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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-08 · 37 (8.9.1926) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
37 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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kraüert Me bayerische und auch die deutsche Judenheit um Len Verlust eines der hervorragendsten Juden, um eine Persönlichkeit. die eine Zierde des deutschen Judentums war. Der Verstorbene war seit 1895 Mitglied der Gemeindeverwaltung und seit dem Jahre 1909 1. Vorsitzender der Gemeinde. Als Nachfolger eines bedeutenden Mannes, des Geh. Hofrars Gustav Josephthal, hatte er sein hohes Ehrenamt in ausgezeichneter und für alle Zeiten vorbildlicher Weise verwaltet. Bon der Natur ausgestattet mit allen äußeren und inneren Vorzügen, ein Mann von klarem Verstände, von hervorragendem Wissen, von einer vorzüglichen Beherrschung der jüdischen Gemeinde, und Verwaltungsfragen, verstand es Dr. Held, innerhalb der Gemeindeverwaltung, wie innerhalb Ser ganzen Gemeinde sich die größte Beliebtheit zu erwerben. Für den Vorsitz in den Verwaltungssitzungcn hatte Geheimrat Held ein ganz besonderes Geschick und eine ganz besondere Befähigung. Selbst aut liberalem Standpunkte, doch als Verhandlungsleiter über den Parteien stehend, verstand er meisterhaft alle Meinungsverschiedenheiten harmonisch auszugleichen und den hohen Idealen des Gemeindedienstes und des Judentums unterzuordnen. Sit Verhandlungen unter Helds Leitung verliefen stets zur Zufriedenheit aller Beteiligten, ein Erfolg des vornehmen und konzilianten Wesens des Verhandlungsleitcrs. Im Nürnberger Gemeindeparlament wurde sachlich gearbeitet und niemals gestritten und unnötig debattiert. Die Gründung und das Aufblühen des „Verbandes bayerischer israelitischer KultuSgemeinden" ist ebenfalls zum großen Teil auf das Konto von Geheimrat Held zu setzen. Als Anwalt war der Genannte einer der gesuchtesten und erfolgreichsten Vertreter in seinem Fache. Bon seiner Klugheit, von seinem reichen Wissen, unterstützt durch eine außergewöhnliche Rednergabe. haben gar viele Rat und Hilfe gesucht und gesunden. In Kreisen der Kollegenschaft war Geh. Held so beliebt und hochgeschätzt, daß er seit vielen Jahren der Vorsitzende der Anwaltskammer von Mittelfranken war. In der Freimaurerloge „Joseph zur Einigkeit" bekleidete der Verlebte viele Jahre das Amt des Stuhlmeisters und Ehrennrcisters. Bei fünf Freimaurerlogen war er Ehrenmitglied. Trotz aller äußeren Ehren und Würden war Sigmund Held der schlichte und bescheidene Mann, gegen jedermann, ob hoch oder niedrig, gleich herzlich, liebenswürdig und hilfsbereit. Die allgemeine Verehrung zeigte sich bei dem am 1. September siattgehabten Begräbnis, welches eine solche Anzahl von Ntcrischen aus allen Kreisen und ans allen Konfessionen am neuen Friedhofe vereinigte, daß die Riesenhalle die Zahl der Teilnehmer nicht fassen konnte. Mit tiefer Bewegung schilderte Herr Rabbiner Dr. Freudenthal in glänzender Weise den wundervollen Menschen, den hervorragenden Führer im Dienste der Nürnberger Gemeinde der bayerischen und deutschen Judenheit. Herr Ludwig Rosenzweig widmete im Namen der Gemeindeverwaltung dem Verlebten Worte der Anerkennung und des Dankes. Im Namen der Anwaltskammer von Mittelfranken mnd des Nürnberger Anwaltsvereines legte Justizrat Dr. Dormitzer dem ausgezeichneten Führer der mittelfränkischen und der Nürnberger Anwaltschaft einen Lorbeerkranz an der Bahre nieder. Im Namen des Verbandes bayerischer, israelitischer Knltusgemeinden sprach der Vorsitzende des Rates dieser Körperschaft. Oberlau dgerichtsrat Dr. Neumeyer-München, und betonte, welch hohe Verdienste sich Dr. Held um das Zustandekommen des Verbandes erworben habe und welch schweren Verlust diese Körperschaft durch den Tod eines der besten und brauchbarsten Mitarbeiter erlitten hat. Es sprachen noch Justizrat Dr. Bern heim im Aufträge des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Rabbiner Dr. Hcilbronn im Namen der Beamten der Nürnberger Kultusgemeinde, Lehrer Ehrenreich für den Verband der bayerischen jüdischen Lehrer, sowie zwei Vertreter der Freimaurerlogen und ftzrnsr zwei Vertreter von Äktien-Gesellschaften, deren Vorsitzender der Verstorbene war. Dank und Anerkennung war der Grundzug aller Reden. Dank und Anerkennung schuldet ganz besonders die Nürnberger Kultusgemeinde dem Mann, dessen Leben ein Segen war und dessen Tätigkeit segenbrmgend auch für alle späteren Zeiten weiter wirken wird. | § | Antworten Professor E. W.. Berlin. „Fort mit der Judenmission!" — in ahnten Sie in unserer letzten Nummer. Und wünschen dazu jetzt folgendes nachzutragen: „Seit hundert Jahren wirkt in Deutschland eine „Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums unter den Juden" — zu welcher auch Wilhelm II. jährlich 3000 Mark beitrug —. wie wär's. wenn dieser Verein sein gewaltiges Vermögen den Zwecken der Äricgshinterbliebenenfürsorge dienstbar machte? Das an der Berliner Universität jahrzehntelang bestehende „Jnstitutum Judaicum" tvon Hermann Strack zwecks Judcnmissi.on begründet) hat sich nach dem Tode seines Stifters — unter Greßmanns Leitung — gleichfalls umgcstellt und ist eine Akademie zum Studium des uachbiblischen Judentums und seine- Literatur geworden!!" Kriegshinterbliebcnenfüriorge statt Judenmission und Judenschimpf? Das werden Sic in Deutschland nicht erleben. Oder doch erst, wenn man hier eingesehen haben wird, daß und inwiefern sich nationale Tat, nationale Phrase und Geschäft unterscheiden. Bis dahin will es noch gute Weile haben. Aber dann wird wohl auch der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" einsehcn müssen, was, nach den Idealisten, jetzt sogar das „Handelskartell Groß-Hamburg" bewegt: daß der deutschen Republik die Errichtung eines Reichsehrenmals so lange unmöglich ist. als es noch einen hungernden Kriegshinterbliebenen. eine zerlumpte Kriegswaisc. einen schmerzzuckenöen Verkrüppelten. Millionen körperlich und geistig Armer gibt. „Israelitisches Familienblatt". Hamburg. Ter Hieb hat also gesessen, denn sonst pflegt man nicht so aufzukreiichen. Und wenn dein Heiratsanzeiger auch nicht widerlegen kann, was hier erwiesen wurde, daß nämlich deine Schreiber sich <m; l öhereu Wink ducken müssen — erlaubt ist, was gefällt. Etwa, daß du dir erfindest, die Oberkantoren Neustadt und Kirschner begingen demnächst ihr Amtsjubilänm — während es erst in mehreren Monaten, bei diesem sogar in etwa Jahresfrist stattsindet? Oder daß du dir geheime Beschlüsse «uro der Berliner Gemeindestube zutragen läßt, die einer unter Mißbrauch seines Amtes ausplaudert? Oder daß du. anläßlich berechtigter Kritik der gewiß unerfreulichen Zusinndc in Berlins jüdischer Gemeinde, die sich ehrenamtlich it;u deren Wohl Mühend.--, latilinarier nennst, ihnen egoistische Motive unterschiebst? Oder — man muß beinah numerieren, was erlaubt ist, weil's d i r gefällt, verboten, wcnn's d i r mißfällt —, daß du, unter der Maske der Neutralität. deinen Berliner Berichterstatter in Zionismus machen, ehrenwerte Liberale treten, läßt? Dir fehlt wahrhastig nur noch der Waldmann. um mit der Rundschauerlichkeit konkurrieren zu können Und die zionistische Geschäftsaussicht. die erlaubt, was gefüllt, bekommt nur, wer sie verdient hat. E. R.. Köln. DaS Geschwätz des Moses Waldmann, der sich setzt sogar unberechtigterweise den Doktortitel beilegt, crschcint wohl gnch einem Manne wie Robert Weltsch, dem roch immerhin ver Geist Pate gestanden hat, nicht so sehr als Honigseim, um ihm allzu oft zu gestatten, die Liberalen zil schmähen und alle Niederungen seiner Seele in die ihre zu legen. Aber für Ihr „Kölner Jüdisches Wochenblatt" reichte. Dessen Lesern darf man bieten, daß ein BartetS und Tanzrummel seine Portemonnaie-Angelegenheit im Anzeigenteil mit „Kein G. N." ankündigt. Warum auch nicht? Die Berliner Zionisten zeigten ihre Revue „Ende Jud, alles Jud!" sogar in Tageszeitungen an. Ueber den Geschmack . . . Und in der Lodzer Gaffe und in der Redaktion des „Kölner Jüdischen Wochenblattes" mag es sogar als fein gelten, von Juden als von völkischen Antisemiten, als von Pseudoliberalen, als von Kaziken, als von Kttbelschwingern zu sprechen, uns Verfälschung der Religion, platteste kleinbürgerliche AAimilantenanqst vorzuwerfen, hämische Freude. Kübel von Hatzjauche sich aus den Fingern zu saugen. W i r drängen uns in Stellungen und zur Macht. Armer Waldmann! Laß deine Schreiberei! Denk dir doch einmal eine Gesandtschaft aus, die du besser vertreten kannst als die jüdische Sache! Oer tote lacke. (Forts.) Von Doris Wittner. Nachdruck verboten. — Copyright by Grethleln & Co., G. w. b. H., Leipzig. Mit verächtlicher Gebärde hatte er den güldenen Lorbeer von der Stirn gestreift. Er mochte denken: was sollte ihm der? So konnte man Poeten krönen. Aber nicht die Männer, die gewohnt waren, aus Kanonenmündungen zu der Welt und den Menschen zu reden. Dann hatten sich seine bleichen, festen Hände bewegt, und mit einer Geste von stiller, edler Größe die Krone emporgehalten und sie niedergedrückt auf das eigene Haupt: ohne unsicheres Tasten oder zweiflerisches Schwanken: fest, unverrückbar. Die tausendköpfige Menge im Dom aber hatte den Atem angehalten. Und mit ihr Europa. Und mit ihm die Welt. Ein Niegewesenes war Ereignis geworden. Unmittelbar darauf aber war jener Vorgang erfolgt, den die zwar in üppigem Reichtum erwachsene, aber als ehrgeiziges Mädchen nach der Geltung der großen Welt begehrende Judith Pereira, die heute als Judith ben Sonnino scheinbar am Ziel ihrer ehemaligen Wünsche stand, nimmerdar würde vergessen können: Durch das Gotteshaus war es gerauscht, auf heißen Wellen war Feueratem der Bewunderung einhergestrichen. Denn, königlich von Haltung und Gang, von keiner echtbürtigen Prinzessin zu überstrahlen, in Pomp und Pracht, hinter ihr die Fürstinnen und ihr gesamter Ehrendienst, war s i e geschritten, die neue Kaiserin, die Krone zu empfangen aus den Händen ihres Gemahls und den Segen der Kirche von deren oberstem Diener. Und, obzwar selbst noch nicht verehelicht, aber doch schon vorzeitig wissend geworden, hatte Judith Pereira in ahnenden* Gemüt und mit der Intuition des Weibes begriffen, was sich dorten auf heiligem Boden nunmehr abspielte. Josephine war niedergekniet vor dem Altar. Und tief, durchdringend waren des Kaisers Augen in die seines Weibes getaucht. Des Weibes. Des einzigen Weibes, dem seine Nerven, sein Blut und sein Herz im Frührot seiner Sternenbahn gehorcht hatten. Und das mit allen dreien leichtfertig gespielt hatte, bis es sie letzten Endes verspielt hatte, ohne auch nur darum zu ahnen. 8 i e hatte nichts gewußt. E r aber hatte immer alles gewußt. E^r hatte gewußt, in wessen Armen alles sie geruht, hatte gewußt, wann sie ihn belogen und wann ihn getrogen hatte. Kein Fältchen in der Seele dieser Frau war ihm unvertraut geblieben. Er hatte ihr Lachen gekannt und ihr Weinen. Die schamhaftesten Geheimnisse ihres Körpers waren ihm offenbar gewesen. Die süßen Bräuche ihrer Liebeskunst wie die kleinen lächerlichen Listen ihrer Weiblichkeit, die für und für gesonnen gewesen, sich selbst zu kapitalisieren, um die eigenen Reize anzulegen auf Zins und ZinseszinSen. Und doch — wiewohl er um die Kleinmütigkeit und Feigheit dieses Weibchentieres gewußt hatte, wiewohl — mehr noch — sogar die herbe Ueberzeugung ihm nicht erspart geblieben war, daß er selbst diesem bewußtlosen Geschöpf nichts anderes einzuflößen imstande gewesen als — Furcht und Grauen — nicht aber Liebe, noch Verständnis; — wiewohl er solches gewußt, hatte er es doch nicht vermocht, sie aus seinen Sinnen und seinem Sinn zu reißen. Er hatte sie gekannt, er hatte sie verachtet, gewiß — aber er hatte niemals vergessen können, daß er sie einstmals geliebt hatte. Es mochte in ihm so etwas wohnen wie Ehrfurcht vor seinem eigenen Gefühl und der Mannesstolz, sich nicht durch Verleugnung der Geliebten selbst zu beschmutzen. (Solche Verleugnung blieb späteren Jahren Vorbehalten, dachte Judith ben Sonnino in der bitteren Solidarität aller unglücklichen Frauen.) Josephine war am Altar niedergekniet. Und ihre gefalteten Hände hatten sich emporgehoben, wohl weniger zu Gott als zu ihrem irdischen Gebieter, dem wahrhaften Schöpfer'all ihrer Herrlichkeit. Und als ihr Blick demütig, flehend fast, den seinen gesucht hatte, da mochte es ihnen beiden geschienen haben, als rauschte einmal noch ihrer beider Lebensstrom ineinander, wild, begehrlich, voll aufsaugender Gier, Mit zarten, nahezu zärtlichen Fingern hatte der Kaiser alsdann nach der kleinen, vom Kreuz überragten Krone gegriffen, die für Josephines Haupt bestimmt war. Liebkosend hatte er umhergetastet in den Haaren seines Weibes, die er so oft geküßt und noch öfter nach ungezogener Jungenart mutwillig zerzaust hatte. Und als er die Krone endlich fürsichtig befestigt zu haben schien, hatte er noch einmal Hand an sein Werk gelegt. Die Eitelkeit des Mannes, der sein schönstes Besitztum zur Schau gestellt wußte, war offenbar schwer zu befriedigen gewesen. Doch als es geschehen und die neue Kaiserin vor den strengsten Richtern des guten Geschmacks hätte bestehen können, da hatte Napoleons Hand noch einmal kaum merklich und wohl nur den erschauernden Nerven Josephines fühlbar, den weit geöffneten Augen Judith Pereiras sichtbar, über das Haupt und das Haar seiner Gemahlin gestrichen. Und in dieser einfachen Gebärde hatte jene Großmut und Güte eines Mannes gelegen: Vater, Freund und Liebhaber hatten ihr Teil gehabt an dieser Bewegung. Und sie war zwiefach rührend und bedeutungsvoll gewesen, da die männermordende Hand des Herrschers der Erde sie vollführt hatte. Nicht eben verwunderlich war darum gewesen, daß in die Augen der gekrönten Kreolin jählings salzige Ströme geschossen waren, die die sorgliche Tünche ihres Angesichts wie di^ kaiserliche Staatsrobe gefährdet hatten. Ein paar schwere, gleichsam widerwillige Tropfen aber hatten sich* auch aus den Augen der un« beachteten, an der Zelebritäi der Stunde eigentlich unbeteiligten Zuschauerin Judith Pereira gelöst und waren brennend in den Brustausschnitt ihres vorgeschrie* denen Staatskleides geflossen. Gleich zehrendem Feuer hatte jeder dieser Tropfen gebrannt und hatte in Judith den Glauben erweckt, daß jede dieser Tränen ein schreien-, des Wundmal hinterlassen müsse. Noch einmal hatte der Papst die Billigung des Himmels über dem Kaiserpaar ausgesprochen; dann waren die Orgeln erdröhnt, die Chöre hatten ihr Vivat schallen lassen und — zwischen den Spalieren gebeugter Nacken und gebogener Knie waren sie hindurchgeschritten, auf* recht und des Gotte$gnadentumes ihrer Kraft und Schönheit sich bewußt: — der Korse Napoleon Bonaparte und die Kreolin Josephine Tascher de la Pagerie. Draußen aber hatte das Volk geschrien, das seinen König gemordet hatte, nach -- seinem Kaiser, ihm den Staub seiner Fußspuren zu küssen. In eben dem Augenblick jedoch, als Kaiserpaar und Papst den Dom von Paris verlassen hatten, hatte im blauenden Aether ein Wunder den Blick gebannt. Mit der kühnen Grazie der Erdentronnenen hatte ein Ballon, der erste Versuch des verwegenen Luftschiffers Garnerin — sich in die Region der Wolken gehoben. Er hatte die Richtung gen Süden eingeschlagen. Denn sein Kurs galt Rom, der Stadt der Ewigkeit, der er die erstaunliche Post hatte zutragen sollen von dem, was soeben geschehen, im Norden, in der Stadt der leuchtenden Zeitlichkeit. Es hatte sich auch begeben, daß, nach den vollendeten Zeremonien jenes Krönungstages, Napoleon einen Schritt zugetan hatte auf seinen Bruder Joseph, der ihm in den Jahren reifenden Mannestums am nächsten gestanden haben sollte, und den er politisch seiner vornehmen, persönlichen Manieren wie seiner sanften Natur wegen als Mittler und Unterhändler nach Kriegen und Siegen vielfach verwendet hatte, und daß er diesen, der ihn solange Bruder geheißen, angesprochen hatte abschweifenden, in Vergangenheit rück tauchenden Blicks: „Joseph, wenn diesen Tag unser Vater erlebt hätte!“ Und bei diesen Worten hatten zweier Männer Augen und zweier Männer Hände sich gefunden in der Erinnerung an eine Gemeinsamkeit des Blutes, eine gewissermaßen vegetative Zusammengehörigkeit, die nicht zu tilgen war, weder durch Ereignisse, noch durch Taten. So wenigstens deuchte es dazumal Joseph, deuchte es alle Geschwister, alle Zuschauer, deuchte es in jener Stunde die Natur selbst, über die hier ein Mensch selbstherrlich sich hinweg* zusetzen bestrebt sein würde. Manche Jahrläufte später würden Joseph, die Geschwister, die Zuschauer und die Natur sich dessen besinnen, wie dieses das letztemal gewesen, daß „Er“ sich seiner Menschlichkeit gerühmt und des Bruderblutes gedacht hatte. Fortab würde „Er“ des Stammes und der Art vergessen dürfen, um seiner Einzigkeit bewußt zu werden. Er war aus dem Ringe der Menschen ausgeschieden, um seinen Sessel in den Thronhimmel der Unsterblichen zu versetzen. Das Genie hat nicht Schwestern noch Brüder, und wenn e* Vater und Mutter verleugnet, so heißt diesjes vor ihm nicht Verbrechen, sondern Gesetz. Als des neuen Kaiserreiches Minister des Auswärtigen, Charles Maurice von Talleyrand, Fürst zu Perigord, den neuen Monarchen um das Insignium des neuen Staatssiegels befragt und ihm mit geziemender Untertänigkeit den Vorschlag gemacht hatte, als Sinnbild der jung erstandenen Macht einen ruhenden Löwen zu führen, hatte ihm die Majestät von FranlAeich kurzerhand die Rede abgeschnitten mit den Worten: „Einen ruhenden Löwen?, Nein. — Einen Adler im Fluge!“ Und also war es geschehen. Und also hatte der napoleonische Aar sich zum Siegesfluge über die Erde, angeschickt. Und in dem leuchtenden Wirbel, den dieser Siegesflug immer noch durch die Lüfte und über den Erdboden trug, stand zu eben dieser Stunde auch Judith ben Sonnino, hörig einer äußeren Macht, die ihr dereinst als sehnlichstes Ziel vor Augen geschwebt haben mochte; furchtsam aber, vor einer inneren Gewalt, die sie unfaßbar im Raume spürte, und der zu unterliegen die zweite große Gefahr ihres Frauenlebens bedeuten mußte. Mit der bestechenden Liebenswürdigkeit, die allen Napoleoniden eignete, wenn anders sie wollten, wandte König Jeröme sich nunmehr geradenwegs an die Gattin seines neuen Finanzberaters: „Meine Residenzstadt Kassel ist zu elend und un* würdig, um Ihrer Schönheit, Madame, und den Pflichten Ihres Gemahls einen gebührenden Rahmen zu gewähren. Ich habe daher Befehl gegeben, Ihnen, Madame, und Ihnen, Herr Hoffaktor, in meinem eigenen Schlosse, das nach und nach standesgemäß ausgebaut werden wird, wenigstens provisorisch zulängliche Appartements anzuweisen. Ich hoffe, Madame, daß Sie sich unter meinem Dache ehestens einleben werden, und auch Ihnen, Herr Hoffaktor, werden Ihre Obliegenheiten durch die unmittelbare Nähe Ihres Königlichen Herrn, denke ich, wesentlich erleichtert werden. Es versteht sich von selbst, daß Madame und Monsieur ständig teilhaben an meiner königlichen Tafel und daß besondere Wünsche stets auf besondere Geneigtheit rechnen dürfen. Einverstanden, Madame? Sie sehen, wie ich bestrebt bin, den neuen Mitgliedern meines Hofstaates jede Behaglichkeit einzuräumen, und ich hoffe, daß jeder anbrechemde Tag heller und freudiger über Ihrem schönen Haupte aufgehen wird, Madame, als sein Vorgänger, der zu tadeln ist, wenn er auch nur den geringsten Ihrer Wünsche unberücksichtigt ließ.“ „Sire wollen gnädigst verzeihen“ — Judith wußte nicht, warum ihre eigene Stimme unsicher klang und einer letzten inneren Wahrhaftigkeit entbehrte —, „aber wir. sind nicht so anspruchsvoll, wie Euer Majestät großmütig vermeinen. Es wäre uns darum lieber, Sire, Euer Majestät nicht unter Ihrem eigenen Dache zur Last fallen zu müssen.“ (Fortsetzung folgt.) Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu!

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