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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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t i les Christentum, aber dann lat 4a« aigeatUche Gkristacgum völlig verflüchtigt, 'wie das ja a«A die v<jrtretetdas Maöav. Kultus beabsichtigen. Schon David Friedlich StMHk|JUEt i» «einer Bekenntnisschrift „Der alte und der heüfe dhube* j darauf hingewieaen, dag auch bei Matthäo« das Jaden« , christliche noch am meisten vorherrsche, doch berfefts «ehe! gemildert und von bviäeriktewEüben bvdsindMen dakch. sewt sei, während bei Lukes eine psnlihlsche Ttendtefci: *Wh verkenfiber wäre. Also Ai**srtiefch«g «dies HMovkoo was 1 den Evangelien bedeutet völligen ZusamBrtftbrach, was auch : wohl äugest rebt werden *60. Die Xöhsotfuehx tttfaritthL daB auch folgend« Sätze aus dem Ev. Matthäi Kan. aß, Vers 87. 38, M und 40, gestrichen werden; sie lauten: Jesus sprach zu ihm (dem Schrift gelehrten): Dü sollst Lehäo Lötk deinen Herrn, von ganzem Herren, von ganzer Seele UM von ganzem Gemüt (5. B uch Mose 6,5). Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber »St He» gleich: Du sollst deinen Näehstai liehen als dich «elmÄ. (3. Buch Mose 19,18.) Tn diesen vwfeien Geboten h&tagri das ganze Gesetz und die Propheten. Lo wortwörtlich aas dem Neuen Testament. — Es zeugt von oberflächlichem i Denken, die Vsrschmeknmg frcmäftr IMftwten mit der ger-! manischen zu bekämpfen; Was bleibt vom Germanischen! hach Ausscheidung aller fremden Elemente, die durch die | Assimilation kaum hoch erkennbar sind, übrig? Ohne Be-! einDussungen von außen würde in der Entwicklung eine ' Starre «intreten. Mas htm me Bekämpfung des Fremd- : artigen oder vielmehr vermeintlich Fremden betrifft, so sei j an aas wort Schopenhauer« erinnert: ,,\V>no w«n die vortreffliche Moral, welche die cbrislliche uhfl mehr oder - weniger jede Religion predM. vorgteirätf mit der Praxis \ ihrer Bekenner und sich verstellt, wohin es' mit dieser kommen würde, wenn nicht der Weltliche Arm die Vor-! brechen verhinderte, so wird man gestehen, daß die Mir- > fctmg aller Beligibtien auf die Moral feinte sehr geringe ist." ' — Nach unserer Auffassung zählt die Schrift voh Boßo ' Ernst — weil von Haß erfüllt — zu denjenigeii Büchern, die ' man nicht lesen soll, und von demselben Geist zeigt sich 1 die Besprechung in der Zeitschrift „Telos“, Demjltefrh i Herausgeber empfehlen wir als Lektüre die beiden Schriften ) des berühmten Botanikers M. Ä. Schleiden : Ditz Juden! und die Wissenschaften im Mittelalter, 1879, und Die Rötnäh- I tik des Martyriums unter den Juden des Mittel alter«, 1885.! Durch Vertiefung in die Geschichte der Juden tmd in den j Lehrinhaft des Judentum« hat Schleiden ein objektive«! Urteil gewönne«. Lernt sie erst kconen! heißt es im Nathan. Dr. M. Spanier, 'Magdeburg. Jhfcfästina und da« östjordanlanü. Von Ludwig Preiß und; Paul Rohrhaoh. Verlag Julius Hot!mann, Stuttgart. Dieses Werk kann man dem Faläsiin^reiseirden und i ledern, der Interesse für das heilige Land hegt, aus vollem i »erzen empfehlen. Und zwar besonders deshalb, weil hier : einmal kein zionistisches Partmbütih, sondern ein tehjfek-; lives, selten schönes Bildwerk enftsiarKien ist. So siebt j man nicht nur das, was dem Juden heilig ist, sondern er-! blickt ebenso die heiligen Stätten des Neuen Testaments und der mohammedanischen Religion. Nicht ohne Er- ' g'iffenheit fegt der religiöse Jude dieses Buch an« der and. Aber auch nicht ohne Bedauern darüber, daß die nationaljüdische Bewegung dieses Land zum Mittelpunkt politischer Bestrebungen gemacht hat. Besondere Anerkennung muß dem Verlag gezollt Werden. Die Wiedergabe der, wie es mit Recht in der Buchankündigung heißt, „unvergleichlich schönen“ schwarzen und farbigen Lichtbilder ist technisch vollendet, die Aufmachung und Ausstattung des Werkes vorbildlich. Einen knappen, ebenfalls erfreulich objektiven Text zu den Bildern verfaßte Paul Rohrbach. Walter Loewehsteift. Antisemit«;«» Heiteres und Ernste«, Wahres und Erdichtetes. Von Br. Mcbfemed JBhnin Efendi. Verlag Gustav Engel, Leipzig HS*. Mit vielem ln diesem Buch kann man nicht einverstanden «sein. Aber das Kernstück „Der jüdische Gerichtsvollzieher. Eine Studie aus AnthropOpoM' M köstlich. Mer Wird die Methode, antisemitische Böswilligkeit und Gehässigkeit durch Vernunft XU überwinden, ad absurdum geführt. liier können die Prominenten des G.-V. leinen, wie sie es nicht machen «oltten und daß Dummheit nicht durch Logik zu bekämpfen ist. Im Großhterzbötiim Atftfcropopolilenicn (1200000 Ein. wohn er, darunter 3000 Juden) gibt es nur einen Gerichtsvollzieher. Bei der Neubesetzung dieses Postens Wird ein Jude ernannt, Während die zwölf «risdhen Bewerber übergangen werden. Da verursachen dlo Völkischen großes Hallo. Sie beweisen haarscharf, daß nun „das Gerichtsvollzieher amt zu hundert Prozent in jüdischen Händen“ liegt, daß „die Juden in einem wehrhaft unendlichen Maße bevorzugt“ sind. Natürlich müssen die Juden mit der Besetzung dieses Postens irgendwelche Weltherrschaftsplane verbinden. Die Sache kommt im Parlament zur Sprache, führt zu Prozessen Und zerbrochenen Fensterscheiben und endet schließlich damit, daß der jüdische Gerichtsvollzieher „aus freiem Antrieb“ bei der anthröpopO. litauischen Staatsregierung, die „stets das Banner der religiösen und Rasscn-Duldsamkeit hochgehalten“ hat, um Enthebung von seinem Posten nachsucht. Die beste Satire, die mir ,bisher über das Thema „Völkische Bewegung — Antisemitismus — Abwehr“ ZU Gesicht kam. Mörilz Simon. •Geschichte der Wiener Juden bis 1914, der Schuljugend erzählt von Br. Max Grunw&ld. Wien 1928. Selbstverlag der Israel. Kultusgemeinde. Brosch. 80 Seiten. Im soeben erschienenen „Jahrbuch der jüdisch-literariaehen Gesellschaft*' Ist sl« erster Aufsatz eine Arbeit ybn Dr, Altmann, Trier, gebracht, betitelt: „Geschichte der Juden in Stadt und Lahd Salzburg.“ Vorliegendes Werk behandelt die Geschichte der Wiener Juden bis 1914. Ich stelle diese beiden Opera nebeneinander, um hiermit rühmend Zu sagen, daß es sich um fleißige Spezialhufgäben handelt, die von den Verfassern gelöst worden sind. Grunwald gebührt unser Dank. Er hat di« Geschichtsschreibung um eine wertvolle Gabe bereichert. Die Geschichte der Wiener Juden vom Jahre 904 an, also über 1000 Jahre Spezialgeschichte hat er gegeben. Aber das ganze gewinnt so sehr an Leben Und glutvoller Kraft, daß die große jüdische Seele mit ihren Leiden und Sorgen, manchmal erhellt von strahlendem Sonnenglanz, wechselnd in ihren Geschicken, mehr gegeißelt als ausruhend, tzteh unserem geistigen Auge erschließt. In der Hand eines geschickten Lehrers kann das Ge- «ehichtsbueh GniBwald« der Schuljugend wertvolle Anregung verschaffen. Er zeigt, wie der Wille zürn Judentum nachahmenswerte Charaktere gezeitigt hat wie die Treue zum Glauben der Väter da* eigene ich der großen Wee selbstlos opferte. So habe keine Macht der Finsternis die Meseiafchotfatihg unseres Stammes «M« und «ein Erlösungsziel untergraben können. Es wäre zu wünschen, «daß Mg und alt die iutereshanten Ausführungen pinär genauen Lektüre wtttmetea und Ge schichte nach dem Prinzip Ge» „muNum" («* gediegen, „Vier) trieben, Dicht „Uralt** (ä flüchtig, „vielerlei“). Babbthfcf tit. Arthur Rosesthal, •xerta-UÄttikerg. Der tote Jude. Ektzriaj Von Doris Wittner. Vaebdruck verboten. — Copyright bar Xtothleio 4 Cd., G.». b. B., Ltolpilff. Und «Js« wer «Bes geschehen. So viel er sieh auch feneriioh *üßehn«u mochte, war es David Danielo ben SwaifeO ttidbt mehr gelungen, Judith Pereira vor der Vormüd«ag ten «greehea. An dem gemeinsamen Trotzt des 1 Vaters und der Tochter Pertetra soheiterisa alte noch so { gespMmeaen Intrigute* des ränkfereichea Venezianer«. Dafür vollzogen «leb ule iförmhobfeu Verfeinbarömgeu und Absprachen in Gegenwart der angesehensten Advokaten, Notaru und Rtefchtsgelebrtea von Amsterdam über die Ebte; Judith Porrira«, Ükr Heirat«{{ut sowie ihr und ihrer etwaigeh Kind er im voraus faftteusetrende Ansprüche. Einzig diese Gelegenheiten führten Sonnino auch in Gegenwart Dritter «röt «einem 'Schwiegervater zusammen, und während er «KÄrmn «erneu Groll nur mühselig in eich hineinwürgte, war Benjamin Gerf Pereira von jener 'bestrickenden; Liebenswürdigkeit, die ha den Formen der großen Welt den Venezianer als seinen Eidam — und Zwar als seinen willkommenen Eidam — anerkennen hieß. Nur sobald Lein fremder Zeuge mehr zugegen war, legten sieh hinwieder die Masken eisiger Verachtung und glühenden Aufbegehren« 'Über die Züge des Alten und Jungen. Schtteß« lieh stumpfte diese entwürdigende Brautzeit den Brautwerber mehr und mehr ab. Et, der 'sachverständig für alle Fragen von Mein und Dein war^ mußte zugeben, daß der batavifiche Patrizier in allen Finanzangelegenheiten VOn einer nahezu fürstlichen Großzügigkeit war. Ünd das — neben der gesellschaftlichen Stellung, die er als Judiths Gemahl zu erringen sicher war — galt ihm schließlich als Hauptsache» als das vön ihm mit hinterhältiger Schläue erstrebte Ziel. Was sdhierte ihn das widerspenstige Bräutlein in der unzugänglichen Brautkammer? Er würde «ie «ich im Ehebett ehestens geschmeidigem; dafür bürgten seine in ruchlosen Erfahrungen gewitzigten Sinne. Unterdessen ließ er es sich gut gehen in der großen brausenden Handelsstadt und verbrachte müßige Stünden — wenn eben er nicht in Geschäften seines fürstlichen Herrn mehr oder weniger Öffentlich tätig war — in den Armen der hier von allen Erdenwinkeln zusaiiimenströihenden, in allen Tönen der Menschenpalette gefärbten „fahrenden FräuleinBald ließ er es sich gut sein in dem. weißen, mehligen Fleisch einer ^phlegmatischen, nur mit viel Geld und guten Worten wachzuküssenden Vlamländerki; bald ergötzte er sich an dem schlanken Gliederbau einer aus dem Kolonialbesitz der Generalstaäten än diese europäischen Gestade verschlagenen, hochbeinigen, schmalhüftigen, knöspenbrüstigen Malaiin, deren Jahre noch vor dem Erwachen zur Jungfrau liegen mochten; bald riß er eine wilde, fauchende Moskoviterin an sich, um seine Räusche flugs darauf in der blonden Herrlichkeit einer Schwedin oder Norwegerin zu kühlen, deren Unschuld ebenso trügerisch war wie das Weizenblond ihrer Haare und Haut. Was verschlug's, in den Armen von weißen, braunen, schwarzen, gelben Venusjüngerinnen vergaß der Venezianer, was zu vergessen ihm wünschenswert schien, und lernte er hinzu, was seiner hinlänglichen Erfahrung in eröticis an letzter Vollkommenheit noch gefehlt haben mochte. Niemals aber unterfing er sich, eine Tochter der iberischen Halbinsel zu umfangen. Eine selbst ihm, dem Mann mit dem robusten Gewissen, unbegreifliche Scheu hielt ihn davon zurück, einer Landsmännin -seiner Braut, und «ei srite auch bis auf den offenen Markt der tarifierten Liebe gesunken, sich in Wollust zu nähern. Hemmungen Wären da, Über die er sich selbst keine Rechenschaft gab, nbbh geben Wollte, Er wußte nUr eines, daß spanisches öder portugiesisches Blut ihm legitim Vermählt werden sollte und daß er es darob nicht vermochte, diesem schwesterlichen Blute mit unzüchtigen Begierden zu nahen. Die .Hochzeitsfeierlichkeiten wurden, wie Benjamin Cerf Perrira es seiner Töchter und seinem Eidam kund getan, mit jenem Pomp zelebriert, den eben nur die hochraögendstten Söhne der stolzen Handelsempore aufzubieten vermochten. Duena Philomea sollte, trotz der Warnung des Väter« und dem Widerwillen des Gatten, ihre junge Herrin als Dienerin in die neue Heimat begleiten. Es ward üppiges Mahl gehalten an der Tafel der Neuvermählten, aber es blieb dabei: die Blicke des Hochzeits- Vätters, Benjamin Cerf Pereiras, schweiften in wesenlose Fernen, und die Braut, deren Gewand erlesener venezianischer Spitzen — die nicht abzuweisende Hochzeitsgabe David Danielo ben Sonninos — bildeten gleiche Gegenstände der Neugier aller holländischen Myfröuws und Myfräaleins, obzwar auch ihre, der Neuvermählten Mienen weder etwas sonderlich Zärtliches und Beglücktes noch etwa Einladendes hatten. Nur David Danielo ben Sönnino schien die Physiognomie eines echten, rechten Hochzeiters zu wahren. Durfte er doch außer mit der blÜhsamen Braut, einer der umworbensten Töchter der Stadt, auch mit der Anwesenheit seines erlauchten Brotherrn, des Kurfürsten vön Hessen, prunkten und das große Rad der Eitelkeit schlagen. Der deutsche Fürst, der Wohl wußte, was er an «einem Finanzagenten und Hofjaden besaß, hatte «ich eigens den Spaß gemacht, dieser jüdischen Vermählung die Huld «einer christlichen Anwesenheit zu erweisen. Und er war fürbaß erstaunt, auf so viel Selbstbewußtsfein, Stölz und Reichtum zu stoßen. Leise, daß es niemand anders vernehmen könnte, hatte er Sonnino ins Ohr geraunt: „Meiner Seel’, er ist ein schlauer Hund, Sonnino, das hat «r fürtrefflich gemacht, Hofjud’ er, und fürwahr: es gelüstete mich durchaus, in seinem Falle das „jus primae noctis" höchstselbst auszuüben." Worauf der Venezianer launisch lächelnd geantwortet hatte'. „Nichts für ungut, aber da wären Euer Gnaden doch Schon zu spät gekommen. Ein David Danielo ben Sonnino sieht sich Vor *— in Geldwie in Frauensachen. Aber künftighin wird es Judith ben Sonnino sicherlich zur besonderen Ehre gereichen, ihrem Landesherm dienstlich und ergeben «ein zu dürfen." «Verfluchter Schurke er," murmelten die Lippen des Fürsten, dieweil Sonnino au« «einen Augen ein Blick der Verachtung traf, wie er weder von Benjamin Cerf Pereira, uOck von Judith Pereira, der holdseligen Braut, noch etwa von Cor« Perl Sonthe&aer, die unter einem durchsichtigen Vorwand Ea Teilnahme an der Hochzeit abgefeimt, hätte iSbtrtröffeü werden können« Unverzüglich «ach der Vermählung hatte das junge Paar Amsterdam verlassen, ohne daß das Ziel bekannt geworden Wäre, . „ Und es waren Jahre und Ereignisse hingegangen; die NotabteinVersammlung und das große Synhedrin zu Paris hatten getagt; Napoleon Bon aparte war vom Konsul zum Kaiser der Franzosen geworden« und — wie Benjamin Cerf Perrita es vorausgesagt >— hatte Er dank seinen Siegen und «einer Staafsklttgheit die europäische Landkarte grundlegend verändert. Er hatte Könige, Herzöge, Fürsten und Erläuchthetten aller Art von ihren Thronsesseln gestoßen, hatte dafür neue Reiche mit neuen Landesherren geschaffen und hatte nicht verabsäumt, die prominentesten Teile Europas seinem eigenen Blut an eigen zu geben. Ali jüngster, übermütigster und von seinem größten Bruder trotz allen Kapriolen immer wieder verhätschelter und verwöhnter Bttfder saß auf dem neugebildeten Thron von Westfalen der epikuräisdhfe Jeröme, dem der Volksmund den Beinamen ,»König Lustik” gewidmet hatte. Nicht zu unrecht, denn als bön mot seiner westfälischen Majestät hatte alsbald der Ausspruch „Morgen wieder lustik" Flügel gewonnen. Was der korsische Usurpator aus Ueberleguog und Staatsklugheit übte, nämlich die einem Volk durch <2(jjäkrige Revolution*wirren entschwundene Offenbarung monarchischer Macht- Und Prachtentfaltung, das bekundeten und offenbarten de« Imperators neu gekrönte Geschwister aus eitel Freude an den noch ungewohnten Vorzügen einer generösen, ans fürstlich gespeisten Privat- Schätuflen bestrittenen Lebenshaltung. Insbesondere die jüngeren Schwestern Napoleons, die Fürstin Paolina Borghese — Paulettfe, wie sie im Familienkreise gerne genannt wurde — und Caroline, Königin von Neapel, wetteiferten darin, die neue Welt und das neue Zeitalter — ihre Welt und ihr Zeitalter — durch einen nife geahnten Luxus zu blenden. Selbst die älteste, noch im Frührot der aufgehenden Morgendämmerung vermählte Schwester des Kaisers, Elizä Baccioei, die noch nicht unter den Kronenträgern Europas hatte wählen können, war zu einer etwas säuerlich spinösen „Kaiserlichen Hoheit" geworden und hatte sich allgemach in die Würden cinfer Fürstin von Piombino und Großherzögin Von Toskana hineingefuftden. Auch des Kaisers Stieftöchter, die Königin Hortense, die dem Bruder ihres Stiefvaters, Louis Bonaparte, nunmehrigen König vön Holland, zur Gemahlin gegeben Worden, stiebte sich dem Pomp der kaiserlichen Hofhaltungen mit Geschmack und einer leise abgedämpften Wehmut (ihres Herzens große Passion für den Mann, der ihr Schwager und Stiefvater in einer Person hieß, war ein öffentliches Geheimnis vön Euröpä) einzufügen. Kaiser und Kaiserin selbst aber, mit dem großen Gefolge ihrer Hofstaaten, dem Gerüche der Herrlichkeit, den der Reiseapparat Hochmögender über die Lande breitet, taten eine Fahrt nach Deutschland, die dessen Fürstengeschlechtern phantastische Vorstellungen übermitteln sollten von Frankreichs Reichtum, Prunk und Machtexpansion, wie von der hochmütigen Erlauchtheit seines bürgerlich geborenen Herrscherpaares. Aachen, Köln, Trier, Mainz, die alten, ehrwürdigen Bischofsstädte, empfingen den großen Heiden in ihren Mauern mit jener Gnade heischenden Demut, die sich gelernt hatte in ae|& Jahrhunderte langen Umgang mit der Hegemonie RtzW,. Die ständige Kniebeuge vor den Machthabern des Mons Vaticaüus hätte die Glieder der biederen rheinischen Stadtväter geschmeidigt. Nicht anders aber als die ehemals geistlichen Städte taten die weltlichen Lande und ihre Herren, Die Völker von Baden, Hessen Bayern, Württemberg säumten die Straßen, die die Monarchen Frankreichs zogen Und in den Vorgemächern des Kör$eh standen Deutschlands hochmütigste Dynasten in HaV- Acht-Stellung, gewärtig des Augenblicks, der sie vor das Angesicht des erhabenen Schützers des Rheinbundes berief. Josefine Beauharnais, zum letzten Mal auf dem Zenith ihres Glückes und Erfolges — hatte den Wünschen ihres Gemahls und den großmütigen Bewilligungen ihrer Zivilliste Ehre gemacht. Und es leuchtete ihr noch einmal — ein letztes Mal — die uneingeschränkte Zufriedenheit des schwer zu befriedigenden Befehlshabers über Armeen und — Frauen. Der weiche südliche Charme der Kreolin, der auserlesene Geschmack ihrer Kleidung, das pariserische Cachet der Frau von Welt, sowie vor allem die betörende Liebenswürdigkeit ihres Wesens tauten die im starrsten Eise des Legitimitätsdünkels erfrorenen Herzen auf und ließen darin wahre Frühlinge aufrichtiger Huldigung vor so viel berückender Frauenanmut ersprießen. Die Widerstände, die die Furcht vor dem Eroberer nicht brach, bezwang die Grazie seiner Gemahlin. Die deutschen Fürsten wetteiferten, der kaiserlichen Frau von Frankreich zu dienen. Und mancher war, der kühne Träume träumte, und dem deutsche Fürstentöchter — mochte ihre Ahnenreihe noch so untadelig sein und die Inzucht fürstlicher Geschlechter noch so ehrenvoll — fortab nichts mehr zu bieten hatten. Sotaihe deutsche Fürstinnen selbst aber standen scheelen Auges beiseite, blickten hilflos an ihren bisher als so prächtig empfundenen Courroben herab, deren lächerliche Modefremdheit ihnen erst durch den Vergleich mit der gekrönten Frau von Frankreich offenbar wurde und ihnen peinigend ins Bewußtsein drang. Und manches der auf’irgend ein künftiges Königsthrönlein (von dem man nicht wußte, ob der Korse es am Dasein lassen würde) hoffende Prinzeßlein sah mit kaltem Schrecken den vorbestimmten Gesponsen sich in den Netzen Ihrer Kaiserlichen Gauklerin verfangen. Und mit noch kälterem Schrecken zuckte das arme Prinzessinnengeblüt wohl zusammen, wenn es sich plötzlich unvermutet von der glasklaren, kieselharten BefehlSstimme, die schon ohnedies erbarmungslos genug durch seine fürstlichen Mädchen träume schnitt, angesprochen fühlte; angesprochen unter sorgloser Hintanstellung aller, der 18- oder 20jährigen legitimen Hoheit gebührenden, Ehrerbietungsformen: „Mademoiselle, warum sind Sie so blaß? Das steht Ihnen nicht. Sie täten gut, etwas Rot aufzulegen.“ (Fortsetzung folgt.) Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zui i

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