Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 52 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Abisag von Sunem. Eine Geschichte aus König Davids letzten Lebenslagen. Von Maria Renee Daumas. Uni den Brunnen herrschte Ruhe. Das Lachen und Scherzen der Mädchen, die bei Sonnenuntergang ihre steinernen Krüge gefüllt hatten und dann heimwärts gegangen waren in langer Schar, war längst verstummt, hie und da blinkte schon ein Stern auf. Da kam noch eine Verspätete, — das Gefäß auf dem Kopf, schritt sie hoch und schmal dahin, dem Wasserspender zu. Ihr Gang war leise wiegend, etwas Zärtliches lag in der Rundung der Hüften, etwas Knospendes in der Schwellung der jungen Brüste. Das Mädchen hielt die Augen weit geöffnet, grob und starr, als sähe es etwas Fernes, Wunderbares, auf das es nun warte und das bald kommen müßte. Am Ziele augelaugt, hob es den Krug von dem schmalen Haupte, von dem das bl au schwarze Haar in zwei langeil, starken Zöpfen herabhing . Dann schöpfte Abisag von Sunem das Wasser ein. Sie kniete dabei auf dem Rande des Brunnens und schaute hinab auf die spiegelnde Fläche da unten. Ls war allmählich dunkel geworden, so daß sie kaum noch ihr Bild erkennen konnte, aber was sie halb verschwommen und nur undeutlich sab. dünkte ihr so schön, daß ein leises, zufriedenes und stolzes Lächeln die roten Lippen teilte. Plötzlich horchte sie auf, sic hatte ein Geräusch vernommen, und drehte nun langsam den Kopf nach der Richtung, aus der es ihr zu kommen schien. Da gewahrte sie ein paar Reiter, die nicht mehr allzuweit von ihr dahergetrabt kamen, Es schienen, ihrer Kleidung nach, vornehme Männer zu sein, ihre Tiere waren prächtig gezäumt, und glanzende Waffen hingen ihnen zur Seite Sie sprachen halblaut eine gewählte Sprache, ihre Gestalten hoben sich groß und macht voll gegen den 'Abendhimmel und das graue Dämmern der Landschaft ab.; . Abisag hatte den Krug neben sieh gestellt und drückte nun beide Hände auf die Brust, iu der sie ein seltsam .erwartungsvolles Hämmern fühlte. Jetzt waren die Reiter heran gekommen und der eine von ihnen gewahrte die Wasserträgern*. „Hai,” machte er seinen Gefährten auf sie aufmerksam, und beide musterten das Mädchen, das die Augen nicht niederschlug, mit emsigem Forschen. Dann sagte der Aeltere von beiden, ein schon graubärtiger Mann. „Ich glaube, Gad, w ir haben endlich gefunden, was wir suchen,1’ und zu der Jungfrau gewandt: „Wer bist du, Mädchen, und wie heißt dein Vater?" ‘ Und sie erwiderte mit einer Stimme, die klang wie ein Ton, den man erzeugt, wenn man an einen Metallkelch schlägt, tief und wohl tönend: „Ich bin Abisag, die Tochter Hanams von Sunem." Der Reiter neigte sich ihr ein w enig entgegen, dann tagte er: „Du bist ein schönes Mädchen, Abisag von &imetn, das schönste, das ich bis zum heutigen Tage «ütz, und der Schnee des Alters liegt bereits euf meinem Haupte, willst du uns zu deinen^ Vater führen, wir haben einen Auftrag an ihn vom König." „Vom Körrig," klang und sang es in ihr, was halte der ‘König dem einfachen Manne Han am sagen zu lassen?” Wie kamen die Boten König Davids in ihr schlichtes Haus' Sie sagte jedoch nichts, ließ kein Staunen merken, neigte nur stolz ein wenig das Haupt, schwang den gefüllten Steinkrug hoch und schritt den Reitern voran ihrer Behausung zu. Nachdenklich, im Schritt folgten ihr die Gesandten König Davids. ( Der Aeltere von ihnen schien zufrieden, ein Ziel erreicht zu haben, der Jüngere aber verschlang die blähende Gestalt der Vorauf schreitenden mit den Blicken, und in seine Züge kam etwas wie Mitleid mit einem Opfertiere. Nach geraumer Zeit hatten die Drei, ohne ein Wort gewechselt zu haben, die Hütte Hauams erreicht. ‘ Abisag blieb am Eingänge stehen, hob die Marie, die ihn verdeckte, trat beiseite und sagte schlicht: „Gesegnet sei euer Eintritt, ihr Boten des Königs " Die Reiter schwangen sich von ihren Tieren und traten, durch die niedere Pforte. Da saß der Teppichwirker Hanum und sein Weib Miriam beim schlichten Mahle und blickten erstaunt auf die Eintretenden, hinter denen auch Abisag hiueinschlich, die Matte alsbald wieder vorschob und nun lauschend, wie gebannt, hinter einem Vorhang stehenblieb. . , Die Fremden grüßten den Wirt und sein Weib mit vielem Anstand, und das Paar konnte lange nicht begreifen, wie solch hoher Besuch in seine Hütte kam. Aber dann begann der Aeltere zu reden: „Der Friede des Herrn sei mit euch, wir kommen als Boten König Davids, unseres gesalbten Herrn, wir haben mit euch zu reden.” Ein ehrfurchtsvolles Schauern ging durch den Raum und über die gebeugten Gestalten Manams und seines Weibes, die Jungfrau hinter dem Vorhang aber hielt den Atem an und lauschte angestrengt auf die Botschaft, die nun folgen mußte. „Der König David,” sagte der Teppichwirker endlich leise und demütig, „was kann er von seinem niedersten Knechte wollen?'' . Da berichtete der Bote: „Der König ist alt, wie ihr wißt, er regiert an die vierzig Jahre über Israel, davon dreiunddreißig Jahre zn Jerusalem und sieben Jahre zu Hebron. Nun ist er schwach und müde, und ob wir ihn gleich mit Kleidern bedecken die Fülle, er kann nicht mehr warm werden, also friert sein Gebein bei Tage und. in den Nächten. Darum haben wir, seine Knechte, ihm geraten, eine Jungfrau zu suchen, die ihn pflege und vor ihm stehe und des Nachts in seinen A ihnen schlafe, damit sie ihn mit ihrem Leibe wärme.“ . , Der Sprecher schwieg und schaute den Teppichwirker an. der ihm andächtig zugehört hatte und nun leise den Kopf hin und her wiegte. „Das ist ein guter Rat,“ sagte er endlich, als er sah, daß der andere eine Entgegnung von ihm erwartete. „ein gesegneter Rat. der dem Gesalbten zu Wärme Und neuem Leben verhelfen wird.“ „Wir haben in den Landen Israels überall nach einer solchen Jungfrau gesucht,“ fuhr der Bote fort, „ohne indessen zu finden, was uns recht dünkte, denn das Alter schätzt nur die Schönheit in höchster Vollendung, da trafen wir am Brunnen dein Mägdlein, Hanam.“ Der Sprecher hielt einen Augenblick inne und schaute forschend das Paar an, ehe er fortfuhr: „Deine Tochter Abisag ist sehr schön, willst du sie mit uns ziehen lassen, daß sie dem König diene, ihn wärme mit ihrer Jugend, und ihm so die Kälte des Alters nehme?” Wieder wiegte Hanam den Koof hin und her, dann blickte er auf sein Weib, dem die hellen Tränen die hagem Wangen herabliefen, mau wußte nicht, ob vor Freude über die Ehre, die der Tochter widerfahren sollte, oder aus Mitleid über das Kind, das nun die Dirne des alten, sterbe«den Königs werden sollte. Endlich sagte der Manu: „Wir alle sind Knechte vor dem Gesalbten und sind ihm zu Diensten: wenn ihr meint, daß meine Tochter, seine Magd, Gnade fände vor seinen Augen, so nehmt sie hin, und sie mag ihm dienen.“ Tief lag ihm das Haupt auf der Brust, als er diese Worte sprach, und daun faßte er die Hand seines Weibes und drückte sie, sei es vor Freude oder zum Trost „So rufe deine Tochter, daß sie mit uns ziehe." sagte der Bote und schaute sich suchend in der Hütte um. Da trat Abisag hinter dem Vorhang hervor. Ihr Antlitz war wie in Glut getaucht, ihre Augen aber hielt sie mit stolzem Blick geradeaus gerichtet. Die Mutter trat zu ihr und umfaßte ihre Schultern, der Vater aber sagte: „Uuserm niederu Hause ist Ehre, widerfahren, .du wirst mit den Boten König Davids, des Gesalbten, ziehen, und dem Herrn dienen, daß er erwärme zu neuem Leben und neuer Kraft.” Um die Lippen der Jungfrau ging ein ernstes Lächeln, . „Ich will dem Herrn, meinem Könige, dienen,” sagte sie leise und fest, „vielleicht, daß er genese von seiner Leibeskälte." Die Mutter wandte sich und machte sich im Innern der Hütte zu schaffen, während Hanam non die Fremden cinlud, die Nacht über mit einem Platz in seinem geringen Hause vorliebzunehmen. Am nächsten Morgen führten die Männer die junge Abisag davon. Sie hatte ihr einfaches Festkleid angetan, aber die Mutter legte ihr noch ihr kostbarstes Kleinod, einen silberdurcliwirkten Schleier, um das schmale Haupt, dann segneten sie beide Eltern und ließen sie ziehen. Sie waren schon betagt, und Abisag war ihr einziges Kind gewesen. König David aber siechte, kaum siebzig Jahre, in seinem Polaste aus Zedeinholz, den er erbaut auf dem Berge Zion, dahin Seine gebietende Heldengestalt war gebeugt, mager und eckig, der flammende Blick von Schleiern des Alters matt nun und trübe geworden. Die mancherlei Unbilden, die er in der Jugend ertragen, die aufregenden Ereignisse iu seinem Hause und seiner nächsten Familie, die Schandtaten und Empörungen seiner Söhne hatten ihn vor der Zeit altern lassen, nun.fror er in dem heißen Klima Jerusalems, und keine noch so wärmende Kleidung vermochte die innere Kälte des dem Grabe Zuwandelnden zu verso i etu’ «. Daher hatten seine Knechte und die, die ihn liebten, jenen Plan gefaßt, dem alternden Fürsten durch die Lebens wärme und Tugend eines Weibes das entfliehende Leben zurückzuhalten. David hatte nachsichtig za ihren Vorstellungen und Bitten gelächelt und sie gewahren lassen, er wußte, wie nahe ihm sein Ende bevorstand, und auch, daß nichts mehr ihn zu reiten vermochte. Auch wollte er keine Rettung, — Frieden mit seinem Gotte, und die Verheißung, daß sein Königshaus und sein Thron für lange Zeit errichtet seien, machte ihn ruhig, beglückt und in sein Schicksal ergeben. Da brachten seine Boten das Mägdlein Abisag von Sunem vor den König. Mau hatte sie im Palaste geschmückt mit reichem Gewände, hatte ihre Zöpfe mit Perlen durchflochten, hatte Arme und Knöchel mit goldenen Spangen versehen und reiches Geschmeide um ihren Hals gelegt. So stand sie vor dem Gesalbten, in ihrer Schönheit selber wie eine Fürstin anzusehen. Der König, auf seinem Lager hingestreckt, blickte sie lange an. Daun dankte er mit einem milden Lächeln den Boten und cutließ sie mit einem gnädigen Wink. Abisag aber stand wie ein Bild von Stein und rührte sich nicht unter der Last des Schmuckes und der kostbaren Gewänder. Ihr schönes, dunkles Antlitz schien wie aus Bronze zu sein, hinter der klaren Stirn aber flogen die Gedanken: Wie ist er alt und greis! Der König winkte ihr, näherzutreten, und langsam schritt sie bis zu seinem Lager. „Wie heißt du, Jungfrau?" „Abisag.“ -Du bist schön, Abisag! Was willst du für mich tun, mein Kind?” „Ich will dir dienen, Herr“. Die metallene Stimme zitterte leicht, wie eine ferne Glocke. Da nahm er ihre Hand und zog sie naher heran, sie ließ sich auf die Kmee an seinem Lager nieder, — er richtete sich ein wenig auf, legte die Rechte auf ihren Scheitel und blickte ihr prüfend in die Augen, die sie groß und voll zu ihm auf schlug. Dann schüttelte er langsam den Kopf, —sein Seherauge hatte ihre Art erkannt. Leicht drängte er sie von sich ab. „Sieh auf,“ sagte er endlich, “du magst meiner pflegen, wie es ihnen recht dünkt.“ Abisag erhob sich von den Knieen, sie wußte nicht, hatte ihre Schönheit den kranken König gewonnen, oder hielt seine Kälte auch ihr gegenüber an? Und sie nahm einen Becher mit Wein gefüllt, der neben dem Lager stand, führte ihn an die Lippen und reichte ihn dann dem Siechen, der aber drehte faal unmerklich den Becher und tat dann einen tiefen Zug. Abisag pflegte den König den ganzen Tag über in ihren reichen Gewändern, mit ihrem weichen wiegenden Gang umstrick sie sein Lager, daß er die zärtliche Rundung ihrer Hüften sah und das knospende Schwellen ihrer jungen Brüste, sie Bot ihm Speise und Trank, sie hockte bei ihm und erzählte ihm kindliche Märchen, die alle von schönen Frauen sprachen, wie sie selbst eine war. Niemand aber betrat das Gemach des Gesalbten, alle hielten sich fern und überließen seinen frierenden Leib dem jungen Weibe zur Heilung. Und als die Nacht kam, da streifte Abisag die kostbaren Kleider ab und, nahm den König iu ihre zärtlichen Arme, aber er schob sie sanft von sich, strick mit milder Hand über ihren schwarzen Scheitel, wandte sich dann ein wenig und schlief bald darauf ein. Das Mädchen kniete noch eine Weile an dem Lager, dann erhob es sich. Abisag von Sunem dachte nach. Warum verschmähte sie der Greis? War sic nicht jung und schön? Was hatte er an ihr auszusetzen, er, von dem man erzählte, daß er den Weibern stets hold gewesen war? Sie richtete in einer Ecke ein Läget für sich, streckte sich darauf und Hing ihren Gedanken weiter nach. . Was würde nun mit ihr geschehen, wenn der König kein Wohlgefallen an ihr fand? Würde man sie wieder fortschickeu, mußte sie die glänzenden Gewänder wieder abtun? Eine große Angst befiel sie, und ein heftiger Zora auf den Greis dort auf seinem Pxunklager, der im Schlaf halblaute Worte murmelte. Sie hätte ihn töten mögen, ihn, der »ich ihrem Glücke in den Weg stellen würde, so daß sie vielleicht wieder als Tochter des armen Teppichwirkers leben mußte. Zärtlich strich sie über die Perlen iu ihrem Haar, nein, sie wollte diese Schätee-nicht verlieren, kämpfen wollte sie um ihren Platz, hier, jni Palaste Davids, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln. War sie nicht eines der schönsten Weiber Israels, wie die Boten, die sie hergeleitet, ihr versichert hatten, Spät schlief sie ein, früh stand eie auf, und schon wieder in ihrer prächtigen Kleidung gehüllt, bot sie dem König, als er erwachte, mit zärtlichen Augen und lächelnden Lippen, durch die eine Reihe perlender Zähne blinkten, den Frühfriink. V Lächelnd schaute König David sie an, er hatte wohl geruht und war zufriedenen Gemütes. Während sic dann bei ihm weilte, am Fußende seines Lagers saß, und er ihrer Schönheit nachsann, die ihn, den sonst so rasch Entflammten, so sonderbar kalt ließ, trat einer der Knechte mit gebeugtem Nacken ein und bat den König, seinem Sohne Salomo zu gestatten, bei ihm eintreten und ihm einen Morgengrufi entbieten zu dürfen. Der alte König lächelte erfreut, er liebte diesen Sohn vor all seinen Söhnen, den ihm Bathseb«, du Weib seiner Liebe, geschenkt hatte, ihn, den er zu seinem Nachfolger bestimmt, wie er der geliebterfFran geschworen hatte. f£r winkte mit der Hand. «Mein Sohn möge kommen!” und er richtete siek ffta wenig höher auf dem Lager. -- (Fortsetzung fyltzt.).. Unsere RSisel-Ecke MM Rösselsprung. DER HKN RECH- IN GE- AUF GE- STE IM LI- BLÜ- ME mim DEM DEN TE DER POR UN- WIE BA- HAU- PAL- GEN CE- SE BLÜ- HÖ* EM- SE- TES FEN DIE NON WI- DIE ER RES DES HET GOT E- WIE viom Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu! ftaientarforo für -leZelt vom 25. l2,26v.i.i.iSN Dezember 1926 . Tewes 8687 Sounabenö 29 20. Wocheuabschuitt: Sch'vmautz' Sonntag 26 Haftarah: Jesaia, Kap. 27,6—2848 1—18. 29.22—23 Sabbat-Ausgang: 4.46 Uhr 21. Montag 27 W- DienStag 28 23. Mittwoch 23 24. Donnerstag 80 25. Freitag 31 26. Aarmar 1997 Sonnabend 1 27. Wocheuabfchuiü: Woero Haftarah: Ezechiel Kap. ALS . bib ALI Sabbat-Ausgang: 4L2 Uhr