Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 43 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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▼ Schwert. Ihr werdet niemals siegen, 'denn auf keinem Feld kann anderes wachsen als das, was man säet. Aus einem Getreidekörnchen wächst eine Aehre, aus einem Kern ein Baum und aus einem Funken — ein Brand. Es kann Blut — Blut nur bringen, aus einem Tropfen werden zwei, und weh, ’s ist wie die Jagd auf dem Meere nach einem Bläschen, das auf einer Welle sichtbar wurde, und das man für eiqen Brillanten hält. Ihr lauft alle und fühlt nicht, wie ihr immer tiefer ins Wasser kommt. Bald — seid ihr schon da, wo man nicht mehr herauskommt.” (S. 126.) Dieses Verantwortungsgefühl wird noch besonders betont durch die jüdische Auffassung von der Willensfreiheit des Menschen. „Gott! Warum hast du den Menschen mit zwei Willen erschaffen, mit einem eilten und einem schlechten — und warum ihm gegeben die Kraft zum Wollen?” Und die Antwort lautet: „Ich habe den Menschen mit zwei Augen .erschaffen, nach beiden Seiten soll er sehen, seinem Blick sei keine Grenze, kein Zaun, wie ich, frei soll er leben.” (S. 92 f.) Das billige Buch sei vor allem den Wahrheit suchenden ,.Noch-immer-nieht‘‘-Pazifisten, die ja starke Nerven besitzen müssen, empfohlen. Walter Loewenstein. Der tote Jude. ■*- (Forts.) Von Doris Wittner. Vacbdruek verboten. — Copyright br Grelbleln 4 Co„ G. m. b. H., Loipil*. Dann waren sie allein. J6röme, König von Westfalen, und der niedrig geborene venetianische Jude Federigo. Und eine leise, matte Stimme kam geschritten aus scheinbar unermeßlichen Fernen. Die erloschene Stimme eines Königs. „Was geschah? Wie geschah es? Und wann? Sprich unverzagt. Dir droht keine Strafe mehr." Und eine ebenso erloschene Stimme antwortete. Die Stimme des Juden Federigo. „Es war gestern Abend, daß mir die Contessina durch Signora Philomea Botschaft schickte, ich möge heute früh, ganz früh, mit der Barke vor dem Palast Eurer Majestät warten. Ich gehorchte dem Befehl. In früher Morgenstunde erschien die Contessina, und, was mich seltsam bedünkte, in schlechten, zerrissenen Kleidern. — Zeichen der Trauer um einen Verstorbenen, Euer Majestät. — Sie befahl, wie schon häufig, nach der Judengasse, dem Ghetto, zu rudern. Dort verließ sie für geringe Zeit die Barke und trat — was sie noch nie getan'— in die „Schul", — die Synagoge, Euer Majestät, — ein. Sie verweilte nur kurz, vielleicht so lang eben, als man braucht, um ein rasches Gebet zu sprechen. Dann kehrte sie wieder, warf einen langen traurigen Blick zurück auf die „Gasse" und befahl mir, Kurs auf San Michele, die Toteninsel, zu nehmen. Unterwegs reichte sie mir einen vollgefüllten Beutel mit Dukaten und sprach zu mir just Wie Ihr, Herr." „Schwöre mir, Federigo, bei dem Gott unserer Väter —- denn dein Gott ist mein Gott, Federigo , — daß du von allem, was du sehen und hören wirst, niemand und niemals Kunde tun wirst." Und ihr, der Frau meines Volkes, habe ich, ohne zu fragen und ohne zu zagen, den Schwur geleistet. Und noch einen Schwur forderte sie von mir; und auch i h n habe ich geleistet. Nämlich, keine Handlung, die sie etwa vornehmen würde, unterbrechen, verhindern oder auch -- nachträglich ungeschehen machen zu wollen. Ich sagte schon, Herr, ich leistete auch diesen Eid. Und — brach ihn nicht. Ihr, Herr, könnt mich also wohl kaum noch strafen .... Ich b i n gestraft . . . Denn, noch, ehe wir San Michele* nahten, erhob sich die Contessina plötzlich und, ehe ich mich kaum dessen versah, war sie über den Rand der Barke geprungen, und mit schwarzem Gurgeln schlossen sich die Wasser über ihrem Leib. Ich hätte sie retten könnten, Majestät, gewiß. Aber ich hatte geschworen. Und ich hatte auch aus ihren Augen gelesen, daß sie nicht gerettet werden wollte. So hat es sich zugetragen. So wahr ein Gott — unser Gott! — im Himmel lebt. Das ist alles, Herr." Schweigen im Raum. Die Tropfen der Zeit fielen hernieder. Dumpf, trostlos, vernichtend. Und dann kam noch einmal des Königs erstorbene Stimme aus jenen unmeßbaren, miegcschauten, von niemand geahnten Fernen geschritten: „Sprach sie noch etwas? Und was?" „Schcmah Ji sroe 1” war ihr letztes Wort, Herr. Es ist das letzte Wort jedes Juden, der von der Erde scheidet, um wieder zu Erde zu werden." Viertes Kapitel. Drei Briefe hatte Judith ben Sonnino hinterlassen, ehe sie das helle, leuchtende Leben mit dem dunklen, stehenden Gewässer der Lagune vertauschte. Drei Briefe. Einen an Jeröme, König von Westfalen, einen an David Danielo ben Sonnino, ihren ehelich angetrauten Gatten, und einen an Benjamin Cerf Pereira, ihren Vater, den hochmögenden Bank- und Handelsherrn von Amsterdam, Der Brief an des Königs von Westfalen Majestät lautete: „Jeröme! Vor der Majestät des Todes erlischt die Majestät des Lebens. Irdische Formen und Formeln werden nichtig, wenn ein brechendes Auge die Sonne zum letzten Mal grüßt und der letzte keuchende Atem einer gequälten Brust entflieht. Darum verzeih’, wenn ich dieses eine Mal — d outre tombe —, Deiner weltlichen Würden nicht achtend, Dich nur rufe von Mensch zu Mensch, mit jenem Namen, den Deine Mutter Dir gab, als ihr glücklicher Schoß Dich ihr gebar. Jeröme! Die ich im Leben niemals Deinen Namen mit meinen sehnsüchtigen Lippen formte, laß’ mich ihn jetzt aussprechen und in diesen Namen hinein alle Dankbarkeit gießen, die mein armes, ruheloses, nun aber der letzten erlösenden Ruhe zustrebendes Herz erfüllt hat für Dich und Deine Güte. Du hast mich geliebt, Jeröme. Ich weiß es. Und ich habe es Dir schlecht gelohnt. Aber größer als Deine Liebe war Deine Güte, die Deine Leidenschaft bezähmte und der Macht, die Dir über mich gegeben war, Zügel anlegte. Güte ist mehr denn Liebe. Liebe ist fordernd, begehrend, will immer den andern für »ich oder den andern gleich sich selbst. Güte hingegen verzichtet, schenkt, gibt sich selbst auf, nur, um dem andern zu dienen. Liebe sagt immer „I c h", Güte fragt immer „D u?" Ich habe wohl in meiner Jugend, als Ich noch hell u*d sorgenlos das Leben als ein herrliches Besitztum ««Haßte, da« sich nimmer zu verzehren vermag, auch Liebe genosaeh und Liebe gegeben. Beides, ohne eigentlich zu wissen, was dieses schwere, gewalttätigste Wort der Erde bedeutet. Jene, die mich liebten, wollten mich geformt sehen nach ihrem Sinn und ihrem Wissen. Und als ich ihre Form sprengte, da haben sie Fluch über mich gegossen, Fluch und Verdammnis, die mir das Licht des Seins auslöschten und den Atem in Gottes freier Natur abschnürten. Aber auch ich, als ioh noch jung war und sorgenlos und das Leben auffaßte als ein herrliches Besitztum, das sich nimmer zu verzehren vermag, auch ich habe jene zu lieben geglaubt, die von je und je um mich gewesen und um mein Wohl beflissen waren: und dennoch habe auch ich nur gestrebt, mir selbst zu leben, ohne Rücksicht oder den Gedanken daran, ob ich andere weh und wund schlagen könnte durch meinen Willen zum Leben, der sich von dem ihren unterschied, wie Wasser und Feuer sich scheiden. So geschah mir und den anderen eitel Schmerz aus eitel Liebe. Ein Tropfen echter Güte hätte vielleicht den Brand des Schmerzes hüben und drüben zu löschen vermocht. Aber dieser Tropfen Himmelsgnade war von Trotz und Eigensinn und der Sucht, den anderen nur selig werden zu lassen nach eigenem Gutdünken, widrigenfalls ihn eher verderben zu lassen, so umpanzert und umschlossen, daß er niemand zu helfen oder zu retten vermochte. Güte, die Allerbarmerin, Älierlöserin, ist mir auf meinem kurzen Wege durchs Leben nur zweimal begegnet. Einmal war es ein einfaches Weib aus dem Volke, Wirtin irgendeiner verrufenen Schenke, die sie mir in ihren großen, derben, zerarbeiteten Händen demütig entgegentrug, und deren ich darum noch in meiner Todesstunde dankbar gedenke. Und das andere Mal war es ein König, der mich nur hätte nehmen und über mich zu gebieten brauchen als über ein ihm selbstverständlich gehöriges Ding, und der dennoch nicht desgleichen tat, sondern mit zarten und zärtlichen Händen für und für um mich warb, mich umhegte und mir in seines Herzens schenkender Wärme eine letzte wohltuende Zuflucht bot vor dem Leben, diesem Leben, das ich bis in meine Todesstunde wohl nicht richtig verstehen gelernt. Du, Jeröme, warst dieser andere — Deine Menschlichkeit wird die Zusammenstellung mit jenem rauhen Weib aus dem Volke verzeihen und nicht als posthume Majestätsbeleidigung empfinden —, Du warst der einzige, der mich den Glauben an die Menschheit noch im Scheiden von ihr gelehrt hat. Ja so, noch eine Beichte bin ich Dir schuldig, ehe ich . eingehe in das große unverbrüchliche Schweigen. Als ich nach Venedig zu reisen begehrte, hast Du Dich meinem Wunsche gefügt, ohne zu fragen, warum. Deine Güte hieß eben immer Erfüllung. Aber hier in Venedig forschten Deine Augen und Lippen, ob mein Wunsch mir Befriedigung gebracht habe. Er hat es. Denn hier in dieser Stadt, zwischen Steinen, die Dein Fuß nie betrat, die aber Blut und Tränen in Strömen getrunken haben, lernte ich jenen erkennen und verstehen, der meinem Leben zum selbstgerufenen Unstern geworden ist: David Danielo ben Sonnino. Auch er hat gehandelt im Leben und an mir — wie er mußte. Vielmehr, wie einer muß, in dessen Werden und Wachsen weder Liebe noch Güte jemals einen erhellenden Strahl gesandt. Er mag häufig gefrevelt haben wider geschriebenes Gesetz, aber er hat immer Treue gewahrt dem inneren Gesetz, das ihn vorwärts stieß auf einer nicht von ihm, sondern von der großen Lieblosigkeit und Ungüte der Menschen vorgeschriebenen Bahn. Und darum bitte ich Dich, Jeröme, mit der letzten Inbrunst, deren mein entweichendes Leben fähig ist: laß’ ihn nicht entgelten, daß er unschuldig-schuldig ward an mir und daß er vielleicht jenen Begriff nicht kennt, der ja auch nur ein Luxus der vom Leben sanft Gewiegten und vor Steinen auf ihrer Straße Geschützten ist: den Luxushegriff eines. guten Gewissens. Verfolge ihn nicht. Denn sein eigenes Schicksal wird ihn verfolgen, wie mich das meine. Schuld und Sühne sind von Gott — dem Gott meiner Väter, wie dem Gotte, vor dem Du kniest — unlöslich ineinander geflochten, und der Mensch vermesse sich nicht, in ihr göttliches Gefüge eingreifen zu wollen! Leb' wohl, Jöröme! Du hast mich geliebt und Du warst gut zu mir. Wenn ich vor meinem Richter stehen werde, werden Dein Mitleid und Deine Güte Zeugnis für mich ablegen und mich besprechen von jenen Sünden, für die ich diese Welt verlasse. Giuditta." Der zweite Brief war an David Danielo ben Sonnino, dem Gatten Judiths, gerichtet und lautete: „David Danielo! Ich lasse mein Leben in der Stadt, die Dich geboren hat. Wenn Du klug bist und in den Seelen der Menschen zu lesen verstehst .... und beides vermagst Du, ich weiß es ... . so lehrt Dich der Umstand meines Scheidens an eben dieser Stelle, daß ich ... . verstanden und .... verziehen habe. Sofern mir überhaupt noch der Hochmut ziemt, verzeihen zu wollen, verzeihen zu dürfen. Als ich Dich kennenlernte, David Danielo, war ich jung (den Jahren nach bin ich es wohl auch heute noch, und doch dünke ich mich älter als Lilith, die Mutter der Menschheit) jung, verwöhnt, hoffärtig und eitel, Tochter einer freien Stadt und eines großen Hauses, und darum ehrsüchtig, wähnend, daß alle Vorzüge und Vornehmlichkeiten dieser Erde mir, der schönen Tochter des vermögenden und einflußreichen Handelsherrn der weltbeherrschenden Empore gebührten. Auch rauschte mein dem Süden entsprossenes Blut vorzeitig in meinen Träumen und Gesichten. Die strenge, unerschütterliche Keuschheit, in der ich als sittsame Magd Israels auferzogen ward, beschleunigte den Stromgang in meinen Adern. Dünkelhaft und zuchtlos war ich also. Und doch: Im Grunde wußte ich nichts vom Leben, ahnte kaum um das Trugbild seine« Abglanzes, das Du mir verkörpertest. Eine reife Frucht mithin, von Dir, dem geschickten Gärtner tropischer Zonen, unschwer zu pflücken. Aber als Du mich gepflückt hattest, wurdest selbst Du, der durch die Frühreife meines Wesens Getäuschte, inne, daß Du es eigentlich nur mit einem verhätschelten und darum hochgemuten und ungezogenen, stolzen und anspruchsvollen, aber lebens- und menschenunkundigen Kinde zu tun hattest. Es war keine Liebe zwischen uns, sondern nur Sinnenrausch den ich fälschlisch in eben meiner Lebensferne für Liebe genommen hatte. Aber schlimmer als das, es waltete auch keine Güte zwischen uns» denn Du wolltest durch mich, die Tochter eines der angesehensten Männer der Judenheit, von Stufe zu Stufe. steigen; ich hingegen, von Deinen Hochstaplergetten gs-t blendet, wollte zu europäischer Geltung gelangen. So wurden wir beide schuldig voreinander, gegeneinander, aneinander. In Dir aber handelte noch ein anderer oder ein anderes. Lange Jahre, die Du durch Deine unsaubere Tücke vergiftet hast, sann ich dem Kernproblem unserer Gemeinschaft nach, daß Du eine Frau erkoren, nicht um sie zu achten und hochzuhalten, sondern vielmehr, um sie zu demütigen, zu erniedrigen und Dich selbst in ihr zu beschmutzen: Um in die Tiefe dieses Handelns und auf den Grund Deines Wesens zu gelangen, verlangte ich, den Boden zu erforschen, zu erspüren, aus dem Du geworden und der geworden warst, als den ich Dich — zu spät — hatte erkennen müssen. Du hattest mich einem König, Deinem vermeintlichen Gönner, verkuppelt. Zum erstenmal warst Du der Nichtwissende, der sich wohl nicht vorzustellen vermochte, daß nicht jeder Mensch (so er nicht deinesgleichen ist) ein Geschenk ebenso aufnimmt und behandelt, wie man es ihm zuwirft. Der König ehrte und achtete in mir den Menschen, auch wenn er — meinem Willen folgend — zuweilen die Frau in mir nahm. Dieser König auch erklärte sich’ bereit, mich durch das in Flammen stehende Europa nach Venedig zu geleiten, obzwar er den Grund meines Begehrens nicht kannte. Da spieltest Du einen neuen Trumpf aus und gabst mir Deine Herzdame mit, mich zu belauern und zu bespitzeln. Arme Törin! Sie hat Dich wohl nur schlecht berichten können, denn von dem, was Venedig mir schenkte, hat sie nichts erfahren. Venedig hat mir den Schlüssel zu Deinem Wesen geliefert, David Danielo, und seit ich ihn habe, atme ich erleichtert. Erleichtert, selbst dem nahenden Nichtmehrsein entgegen. Ich bin eingedrungen in Deine engere Heimat, in jenen Schandfleck der Erde, der sich Venedigs Ghetto nennt. Jedes Haus, nein, jede Mauer, jeden Stein, jede rissige Fuge habe ich ebenso heiß und flehentlich erforscht, wie jedes Menschen Unmacht, die in dieser HöHe auszuharren verdammt ist. Und ich habe verstehen gelernt, daß in dieser Gasse die Außenseite* des Lebens geboren werden, die mit der kümmerlichen Milch aus abgezehrten Mutterbrüsten nichts anderes einsaugen als Haß und Rache der Geknechteten! und Entrechteten, als Feindschaft Eines wider Alle. Recht und Gesetz? Sinnlose Laute für den, dem sie selbst’ niemals gegolten. Freibeuter des Lebens,1 Piraten der Menschheit, die jeden anfallen mit dem Ruf: „La bourse ou la vie". Das sind die Existenzen, die die Judengasse Venedigs naturnotwendig gebiert, ge-» bären muß. Ich habe Dich, David Danielo, an jener fluch-, würdigen Stätte, in allen Alterslagen, nicht nur einmal,; nein, vielhundertmal wiederzuerkennen geglaubt. Und! ich habe Dir Abbitte geleistet für alle Verbrechen gegen Menschheit und Menschlichkeit, die Du begangen haben magst. Sie sind das Erbteil Deines Blutes. Das einzige Erbteil, das die Judengasse von Venedig ihren unglückseligen Bewohnern zu vermachen hat. Was hatte ich, die Patrizierstochter des freien Amsterdam, bislang geahnt, was alles die menschliche Kreatur zu ertragen und sich dennoch zu behaupten vermag! i Niemand von Euch (selbst Du nicht, David Danielo^ der Du Deine Verruchtheit gern als einen Schutzpanzer! um Dein eigenes, ob erfrorenes, ob verbranntes, gelegt hast — ich weiß cs heut) ist schlecht von Anbeginn an, wenn sein zum Leben verdammtes kleines Ich das heilige Gehäuse des Mutterleibes sprengt: Selbst dann seid Ihr noch kaum schlecht (wenigstens nicht bewußt), wenn Ihr als kleine Buben mit den todestraurigen, aber schon listig einlierspürenden Augen auf den harten Steinen der Judengasse spielt, wie ich es Hunderte von Malen beobachtet habe: Und obgleich diese Eure Spiele häufig schon der Harmlosigkeit entbehren (deren die Kinder Edoms sich freuen dürfen) und in Eurem Spiel schon die Keime des künftigen Kampfes m! t dem Leben u m das Leben sich verraten. Trotzdem und alledem: ich wiederhole es — auf der Schwelle zu einer anderen Welt: Ihr seid nicht schlecht, selbst Du nicht, David Danielo, der sich am liebsten damit gebrüstet hätte, ein zweiter Kain oder auch ein moderner Dschingis-Khan genannt zu werden. Ihr seid trotzdem nicht schlecht. Ihr werdet es höchstens nach dem Gesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn . . . , . Die Schlechtigkeit der Menschen, die große Lieblosigkeit dieser — Eurer — Welt macht Euch erst dazu. Selbst Du, David Danielo, dessen Opfer mein junges, strahlendes Dasein geworden, bist ee nicht: Du konntest nicht anders wider mich handeln« als die Schlechtigkeit der Menschen Dich gelehrt, Diese Schlechtigkeit der — andern war Dein inneres Gesetz, dem Du gehorchen mußtest, ob gern, ob ungern. — Ich weiß um alle diese Dinge — fünf Minuten, ehe der Zeiger auf — Mitternacht rückt. Denn man wird sehr hellhörig und hellsichtig an der Schwelle des großen Nichts .... Aber ich preise dieses Wissen. Es hat mich, eine Sterbende, bewogen. Deinen König um Verzeihung und Nachsicht anzuflehen für Dich. Denn sonst könnte es ihm vielleicht h«kommen wollen, mit allen abzurechnen, die mir ein Leides getan, da er, dieser König — man lügt nicht, wenn man kaum mehr unter den Lebenden weilt — mich sehr geliebt hat und ich von ihm nur Gutes empfing .... Und ebenso bitte ich Dich, David Danielo, der armen Balincours nicht zu zürnen (denn auch das weiß* ich, wirst Du tun), weil sie gewisse Dinge nicht wissen und Dir nicht berichten konnte. Arme Madelaine: sie konnte wirklich nicht. Und Deine Menschenverachtung hat mich doch zu gering eingeschätzt, als Du sie mir zur Beobachterin beigabst . . . Man verlernt die Kunst der Unterscheidung, wenn man glaubt, alle und alles verachten zu dürfen. Du vergaßest immerhin, daß ich eine Pereira bin und daß das sephardische Blut dieses Adels* geschlechts in mir nur müde geworden ist und den letzten langen Schlaf ersehnt .... Verzeih’ Madeleine den tragikomischen Irrtum ... , und verzeih’ auch, daß Du, der Du keinen Lebenden je geliebt hast, Dich fortab in Liebe verzehren wirst zu einer Toten. Du wirst leiden, David Danielo, aber dies Leid wird Dich läutern, erlösen .... Glaube es der, der die vierhundert Glockenzungen Venedigs, Deiner Heimat, soeben das Sterbelied einläuten . . . , Trachte gut, nein, gütig, zu sein, und das Leben wird sich auch Dir vielleicht noch einmal erhellen. Leb’ wohl! ' Judith Pereira.“ * (Fortsetzung folgt!