Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 36 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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..q 9.?6 IWchÜberaleZeMng Organ -er Vereinigung für das liberale Iu-enimn e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V« jährlich w. LS0 Einzelnummer o.so. Bei freier Zusendung i. Inland 0^5 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mttgliedsbeitrage enthalten. :: n :: Chefredakteur: Dipl-Äng. Bruno Doyda. Vlv „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Redaktion u. Seschüttsstelle: Vvrlin SW, Wllhelmflr. 147. Kernrutr lZasenhelve 3338, 33S9 Poftfd>eckkonto: Berlin nW7 nr.197009 (Vereinigung für das liberale Judentum Nad)dru<k famtlicher Origtnal-Settrttge nur mit vorkerlger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeil» 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: :: :r Wiederholungen Rabatt. :: :: :r Anzeigenannahme: ..Jüdisch - liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmftraße 147 (Hasenheide: 3358 -59). sowie sämtl. Annoneen-Ezped. Nr. 36 Berlin, 3. September 1926 6. Jahrgang Claude G. i Montefiores Werk. Bon Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld). Die jüngst in London stattgehabte Weltkonferenz des liberalen Judentums hat uns wieder einmal die hervorragende Gestalt Claude G. Montefiores vor Augen geführt, dieses Mannes, der seit Jahren der geistvolle und hochgelehrte Führer der religiös-liberalen Bewegung in der englischen Juden heit ist. In Deutschland ist seine Bedeutung noch viel zu wenig oekannt. Um so besser kennt man ihn m Amerika. Die liberalen Rabbiner der Vereinigten Staaten haben ihn zum Ehrenmitglied ihrer Bereinigung ernannt. Sehr interessant ist die Botschaft, die er vor zwei Jahren an die Jahresversammlung der amerikanischen Rabbiner richtete. Er spricht dort von den Aussichten des liberalen Judentums. Das liberale Judentum, meint er, muß sortbestehen und sich weiter ausbreiten, sonst geht das ganze Judentum zugrunde. Denn die Orthodoxie, mit ihrem Standpunkt von der Göttlichkeit der Thora im buchstäblichen Sinne, kann keine Zukunft von Bebrütung haben,- sie kann höchstens in einem Winkel leben. Sehr langsam, aber desto sicherer wird sie verschwinden. Was soll dann ihren Platz einnehmen? Da ykerbt nur der Liberalismus. Oder etwa eine nationale Religion? Das wäre in Montefiores Augen ein Rückschritt. Eine moderne Religion mutz international und übernational sein; sie mutz die Grenzen der Rasse mrd der Nationalität überschreiten. Noch weniger kann sich Montefiore mit der Anschauung befreunden, als komme es bei der Religion nicht sowohl auf den Glauben an, als vielmehr auf die Tat. Diese Anschauung bezeichnet er als geradezu atheistisch; eine Religion ohne Glauben ist ein Unding. Zwischen Orthodoxie und Liberalismus.gibt es nichts in der Mitte. Wie ungeheuer wichtig wird dadurch das liberale Judentum! * Eine Reihe höchst wertvoller Schriften ist aus Montefiores Feder geflossen; sie legen Zeugnis ab von seiner großen Gelehrsamkeit und nicht minder von seinem tiefreligiösem Empfinden. Bor nicht langer Zeit ist sein Werk: Out 1 inS8 ok liberal Judaism (Umrisse des liberalen Judentums) in zweiter Auflage erschienen. Die erste Auflage stammt aus dem Jahre 1912. Da die neue Auflage keine wesentlichen Veränderungen gegenüber der ersten ausweist, ist es vielleicht gestattet, an dieser Stelle einige Sätze aus der ausführlichen Besprechung wiederzugeben, die ich in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Oktober 1912 dem verdienstvollen Werk gewidmet habe: „Besonders lehrreich ist Montefiores Auseinandersetzung mit den dreizehn Glaubenslehren des Maimonides Er nimmt keinen Anstand zu erklären, daß das liberale Judentum einige von ihnen nur in veränderter Fassung anzu erkennen vermag, andere aber sogar grundsätzlich ablehnen muß. Aber auch hier betont der Verfasser scharf und bestimmt, daß das liberale Judentum durchaus positiv ist. Denn es vermißt in den Maimonidischen Glaubensartikeln eine ganze Reihe von wichtigen Punkten, die es unbedingt als Glaubenslehren aufstellen würde, wenn es sich nicht von vornherein im Prinzip gegen die Aufstellung von Dogmen erklären müßte. So gehen die Sätze des Maimonides z. B. stillschweigend hinweg über die Mission des Judentums, über die Erlösung der ganzen Menschheit, über das Verhältnis der Religion zur Sittlichkeit und über andere bedeutungsvolle Punkte." „.Eins rnöchte ich noch hervorheben: Mit seiner echt liberalen Gesinnung, mit seiner modernen Aufgeklärtheit verbindet Montefiore eine kindliche Herzen sfr ömmigkeit, ein Gott»- vertrauen, das geradezu rührend zu nennen ist. Das zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit bei seiner Behandlung des schwierigen Problems, wie sich die göttliche Güte mit dem Uevel in der Welt verträgt. Hier erhebt sich die Sprache Montefiores zu dichterisch«« Schwünge, »«d es ist «ns, als hörten wir eine Stimme aus jenen Tagen, da die Dichter der Psalmen ihre frommen Lieder sangen. ,Gott, als die Quelle des Guten, muß selber gut sein; ist er aber gut, dann — wir wiederholen es immer wieder — dann sorgt er auch, dann muß er sorgen. Ja, trotz allem, er sorgt, er muß sorgen. Schließlich werden diese Worte zu einer Art Gesang, zu einem Gesänge des Trostes und der Beruhigung, zu einem Gesänge des Friedens und des Triumphes: Er sorgt, er muß sorgen.... Die besten, weisesten und erfahrensten Menschen, die größten Helden und Heiligen, sie haben den Gesang angestimmt und tun es noch heute: Er sorgt, er muß sorgen!' Das Nebel in der Welt ist ein Problem, das wir Menschen wohl nie werden lösen können. Alle Versuche, es zu lösen, sind unbefriedigend ausgefallen. „Das Judentum hat es immer vorgezogen zu sagen: Ich verstehe cs nicht, aber dennoch glaube ich. Er sorgt, er muß sorgen/" # Fast gleichzeitig mit der zweiten Auflage der „Umrisse" bat Montefiore ein neues Werk herausgegeben unter dem Titel: „The Old Testament and After.“ Der Titel läßt sich nicht ganz leicht ins Deutsche übertragen. Man noersetzt wohl am besten: „Das Alte Testament und die späteren (auf dasselbe Bezugnehmenden) Schrift e n." Da das Werk sehr umfangreich ist — beinahe sechshundert Seiten — und eine Fülle neuer und höchst beachtenswerter Gedanken enthält, ist es nicht möglich, es in einem Zeitungsaussatz eingehend zu würdigen. Ich muß mich mit dem. Versuch begnügen, den deutschen Lesern die Grundgedanken des Buches wiederzugeben. Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, die Fortschritte a u f z u z e i g e n, die die späteren religiösen Schriften, die den Spuren des A l t e n Testamentes folgen und sich auf ihm aufbauen, über dasselbe hinaus gemacht haben. Das setzt natürlich voraus, daß das Alte Testament in seinen religiösen Gedanken und Forderungen Unvollkommenheiten aufweist und somit der Verbesserung fähig und bedürftig ist, eine Anschauung, die der orthodoxe Jude nicht zugibt, während sie dem liberalen eine Selbstverständlichkeit bedeutet. Das erste Kapitel des Buches befaßt sich ausführlich mit dieser Frage. Die Fortschritte nun, die nach Mon - tefiores Darstellung das Judentum über das Alte Testament hinaus gemacht hat, finden sich im Neuen Testament, im rabbinischen Schrifttum und in der jüdisch-helle ni st ischen Literatur (besonders beiPhilo). Man kann das zweite Kapitel des Werkes, in dem die Weiterentwicklung des Judentums im Neuen Testament üargestellt wird, nicht lesen, ohne die geradezu verblüffende Vorurteilslosigkeit Montefiores auf das höchste zu bewundern. Und nicht nur die Vorurteilslosigkeit, sondern auch den Mut. Wir dürfen doch schließlich nicht vergessen, daß noch vor wenigen Jahrzehnten in jüdischen Schulen gelehrt wurde, das Aussprechen der Worte Jesus und Christus sei eine große Sünde, geschweige daß die jüdische Jugend von der Bedeutung Jesu und von dem neutestamentlichen Schrifttum auch nur das geringste erfahren hätte. In diesem Punkte hat nun freilich die neueste Zeit eine völlige Umwälzung herbeigeführt. Das Judentum der Gegenwart tritt der christlichen Kirche mutig gegen überund nimmt, was längst hätte geschehen müssen, Jesus für sich in Anspruch. Ich erinnere u. a. an Fritz Kahns Ausführungen in seinem Buch: „Die Juden als Rasse und Kulturvolk" (S. 185 ff. der zweiten Auflage). „Der, wenn auch vielleicht nicht größte, so doch welthistorisch zur größten Bedeutung gelangte Repräsentant des ethischen Monotheismus der Propheten ist Christus" (daselbst S. 186). „Christus, der größte Kulturträger der weißen Rasse, der einzige, der von den sonst so uneinigen arischen Völkern unterschieblos als höchster Heroö verehrt wird, .... war ein Jude, und. was weit wesentlicher ist als die Frage seiner Rassenzugehörigkeit, er war ein Verkünder jüdischer, seit Jahrhunderten traditionell gewordener Weltanschauung" (daselbst S. 187). Und ich erinnere an Konstantin Brunners Werk mit dem bezeichnenden Titel: „Unser Christus". ..Dieser Christus ist und bleibt der Jude der Juden, der Jude mit dev höchsten Kraft des Judeseius und recht eigentlich also die Spitze des Judentums, zu der man nicht auf andere Art als am Judentum hinaufgelangen kann"' (Brunner, angeführt bei Fritz Kahn, daselbst S. 188 Anmerkung). Diese völlig veränderte Stellungnahme zu der Person Jesu uud zu seinen Anschauungen ist indessen noch weit davon entfernt, Gemeingut auch nur der liberalen jüdischen Kreise geworden zu sein, so daß immerhin ein nicht geringer Mut dazu gehört, die Fortschritte des Neuen über das Alte Testament zu beleuchten. Montefiore besitzt diesen Mut, er besitzt ihn, gerade weil er ein treuer und begeisterter Bekenner des Judentums ist. Und es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß er diejenigen neutestamentlichen Gedanken, die die jüdische Linie verlassen, mit aller Entschiedenheit als nnjndisch ablehnt.*) sAm Schluß des Kapitels, das über das Neue Testament handelt, wendet sich Montefiore an diejenigen unter seinen Lesern, die vielleicht nur mit. einigem Widerstreben zugeben möchten, daß gewisse Unvollkommenheiten im Alten Testament durch, büS Neue eitte'iBNöesserung erfahren haben. „Das Alte Testament," meint er, „bleibt auch daun noch groß genug, wenn man die Mängel und Unebenheiten in ihm freimütig zngibt. Auch haben wir uns vom Judentum nicht dadurch entfernt, daß wir mit offenen Augen im Neuen Testament Vorzüge wahrnehmen, die die Vorzüge des Sitten ergänzen und weiterführen. Was gibt es in diesen neuen Vorzügen, das nicht auch jüdisch ist? Wenn man für säst alle diese Vorzüge eifrig Parallelen im rabbinischen Schrifttum sucht, so sieht das nicht danach aus, als ob die Suchenden glaubten, diese Vorzüge seien nicht in Uebereinstimmung mit dem reinsten Judentum. Und sie sind es in der Tat. Sie sind leicht von jenen Lehren im Neuen Testament zu trennen, die wir als unvereinbar mit unserem Glauben verwerfen. Laßt uns nicht hartnäckig bei einem Jndentnm verharren, das ärmer ist als nötig. Warum sollten wir unsere Religion nicht so reich als möglich machen? Jesus und Paulus können uns ebenso gut helfen wie Hillel und Akiba^ Mögen sie es tun. Was an ihnen gut ist, ist auch von Gott gekommen." Nachdem Montefiore in den beiden folgenden Ab--, schnitten das rabbinische und das jüdisch-hellenistische Ährifttum in ihrem Verhältnis zum Alten Testament beleuchtet hat, behandelt er im letzten Kapitel daK liberale Judentum der Neuzeit, hebt die Erfolge hervor, die es schon heute zu verzeichnen hat, und zeigt, welche Ausgaben ihm noch für die Zukunft obliegen. geht das liberale Judentum hinaus in den Kamps des Lebens, voll Hoffnung und voll Freude, im Vertrauen auf die Wahrheit und ans Gott." Mit diesen Worten schließt Montefiore sein Werk, dessen hohe Bedeutung aus den obigen Ausführungen auch nicht annähernd erkannt werden kann. Man muß es lesen. Eine Uebersetzung ins Deutsche würde ein kostbares Geschenk für die religiös-liberalen Inden Deutschlands sein. Die Juden in der Türkei. Non Elfriede Grunwaid. Die in der Türkei lebenden Juden haben bisher kaum jemals einen Grund gehabt, sich über die ihnen seitens der Türken zuteil gewordenen Behandlung zu beklagen. Den spanischen Flüchtlingen wurde ohne weiteres volles Gast» recht gewährt. Sie durften ihren Geschäften unbehindert nachgehen und die Angelegenheiten ihrer Gemeurschaften nach eigenem Ermessen regeln. Wenn ihnen gelegentlich auch Zeichen zuteil wurden, die ihnen zum Bewußtsein brachten, -atz sich zwischen ihnen und der türkischen Bevölkerung eine Kluft auftat, konnten sie sich damit trösten, daß es den Christen auch nicht besser ging, und daß -er „Tschifut" *) Welches die einzelnen Punkte sind, in denen nach Montefiore das Neue Testament in religiös-ethischer Hinsicht über das Alte Testament hinausgeht, kann in diesem Aussatz nicht näher erörtert werden; es würde zu weit führen. Vielleicht bietet sich Gelegenheit, in einem fyS^ryn.AnttM darüber zu handeln.