissende Augen zeitlos in die Welt der Erscheinungen blickten. Durch seine Gelehrsamkeit — zwar war er nur ein kleines Licht in Israel im Vergleich zu seinem Schwiegervater, dem weithin berühmten R. Ephraim Cohen — war er zum Rabbiner eines Vereins jüdischer Männer berufen worden, die sich das Studium unserer heiligen Schriften und das Gehet zur Pflicht gemacht hatten. Isak Schulhofs Wiege hatte im Judenviertel zu Prag gestanden. Hier verlebte er seine Jugend, früh in das Studium der Schrift eingeführt, einem Studium, dem er sich bald mit Eifer hingab. Er war, man könnte sagen, zu einem solchen Tun vorherbestimmt; denn durch die Mutter knüpften ihn verwandtschaftliche Bande an den sagenumwobenen hohen R. Low. Nach seiner Vermählung mit Esther Cohen, der Tochter des berühmten R. Ephraim Cohen, vor dessen Autorität sich Männer wie Mose Galante, der Rabbiner von Jerusalem, Mose Beneviste, der Großrabbiner von Konstantinopel, oder Mose Chajim, der Rabbiner von Saionichi, willig beugten, zog er mit seinem Schwiegervater, der im Jahre 1666 zum Rabbiner von Ofen berufen wurde, dorthin. Auf den Zinnen der Burg von Ofen wehte damals der Halbmond. Der Türke herrschte im Lande, und seine Herrschaft erstreckte sich fast bis an die Tore von Wien, wo seine apostolische Majestät, Kaiser Leopold I. saß. Aus Wien und Nieder-Oesterreich waren die Juden vertrieben worden, in Ofen aber bestand ein« große, blühende jüdische Gemeinde, die eine Anzahl hervorragender Gelehrter hervorgebracht hatte. Gewiß war Isak Schulhof der Abschied aus Prag, seiner Heimatstadt, schwer geworden — er wurzelte ebenso fest im Boden seines Vaterlandes wie diejenigen, welche sich rühmten, seit ewigen Zeiten im Lande zu sitzen — aber er hatte nicht jung und lehenshungrig sein müssen, um nieht in Ofen an der Seite seiner jungen Frau eine neue Heimat, einen Wirkungskreis zu lindem Ja, es muß hier gesagt werden, der Jude bängt mit allen Fasern seines Herzens an der Scholle, die ihn gezeugt und geboren. Nicht Bedrückungen, nicht Verfolgungen können seine Liebe zur Heimat, zum Vaterland ertöten. Isak Schulhofs Glück schien vollkommen zu sein, als ihm ein Sohn geboren wurde. Das Kind wurde Samson genannt Allein, keines Menschen Leben besteht aus einer ununterbrochenen Reihe von Sonnentagen. Trübe Wolken zogen herauf und verdüsterten bald dien Himmel des Glücks. Im Frühjahr des Jahres 1678 zog eine Seuche verheerend und entvölkernd über die Länder dahin. Die Contagion — wie man die Krankheit damals nannte — suchte Ofen heim und forderte ungezählte Opfer. Auch im Ghetto beweinte mancher geliebte Angehörige. Im Alter von 62 Jahren wurde R. Ephraim Cohen von der Krankheit dahingerafft, nachdem er das Herzeleid erlebt hatte, seinen ältesten Sohn als Opfer der Seuche sterben zu sehen. Allein die schwarzen Wolken, welche dräuend am Rande des Horizontes lagerten, schwanden fürderhin nicht mehr. Die Pest hatte ihren schreckenerregenden Besuch abgestattet. Krieg und Hunger in ihrer furchtbaren Gestelt sollten nicht lange auf sich warten lassen. Der Türke saß wie ein Pfahl im Fleisch des Reiches und es war sicher, daß eines Tages der Versuch unternommen wurde, diesen Fremdkörper zu entfernen. Die Kriegsgefahr rückte unaufhaltsam näher, und im Jahre 168’ entbrannte der Krieg. Der Beginn einer Leidenszeit ohnegleichen war angebrochen. Die Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch kleine, bunte Scheiben auf den Estrich eines mit Büchern und Schriften ausgestatteten Gemaches. Am Boden spielte ein Kind. Kam es an eine bestimmte Stelle, so trafen die hereinbrechenden Sonnenstrahlen sein Köpfchen und ließen sein seidiges Haar in hellem Glanz» aufleuchten. In tiefer, herzlicher Freude ruhten die Augen des Elternpaares auf dem Knaben, der so unbelcHmmert seiner kindlichen Snielen nachging. Plötzlich schien ein Schatten über das Gesicht der Mutter zu fallen. War es nur eine vorüberziehende Wolke? „Ach, Lieber,“ so sprach Esther Schulhof zu ihrem Gatten, ..ach. mir ist so bange. Am Horizonte ballen sich schwere Wetterwolken zusammen. Wie lange noch, und das Gewitter entladt sich über unseren Häuptern* und mir ist es immer, als müsse uns der Blitztrahl treffen.“ „Sei stark, liebes Weib, und hoffe auf Gott, den Herrn. Er hat unsere Väter im Lande Mizraim nicht verlassen, warum sollte er an unserem Hanse vorübergehen?“ sagte Isak Schulhof einfach und mit tiefer Gläubigkeit. ’ „Du willst mich trösten, Isak,“ sagte Esther, indem Tränen ihren dunklen Augen entquollen, „nie mehr wird unser Böhnchen, unser Samson, so friedlich spielen.“ Sie schluchzte laut auf und konnte den strömenden Tränen nicht länger Einhalt gebieten. Der kleine Samson blickte verwundert vom Spiel auf und als er seine Mutter weinen sah, verzog auch er das Mäulchen und fing an zu schluchzen. Die Mutter stand auf, hob den Kleinen empor und beruhigte ihn: „Sei ruhig, mein Liebling, sei stille, wir gehen auch morgen auf die große Wiese und pflücken die bunten Blumen und spielen mit dem Kühchen, dem Oechschen und dem Pferdchen. Ja, willst du? ..." So beruhigte sie den kleinen Schelm und lächelte in ihrem großen Kummer unter Tränen. „Gewiß,“ fuhr Isak Schulhof fort, „die Zeiten sind ernst, aber noch sind die kämpfenden Heere weit, und wer weiß, ob überhaupt der Krieg bis unter die Tore Ofens getragen wird. Und selbst wenn es zum Schlimmsten kommt, wenn Ofen in die Hand des Kaisers fallen sollte, so können wir doch ohne Sorge sein. Auch unter dem Halbmond sind wir gut kaiserlich gesinnt geblieben; und wer wird einem vaterlandliebenden Manne, einem Landsmann etwas zuleide tun?“ „Gäbe Gott, du sprächest wahr,“ sagte Esther hinausgehend; denn es war die Schlafenszeit des kleinen Samson gekommen. Isak Schulhof befand sich allein in seinem Studierzimmer. Seine heiteren, ruhigen Züge erschlafften Elötzlich. Es war als wiche die Spannung, welche ihn is jetzt aufrechterhalten, von ihm. Zusammengesunken saß er in seinem hohen Stuhl. Er wußte genau, daß es nur Worte des Trostes waren, die er seinem Weibe gesagt Morgen schon würden die Trümmer des vor Wien geschlagenen Heeres in Ofen sein, und der Krieg trug seine Schrecken in ihr stilles Heim. Bange, böse Sorgen bedrückten ihn. Am besten wärs, er griffe zum Wanderstabe und zöge mit geringem Gepäck mit seinen Lieben weit, weit fort, wo die Menschen noch in stillem Frieden auf ihrer Scholle wohnten und nicht einer dem anderen die Luft zum Atmen mißgönnte. Ja, so wollte er handeln, gleich morgen. Aber durfte er das? Durfte er die Gemeinde, die Brüder einfach verlassen? Er flüchtete sich in einen stillen Winkel und lebte in geruhiger Beschaulichkeit, während die Glaubensgenosse» vielleicht ein letztes Sch'ma jisroel unter den Streichen der entmenschten Kriegsvölker verhauchten. Nein, er blieb, und sein Weib harrte treu an seiner Seite aus. Schwäche war kein Zeichen einer jüdischen Frau, und Fahnenflucht nicht die Art des jüdischen Mannes. Ein stiller Friede ruhte wieder auf dem Antlitz Isak Schulhofs, als er sich an sein Pult setzte, um sich in die Lehre Mosis zu vertiefen. Es dauerte nicht lange und auch die hoffnungsreichsten Gemüter erkannten, daß der Halbmond sich seinem Untergange zuneigte. Nach wenigen Tagen schon erhielt Isak Schulhof als Vorsteher und Leiter eines jüdischen Vereins die Aufforderung, mit die Unterbringung und Verpflegung des hcranrucEenden Heeres Sorge pv tragen. Am jüdischen Neujahrsfeste wußte ein jeder, wie es um das türkische war. Aufgelöste Trümmer einer geschlagenen Armee fluteten zurück; wie Geier, die ihre Beute ahnten, kreisten dunkle Gestalten der Nacht um das Chaos. Trotz der Heiligkeit des Festes mußte man im Ghetto vom frühen Morgen bis zum späten Abend der Arbeit obliegen. Brot! Brot! klang der Schrei der verhungernden Truppen. Bestürzung und Niedergeschlagenheit ohnegleichen herrschte, die noch erhöht wurde, als Ofen bis auf eine Besatzung von 10 000 Mann völlig von Truppen entblößt wurde Die kaiserlichen Truppen drangen schnellen Fußes ins Land. Das Ende schien gekommen. Visegrad war gefallen, das Treffen bei Parkany war geschlagen und hatte mit dem Siege der Kaiserlichen geendet Öfen schien als reife Frucht dem Sieger zuzufallen. Allein — das Schicksal hatte es anders beschlossen. Die kaiserliche Armee bezog ihre Winterquartiere. Der Krieg mit seinen Schrecken lag wie eine Lähmung auf aller Welt. Mehr und mehr geriet der Fluß des Lebens ins Stocken. Niemand zeigte Lust zu irgendwelchen Unternehmungen, keiner wollte Geld und Gut in diesen unruhigen Zeitläuften aufs Spiel setzen. Das Ofener Ghetto war eine stille Stadt geworden. Die Geschäftsverbindungen, welche mit den Ländern des Ostens und des Westens geknüpft worden waren, hatte der Krieg zerrissen. In vielen jüdischen Häusern hockte ein ungebetener Gast: die schwarze Sorge, und wollte sich nicht bannen lassen, ln diesen schlimmen Zeiten entfaltete Isak Schulhof eine reiche Liebestätigkeit. Der stille Mann verstand es durch seine Hilfsbereitschaft die härtesten Schicksalsschläge erträglich zu machen Sein Dasein verfloß während der Jahre, welche dem Fall von Ofen vorausgingen, hn Studium und in der Ausübung von guten Werken. So wurde sein Leben zu einer Säule, welche dem ewigen Bestand der Welt vonnöten ist; denn unsere Weisen sagen: „auf drei Dinge beruht die Welt: auf der Thora, dem Gebet und der Ausübung von guten Werken." Fast ist es ein Wunder zu nennen, daß Ofen im Jahre 1684 nicht in die Hand des Kaisers fiel. Schon war die Vorstadt von den Stürmenden genommen, die unter der türkisches Bevölkerung ein fürchterliches Blutbad anrichteten, noch wurde die Belagerung mit unverminderter Heftigkeit fortgesetzt — Bomben uud Granaten gingen wie ein Feuerregen auf die Stadt hernieder — als der Verteidiger von Wien, Graf Rüdiger von Stahremberg, der hier die Belagerung leitete gezwungen wurde, sie aufzugeben. Der Hunger wai in seinen Reihen eingekehrt. Dazu kamen zahllose Ausfälle, die Ibrahim der Teufel, der löwenmutige Pasche von Buda, unternahm, und welche die Arbeit der Belagerer vereitelten. Wiederum war Ofen frei. Aber die Zeit des Halbmondes war erfüllt Trotz der Siege, welche die Türken im Jahre 1685 erfochten Waizen fiel wieder in ihre Hände, Visägrad wurde erstürmt — ging das Schicksal seinen Gang. Eine gewitterschwere Wolke stand über der gequälten Stadt. Wann zuckte der Blitzstrahl hernieder, der alles vernichtete? or**

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