Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchKbemkZMmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle l}4 jährlich Sk. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Zür die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezugsprei- :r :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: u r: Lhefredakteun Dipl.-Ing. Bruns Doyda. m« „lüvlsch-uvsrals Zeitung» erscheint jeden xreitag. NsSaktlon «. Sefchöttsstells: verlin SW, Wilhelmftr. 147. Ba'Snt,e Öe 3338> 3359 NaOjOrutfe famtlld>or Orlolnal-B.llrag. Po«tfd)*(kltonto: BnrUnflWZ llr.lJ7069 nur mit vorheriger S«n«7,m,gung V.r (Vereinigung fflr van liberal» lwOentum I Re&aklicm miiah.«. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Reklamezette 3,00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: „Jüdisch -liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SD 48. Wilhelmstraße 147 lHasenheide: 3358-59), sowie sämtl. Annoncen-Ezeped. Nr. 37 Berlin. 8. September 1926 6. Jahrgang Rausch haschono- Zum Jahreswechsel bringen wir allen Freunden unserer Bewegung die herzlichsten Glückwünsche dar. Der ^orstand der Bereinigung für das liberale Judentum E B.! Die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung". L ^0»»YG»»»E«»«E,v«O«E«GGGGd«»E«G«,EG»OEED Ein Nenjahrsgruß. Bon Gemeinderabbiner Dr. Kober- Köln. Aus dem Tage des Posauncnschalles, den die heilige Schrift uns am ersten des siebenten Monats begehen heißt, ist jener ehrfurchtsvolle Tag des göttlichen Gerichtes erwachsen, das Neujahrsfest, das den Sinn des Lebens und das Schicksal des Menschen zu seinem Inhalte hat. Bedarf es der Erklärung, daß unserer Seele Tor sich weit öffnet an solchem Feste, daß der religiöse Jude mit besonders ernsten Gefühlen und heißen Wünschen diesen Tag begeht'? Ebenso begreiflich wäre es. wenn er zuerst an sich und dann erst an die Gemeinschaft, an Volk und Menschheit, denken würde. Aber die Gebete, die als heilige Melodie Neujahrsfest und Versöhnungstag begleiten, weisen einen umgekehrten Weg-, erst die Menschheit, dann das Volk und zuletzt das Individuum, so lautet bezeichnenderweise die Reihenfolge unserer Bitten an unseren hehrsten Tagen: „Gib Ewiger die Ehrfurcht vor Dir auf alle Deine Werke und die heilige Scheu vdr Dir auf alles was Dn geschaffen hast, auf daß Dich fürchten alle Deine Geschöpfe, vor Dir sich bücken alle Wesen und sie alle zu einem Bund werden, um Deinen Willen zu tun, mit ganzem Herzen...." „Gib Ewiger Ehre Deinem Volke, Ruhm denen, die Dich fürchten, der Hoffnung Zuversicht denen, die Dich suchen, das freie Wort denen, die auf Dich harren....." „Laß die Gerechten es schauen und sich freuen, die Redlichen frohlocken, ‘ die Frommen in Jubel ansbrechen, daß das Laster seinen Mund schließt und aller Frevel gänzlich wie Rauch dahinschwinöet. wenn Du tilgst die Herrschaft des Uebermnts von der Erde...." Die erste Bitte „Laß alle Menschen einen Bund bilden" steht im Einklang mir der Hoffnung auf das Reich, das die Propheten im Geiste erbaut, das den friedlosen Völkern all' das bringen soll, was die Gegenwart ihnen vorenthält, Harmonie, soziale Eintracht, Frieden der Seele. Man hat freilich auch aus der Messiashoffnung der Propheten den Eroberungsdrang des jüdischen Volkes heransleieu wollen, das unempfindlich für die erhabenen Güter des Geistes in seinem ganzen Sinnen und Trachten lediglich eine Steigerung seiner politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse erstrebt, aber man hat dabei absichtlich übersehen, daß — um die Worte des Verfassers des „Geistes der jüdischen Kultur und das Abendland" zu gebrauchen — das messianische Ideal den Schein der Verklärung über alle Völker breitet, daß, sofern man überhaupt von einem Machtstreben dabei sprechen darf, es sich dabei um das eines Genius handelt, der beglückende Serrschaftsgefühle erlebt, wenn er von seinem Reichtum abgeben kann. ja. erst sich befriedigt fühlt, wenn die ganze Welt-im Golde seiner Liebe funkelt. Aber noch mehr, das von den Propheten in glühenden Farben der Sehnsucht geschilderte Ziel ist zum höchsten Inhalt unserer Gebete geworden und so innig mit Israel verwachsen. daß es ein Teil seiner Selbst wurde. Darum blieb Israel selbst in dunkelsten Zeiten diesem Glauben treu, wenn es auch nichts anderes dafür tun konnte, els allein ihm zu leben. Seit den Tagen der Emanzipation aber bat dieser Glaube an den Friedensvnnd oer Menschheit in einzelnen Söhnen, des jüdischen Stammes — teilweise unbewußt — sozial-ethischen Charakter angenommen, daß sie zu Trägern weltumwälzender sozialer Gedanken und zu Erlösern der Menschheit von drückenden Notständen und unsäglichem Elend geworden sind. Sind wir aber heute mit dieser Hoffnung nicht ans einem Irrwege? Gewiß darf man in unseren Tagen von einem geistigen Kosmopolitiswus der erlesensten Geister unter den Völkern sprechen, gibt es auf verschiedenen Gebieten der Wirtschaft und des Geistes ein Zusammenarbeiten unter den Nationen, aber ist nicht der Gedanke von dem wahren Völkerbund einem aus dem Nebelgewölk gelegentlich hervorttetenöen, bald aber wieder entschwindenden Berggipfel vergleichbar? Und steht dem Glauben an die Menschheit nicht der Spenglersche Gedanke von einem letzten Fremdsein zwischen den einzelnen Kulturen entgegen? Werden die Völker heute nicht vom Rassengedanken beherrscht? Spielt nicht der Nationalismus noch eine größere Rolle als vor dem Weltkriege? Gerade deswegen darf sich Israel das Juwel des Messianismus nicht aus seiner Krone nehmen, seinen Glauben an die Menschheit sich nicht rauben lassen, müssen wir als Juden überall — wir dienen vielleicht damit unserem Baterlande am besten — da Mitwirken, wo es gilt, Scheidewände zwischen oen Nationen nieüerzureißen. Brücken zwischen den einzelnen Völkern zu bauen,' denn der Messianismus, fv hat Hermann Cohen es ausgesprochen, ist die Quintessenz des Monotheismus. Wir werden diesen messianischen Glauben um so treuer bewahren, je tiefer wir in unserer Gemeinschaft wurzeln. Es ist allerdings dafür gesorgt, daß wir immer wieder an diese erinnert werden, selbst diejenigen. die dem Judentum bereits den Rücken gekehrt haben. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß der Judenhaß der Gegenwart dem früherer Zeiten an Intensität nicht nachsteht,' um so besser für uns. wenn wir die Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft freudig bejahen. Mit dem äußeren Druck paart sich ferner innere Zerrissenheit. An inneren Kämpfen hat es freilich dem Judentum nie gefehlt. Den Pharisäern standen die Sadduzäer, den Friedensfreunden — die Zeloten, den Rabbaniten — die Karäer, den Anhängern des Maimonides — die Traditionalisten, den Halachisten — die Kabbalisten, den Maskilim — die Chassidim, feindlich gegenüber, aber aus diesen Kämpfen sollten wir lernen, wie unsäglich die Gesamtheit des Judentums darunter litt, und wie durch den auszehrenden Streit äußere Katastrophen herbeigeführt .wurden, die bei Vernunft und Mäßigung vielleicht Israel erspart geblieben wären. Welcher objektiv Denkende könnte dem Liberalismus im Judentum die großen Verdienste abstreiten, die er sich um die Erweckung religiöser Gesinnung, Hebung und Ausgestaltung des Gottesdienstes. Belebung der jüdischen Wissenschaft erworben hat! Selbst diejenigen, die ihm feindlich gegenüberstanden, haben vieles von ihm gelernt. Aber ebenso töricht wäre es. leugnen zu wollen, daß es auch des beharrenden Prinzips im Judentum bedarf, daß auch die konservative Richtung nicht entbehrt werden kann. Und wenn Dubnow seine „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" auf soziologischer Grundlage aufgebaut hat. so bedeutet das gewiß einen großen Fortschritt. Wenn ober seine These, daß diese stets lebenskräftige Nation immer und überall für autonomes Dasein kämpfte, selbst nicht bestreitbar wäre, worin bestand denn im letzten Grunde diese Autonomie, wenn nicht in der Behauptung des religiösen Selbst! Es ist nun einmal dem jüdischen Volke bis zu den Tagen der Emanzipation versagt geblieben. Ursprüngliches auf dem Gebiete der Architektur, Malerei. Bildnerei zu leisten,' dafür aber war seine Seele gestimmt auf den religiösen Ton, erfüllt von der Wucht der religiösen Erlebnisse webte sie im Reiche des Geistes. Und tritt nicht in diesen inneren Kämpfen vielfach die eigene Person zu stark hervor, hat es nicht den Anschein, als ginge es um den eigenen Vorteil und nicht um die Ehre der Gesamtheit? Dabei wollen wir doch in diesen Tagen beten: „Gib Ewiger Ehre Deinem Volke. Ruhm denen, die Dich fürchten." Soll dieses Gebet aber nicht bloßer Livpcndienst sein, dann müßte uns jeder Fanatismus als Sünde gegen Gott erscheinen, dann dürften wir ungeachtet der berechtigten eigenen Auffassung niemals vergessen, daß der Boden breit genug ist zu gemeinsamer Arbeit, daß das Gedeihen des Judentums auf dem weiten Erdenrund und seine Ehre uns über alles gehen muß. Und erst zuletzt kommt das Individuum im Gebet zu seinem Recht, anscheinend aber auch nicht voll und ganz; denn nicht von der Bitte um Wohlergehen ist hier die Rede, sondern von dem Jubel, den der Gerechte empfinden wird, wenn das Unrecht verstummt und die Bosheit wie Rauch verweht. Was anderes aber besagt dieses Gebet, als daß auch Du diese Zukunft durch Deine Handlungsweise rechtfertigen, daß Du ernst machen mußt mit Deiner Unterwerfung unter den göttlichen Willen! Zu den Dingen, deren Früchte der Mensch in dieser Welt genießt, wird' auch die Andacht beim Gebet lJjjun Tefillo gezählt, die ja nichts anderes bedeutet als die Selbstbesinnung. Möge das neue Jahr uns zur Selbstbesinnung führen und uns unser kleines Selbst nicht allzu sehr in den Vordergrund stellen lassen! Vor kurzem hat die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Schlesiens Hauptstadt getagt und mit ihren angesehensten Vertretern wiederum ein flammendes Bekenntnis für ihren Glauben, dev alle Beziehungen zu Staat, Wirtschaft und zu ihrem persönlichen Leben durchdringen soll, abgelegt. Nehmen wir uns daran ein Beispiel! Das Gebet werde zur heiligen Melodie unseres Herzens. Unser Inneres erfülle etwas von der glühenden Inbrunst der Liebe zu dem Einzig-Einen, die unsere Propheten, ausgezeichnet, und der heilige Wille, unser Menschbeitsjudentum zu einer das ganze Leben erfüllenden Sphäre zu machen, aus der wir niemals heranstreten. — So wollen wir das neue Jahr beginnen. Der Ruf des Rausch haschonsfestes. Bon Rechtsanwalt Heinrich Ster n - Berlin. Der Neujahrstag ist nach der Ueberlieferuug der Schöpfungstag der Welt. Er ist der Tag der innerlichen Erhebung, Selbstbesinnung, an dem der Mensch auch seine eigene innere Welt sich wieder erschaffen soll. Wir liberalen Inden haben aber, wie alle, die es mit ihrem Judentum ernst und ehrlich meinen, die Pflicht, auch nicht nur unser Einzelleben und Wirken zu prüfen sondern auch über unser Judentum und die Gestaltung, die wir ihm gegeben haben, nachzudenken. Dieser Tag ist der Tag des Gedenkens, Jaum hassikkorann,' wir sollen also zuerst gedenken dessen, was geschehen ist. Dankbar wollen wir uns zunächst des großen Ereignisses erinnern, welches mir vor wenigen Wochen miterleben dursten, der Konferenz in London. Diese Konferenz ist nicht nur denkwürdig, weih führende Menschen zu ernster Aussprache um desj Judentum willen zusammenkamen, sic ist für uns! Liberale ein Ausgangspunkt neuen Lebens und Er--« lebens, weil sie uns zum ersten Male vor Augen geführt hat, das; auch außerhalb des engen Kreises unserer Heimat Zehn- und Hnnderttausende unsere Gesinnung teilen und das gleiche Bild vom Judentum im Herzen tragen wie wir. Unser Gefühl vom Judentum, unser Gcweinschastswille ist neu gestärkt und neu gehoben worden. Es ist aber auch notwendig, daß wir das auf der Londoner Tagung Miterlebte in Vergleich ziehen mit dem was wir erstrebt, erreicht und verabsäumt haben. Wir deutschen Juden standen int der Mehrzahl in London auf dem äußersten rechten Flügel des gesamten Liberalismus. Das enthält ein Lob und einen Tadel. Nach unserer Ansicht ist liberales Judentum kein Bruch mit der Geschichte des! Judentums, sondern ihre Erfüllung. Das liberale Judentum ist, wie unser verehrter Freund, Herr Dr< Baeck. in seiner Rede für die Tagung ausgesührt hat, der Ausgleich von Individualismus und Kollektivismus. Das liberale Judentum der Deutschen steht darum weit rechts gegenüber dem amerikanischen Judentum, weit es sich entwickelt bat ans dem seit^ IV* Jahrtausenden auf deutscher Erde wutzelnden jüdischem Leben. Unser liberales Judentum will, so-,/ wert die Gemeinschaftsbetätiaung der Inden in Frag6, koMML Re«ol«tton.