Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 8 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fiton und Uebertritt in eine andere. Bei -er Geschichte KainundAbelS stellte man sich die Frage, warum Gott, -er doch ein gerechter Gott ist, den guten Menschen Abel umkommen, den bösen Menschen Kain aber leben lasse? Diese Frage ergab die -weite, ob denn Abel wirklich der höhere Mensch sei. Im Laufe der Debatte kam man schließlich dazu, diese Frage zu verneinen. Man sah Abel als den gedankenlosen, alles hinnehmenden Menschen an, Kain als den. der denkt und sich Urteile bildet. Darum glaubte man Gottes Strafe dahin verstehen »u wollen: Kain war schon fähig zur Strafe. Kain sollte leben bleiben, tun sein Unrecht einzusehen und wiedergutzumachen. Die Makkabäer- Kämpfe setzten die Gruppe in Zweifel. ob nicht das Gebot: „Du sollst nicht töten" durch sie verletzt wurde. Man einigte sich aber dahin, daß es ein Recht der Notwehr war. da cs um Sein oder Nichtsein der Religion ging. — Den Erfolg der Juden über ihre an Zahl so überlegenen Feinde erklärte man sich auch mit -er inneren Ueberlegenheit derer, die um die Erhaltung ihrer Religion kämpften. An einem anderen Abend wollte man über die Sklavengesetze -es Deuteronomiums sprechen; man kam über das eine Gesetz, das den Sklaven strafte, der im siebenten Jahr seinen Herrn nicht verlassen wollte, nicht hinaus. Die einen fanden das Gesetz grausam und ungerecht gegen die Anhänglichkeit des Sklaven. Die anderen fanden den verachtungswürdig, der seine Freiheit aufgibt um eines bequemen Lebens willen. Daran schloß sich eine Diskussion, ob denn ein Mensch nach sechsjähriger Sklaverei überhauvt noch fähig fei zur Freiheit. Daraus ergab sich die wichtige unausgesprochene Forderung für den Herrn, den Sklaven seines Freiheitogefühls nicht verlustig gehen zu lassen. Bielefeld. Am 10. Februar hielt die hiesige Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum nnter Leitung ihres Vorsitzenden. Rabbiner Dr. Kronheim, ihre diesjährige Hauptversammlung ab. Der Vorstand, bestehend aus den Herren Dr. Kronheim. R.-A. Dr. Katzenstein, R.-A. Dr. Weiß und Frau Dr. Dreyer, wurde wiedergewählt, und es wurde ihm von der Versammlung die Ermächtigung erteilt, an Stelle des infolge Fortzuges nach Hannover ausgeschiedenen Herrn Alfred Goldschmidt ein weiteres Vorstandsmitglied zu kooptieren. Alsdann nahm Herr George Götz, Berlin, der sich in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hatte, das Wort zu seinem Vortrag: „Universalismus und Nationalismus im Judentum". Ausgehend vom Prophetismus schilderte er mit eindringlichen und begeisterten Worten das wahre Wesen des Judentums, das in unmittelbarem Erleben des göttlichen Wesens und im Messianismus bestehe. Der religiöse Liberalismus sei heute der Träger der prophetischen Ideen und habe das Verdienst, das Judentum nach der Emanzipation erhalten zu haben. Der Nationalismus sei als eine Assimilationserschetuung an gewisse moderne ungeistige und unreligiöse Theorien abzulehnen. Der schöne Bortrag, desien reicher Inhalt hier nur andeutungsweise wieüergegebeu werden kann, wurde mit großer Aufmerksamkeit angehört und hinterließ bet den Anwesenden den nachhaltigsten Eindruck. Allgemein war der Wunsch, daß der Redner bald einmal wieder in Bielefeld vor einer größeren Versammlung sprechen möge. Breslau. (Jüdischliberaler Jugendverein „Abraham Geiger"). Am 10. Februar vereinigte der Jli seine Mitglieder in den schönen Räumen der Wohnung unseres liebeu Mitgliedes Herrn Erich Königsberger zu einer gemeinsamen Freitagabendfeier. Nach dem weihevoll vorgetragenen Äiddusch unseres verehrten Freundes Herrn .Kantor Wartenberger erläuterte unser Vorsitzender, Herr Rabbiner Dr. Halpersohn. in geistvollen, formvollendeten Ausführungen Sinn und Bedeutung des Wvchenabschnittes für den Sabbat. Eine wirkungsvoll vorgetragene ernste Rezitation von Ruth Pvllack leitete zu dem musikalischen Teil über, in dem sich Heinz Hetlborn, Bruno und Alfred Fuchs und, fortreißend wie immer, durch den Vortrag Herr Kantor Wartenberger betätigten. Den Dank der Anwesenden für diese unvergeßlichen Stunden der Weihe an alle, die in ihrer Art in diesem Rahmen mitwirkten, und für die ausgezeichnete Gastfreundschaft unseres lieben Herrn Königsberger verband Alfred Berger mit der Bitte, daß jedes Mitglied durch seine Betätigung einen Baustein für religiös-liberales Judentum beitrage. Frankfurt a. M. (Jüdisch-liberale Jugendgemeinschast). In Erwiderung unseres Besuches in Worms im letzten Jahre kam am Sonntag, den 6. Februar. der Jüdische Jugendverein Worms zu uns herüber, dem sich eine Gruppe des Kreuznacher Jugendvereins anschloß. Morgens, von uns von der Bahn abgeholt, besichtigten sie zum Teil die Altstadt, zum Teil die Gemäldegalerie Stadel. Später trafen sich alle im Jüdischen Museum, wo über die Geschichte der Frankfurter Judengasse Interessantes von einzelnen unserer Mitglieder berichtet wurde. Nachmittags war gemütliches Beisammensein in den Räumen des Mttdchenklnbs. Max Gundersheim sprach einen Prolog. Dann folgte Kaffeetafel; Gesang und Tanz wechselten ab, und unsere Wormser und Kreuznacher Gaste bestritten abwechselnd mit unseren Mitgliedern das Programm des Nachmittags mit zum Teil sehr wertvollen künstlerischen Borträgen. Abends trennten wir uns mit dem Eindruck, daß unsere Freunde vom Rhein und von der Nahe sich bei uns wohlgefühlt hatten, und dies wurde auch offen von ihnen ausgesprochen. Wir halten diese gegenseitigen Besuche. von denen beiderseitig eine Fülle von Eindrücken empfangen wird und die zur Bereicherung und Vertiefung von Kenntnissen beitragen, für einen wesentlichen Teil unserer Arbeit. Darüber hinaus aber ist das gesellschaftliche Leben und die persönliche Freundschaft der Jugend ein wesentliches Moment zur Förderung unseres Zieles: positive, jüdische Jugend. Ein besonders eindrucksvoller Abend war der Vortrag von Herrn George Goetz, Generalsekretär der liberalen Bereinigung. Schon äußerlich kam dies zum Ausdruck in der hohen Zuhörerzahl. Etwa 50 Teilnehmer waren erschienen und bekundeten ihr lebhaftes Interesse an dem Bortrag „lieber den Sinn des Betons". Sie wurden nicht enttäuscht. Worte von solch eindringlicher Kraft haben wir nur selten gehört. Wissenschaft und Religion, so führte der Vortragende aus, sind zwei vollkommen getrennte Gebiete, die rnchts miteinander zu tun haben. Dient doch das mit den Sinnen Wahrnehmbare der Wissenschaft, räumlich den Naturwissenschaften und der Erdkunde, zeitlich der Geschichte. Religion aber ist Irrationales, das nur dem Ich an sich begreiflich ist, nicht aber der äußeren Erscheinungsform. Daher ist es falsch, sich Gott persönlich oder im Raum vorzustellen. Er ist überhaupt nicht vorstellbar, sondern nur gefühlsmäßig zu erfassen. So kann also das Beten unmöglich den Simi haben, um Erfüllung einer Bitte zu flehen oder durch Dank Gott wohlgefällig zu fein oder ihn gar zu seinen Gunsten durch Wohltaten umzustimmen; sondern das Beten kann nur den Zweck haben, Symbol ebenso wie die heiligen Bräuche, die uns Nachdenken lernen lassen und läutern und erheben sollen. Objektives historisches Geschehen ist dabei ganz gleichgültig. Ob die Kinder Israels nun wirklich aus Aegypten gezogen, ob das Meer sich geteilt hak, das ist Nebensache. Auf die innere Befreiung kommt eS an; beten wir doch am Sederabend: Jeder Jude muß fo denken, als fei er selbst aus Aegypten und durch baS Schilfmeer gezogen. So ist Religion persönlichstes Glaubensbekenntnis jedes einzelnen. Den trefflichen Ausführungen des Redners folgte eine rege Diskussion, die zu mancher Ergänzung und weiteren Vertiefung des Gescwten Anlaß gab. Der Bortraa selbst hinterließ bet allen Teilnehmern dieses Abends einen tiefen Eindruck, der sich in wiederholten Gesprächen über bas Vernommene bei unseren weiteren Veranstaltungen zeigte. Halle. Die hiesige Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum veranstaltete am Montag, den 24. Februar, im Saale des Hohenzollernhofes einen Vortragsabend. bei dem Herr Generalsekretär George Goetz aus Berlin einen Bortrag über das Thema «Was ist und was will das liberale Judentum?" hielt. Der Redner zeigte, wie das Prinzip der Entwicklung in der Religion in allen Phasen des Judentums maßgebend gewesen ist. (Uebergang vom Opferzum Gebetgottesdienst. Judentum im Ghetto usw.) Eine ganz bedeutsame Wendung brachte dann die Emanzipation mit sich, die das Ziel hatte, zur Erhaltung unserer Religion uns mit unserer Umwelt in Einklang zu bringen. Das iß auch der Sinn des Liberalismus im Judentum, der nicht abschaffen, sondern reformieren, d. h. aufbauen will. Der Redner wendet sich dagegen, daß der Liberalismus immer nach dem Jndifferentismus seiner Mitläufer bewertet wird. Es ist die schwierige Ausgabe des Liberalismus, diese Indifferenten für das Judentum, d. h. für die jüdische Religion zurückzugewinnen. Deshalb wendet sich der Redner auch nicht gegen die Orthodoxen, sondern verlangt nur, daß diese uns nicht als schlechtere Juden betrachten. Den Zielen der jüdisch-politischen Vereinigungen gegenüber zeigt er auf den weit höheren Wert der religiösen hin. Deshalb trat er auch den nationaljüdischen Bestrebungen entgegen. Die Existenzberechtigung des Judentums liegt ganz in seiner Religion verankert. Staaten vergehen, und mögen sie auch Tausende von Jahren bestehen. Die Religion allein ist unvergänglich. Der Bortrag machte auf die Anwesenden aller Richtungen einen äußerst tiefen und befriedigenden Eindruck. Die Gerechtigkeit, die der Vortragende allen Richtungen im Judentum angedeihen ließ, hatte eine anschließende Diskussion nicht auskommen lassen. Zu bedauern war nur, daß nicht noch größere Kreise unserer Gemeinde der Einladung unserer Bereinigung gefolgt waren. So mancher hätte die Ueberzeugung nach Hause mitgenommen, daß der jüdische Liberalismus uneigennützig nur für das Judentum und seine Erhaltung arbeitet. Den Redner selbst, dem wir auch an dieser Stelle nochmals für seinen wertvollen Vortrag danken, hoffen wir noch recht oft bei uns begrüßen zu dürfen. Magdeburg. (Iüdischliberaler Jugendbund „Heimat".) Am 15. Februar sprach Herr Walter Heinemann in unserem Verein über „Liberalismus und Zionismus". Da der Referent eine bekannte Persönlichkeit der ziontstischen Bewegung in, sah man seinen Ausführungen mit Interesse entgegen. Er führte etwa folgendes aus: In der heutigen jüdischen Geistesbewegung hat sich besonoers in Deutschland ein unfruchtbarer Parteigeist breitgemacht. Darum hielt es der Redner für erforderlich, um feine Ausführungen richtig zu beurteilen, sich einmal von diesem Parteigeiste vollständig freizumacheu. Auch betonte Herr Heinemann ausdrücklich, daß seine Darlegungen nur persönliche Anschauungen seien und nicht etwa der ganzen zionistischen Bewegung zum Ziele dienen. Der Redner zählte nun die Punkte auf, in denen Liberalismus und Zionismus übereinstimmen. Dazu gehört ganz besonders die progressive religiöse Anschauung. Denn hier nimmt der Zionismus zusammen mit dem Liberalismus Stellung gegen die Orthodoxie und tritt ebenfalls für Assimilation an die Umwelt ein. Dann aber sprach der Redner von der kulturellen Bedeutung des Zionismus für das gesamte Judentum, indem er daraus hinwies, daß der Traum des Prophetentums, das messianische Reich, nur von dort aus seine Verwirklichung erfahren kann, wo jüdische Kultur sich frei entwickelt? wie es der Zionismus in Palästina erstrebt. Der Redner schloß seine wirkungsvollen Worte mit der Erklärung, daß die jüdischen Bewegungen der Jetztzeit trotz aller Schattenseiten ein Beweis für das miedererwachte Jitteresse au der Religion der Väter seien, und forderte dazu auf, diese Interessen zu stärken, ganz gleich, auf welchem Parteiboden man steht. In der anschließenden Diskussion sprach u. a. auch Herr Dr. Wilde, der die Schlußforderungen aus dem Referate zog und noch einmal darauf hinwies, wie weit der Liberalismus mit dem Zionismus gehen darf, um trotzdem noch seine Berechtigung als eine wichtige jüdische Weltanschauung behalten zu können. Wattenscheid. Im „Jüdischen Gemeindeverein" sprach am 8. Februar der Generalsekrtär der Vereiniguna für das liberale Judentum, Herr Goetz-Berlin, über das Thema „Unser unbekanntes Gebetbuch". Der Vortraaende verstand es den tiefen Sinn wertvoller Stellen sowohl des täglichen, wie des festtäglichen Gebetsbuches seinen Zuhörern zu erschließen. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Die Verknüpfung des Sabbats, des Pesachfestes und des Verföhnungstages mit der Befreiung Israels aus Aegypten ist ihm ein Symbol für unsere Bindung mit allein Irdischen, unsere Lösung vom irdischen Aegypten wird uns führen aus der Enge des Lebens zum gelobten Lande der ewigen Wahrheit. Wir wollen uns freuen mit den Worten Deiner Lehre und mit Deinen Geboten immer und ewig, denn sie sind unser Leben und die Dauer unserer Tage, und in ihnen wollen wir forschen Tag und Nacht." Die Durchdringung unseres Gebetbuches möge dazu führen, daß sich der selbstlose Wunsch unseres Moses erfülle: „Ach. daß doch das ganze Bolk aus Propheten bestände." Für die Zuhörer war der Vortrag eine Stunde der Andacht. Skizzen ans Paris. III. Besuch beim Großrabbiner von Frankreich. Wohl kann man sich im Laufe einiger Monate einen lleberblick über das künstlerische Leben einer Stadt verschaffen. Theaterkarten kauft man sich, und Museen und Ausstellungen mag man nach Herzenslust besuchen. Aber um persönliche Erfahrungen innerhalb der Gemeinden zu sammeln, braucht man Jahre: denn die alten jüdischen Famil-en von Paris schließen sich ab, wie es alle einaesesienen Franzosen tun — sogar gegen ihre eigenen Landsleute: da ist cs sür den Ausländer, zumal den Deutschen fast unmöglich. Eintritt in die gute, jüdische Bourgeoisie zu erhalten. Um mich nun — ohne die trockne und staubige Arbeit des Folianteuwälzens und Statistikenlesens — über jüdisches Leben in Paris zu orientieren, bat ich den Großrabbiner von Frankreich, Mr Israel Levi, um eine Unterredung, die mir in freundlichster Weise gewährt wurde. Mit Herzklopfen fuhr ich zum Montmartre, zur Privaiwohnung Herrn Levis und wiederholte während der langen Reise immer wieder die Höflichkeitsphrasen, mit denen ich alle mangelndeSprachkenntnis verdecken wollte; denn schließlich ..Monsieur le Grand-Rabbin de France . . .“ und ein deutsches, stotterndes Journalistlein . . .! Die auswendiagelernten Einführunasformeln. aber auch die Anast waren vergessen, als ich die Tür des Arbeitszimmers hinter mir schloß, ein alter (ehr soignierter Herr mich ermunternd und liebenswürdig begrüßte und mir ^seine Zeit und Kenntnisse" zur Verfügung stellte. Meine Entschuldigung für die Unsicherheit im französischen, wurde mit einem kleinen Kompliment erwidert — ja, die Rabbiner scheinen hier sogar ein wenig Kavaliere zu sein! Wir gingen gleich in mickias res, und ich brachte viele Frage» vor, die mir mit außergewöhnlicher Klarheit und einer erstaunlichen Kenntnis der Materie — auch wo es sich MR rein statistische Dinge handelte — beantworte* ..Mueven» Natürlich hat manches zu sehr Lokal- oder Gpeztaltnteresitz, um hier erwähnt zu werden. Ich beschränke mich auf bi« Wiedergabe deS Hauptsächliche«: . Die genaue Zahl der jüdisch« ist nicht festzustellen, da auf den formularen die Konfessionsfrage nicht verzeichnet ist. Um einen ungefähren Anhaltspunkt, der sich aus den Gemeindelisten ergibt, zu haben, rechnet man mit einer jüdischen Ernwohnerschaft von zirka 6000, einer Ziffer, die, wie gesagt, durchaus auf Hypothese beruht. Die ersten Juden kamen aus dem Elsaß, aus Bordeaux, Bayonne, später auS Spanien, der Schweiz und Deutschland nach Paris. Als Folge der schrecklichen Pogrome setzten 1001 dr« großen Einwanderungen der „orientalischen Juden" ei», unter denen man hier Russen, Polen und Rumänen versteht; nicht zu vergehen, die Juden aus Smyrna und Saloniki. die sich völlig assimiliert haben, da. sie in ihrem Lmrd schon in den Schulen der Alliance Israelite erzogen nmvden und französische Sprache und Kultur gleichsam als zweites Heimatsgut empfangen haben. Recht eigenartig ist, wie selbst die neu Zugewanderten verschiedene Quartiers bevorzugen, und den alteingesessenen Ostjuden durchweg das offizielle Judenviertel „le marais“ in der Nähe des Notel de Ville Vorbehalten bleibt, während sich die in den letzten Jahren gekommenen am Montmartre ansiedelten. Auf meine Frage, ob diese grobe Invasion seit dem Krieg irgendeinen Wechsel in der Haltung der christlichen Bevölttrung gegenüber den Juden bewirkt habe, antwortete Mr. Levi mit einem Nein. Natürlich finde man hier und da in den Gegenden, wo bis setzt nie ausländische Juden gewohnt haben, eine gewisse Erbitterung gegen die Fremden, die in der fürchterlichen Wohnungsnot die wenigen verfügbaren Räume für sich beanspruchen, die Gemüse und Milch — während der Jnflationökrise oft rar — mitverbrauchten. Doch scheinen diese kleinen Feindseligkeiten nicht ernster Natur zu sein und sich mit einer Besierung der Wohnungsnot und der finanziellen Lage Frankreichs von selbst zu verlieren; jedenfalls sieht Mr. Levi sie nicht als Aeußerunpen des „Antisemitismus" an. Was nun überhaupt diese wesentliche Frage „Antisemitismus" angeht: die französischen Juden brauchen sich nicht zu beklagen. Höchste Beamten- und Ofsiziersstellen stehen ihnen — nicht nur dem Papier nach — offen. Es gibt jüdische Generale: in den fünf Akademien befinden sich viele jüdische Mitglieder (und das mit Selbstverständlichkeit!); Juden sind hohe Gerichtsbeamte (der Präsident des höchsten Gerichtshofes ist ein Jude); als Universitätslehrer spielen Juden eine große und unangefochtene Rolle, vou den freien Berufen ganz zu schweigen. Im politischen Leben ist nur die „Action iran^aise". die Partei der Narren und Snobs, wie man sie hier zu nennen pflegt, judenfeindlich eingestellt: sogar die sehr nationalistische Partei um den General de Castellenau soll den Burgfrieden wahren. Wenn ich meine Informationen hier zujammenfassend überdenke, habe ich nur von eitel Freude, Friede und Wohlgefallen zu berichten — auch was die Beziehungen der verschiedenen jüdischen Gruppen untereinander angeht. Es gibt natürlich Spaltungen, aber keine Kämpfe innerhalb der französischen Judenheit, deren Kernpunkt und Majorität „1 e s iuifs historiques et assez indifferents brlden. Sie sind „traditionelle Juden", das heißt hier: sie vollziehen Mila, Barmizwah. Eheschließung nach dem Ritus, halten die hohen Feiertage, besuchen die Synagoge (Gebete in hebräisch, gemischte Chöre), sollen aber statt des bekanpItzAq^ „eigenen Schulchan aruch" gar keinen haben. Von den bewußt liberal'Gesinnten, die nicht-sehr zahlreich seien, wußte mir Mr. Levi nicht viel zu Ihr Organ ist die Revue: le Rayon. -'s Im übrigen scheint man sie hier mit der reformierten Gemeinde, die in ihrem Tempel in Passy Sonntagsgottesdienst hält und unabhängig von der Großgemeinde ist. gleichzusetzen. Im Gegensatz zu der Zusammensetzung der liberalen und reformierten Gruppen stellen eingeborene Franzosen nur einen kleinen Prozentsatz der O r t h o d o x i e. Noch viel krasser scheint das Zahlenverhältnis von französischen und ausländischen Juden unter den Zionisten zu sein. Mr. Levi versicherte, es gäbe hier keine 100 Zionisten, die aus französischen Familien stammten. Außerhalb der Großgemeinde stehen außer den reformierten einige kleinere Gruppen der Orthodoxie, der russischen und spanischen Juden: ihre Mitglieder sind aber fast alle zu gleicher Zeit in der Großgemeinde. Auch bestehen Vereinbarungen, daß wichtige Entschließungen nur nach Rücksprache und Uebereinkunft mit dem Consistoire Central (dem beschlußsassenden Verwaltungskörper der Grobgemeinde) getroffen werden. In Fragen der Dch'chita, die gemeinsam behandelt werden» richtet man sich in der Wahl der Scho che tim nach den Wünschen der strengvrthodoxen Minderheiten. Trotz dieses guten Zusammenlebens und -arbeitens gibt es in Frankreich weder die Bne Brith-Logen selbst, noch eine ähnliche Vereinigung. Auf meine Verwunderung erklärte mir Mr. Levi, daß die Bne Brith-Loge seinerzeit in Frankfurt a. Main als Ersatz für die Freimaurerlogen, aus denen man damals in Deutschland die Juden ausschloh, gegründet worden sei.*) In Frankreich erfolgte kein Ausschluß: folglich war hier eine Gründung der Bne Brith- Logen nicht gerechtfertigt und mißlang trotz aller Versuche immer wieder. Mr. Levi siebt in der Loge B. B. nur eine Bereinigung für philantropische Arbeit, die iu Frankreich durch verschiedenartigste soziale Einrichtungen in hervorragendem Maße geleistet wurde. Diese Hilfstätigkeit kommt in erster Linie den Ausländern zugute, da uur sie die jüdische Proletarierklasse darstellen, mährend die eingesessenen Juden meistens wvhlbegütert seien. Die Philantropie im Ausland ist Sache der Alliance Israslite. Sie wurde im Jahre 1860 mit dem Programm „geistige und moralische Emanzipation und Verteidigung der Rechte der unterdrückten Juden" gegründet. Eine ihrer Hauptaufaaben ist die Erziehirng junger Juden in Persien. Maroeco, Algier. Rumänien, Griechenland usw. Die Schülerzghl beläuft sich auf zirka 40 000. Die Ausbildung der Lehrkräfte für die Schulen der Alliance Israelite geschieht auf der „Ecole normale" in Paris. Im übrigen ist die Bereinigung und ibr Wirken in Deutschland, das vor dem Krieg einen großen Teil der Mitglieder stellte, ja hinlänglich bekannt. Erstaunlich und sehr betrübend ist nur. daß man noch nicht wieder begonnen hat, diese Kulturarbeit gemeinsam weiterzuführen; ist der Abgrund zwischen den deutschen und französischen Juden so tief, daß selbst soziale Arbeit keine Brücke schlagen kann? Nach den Tagen von Thoirn und Bierville könnte man den Mut zur gemeinsamen Philantropie finden, ohne deshalb den alten Vorwurf zu starker, internationaler Bindung zu fürchten. Trude Rosenthal (Paris). *) Das ist ein Irrtum des Herrn Levi. Die Schrifl. a Bevölkerung von Paris französischen Anmeldung-- Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu!